Eine Höhle

Nicht zu fassen, wie schön es sein konnte, sich wieder einmal auszuziehen. Starr und wie beleidigt stand der Overall vor der geschlossenen Tür, einem Wächter gleich, sowohl nach außen wie nach innen hin schützend. Eine Kerze auf dem Stuhl, eine vor dem Spiegel, eine auf der Ablage des Zahnputzbechers, und einige auf dem Rand der Badewanne. Eine nach der anderen zündete sie an und löschte das Oberlicht.
Sie war nun ganz allein, hatte alles draußen gelassen, all die Mühe und die Schnelligkeit. Aus dem Hahn fielen lässig letzte Tropfen in das grünliche Meer, das sie in der Wanne gesammelt hatte, dampfend und verspielt, bevölkert von weißen Bergen aus Schaum.
Sie versuchte sich zu erinnern, wann sie das letzte Mal gebadet hatte. Vielleicht kurz bevor ihre Eltern bei dem Grubenunglück umgekommen waren, als sie noch nicht ohne Hilfe in eine Badewanne steigen konnte. Doch als sie sich im Spiegel betrachtete, wusste sie, dass sie sich irrte. Mit diesem adretten jungen Mann hatte sie gebadet, vor vier Sommern, in einer Kiesgrube vor der Stadt. Ganz geschwärzt vom kohleverseuchten Wasser waren sie ans Trockene getrippelt, frierend und einander haltend, immer die missgünstigen Blicke der Vorarbeiter an den Hinterköpfen.
Sie tauchte ihre Finger in das Wasser. Eingeschüchtert stellte sie fest, dass es viel zu heiß war für sie. Doch hatte sie zu viel ausgegeben von ihren Ersparnissen, um es nun zu verderben, indem sie kaltes Wasser hinzu gab. Tapfer stützte sie sich am Badewannenrand ab. Der rechte Fuß bekam den Auftrag, die Vorhut zu bilden. Es war so heiß. Deshalb sprach man von einem „heißen Bad“ und spöttelte über ein lauwarmes.
Langsamer als sie je etwas getan hatte, machte sie ihren Leib mit dem Wasser vertraut, und mit jedem Zentimeter, den sie tiefer eindrang, vermischte sich der Schmerz mit dem überwältigenden Wohlgefühl des Umschlossenseins, anknüpfend an die Erkenntnis, dass vollkommene Schutzlosigkeit in der Nacktheit in einem heißen Bad für Geborgenheit stehen konnte. Es war intensiv, doch vergänglich, sinnlich und trunken machend. Bis zum Kinn eingetaucht war sie. Ihr Kopf schaute aus der smaragd schimmernden Wasseroberfläche hervor und machte große Augen. Dieses demütigende Stillhalten in dieser Wärme, in diesem altersschwachen Badezimmer am Ende der Welt, 100 Meter unter der Erde am Habitat eines Bergwerkstollens, umgeben von grimmigem Stein und müder Erde. Egal wo man sich befand, es konnte möglich sein, ein wenig Wohlbefinden auf kleinstem Raum zu schaffen. Auch wenn man inmitten verschmutzter Kerle in einer finsteren Grube mit einer flackernden Funzel, einer Tüte alter Kekse und einer Mundharmonika Weihnachten feierte. Es war möglich, Inseln des Angenehmen zu schaffen, und sei es nur für kurze Zeit. Nun hatte sie sich schon Monate auf dieses Bad gefreut und bekam Angst, es nur unzulänglich genießen zu können, es nicht angemessen zu würdigen.
Vielleicht würde sie irgendwann aus diesem Frondienst entlassen werden, vielleicht würde sie irgendwann aus der Gefangenschaft fliehen können, aber noch war dies nicht absehbar.
Sie versuchte, sich auf den Moment als solchen einzulassen, das Jetzt zu riechen und es sowohl auf ihrer Haut, als auch in ihrem Herzen zu spüren. Sie hatte die so aufdringliche Wärme angenommen, sich mit ihr angefreundet, und nun, da sie allmählich spürte, wie sich ihr Körper daran gewöhnte, bettelte sie beinah darum, es noch einmal so heiß werden lassen zu können wie zu Beginn.
Sie tauchte mit dem Gesicht bis über die Nase unter. Ganz dicht über der Oberfläche starrten ihre Augen entlang der Horizontalen, was dazu verführte, sich in eine ganz andere Welt zu denken, an einen See oder ein ruhiges Meer. Die Schaumkronen ließen winzig kleine Bläschen platzen, was sie ungeheuer fesselte. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Einstürzende Stollen kannte sie, zerschmetterte Leiber und traurige Gesichter. Endlose Schächte und das Ächzen der Schienen, Geschrei und Radau, und auch die Stille der luftlosen Dichte und das verzweifelte Pfeifen eines dünnen Windes in einer Welt, in der es Licht beinah so schwer hatte wie ein Fisch an Land.
Und dies hier war einfach so fremd und schön, dass sie sich kaum eine Zeit vorstellen konnte, in der die Menschen noch Wasser im Überfluss gehabt hatten und jeder täglich ein Bad nehmen konnte. Sie überlegte, ob das Besondere einfach nur das Seltene war, oder ob man all die Dinge der Welt wie etwas Besonderes achten sollte. Vielleicht würde ein Vogel die dunklen Bergwerkstollen als etwas Wunderbares wahrnehmen … Sie blies durch ihre Nasenlöcher die Atemluft und spritzte damit etwas Wasser hoch. Und gleich darauf vernahm sie eine Stimme, ganz leise, aber voller Kraft, die rief:„Ego exaudiam est!“
Es klang wie zwischen einer hohen Felsspalte gerufen. Mit Echo. Doch die Stimme, so laut sie auch rief, klang ganz klein, nur halb so dünn wie aus einem Kofferradio.
„Velocius!“ rief die Stimme. Sie wagte nicht, sich zu rühren. Und sie wusste, dass es keine Einbildung gewesen war. Sie hatte noch nie unter Halluzinationen gelitten, so wie andere, die man mit abgebissenen Zungen in Zwangsjacken zum Tageslicht brachte, zur Erschießung freigegeben.
