Erstklassig wahnsinnig

„Ich habe das Herz eines kleinen Jungen. Es steht in einem Einmachglas auf meinem Schreibtisch.

Noch Fragen?
Leider stammt dieses Bekenntnis nicht von mir, in meinem Glas befindet sich seine Leber. Böser Spaß, was? Stephen King hat damit angefangen, ergo trägt er die Verantwortung. Was beweist, dass Horror und Humor sich durchaus prima vertragen können. Was ferner beweist, dass der Großmeister der Schauergeschichten einwandfrei besser ist als ich. Habe ich auch nie angezweifelt.
Freilich wüsste ich gern, Maestro hin oder her, ob einer wie King solch einen Hammersatz beim Kaffeetrinken mal eben so locker aus seinem Kopf purzeln lässt. Oder ob er sich durchaus auch die Mühe machen muss, sich im Vorfeld etwas hübsch Gescheites einfallen zu lassen, um das dann bei passender Gelegenheit wie spontan erdacht von sich zu geben, dass alle nur noch staunen: Was für’n Kerl! Wenn’s einer drauf hat, dann der.
Ich behaupte einfach mal, dass King seine Sätze auch nicht immer einfach so in den Schoss plumpsen. Man sagt nicht mal eben so über sich: „I am the literary equivalent of a Big Mac and Fries.“ Das bastelt man sich schon zusammen, das ist ein Gedankenjob. Geistige Pflichtmaloche, man hat ja einen großen Namen zu rechtfertigen. Denke ich mal. Douglas Adams konnte mit Sicherheit auch nicht mal so ganz beiläufig einen Geistesblitz erfinden wie: „Die Menschen werden geboren, die Menschen sterben, und die Zeit dazwischen verbringen sie mit dem Tragen der Digitaluhren.“ Das schüttelt selbst der kreativste Autor sich nicht lässig aus dem Handgelenk, auch nicht, wenn er zusätzlich noch ein recht ordentliches Stück weit wahnsinnig ist. Darf ich so behaupten, excellent spinnert war Douglas ja nun schon. Und King, nun, der freut sich bekanntlich stets deibelig darüber, wenn seine Leser davon überzeugt sind, in der Hand eines „erstklassigen Wahnsinnigen“ zu sein.

Nicht wirklich normal

Stellt sich die Frage: Wie werde ich zu sowas? Wie kann ich das anstellen, so zu schreiben, dass ich genial bekloppt wirke?
Gute Horror-Stories haben Väter und Mütter, die im herkömmlichen Sinn nicht so ganz normal sind. Das dürfen sie nicht sein, auf jeden Fall nicht dann, wenn sie an ihren Geschichten sitzen und sozusagen unwirklich normal ihre Worte mit Ängsten spielen lassen. Wie eine Katze mit der Maus. Deren Spiel ist, streng genommen, ein grausames Spiel. Ein wirklich guter Autor des Genres darf nicht nur, er muss grausam sein. Er hält seinen Leser hin, neckt, reizt ihn, beißt mal zu, läßt wieder los, tut ihm weh, läßt ihn wieder in Ruhe, umkreist ihn, tanzt mit ihm, schlägt nach ihm, mal mit Samtpfote, mal mit der Kralle. Die Unruhe wächst, die Lage wird ernst. Verdammt ernst. Kein Ausweg. Der ultimative Knall.

Mein Vater mault ein wenig, wenn wir uns gemeinsam einen Gruselfilm ansehen und erst einmal so rein gar nix Gruseliges passiert. Er findet es durchweg richtiger, wenn von Anfang an Köpfe rollen. Rollen sie nicht, nölt er schon mal gern: „Die quatschen ja nur.“ Nun ist mein Vater auch der Meinung, dass es in Western mehr als lumpige drei Erschossene, wahlweise Aufgeknüpfte geben sollte, und der Erste hat gefälligst nach fünf Minuten Film zu baumeln. Das ist in Ordnung, denke ich, das darf man erwarten. Ein Gruselfilm freilich ist oft deutlich besser, wenn die Effekte hübsch gemächlich schleichend kommen. Und dann reinhauen. Eine geschriebene Geschichte, die Basis ist für den Film, – ich spreche hier von guten Geschichten und guten Filmen, in denen die Atmosphäre hundertprozentig stimmt -, muss die Nerven strapazieren. Grundsätzlich immer. Aber sie darf dem Leser zwischendurch Verschnaufspausen gönnen, sie darf auch recht gemütlich starten, es darf mal hier, mal da einfach nur gequatscht werden. Nur ermüden darf sie niemals. Niemals. Niemals. Wer schlafen will, hat ein schlechtes Buch erwischt.

