Elric von Melniboné (Der kaputte Held)

Elric ist grüblerisch und introspektiv, krank wegen der Traditionen, aus denen er stammt, und gleichzeitig ein Produkt von ihnen. Im Gegensatz zu anderen Helden, die ein eigenes Königreich erobern und anstreben, wird Elric in den Adel hineingeboren und gibt diese Verantwortung ab. Er ist das Produkt einer dekadenten Rasse in ihrer Dämmerung, die von einem weltumspannenden Königreich zu einer einzigen Insel zusammengeschrumpft ist. Er verbringt so viel Zeit damit, Wesen mit Zauberkräften zu beschwören, wie er sie bekämpft, und sein Schutzgott Arioch ist einer der Prinzen des Chaos, der eine sehr aktive Rolle in Elrics Schicksal einnimmt. Fern davon ein athletischer Kämpfer zu sein ist Elric zunächst auf bestimmte Kräuter angewiesen, um seine Kraft überhaupt zu erhalten, ohne die er fast hilflos ist. Schließlich erhält er das halb-lebendige Schwert Sturmbringer, das zwei eher widerwärtige Eigenschaften besitzt: den Genuss, Seelen zu verzehren, und die Neigung, die Menschen zu töten, die Elric schützen will.

(c) Michael Whelan

Mit anderen Worten: in jedem anderen Buch würde er wahrscheinlich als sympathischer Bösewicht enden. Moorcock verleiht diesem ansonsten unmenschlichen Charakter, der die Leser in seinen Bann zieht, jedoch eine eigene Menschlichkeit. Elric hinterfragt den Status quo, trifft überraschend falsche Entscheidungen (zum Beispiel überlässt er den Thron seinem Cousin, der gerade erst versucht hat, ihn zu töten), und verrät oder tötet jeden, der ihm nahe steht. Die Tatsache, dass Elric an sich zum Scheitern verurteilt und schwach ist, schadet seinem Charakter nicht. Ganz im Gegenteil ist es gerade seine Schwäche, die den Großteils des Buches ausmacht und den Leser dazu ermutigt, ihn zu begleiten.

Dabei wäre es zu einfach, zu behaupten, Elric sei das genaue Gegenteil eines anderen großen Helden der Pulp-Ära: Conan. Wo Conan ein Barbar ist, ist Elric das Produkt der Zivilisation. Wo Conan ein Königreich erobert, gibt Elric auf. Wo Conan letztendlich nur auf seine eigenen natürlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten angewiesen ist, ist Elric auf Kräuter, Zauberei und seine dämonisch schwarze Klinge Sturmbringer angewiesen. Während Conan die Götter meidet, ist Elric auf seine angewiesen. Zudem beinhalten Elrics Abenteuer ein größeres Spektrum als die der berühmten Schöpfung von Robert E. Howard. Elric ist nie auf der Suche nach einem einzigen Schatz, und seine Ziele gehen typischerweise über das einfache Überleben hinaus. Sowohl Elric als auch Conan sind jedoch Entdecker ihrer fantastischen Welten, und beide erlaubten ihren Schöpfern, lebhafte Umgebungen zu kreieren, in denen ihre Charaktere interagieren können.

Jayde Design 1963

Elric ist auch die berühmteste Inkarnation von Michael Moorcocks Ewigem Helden. Dies ist das Konzept, dass dieselbe Seele mehrfach und im gesamten Multiversum geboren werden kann, dazu bestimmt, für das Gleichgewicht zwischen Gesetz und Chaos zu kämpfen. Moorcocks Einführung eines Multiversums führte zu der interessanten Idee, dass Elric Schulter an Schulter mit anderen Inkarnationen seiner Selbst kämpfen konnte, obwohl seine Erinnerungen an solche Abenteuer oft verblasste, kaum dass sie vorbei waren. Tatsächlich ist es einfach, auf Moorcocks Einteilung in Ordnung und Chaos hinzuweisen (die sehr unterschiedlich zu Gut und Böse ist) und in der gesamten Popkultur Anklänge findet, sei es in Roger Zelazns Amber-Zyklus oder in den verschiedenen Warhammer-Spielen.

Obwohl Elric erst nach dem goldenen Zeitalter der Pulpmagazine kam, ist es unmöglich, die Auswirkungen von Moorcocks Arbeiten auf zukünftige Generationen von Fantasyautoren zu ignorieren. Und während er Sword & Sorcery und High Fantasy (mit einer ausgeprägt dunklen Fantasy im Mix) verbindet, ist es leicht nachzuvollziehen, warum Elric sich seinen anhaltenden Reiz bei den Fans bewahrt hat.

Michael Perkampus

Michael Perkampus

Kulturanthropologe, Übersetzer, Sammler von Comics, phantastischer Literatur und Filmen. Gründer des Phantastikon, Eskapist.

2 Gedanken zu „Elric von Melniboné (Der kaputte Held)

  • 29. November 2018 um 16:51
    Permalink

    Soll Elric nicht verfilmt werden?

    Antwort
    • Michael Perkampus
      29. November 2018 um 17:19
      Permalink

      Tatsächlich reichen Gerüchte um eine TV-Serie schon bis 2007 zurück. 2014 hat Moorcock selbst in einem Interview (aufgrund der erfolgreichen Comics) davon gesprochen. Der Erfolg von Game of Thrones hat auch hier die Türen weit aufgemacht. Comics und Fantasy-Reihen werden weiterhin mehr als gefragt sein. Wie man aber an den unsäglichen „Shannara Chronicles“ sehen kann, fällt die Entscheidung oft zugunsten einer minderwertigen Buchreihe aus.
      Ich denke, es bleibt abzuwarten, wie sich die neue Herr der Ringe-Serie und das geplante „Rad der Zeit“ machen werden – ganz zu schweigen von der Witcher-Produktion. Sollte irgendeine dieser Serien an GoT andocken können, stehen die Türen auch für Elric weit auf.

      Antwort

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