Das Horrorgenre kann beim Publikum ein ganzes Kaleidoskop der Emotionen hervorrufen. Grauen, Lust, Angst, Schwindel und sogar Freude gehören dazu, manchmal in paradoxen Kombinationen. Eigenartigerweise scheint es so zu sein, dass die eine Emotion, von der sich das Genre ableitet, am seltensten hervorgerufen wird. Im Klartext: Das Genre ist selten wirklich beängstigend. Tatsächlich scheint der Großteil des zeitgenössischen Horrors seinen Fokus auf andere Effekte gelegt zu haben. Viele zeitgenössische Künstler in diesem Bereich sind offenbar mehr daran interessiert zu verstören, als beängstigend zu sein.

Nun, ich bin ganz und gar für verstörende Kunst, für Werke, die einen beunruhigt zurücklassen. Das ist sicherlich dem aktuellen Trend der hippen, postmodernen Distanz vorzuziehen, einem kreativen Modus, der suggeriert, dass die Motive des Grauens am besten als bloße Spielzeuge eingesetzt werden, die sich geschickt neu arrangieren lassen, um zu veranschaulichen, wie sich die Angst im letzten Jahrtausend entwickelt hat. Hier gilt Raffinesse als tugendhafter als jeder Versuch, das Blut des Publikums gefrieren zu lassen.

Man könnte sagen, dass diese selbstreferentiellen und distanzierten Werke Symptome des anhaltenden Prozesses der menschlichen Verfeinerung sind. Schließlich sind die Chancen, dass wir, geschützt von unseren iPhones, satellitengestützten Sicherheitssystemen zu Hause, und sprachgesteuerten Geländewagen, vor der Vorstellung eines an den Fenstern kratzenden schwarzen Mannes zittern, doch recht gering, nicht wahr?

Ja, sehr gering.

Gering … aber nicht undenkbar.

Ich vermute, dass der Grund, warum sich eine gewisse Form des Horrors für das Philosophische, das Gruselige, das Alberne oder das rein Merkwürdige entscheidet, weniger mit einem Genre zu tun hat, das über sich selbst hinauswächst, als vielmehr mit einer einfachen, uralten Tatsache: ein Publikum zu erschrecken ist außerordentlich schwierig.

Bitte bedenken Sie, dass es nicht meine Absicht ist, die verschiedenen anderen emotionalen und intellektuellen Qualitäten des Genres zu verwerfen. Je größer die emotionale und intellektuelle Bandbreite, desto stärker ist das Werk, glaube ich. Aber abgesehen davon ist das Erreichen des Ziels, dem Leser ein angenehmes Unwohlsein zu bereiten, in seine oder ihre Knochen vorübergehend einen Schrecken fahren zu lassen, das aufzutischen, was M.R. James treffend als “angenehmen Schrecken” bezeichnet hat, eine seltene und schöne Sache.

Vielleicht ist das der Grund dafür, warum das Feld oft mit zerstückelten Überresten und reichlich mit Grausamkeiten überhäuft ist: Wenn du sie nicht erschrecken kannst, dann schockiere sie. Oder in diesem Fall:  stoße sie ab. Ich verweise noch einmal auf einen Kommentar von M.R. James, diesmal in Bezug auf die ziemlich blutgetränkte britische Anthologie-Serie Not at Night: “Es ist nicht schwer, eklig zu werden”.

Meiner Meinung nach sollte ein Genre nicht nach seinen Fehlschlägen oder Beinahe-Fehlschlägen beurteilt werden (denn diese werden immer häufiger auftreten), sondern eher nach seinen Meisterwerken. Ein Ratschlag, den ich allen aufstrebenden Horror-Autoren geben möchte, ist, nicht der starken Versuchung zu erliegen, den Abschaum des Genres zu überblicken und zu denken: “Das kann ich besser machen”. Studieren Sie stattdessen die großen Klassiker, die bleibenden Werke, die seit Generationen die Wirbelsäule zum Kribbeln bringen, und versuchen Sie dann, Ihr eigenes Werk zu gestalten, das die Wirkung dieser Marksteine erreicht oder sogar übertrifft.

Während meine eigene Arbeiten bei emotionalen und philosophischen Themen ebenfalls auf einer ziemlich breiten Palette fußen, liebe ich es dennoch auch, Nackenschläge zu verteilen. Es hat etwas so Feines, so vollkommen Reines, wenn ein Werk der phantastischen Literatur einen Schauer hervorruft. Welch ein Zeugnis für die hart erarbeitete Kunstfertigkeit der Autoren ist es, wenn die Leser – in manchen Fällen Jahrhunderte nach dem Tod der Schriftsteller  – auf körperlicher Ebene auf die von ihnen vermittelten Visionen reagieren. Es ist ein wunderbar gelungenes Gleichgewicht zwischen Wortwahl, Handlung, Bildern, der Denkweise des Lesers und persönlichen Ängsten, die vielleicht unter dem Radar der bewussten Wahrnehmung schwelen.

Charles Lamb bietet in seinem Aufsatz “Witches and other Night-Fears” von 1821 eine prägnante Erklärung für die anhaltende Kraft der übernatürlichen Bilder:

Gorgonen und Polypen und Chimären – die schreckliche Geschichten von Kelaino und den Harpyien – mögen sich in den abergläubischen Gehirnen fortsetzen – aber sie waren schon vorher da. Sie sind Kopien, Modelle – die Archetypen sind in uns, und zwar ewig. Wie sonst sollten uns die Darstellungen, von denen wir wachen Sinnes wissen, dass sie falsch sind, überhaupt beeinflussen?

Also, ja, Horror kann mehr als nur Angst machen. Aber gleichzeitig glaube ich, dass es wichtig ist, “furchterregend” zu sein, wie kindisch das auch klingen mag. Und erhaben. Ich wette sogar, dass ein Teil der Leser sich in den meisten Fällen diesen “angenehmen Schrecken” wünscht, sobald er einen Horrorroman in die Hand nimmt.

Was uns erschreckt, ist natürlich immer sehr unterschiedlich. Aber zu Ihrem eigenen Vergnügen, lieber Leser, gestatten Sie mir, dreizehn Werke aufzuzählen, die mir die seltene Freude des Hochdramatischen, des Über-die-Schulter-Schauens, der Angst davor, das Licht auszumachen bereitet haben:

  1. “Der Strid” von Gertrude Atherton
  2. “Die Züge” von Robert Aickman
  3. “Die Affenpfote” von W.W. Jacobs
  4.  “Julia” von Peter Straub
  5. “Petey” von T. E. D. Klein
  6. “Negotium Perambulans” von E. F. Benson (Nicht in Deutsch erschienenen; das Phantastikon plant eine Übersetzung)
  7. “Again” von Ramsey Campbell
  8. “Der andere Flügel” von Algernon Blackwood
  9. “Der menschliche Stuhl” von Edogawa Rampo
  10. “Tauben aus der Hölle” von Robert E. Howard
  11. “Die obere Koje”” von F. Marion Crawford
  12. “Die Erscheinung” von Guy de Maupassant
  13. “Eine Schulgeschichte” von M. R. James

Viel Spaß beim Lesen, ihr Leichenfledderer.