Sie sprach nicht besonders gut Latein, aber sie ordnete das Wort „Velocius“ der Geschwindigkeit zu. Und es hatte wie ein Befehl geklungen. Nun glaubte sie, ein gleichmäßiges, multiples Plätschern zu hören. Und auch eine Art Trommel. Ein Rhythmus ähnlich wie ein Herzschlag. Diese Geräusche konnten nicht von außen kommen. Der Ursprung lag direkt hier, in der Badewanne …
„Velocius!“ … Hinter dem großen Schaumberg kräuselte sich das Wasser ein wenig. Sie rührte sich nicht. Schließlich erschien hinter dem Schaum ein kleiner Bug. Er schien aus Holz zu sein. Und er bewegte sich weiter vor. Sie sah einen Schiffsrumpf und lange Ruder, die synchron ins Wasser tauchten und wieder heraus pflügten. Die Trommel schlug dumpf und monoton.
Sie blieb ganz regungslos und sah in der Tat, wie ein antikes Schiff einbog, direkt auf dem Badewasser, vielleicht zehn Zentimeter lang und halb so hoch. Hinter dem Bug erkannte sie einen Mann in einer ledernen Kluft, der nun rief:
„Illis est!“ Und der kleine Mann zeigte direkt in ihre Richtung. Das Schiff drehte sich und steuerte nun auf sie zu. Es sah aus wie herausgezaubert aus anderen Zeiten und Welten.
Es war unmöglich, bei diesem Anblick nur Angst zu empfinden. Die pure Neugier ließ sie ganz still in ihrer Haltung verharren, und sie fühlte sich wie eine Riesin, wie Gulliver oder vielleicht auch wie Polyphem. Würde der Mann am Bug einen Blick nach unten werfen, sähe er den gigantischen Leib einer nackten Frau unter dem Wasser.
„Velocius!“ rief der kleine Mann erneut, und die Ruder gingen tatsächlich schneller. Das Schiff fuhr direkt auf ihr Gesicht zu. Es war eine Galeere. Sehr simpel, archaisch und so verwirrend unpassend für diesen Ort, dass man sich beinah schämte, ihr nicht die gewohnte Umgebung bieten zu können.
Das Schiff besaß eine Aura des Mahnenden und wirkte mit seiner Würde und Schwerfälligkeit auch auf eine mitreißende Art leidend.
Der kleine Schiffskapitän sah in ihr Gesicht. Sein Ausdruck schien von Besorgnis erfüllt. Aber auch ein wenig Zuversicht ließ sich erkennen. Seine buschigen Augenbrauen hoben sich, wie bei einer Aufforderung oder Erwartung.
Und als ob sie diesen Blick verstanden hätte, tauchte sie ein wenig auf, so dass ihr Mund sich wieder über der Oberfläche befand.
„Equitare in spelunca!“ rief der Mann. Dass sie die anderen Männer, die Ruderer, nicht sehen konnte, verlieh dem Schiff ein tragisches Moment, erinnerte es sie doch an ihr eigenes Leben. Die meiste Zeit eingeschlossen im Bergwerk, unsichtbar für die Menschen dort oben, schuftend, leidend und anonym. Am liebsten hätte sie diesem Geisterschiff etwas zugerufen, doch ihre Stimmbänder waren wie gelähmt.
Vielleicht hatte diese Galeere nur darauf gewartet, dass hier endlich jemand ein Bad nahm, weil es ihr nur dadurch möglich war, so zu erscheinen wie sie es tat. Das Schiff kam näher.
„Tardius! Tardius!“ Er wollte, dass die Ruderer langsamer fuhren. Und das taten sie. Das Schiff hielt langsam auf ihr Gesicht zu, auf ihren Mund.
Es sah so echt aus, jede Planke, jede Fuge war zu sehen, aber dennoch schien es wie einer verschobenen Wirklichkeit entsprungen. Sah dieser Mann am Bug auch die schmutzigen Kacheln, den Schaum und die Kerzen? Wusste er, wohin die Reise ging?
Sie konnte es sich nicht verkneifen, ihren Mund zu öffnen. Ganz weit.
Der Kapitän reagierte darauf und rief enthusiastisch:
„Equitare in spelunca!“ „Spelunca“ war ein Wort, das man für „Höhle“ benutzen konnte. Dieses Schiff wollte in eine Höhle, so wie sie sich selbst und tausende Andere in einer Höhle befanden, in den Stollen und Schächten, in dem Labyrinth der Finsternis.
„Remis excslsis!“ Die Ruder hielten mit einem Mal still und fächerten sich hoch in die Vertikale. Das Trommeln verstummte. Die Galeere glitt sanft dahin, schnurstracks in die Höhle ihre Mundes.
Völlig stoisch fuhr es langsam in sie hinein. Es fühlte sich nicht so an, als ob man etwas verschluckte, sondern wie geöffnet zu werden, so weit, dass man sich nie wieder ganz verschließen konnte. Die Trommel schlug ein letztes Mal, mitten in ihrem Gaumen, und es schien ihr, als klopfte der Klang alle verseuchten Gedanken aus ihrem Kopf.
Das Schiff war verschwunden, irgendwie, in ihr. Sie schloss den Mund, fühlte mit der Zunge ihren Gaumen ab. Da war nichts. Als ob es sich aufgelöst hatte.
Sie blieb im Bade liegen, ganz ruhig, bis das Wasser zu kalt wurde.
Das einzige Bad für eine lange Zeit ging zu Ende.
Künftig würde sie in jedem Stein und in jeder Dreckspur, in einem Gesicht eine Seele vermuten,
würde sich von allem aufmerksam beobachtet fühlen. Denn das schien die zwielichtige Lehre aus diesem Erlebnis zu sein, dass es Bedeutung hatte, was sie und die anderen Arbeiter taten, auch wenn sie nur Rohstoffe zu Tage förderten. Und dass es in die Erinnerung der Welt eingebrannt war, so sehr, dass sie selbst vielleicht in 2000 Jahren mit ihrer Spitzhacke den Mund eines zukünftigen Fronarbeiters aufschlagen könnte, als Geist, um sich in ihn zu versenken.