Was nützt die beste Idee, wenn sie stilistisch kaputt getrampelt wird? Andersherum: Was nützt eine ansonsten wirklich lesenswerte Schreibe, wenn der Autor a) keine besondere Idee hat und b) ihm schlichtweg diese Phantasie, eben dieser (s.o.) Wahnsinn fehlt, um literarischen Horror zu liefern, bei dem der Leser partout nichts zu meckern hat? Hier muss, weitaus stärker als in anderen Genres, beim Schriftsteller absolut die Chemie stimmen. Ich behaupte auch, dass niemand richtig anständige Schauergeschichten schreiben kann, der sie selbst nie leidenschaftlich gern gelesen hat und natürlich immer noch liest.
Erste Pflichtlektüre ist Edgar A. Poe. Sagt man so. Korrekt, durchaus. Aber geheime Quellen, aus denen ich immer wieder getrunken habe, sind die Gespenstercomics von Bastei (leider vorbei) und John Sinclair, der Geisterjäger; den habe ich als Jugendliche gefressen, das gebe ich ohne Schamgefühl zu. Die Bastei-Taschenbücher waren wirklich ganz große Klasse, da wurden die einzelnen Stories großzügiger rausgestellt, will sagen, sie waren teils recht lang und, ja, hatten eben schon den Erzählcharakter einer ordentlichen Kurzgeschichte. Ich hatte mir immer überlegt, dem Verlag mal ein paar Ideen von mir zu schicken, aber, ganz ehrlich: Die hatten bereits verdammt gute Leute, Autoren, Texter, Zeichner sowieso, was hätten die mit mir anfangen sollen?
Schade, dass die Klappe endgültig gefallen ist. War wirklich stark gedacht und gemacht.

Es gibt da etwas…

Ich habe einen Satz über die Twighlightzone aufgeschnappt, den will ich nicht vorenthalten, der ist ein Treffer: „Es gibt etwas, das zwischen den Abgründen menschlicher Angst und den Gipfeln menschlichen Wissens liegt.“
Da bin ich mir sicher. Und: Je mehr wir wissen, umso mehr Grund zur Furcht besteht. Definitiv.
Furcht ist das Thema. Nicht einfach, als Autor damit zu arbeiten, der völlig neu erzählen will. Den frommen Wunsch, noch nie Dagewesenes aus dem Hut zaubern zu können, darf ein hoffnungsvolles frisches Talent sich abschminken. Gibt’s nicht.
Angst ist Urgefühl, ergo uralt und wurde bereits in allen erdenklichen Variationen durchdacht, bearbeitet, beschrieben, erklärt, aufgeschrieben, betrachtet, behandelt. Keine Chance auf eine Premiere, Angst wiederholt sich, wie eben die Toten immer wieder gern aus ihren Gräbern krabbeln. Da gibt’s nur eins: Die Kunst zu beherrschen, das eine alte Lied wie ein neues Lied zu komponieren. Es wird nie wirklich neu sein, aber es wird so klingen, als sei es echt. So soll es sein. Ist es auch. Oder?

In einer Geschichte, deren Titel ich nicht parat habe, befinden sich mehrere Personen in einer blöden Situation: Sie dürfen nicht an das denken, vor dem sie am meisten Angst haben, sonst werden, so sagt’s irgendeine mysteriöse und natürlich böse Intelligenz ihnen frech ins Gesicht, ihre schlimmsten Alpträume wahr. Ihre Angst würde dann Realität. Feierabend, Schluß mit lustig.
Nette Aussicht. Was passiert, ist klar. Es wird sehr, sehr unangenehm für alle Beteiligten. Faktum ist: Nicht an was zu denken, an das man nicht denken soll, zudem an etwas, das nun wirklich nicht schön ist…das schafft keiner. Würde bei mir auch nicht klappen. Wie auch? Schon der Gedanke „Du darfst jetzt nicht an…denken, auf keinen Fall an…sonst kommt…und macht…“ gilt ja schon. In „Ghostbusters“ steht Dan Akroyd auf dem Hochhausdach und soll genau das machen: Nicht an das oder den denken, bei dessen Erscheinen er sich vermutlich gehörig in die Buxe pinkeln würde. Man sieht, wie der arme Kerl sich Sekundenbruchteile quält, und dann stapft ein riesiger Marshmallow-Monstermann durch New York auf dem Weg zu ihm. Das hat was verdammt Komisches, zugegeben, aber die Grundidee ist bitterernst. Ich weiß, an was ich nicht denken möchte, aber selbst wenn ich es nicht wüßte, würde es mir exakt in dem Moment einfallen, in dem ich nicht daran denken soll.
Ich denke, daraus läßt sich eine prima Geschichte machen. Ähnlich, aber anders. Alt, aber neu. Ganz einfach. Denke ich.

Und…„wenn Sie denken, dass ich Spaß mache, dann haben Sie die Abendnachrichten nicht gesehen.“ (Stephen King)

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)