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Es war einmal eine uralte Geschichte…

Man kann mir immer noch große Angst einjagen. Das hat sich nie wesentlich geändert. Mehr noch: Ich selbst jage sie mir ein. Oft. Nie erwünscht. Aber so tief in mir, dass es sinnlos wäre, sie wegzudenken. Das ist schlimmer als all die grauen Geschichten, die sie erzählt haben, ohne die lichtlosen Träume zu kennen.

Natürlich verberge ich das. Ich bin kein Kind, das sich fürchten darf, weil es weiß, dass irgendwas nicht stimmt. Das etwas spürt, gar sieht, das sich mir längst schon entzogen haben sollte, weil ich zu den Alten gehöre. Die Alten glauben nicht. Und wenn sie einmal gewusst haben, glauben zu müssen, woran sie nicht denken wollten und es doch taten, dann haben sie es vergessen. Glauben die Alten doch noch, schweigen sie. Besser wird es dadurch nicht.
Ich habe mich entschieden, mit ihnen zu schweigen, das macht es leichter. Niemand verlangt eine Erklärung. Wenn ich in der Dunkelheit eintauche, bin ich allein, sie vermisssen nichts, sie waren schon so lange nicht mehr dort. Am Tag gehe ich mit ihnen. Unerkannt. So normal. Aber ich setze meinen Weg nicht unbeirrt fort, wenn eine Stimme mir in der Dämmerung zuruft: „Ich höre die Toten atmen. Hörst du sie auch?“

Ich höre. Höre Stimmen, höre Schritte, höre ein Kratzen,ein Flüstern, einen Flügelschlag, höre Schatten und Seufzer. Höre die Stille. Höre die Furcht.

Vor vielen Jahren habe ich versucht, einer Freundin Angst zu machen. Wir waren noch spät am Abend unterwegs, und kurz vor dem Heimweg fragte ich sie, wie sie reagieren würde, wenn sie längst schon zuhause wäre, um sich selbst die Tür zu öffnen. Dort stehen würde, starr, bleich, fremd. Und doch das gleiche blonde lange Haar, das gleiche rote Kleid, darüber die Jeansjacke. Wenn sie, die Andere, sie mustern würde, lauern würde, wispern würde: „Ich habe dich erwartet, Schwester.“ Mit dieser Stimme, die nach furchtbarer Lüge klingt.

Die Freundin, längst vergangen irgendwo, lachte nur. Sie sagte: „Absurde Frage.“ Und: „Das gibt es nicht.“ Damit war dieser Zauber verflogen, der mich ewig reisen lässt, mir aber selten Gesellschaft schenkt. Sie lachte, weil sie nicht glaubte. Sich solch eine Begegnung vorzustellen passte nicht in ihre Sicht der Dinge. Sie war zu alt. Ihre schlichten Kerzen waren klanglos abgebrannt, nie hatte ein eisiger Luftzug sie gelöscht, um diese anderen Flammen zu locken. Wenn doch, so hat sie es nicht wissen wollen.

In ihrem Spiegelbild habe ich nicht sie gesehen. Sie hat sich nicht erkannt, hat nicht geschrieen, hat ihr Haar gekämmt, die Lippen nachgezogen, gelächelt. Und ich dachte, dass es wohl gut sei für sie. Ohne mir ein wirkliches Bild malen zu können darüber, wie es sein muss, das alles nie zu erfahren. Ich habe sie beobachtet. Die Andere auch.  Mit Spiegeln kann man mich eh nicht erschrecken. Es gibt so viele schlechte Geschichten. Meine ist uralt. Das berechtigt sie dazu, wahr zu sein.

Ich drehe mich um, blicke in dieses Gesicht, höre dem Vater zu, der mir erzählt:

„Mein Sohn lag heulend im Bett und flehte mich an, nachzuschauen. Er sagte: „Da liegt jemand unter meinem Bett.“ Ich sah nach. Und ich sah meinen Sohn dort unten liegen, der sagte: „Da liegt jemand in meinem Bett.“

Ich nicke wortlos. Ich fühle mich geborgen.

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