Erik R. Andara / Am Fuß des Leuchtturms ist es dunkel

Im White Train-Verlag liegt jetzt Erik R. Andaras erster Erzählband mit drei Geschichten vor. Natürlich ist der Autor dem Phantastikon kein Unbekannter, vor noch gar nicht allzu langer Zeit hatten wir hier seine Kolumne Die Phasen der Furcht in unserem Programm. Eigentlich hatten wir uns alle schon auf sein Romandebüt Nachtspiel & Morgengrauen vorbereitet, aber es kam – wie so oft – anders. Wer Erik kennt, der weiß, dass ihn das nicht aufhalten wird, wie der vorliegende Band zeigt, an dem vor allem eines abzulesen ist: der unbändige Drang zum Fabulieren.

Seine drei Geschichten stammen aus unterschiedlichen Schaffensphasen. Raumflucht ist die erste und kürzeste, und hier weht uns ein Hauch des Lovecraftschen Horrors an. Allerdings wird hier nichts nachgeahmt, weder Atmosphäre noch Sprache übernommen, wie es andere in Ermangelung eigener Kreativität oft versuchen – und reihenweise scheitern; Erik R. Andara hingegen bleibt sich treu, indem er den Horror auf eine melancholische Art bearbeitet. Was damit gemeint ist, wird schnell ersichtlich, wenn man die unterschiedlichen Typen betrachtet: da gibt es jene, die sich mit Blut schmücken und denen es nicht brutal genug zugehen kann. Eigentlich beinharte Realisten, deren Vorstellungsvermögen den eigenen Körper kaum verlässt. Wir kennen auch die Nachahmer, die ihr ganzes Autorenleben lang ihrer Stimme hinterherrennen, sie aber nie einholen werden. Und dann sind da die Beobachter, die ihren Blick nach innen wie nach außen richten, die wissen, dass von einer einzelnen Gechichte die Existenz des ganzen Universums abhängen kann.

Es wundert mich nicht, dass seine Stimme das nächste Mal just in jenem Moment erklingt, in dem ich kurz davor bin, mich wieder auszustrecken, um mich der Finsternis zu ergeben.

Drei Ebenen fließen bei diesem ersten Stück ineinander, besser gesagt: flankieren sich. Auf der einen Seite haben wir Decker, den Erzähler selbst, auf der anderen seinen Nachbarn, einen alten Freund seines verstorbenen Vaters, der diesem vor seinem Tod versprochen hatte, sich um seinen Sohn zu kümmern. Dieser Nachbar führt, so hat es bald den Anschein, nichts Gutes im Schilde, als er vor Deckers Tür auftaucht. Das die beiden Protagonisten verbindende Glied ist ein Brief des Vaters, der den unmöglichen Umgang des Nachbarn mit Decker ins rechte Licht rückt. Was hier noch wie eine kleine aber keineswegs uninteressante Fingerübung erscheint, ist bereits auf engstem Raum durchkomponiert und ein guter Vorlauf zur titelgebenden Geistergeschichte Am Fuß des Leuchtturms ist es dunkel.

Richard hat sich nach einem Unfall, über den wir erst später etwas erfahren, von der Welt zurückgezogen. Er haust in einem Zimmer im 8. Stock und pflegt noch nicht einmal persönlichen Kontakt mit seinen Eltern, lässt sich Essen und saubere Wäsche vor die Tür stellen. Seine einzige Verbindung zur Außenwelt ist sein Computer, seine 1900 virtuellen Freunde sind alles, was er benötigt – weil er diese Welt in seiner selbstgewählten Isolation kontrollieren kann.

Selbst das Krokodil geht bei Regen ins Wasser

tippt Richard eines Tages in seinen Facebook-Statusbericht und löst damit etwas aus, das er ganz sicher nicht erwartet hat, denn ein geheimisvolles Mädchen dringt in seine sicher geglaubte Umgebung ein, zunächst ebenfalls virtuell, indem sie auf seinen Eintrag antwortet. Als sie allerdings im Regen vor seinem Fenster schwebt und auch noch Ähnlichkeit mit seiner verstorbenen Schwester hat, beginnt die Sache schnell aus dem Ruder zu laufen und Richard kämpft um sein nacktes Überleben. Oder geht es um etwas Anderes?

Eine Geistergeschichte lebt von ihren psychologischen Momenten, von dem, was im Unterbewusstsein seiner Protagonisten schlummert, und genau das haben wir hier vor uns. Es ist stets ein Leichtes, Selbstzweck zu üben, aber das geschieht hier nicht. Schuld, Angst, Zweifel, Tod … all das ist der Stoff, aus dem eine gute Geistergeschichte gemacht wird. Und dass es Andara gelingt, seine Erscheinung mit einem Smartphone auszrüsten, ohne albern zu wirken, sollte hier unbedingt ebenfalls erwähnt werden.

