News Ticker

Enriqueta Martí: Die Vampirin von Barcelona

Enriqueta Martí, 1868 in der katalanischen Provinz geboren, war ein hübsches, ehrgeiziges Mädchen, das sein Glück in der großen Stadt suchte. Enriqueta arbeitete anfangs als Magd und Hausmädchen, kokettierte gern mit Männern, die ihr Geld anboten, und wurde schließlich zur Prostuierten. Keine Straßendirne. Sie war clever und schön, man traf sie ausschließlich im Nobel-Bordell.

(c) Archiv-Bild

Insgeheim träumte sie davon, in den elitären Kreisen Barcelonas eine besondere Rolle zu spielen. Eine, die ihr Einfluss und Ansehen bescheren sollte. Eine, in der sie ihre speziellen Fähigkeiten als „Hexenärztin“ zeigen konnte. Denn davon war sie überzeugt: Dass mit dem Irrglauben der Leute an Hokuspokus-Medizin ein leichtes Spiel zu spielen sei. Und dass somit teure Tinkturen und Tränke aus Kinderblut gegen die Tuberkulose als große Angst-Krankheit der damaligen Zeit höchst dankbare, großzügige Abnehmer unter den gut Betuchten finden würden.

Ihr Wunsch ging in Erfüllung, es kam, wie sie es gehofft hatte. Freilich auf jene so finster geahnte abscheuliche Art, die immer wieder zornig und fassungslos macht. Als Enriqueta Martí am 13. Mai 1913 in den Morgenstunden im Gefängnis von Reina Amalia von Mitgefangenen gelyncht wurde, starb sie mit der Schuld, etliche Kinder für ihre Scharlatanerie eiskalt und nur das eigene Wohl gierig im Auge habend ermordet zu haben. Viel mehr noch: Enriqueta hatte Kinder entführt, oft gerade mal fünf Jahre alt, um sie gut zahlenden Kunden aus Barcelonas Oberschicht für sexuelle Dienste feil zu bieten. Wäre ihr der Prozess gemacht worden, hätte sie wohl ausgesprochen illustre Namen nennen können. Es wäre der perfekte Skandal gewesen, wenn sie geredet hätte.

Perfekter Skandal

So aber wurde sie bereits im Vorfeld einer Gerichtsverhandlung beseitigt, die von der Bevölkerung mit Empörung über das pädophile Feine-Leute-Pack aus den höheren Etagen und gleichwohl Entsetzen über „La Vampira de Barcelona“, die Blutsaugerin Enriqueta Martí, erwartet wurde. Enriqueta wurde ohne irdisches Urteil getötet. Sie hat nie gestanden, Menschenleben auf dem Gewissen zu haben. Und irgendwie scheint es, wenn man ihre Geschichte hört, als habe sie stets angenommen, ungeschoren davon zu kommen. Es lief ja auch eine ganze Weile mehr als gut für sie.

Enriqueta Martí, verheiratet mit dem Maler Juan Pujala, war selbst kinderlos. Die Ehe der beiden bestand in der Hauptsache auf dem Papier, man stritt, trennte, versöhnte sich, und die letzten Jahre bestand kaum noch Kontakt. Pujala hat sich stets über die Unberechenbarkeit und die zahlreichen Affären seiner Frau beklagt, zumal diese Männern ihre Liebesdienste anbot, die ihr ermöglichten, Einblick in die Welt der besser Situierten und gesellschaftlich Akzeptierten zu erhalten. Enriqueta strebte nach Ruhm. Und wurde bekannt als „Hexenärztin“, bei der geheimnisvolle Heilmittel gegen Krankheiten jeglicher Couleur und Cremes nebst Salben für die Verlängerung des Alterungsprozesses erhältlich waren.

Enriqueta, die betonte, ihr „Handwerk“ studiert zu haben, versprach ewige oder zumindest lange Jugend, Schönheit, Gesundheit und Heilung. Die Zutaten für ihre Wunder-Mixturen waren Fett, Blut, Haare und Knochen von Kindern. Überreste der ausgeweideten Leichen wurden in Krügen, Schalen, Vasen und kleinen verschlossenen Töpfen mit bereits zum Verkauf gemixten Salben in den Wohnungen gefunden und sicher gestellt, in denen Martí über all die Jahre hinweg bis zu ihrer endgültigen Festnahme zeitweilig gewohnt und „gearbeitet“ hatte.

Perverse Apotheke

Verhaftet wurde Martí erstmalig während der Tragischen Woche (25. Juli bis 2. August 1909: Aufstand der Arbeiterklasse in Barcelona und anderen katalanischen Städten) unter dem Verdacht, in ihrem just eröffneten eigenen Bordell Kinder an Kunden zu vermitteln. In diesem Bordell waren Männer aus der sogenannten High-Society Stammgäste, und deren Extra-Wünsche zu erfüllen galt für Enriqueta als gut bezahlter Dienst am Herrn. Und an sich selbst als Chefin, die sich tagsüber ärmliche Kleidung anzog und entsprechende Viertel der Stadt aufsuchte, um Kinder anzusprechen und mitzunehmen, die ohne Begleitung durch die Straßen liefen. Diese Kinder waren für die perversen Freier. Oder für ihre perverse Apotheke. Gleichwohl. Es waren die widerwärtigsten Zwecke.

