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Eine fließende Trennlinie

Was ist Horror?

Stellst du diese Frage einer x-beliebigen Person, findest du schnell eine Antwort. Die an für sich klar ausfällt. Aber jeden den du fragst findet eine andere Antwort.

In unserem schönen gruseligen Deutschland beziehen viele den Horror, der zuweilen auch Grusel genannt wird oder Unheimliche Phantastik, oft auf die immer gleichen Quellen: Hoffmann, Poe, Meyrink, Ewers, Lovecraft.
Das ist die schöngeistige Seite. Die weniger schöngeistige Seite bezieht sich auf moderne Horrorfilme: Mord und Totschlag, viel Blut auf der einen Seite, das Böse bricht meist aus dem Nichts über einen.
Oder den Heftroman, bei dem Gut und Bösen meist klar getrennt sind und auch ansonsten alles ordentlich aufgeräumt wirkt, jeder seine zugewiesene Rolle spielt.

In einem Forum begegnete ich einer Person, die behauptete, Horror, das ist alles was Angst macht. Angst vor dem Dunkeln, Angst vor anderen Menschen, Angst vor Spinnen oder sonstigem Getier.

Zwar sind die Helden der Geschichte, die man dem Horror zurechnet, meist strahlende und oft auch blonde, aber eindeutig ist es auch, Horror handelt vom Abartigen, von der dunklen Seite des Menschen, seinen Abgründen.
Daher ist Horror auch eine fließende Trennlinie zum Kriminalroman. Es ist nicht immer das Übernatürliche, das den Horror ausmacht. Es ist das Unheimliche, das Böse, das in jedem von uns steckt oder hinter der Fassade des Nachbarn oder gar des Verwandten lauert und nur darauf wartet, hervor zu brechen.

Horror, das ist all das, was ich oben aufgezählt habe und vermischt sich Jahr für Jahr und erweitert sich. Horror ist zwar auf den ersten Blick etwas, das in die Vergangenheit gerichtet scheint und das abseits der Technik ist, nämlich genau dort, wo der Aberglaube und die Sagen ihren Platz haben. Wenn man genau hinschaut, ist die Welt aber mit zunehmender Technisierung nicht weniger unheimlich geworden.

Es gibt das Darknet, verbrecherische Kräfte versammeln sich in den Weiten des Internets und schließen sich zu pädophilen Ringen zusammen. Gerade der aktuelle Drang nach Extrem Horror zeigt, es ist nicht der wohlige Schauer des viktorianischen Horrorhauses allein, der unheimlich ist. Serienmörder, Psychopathen, Sexualverbrecher, all das ist ein Teil modernen Horrors und er lauert am Rande des Highways oder in den dunklen Winkel moderner Häuser.

Aber Horror ist noch mehr und viele Geschichten, die nicht mit diesem Etikett versehen werden, sind trotzdem ein Teil davon. Cyberpunk, das ist das Genre, welches Digitalisierung und Großstadtromantik (gemeinhin als Punk bezeichnet) vereint und vordergründig mit Science Fiction etikettiert wird, bietet genau das, was der moderne Horrorleser gerne mag. Schließlich lauern in den Weiten des Cyberpunks genau die Dämonen, die den Leser einerseits erschrecken, andererseits aber auch reizen. Und die Machenschaften skrupelloser Konzerne erschaffen dann reellen Horror, entweder durch Mord und Totschlag, oder durch die hervorgebrachte Technik bzw. die außer Kontrolle geratenen Experimente rücksichtsloser Wissenschaftler.

Schwert und Magie, gerade in Person des Brudermörders Kane, ist eine weitere Facette des Horrors. Nicht umsonst sind Vertreter dieses Genres wie Karl E. Wagner und Fritz Leiber in einem weiteren Autorenleben auch Horrorschriftsteller. Und so kämpfen die dunklen Helden zwar in alternativen Welten, doch spricht er die gleichen Instinkte an wie ein auch so etikettierter Horrorroman.

Wer die wahrscheinliche Vorlage des Filmes Alien gelesen hat, A.E. van Vogts Die Expedition der Space Eagle, der erkennt, das selbst klassische Weltraum Science Fiction genau die richtige Kragenweite für potenzielle Horrorleser ist. Die Außerirdischen, auf die die Besatzung trifft, sind nichts anderes als gestaltgewordene Dämonen und in der Unendlichkeit des Alls residiert das potenzielle Böse.

Horror ist in Teilen ein Genre, aber in vielem eine Erwartungshaltung. Horror ist kein formaler Rahmen, sondern eher ein Empfinden, das sich beim Lesen einstellt und sich nur bedingt an äußerlichen Konventionen hält.

Horror ist demnach auch nicht, wie es oft propagiert wird, ein Genre, das selbst im Jahr 2017 noch bei Poe oder Lovecraft verhaftet sein muss und sich bis in alle Ewigkeit selbst plagiiert. Horror ist ein lebhaftes Genre, das mit der Zeit geht, seine eigenen Grenzen testet und, da es ja eher eine Erwartungshaltung als ein starrer formaler Rahmen ist, immer aktuell bleiben wird.

Viele sagen ja, Horror, das ist der wahre Horror: die Vergewaltigung, der Autounfall, die Krankheitsdiagnose. Natürlich ist dieses empfinden genau das, was Horrorliteratur zum Thema hat. Aber genau dafür ist ein gutes Horrorbuch da. Man klappt es zu und damit endet eben auch genau der Horror. Und man kann sein normales Leben weiter führen.

Ein paar Lesetipps:
E.T.A. Hoffmann – Der Sandmann
Edgar A. Poe – Tales of the Grotesque and Arabesque
R. L. Stevenson – Dr. Jekyll und Mr. Hide
H. P. Lovecraft – Der Ruf des Cthulhu
John W. Campbell: Wer ist da?
A.E. van Vogt – Die Expedition der Space Eagle
Richard Matheson – Ich bin Legende
Robert Bloch – Psycho
Karl E. Wagner – Kane
Fritz Leiber – Fafhrd und der Graue Mausling
Stephen King – Carrie
William Peter Blatty – Der Exorzist
Michael Nagula (Hrsg.) – Atomic Avenue. Cyberpunk Stories und Fakten
Thomas Harris – Das Schweigen der Lämmer
Jack Ketchum – Evil
Adam Nevill – Apartment 16
Michael Schmidt

Michael Schmidt wurde 1970 in Koblenz geboren. Er veröffentlichte bisher über 60 Kurzgeschichten, die sich quer durch alle Genres bewegen und oft den Rahmen des Gewöhnlichen sprengen.
Als Herausgeber zeichnete er schon für diverse Anthologien verantwortlich. Zwielicht gewann dabei dreimal in Folge den Vincent Preis.
Seine Kurzgeschichtensammlungen sind bei Create Space Publishing erschienen.

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