© Guido Ahner 2013

Guido Ahner

Guido Ahner

Nach seinem unvollendeten Langfilm „Calathea“, den er 1986 im Alter von 18 Jahren zu drehen begann, widmete sich Guido Ahner verstärkt dem Schreiben und Malen bzw Zeichnen, gelangte schnell bei der Literatur-Agentur Axel Poldner unter Vertrag und stellte in Hannover und Hamburg Ölgemälde und Kreidearbeiten aus. 1992 war er Preisträger beim Wettbewerb “Jugend und Video” mit seinem S-VHS-Kurzfilm „Der letzte Tag“ und begann ab 1994 Kurzgeschichten in verschiedenen Magazinen und Anthologien (u.a. gemeinsam mit William S. Burroughs) der Social-Beat- und Horrorszene zu veröffentlichen.

Ferner veranstaltete er von 1995 bis 1996 mit zwei anderen Autoren in Hannover die szenische Lesungsreihe „Abende der Psychopathen“, veröffentlichte eine längere Kurzgeschichte beim Magazin „Penthouse“, wirkte als Darsteller und Sprecher bei Kurzfilmen mit und schrieb Filmkritiken.

Guido Ahner arbeitete nebenher immer in Aushilfsjobs (u.a. bei einer Versicherung, als Fahrer, Umzugshelfer, Grafikdesigner, Rundfunksprecher, Lektor und Fotoassistent) und verfasste bis zum Jahr 2000 sieben Romane für die Schublade.

In den 2000’er Jahren zog er sich weitestgehend von seiner künstlerischen Arbeit zurück, unternahm lediglich einige Versuche, als Dehbuchautor Fuß zu fassen, was jedoch zu einer für ihn deprimierenden Erfahrung wurde.

2007 begann er, an einem ehrgeizigen Buchprojekt zu arbeiten: Der 2008 entstandene Roman „Telum“, die drei begleitenden Novellen „Philaeum“, „Otium“ und „Donum“, sowie die freie Fortsetzung “Osculum” sind inzwischen über Amazon erhältlich.

Nach schwerer Krankheit genas er 2011 und ist wieder in vollem Umfang in seinen Schaffensbereichen tätig. Seit 2013 hat er über 20 Bücher in Form von Kurzgeschichtensammlungen, Romanen und Grafik-Bildbänden veröffentlicht.
2014 drehte er nach 22 Jahren wieder einen Kurzfilm: „Der Wortinger“, eine satirische Mokumentary über ein mysteriöses Wesen, das neue Worte erfindet.

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