Enriqueta Martí kam nicht auf die Anklagebank, ganz im Gegenteil: Sie wurde offiziell aus Mangel an Beweisen und inoffiziell dank ihrer hervorragende Kontakte wieder auf freien Fuß gesetzt und durfte weiter machen, wohl ärger und abartiger noch als zuvor. Nachts besuchte sie herausgeputzt das vornehme El Liceu, Casino der Arrabassada, um ihre Angelegenheiten abzuwickeln. Sie bot Heilmittel und Kinder an. Man kannte sie gut. Schätzte sie wohl auch als Geschäftsfrau.

In den Jahren von 1909 bis 1912 verschwanden erschreckend viele Kinder aus der näheren Umgebung spurlos, allesamt aus sozial sehr schwach gestellten Familien stammend, was die Polizei nicht unbedingt motivierte, aktiv zu werden. Die Ermittlungen waren auf das Minimum beschränkt, man hielt die Verschwundenen nicht für wichtig genug, um fieberhaft fahnden zu müssen. Schnell wurde alles ad acta gelegt, und viel ist nie bekannt geworden. Martí wird nicht für jedes unwiederbringbar verloren gegangene Kind in den schmutzigen Gassen und dreckigen Vororten Barcelonas verantwortlich gewesen sein, aber es passt in ihr Schema, oft gewissenlos zugeschlagen zu haben. Tatsächlich konnten forensische Experten zumindest (!) zwölf vermisste Kinder aufgrund nur spärlicher Beweismittel aus Enriquetas Wohnbereichen identifizieren.

Abartige Karriere

Enriqueta machte sich in diesen letzten drei Jahren ihrer abartigen Karriere wie gewohnt in Lumpen gehüllt immer wieder auf den Weg, um Kinder aufzuspüren. Sie reihte sich in die Brotschlangen vor den Klöstern ein, als wäre sie bitterlich arm und bräuchte etwas zu essen. Stattdessen war sie nur auf Kinder aus, die sich ganz allein dort aufhielten, versprach ihnen Süßigkeiten und lockte sie in ihre Wohnung. Wie die beiden blutjungen Mädchen Teresita und Angelita. Sie waren Enriquetas letzte „Beute“.

(c) Archiv-Bild

Angelita sagte später aus, dass sie Enriqueta heimlich dabei beobachtet hatte, wie sie vor Teresitas Ankunft im Haus im Februar 1912 den fünfjährigen Pepito auf dem Küchentisch mit einem Messer tötete. Nach Teresita, der Enriqueta das lange Haar abgeschnitten und die sie in Felicidad (Glück) umgetauft hatte, wurde gesucht, im traurigen Gegensatz zu Angelita, die niemand als vermisst gemeldet hatte. Teresita sichtete dann zufällig am Fenster in der Carrer Ponent ein aufmerksamer Nachbarn, der die Polizei informierte. Die fand bei der Durchsuchung der Räumlichkeiten einen Sack mit von Blut durchtränkten Kindersachen und ein Messer mit blutiger Klinge.

Bedient an Kindern

Enriqueta Martí wurde festgenommen. Die bereits genannten weiteren Inspektionen von Wohnungen, die sie in den vergangenen Jahren angemietet hatte, folgten unmittelbar. In einer befand sich ein großer Schrank mit schönen, sauberen Mädchenkleidern: Garderobe für die „feinen“ Freier. Eben für all diejenigen, die jetzt, als man Enriqueta anklagte, in gewissen Nöten waren. Es wurde von einer Liste mit Namen und Daten gesprochen, die aufgetaucht sei: Namen von Ärzten, Politikern, Bankern, Geschäftsleuten aus Barcelona und der direkten Umgebung. Das Volk tobte. Man schrie nach Gerechtigkeit, wollte die Personen vor dem Richter sehen, die sich bedient hatten an Kindern und Medizin aus Kinderleichen.

Die Liste verschwand spurlos. Und Enriqueta, die das Gros der ungeheuerlichen Vorwürfe bestritten hatte, wurde vor dem anstehenden Prozess im Gefängnis ermordet und heimlich beigesetzt. Später sagte man, sie sei wohl ein Fall für die Psychiatrie gewesen. Man sagte zudem, dass vieles verzerrt worden wäre an den Geschehnissen, die auch Stoff boten für den spanischen Film „Diamond Flash“ (2011) von Carlos Vermut.

Allemal: Die Geschichte bleibt eine von jenen, die so echt sind, dass man sie sich nicht ausdenken kann. So furchtbar. Und so wahr.

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


Um einen Kommentar zu verfassen, müssen Sie mit den Datenschutzbedingungen einverstanden sein.

*


%d Bloggern gefällt das: