Erleuchtung

Es war kein spezieller Abend. Nur irgendwann Anfang November. Der Sommer lag weit zurück und zu Weihnachten war es noch eine ganze Weile hin. Die Nächte waren kalt, aber noch nicht frostig. Der Himmel zumeist wolkenverhangen und die Dunkelheit kam früh, hatte sich aber noch nicht bis in den beginnenden Nachmittag vorgedrängt. Es war noch nicht einmal Sonntag. Es war gerade einmal Dienstag, als Simon Alpha Gott begegnen sollte. Auf dem Nachhauseweg aus dem Schuhladen, in dem er als Verkäufer arbeitete.

Simon wusste sofort, dass es sich um Gott handelte, weil dieser sich als selbiger vorstellte. Kein langes Herumgerede. „Ich bin Gott.“, sagte Gott, wie damals der brennende Busch zu Moses und Simon glaubte ihm. Inmitten des diesigen Wetters, der übelgelaunten Passanten und der welken Platanen stand er unter der nervös blinkenden Laterne und starrte hoch zu seinem Schöpfer.

Simon begriff schnell, dass Gott sich nicht lange mit Smalltalk aufhalten würde. Dazu war seine Zeit zu kostbar. Also stellte er keinerlei Fragen. Er schwieg geduldig und wartete auf Anweisungen. Simon war sich sicher, dass er Anweisungen bekommen würde. Seitdem er gehört hatte „Ich bin Gott.“ Warum sonst sollte sich Gott zu ihm herab bemühen, wenn er keine Aufgabe für ihn hätte. Um ihn zu fragen, wie es ihm denn so ginge? Ob er glücklich wäre? Wohl kaum. Gott hatte Arbeit für ihn. Und das kam nicht unbedingt überraschend. Simon hatte damit gerechnet – also mit dem Auftrag Gottes, seit er voriges Jahr in der Kirche sein erstes Mal „Amen“ gesagt hatte. Die ganze Bedeutung dieses Wortes hatte ihn durchströmt. „So sei es!“, hatte er geflüstert und Gott damit in sein Herz eingeladen.

An diesem Abend, als er im Bett lag, war Simon so nervös, dass er keine Ruhe fand. Immer wieder versuchte er, etwas Schlaf zu finden. Aber die Erinnerung daran, wie es sich angefühlt hatte, in Gottes Gegenwart zu sein, riss ihn jedes Mal verzückt aus seinem kurzen Schlummer. Das Antlitz des Einzigen. Das Licht. Summendes, klares Licht und die Stimme Gottes war ein hoher kristallklar knackender Klang gewesen. Nur für ihn bestimmt.
Am nächsten Morgen, als der Wecker klingelte, war Simon bereits seit einer Stunde auf den Beinen. Obwohl er kaum ein Auge zugetan hatte, fühlte er sich frisch und ausgeruht. Er führte dies auf Gott zurück. Eigentlich war er nicht hungrig, aber trotzdem aß er ein ausgiebiges Frühstück, um genug Energie zu haben. Immerhin würde er heute das Werk des Herrn verrichten. Er achtete auf den Eiweißgehalt, Kohlehydrate und die Proteine, die er seinem Körper in ausreichendem Maße zuführte. Während er kaute, studierte er die Verpackung der Frühstücksflocken und trällerte ein Lied, an das er seit Jahren nicht mehr gedacht hatte. Ein Lied aus seiner Jugend, dessen Text er vergessen hatte, aber an dessen Melodie ihm geläufig geblieben war. Ein fröhliches Lied. Wahrscheinlich eines, das er damals in der Schule gelernt hatte. Genau wusste er das nicht mehr. Dann machte er sich auf den Weg zur Arbeit.
Unterwegs kam er an der Lampe vorbei, an der Gott gestern auf ihn gewartet hatte. Sie war heute dunkel. Simon lächelte wissend.

Das Schuhgeschäft öffnete um zehn. Simon stand wie gewohnt hinter der Registrierkasse, als der erste Kunde das Geschäft betrat.

„Was kann ich für sie tun?“, fragte er den hochgewachsenen, schlanken Mann, der eben zur Tür hereingekommen war.

„Ich such Winterstiefel. In Braun. Größe 44.“, antwortet der Kunde und deutete auf seine Füße. Simon führte den Mann zu der Bank, die in der Mitte des Ausstellungsraumes stand und bat ihn Platz zu nehmen. Daraufhin zog er ihm umsichtig das Schuhwerk von den Füßen und begann wohlgelaunt mit seinen alltäglichen Aufgaben. Die Kundschaft entschied sich schlussendlich für das dritte Paar Stiefel, dass Simon ihm vorführte. Wildleder, handgenäht und mit genagelten Absätzen. Lediglich im Fersenbereich drückten sie etwas. Der Kunde versicherte zwar wiederholt, dass ihn das nicht weiter störe und dass er von seinen alten Stiefeln wüsste, dass sie sich nach der ersten Woche schon an seinen Fuß anpassen würden, aber Simon bestand darauf, die drückenden Schäfte in der hauseigenen Werkstatt anpassen zu lassen.

„Über diesen Tresen wandern keine Schuhe, die dem Kunden nicht hundertprozentig passen.“ Also nahm Simon genau Maß und versicherte dem Kunden, dass die Stiefel zur Mittagszeit fertig sein würden.

„Ich schicke jemanden aus meinem Haushalt, um sie zu holen.“, sagte der hochgewachsene Mann und verließ dann höflich grüßend den Laden.

Der Vormittag ging ins Land. Das Geschäft lief zäh. Es betraten vielleicht ein halbes Dutzend Menschen das Schuhgeschäft. Keiner davon kaufte etwas.

Kurz vor zwölf, gerade als Simon den Laden schließen wollte um Mittagessen gehen zu können, betrat ein weiterer Kunde den Laden. Zumindest dachte das Simon zuerst, bis er sah, dass ihm der Mann, der eben durch die Tür gekommen war bis aufs Haar glich.

„Hallo.“, sagte Simon.

„Hallo.“

„Ich hole die bestellten Stiefel.“

„Ah. Einen kurzen Augenblick. Sie sind noch in der Werkstatt.“

Simon holte die abgeänderten Stiefel von der Werkbank im Hinterzimmer und stellte sie auf den Ladentisch.

„Und die passen jetzt?“, fragte der Bote.

„Ja. Die passen.“

„Gut.“

Simon holte eine Tasche unter dem Tresen hervor und verstaute die Stiefel darin.

„Sie sind aus der Reihe vierzehn?“, fragte er dabei beiläufig.

„Wie sie.“

„Halborganisch?“

„Wie sie.“

Simon nickte lächelnd und reichte dem anderen Androiden die Tasche.

„Ich habe eine Botschaft für sie.“, verkündete er. Dann erzählte er seinem Gegenüber von der Lampe an der Brücke und von Gott.

 

(ERA 2008)

Erik R. Andara

Erik R. Andara

Erik R. Andara wurde 1977 in der Nähe des Dunkelsteinerwalds geboren und wuchs zurückgezogen in einer kleinen Klause am Waldrand auf. Er widmete sich dort, fast unmittelbar nach seiner Ankunft in dieser Welt, dem Lesen und Erzählen von Geschichten. Als er überrascht feststellen musste, dass diese Realität auch noch nach dem Übertritt ins neue Jahrtausend fortbestehen sollte, entschloss er sich, nach Wien zu gehen, um von dort aus seine Suche auszuweiten und aus allen Ecken und Enden des Multiversums weiteres Material für seine Geschichten zusammenzutragen. Heutzutage schreibt er vor allem düstere Phantastik, illustriert Buch- sowie Magazincover und zeichnet hin und wieder auch Comics. Zuletzt erschienen seine Geschichten und Illustrationen in Ausgaben des Visionariums (herausgegeben von Edition Gwydion) und des IF- Zeitschrift für angewandte Fantastik (herausgegeben von White Train), im Kriminal Journal Nr. 4 und im e-book Format auf der Plattform neobooks: „Am Fuß des Leuchtturms ist es dunkel“ und „Das Fest der Väter“.
Sein Verlags-Debüt „Nachtspiel und Morgengrauen“ erscheint demnächst.

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