Nachtzug nach Carcosa, so lautet der verheißungsvolle dritte Akt, der eine ziemlich überraschende Botschaft in sich trägt:

Der König ist ein sehr fürsorglicher Mann […] wer würde ihn wohl noch ernst nehmen, wenn seine liebevolle Seite allgemein bekannt wäre?

Schwer vorstellbar, dass es ich hier nicht um eine Persiflage handelt. Carcosa und der König in Gelb sind seit der erfolgreichen ersten Staffel aus dem Hause HBO, True Detective, immer mal wieder der Mittelpunkt der schreibenden Zunft. Weniger ausgelutscht wie manche Lovecraft-Themen wirkt Carcosa, wenn auch älter als der Cthulhu-Mythos, frischer und unverbrauchter. Es geht um die Kraft, mit der ein Mythos gezeichnet wird: Geschichten, die ein literarisches Universum miteinander teilen, definiert von der unerklärlichen Furcht vor äußeren, unbekannten Kräften des unauslotbaren Raums. Dieser Satz, der selbst von Lovecraft stammt, zeigt auch die Freiheit auf, mit der man sich als Autor einen bestehenden Mythos einverleiben kann, um dann etwas eigenes daraus zu machen. Erik R. Andara zeigt auch in diesem surrealen Stück, wie das geschehen kann, indem er mit Erwartungen spielt und diese dann in eine ganz andere Richtung führt.

Wie in allen drei Erzählungen lebt auch der Nachtzug von einem Kontrapunkt. Jakob ist Angestellter in einem Copy Shop und hat Ärger mit seiner Freundin, denn er hatte eine heiße Nacht mit deren bester Freundin verbracht. Er weiß, dass ihm nach Feierabend noch eine lange Nacht bevorstehen wird und wartet nur darauf, dass die “Verrückte”, die noch ein paar Blätter kopiert, das Geschäft endlich verlässt, damit er zuschließen und sich mit seiner Partnerin aussprechen kann. Auch hier arbeitet Andara geschickt mit den neuen Medien. SMS und Whats App erscheinen mir persönlich, der ich das gewöhnlich zutiefst in einer Geschichte missbillige, völlig natürlich. Diese Einbindung funktioniert reibungslos und ist nicht etwa nur aufgesetzt, sondern gehört zur Erzähltechnik des Autors, der die dadurch entstehende Dimension der Kommunikation geschickt für seine Zwecke nutzt. Gesehen habe ich das zum ersten Mal bei “Sherlock” – natürlich anders als hier. Aber auch da wollte ich die Flimmerkiste ärgerlich ausschalten, bis ich bemerkte, dass es vorzüglich funktioniert.

Auf ihrem Kopierer vergisst die letzte Kundin ein merkwürdiges Schreiben, das sich bald als Kettenbrief entpuppt und mit dem eine Warnung einhergeht. Der Inhalt betrifft die ewige Stadt Carcosa und den Gelben König. Aber bereits hier stutzt der aufmerksame Leser, denn darin wird verlautet, dass sich der König auf die Jagd nach aufrichtiger Liebe begeben hat. 13 mal 13 andere Menschen sollen davon unterrichtet werden. Das sei die einzige Möglichkeit, dem Gelben König zu entkommen.

Jakob, endlich auf dem Weg nach Hause, steigt in die U-Bahn hinab und in den “falschen” Zug, nämlich in den besagten Nachtzug nach Carcosa. Eigentümliches begegnet ihm während dieser Fahrt, während er sich per Smartphone weiter mit seiner Freundin unterhält, die aber plötzlich ebenfalls von einigen Seltsamkeiten zu berichten hat, die Jakob für einen Drogenrausch hält. In Carcosa angekommen verbinden sich alle ausgestreuten Fäden zu einem kleinen burlesken Tanz und als Leser ist man entweder entzückt oder man schüttet den Kopf. Was er gerade hinter sich hat ist eine unterhaltsame Reise durch die Nachtseite der Fantasie.

Erik R. Andara, das habe ich immer wieder betont, wird in Zukunft von sich reden machen. Seine Fabulierlust und sein Sinn, sich einerseits an den genrespezifischen Weisungen gütlich zu tun, dann aber gänzlich eigene Wege einzuschlagen, wird noch auf fruchtbaren Boden fallen. An seinem Beispiel ist abzulesen, wie schlafmützig hiesige Verlage eigentlich sind. Wohl dem, der sich diesen Autor angelt und Lust hat, mit ihm zu arbeiten.

 

Taschenbuch, 126 Seiten 10,01 Euro

Kindle Edition, 4,99

Michael Perkampus

Michael Perkampus

Kulturanthropologe, Übersetzer, Sammler von Comics, phantastischer Literatur und Filmen. Gründer des Phantastikon.

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