Ein Interview mit Rafael Marques

Rafael Marques erblickte als Rafael Hoppe am 12.11.1987 in Limburg das Licht der Welt, wo er auch heute wieder lebt. Nachdem er seinen Bachelor erfolgreich abgeschlossen hatte, ist er seitdem im Logistikbereich tätig. Mit seinem ersten Sinclair-Abenteuer, Aibons Höllensee (JS Band 1957), erfüllte er sich einen Herzenswunsch. Seither zählt Rafael Marques zum Stamm der „John Sinclair-Autorenriege“. Begonnen hat seine schriftstellerische Laufbahn im Online-Magazin Geisterspiegel. Dort schrieb er die Online-Serie „Jimmy Spider“ (2008-2015). In der Anthologie Dark Crime II (Geisterspiegel / erschienen bei Romantruhe) hat er ebenfalls seine Spuren hinterlassen.

Dieses Interview erscheint zeitlich mit unserer Übersicht zu Dark Land Band 11: Die Henker.
der erste „Sinclair“ aus Rafaels Feder

Phantastikon: Lieber Rafael, schön dass du für uns Zeit gefunden hast, um ein paar Fragen zu beantworten. Bis auf den geheimnisvollen Graham Grimm haben wir die Autoren der Dark-Land-Reihe nun hier versammelt. Aber du schreibst ja auch für John Sinclair. Gleich zu Beginn falle ich also mal mit der Tür ins Haus: Sinclair oder Dark Land? Was geht dir beim Schreiben leichter von der Hand?

Rafael: Schön, dass ihr euch die Zeit genommen habt, mir welche zu stellen (Augenzwinkern). Die Frage ist nicht ganz so einfach zu beantworten. Da ich ja nun schon seit knapp 15 Jahren selbst Sinclair-Leser bin, fiel es mir beim ersten Mal – zumindest gefühlt – leichter, einen JS-Roman zu schreiben. Dark Land war dagegen Neuland, in das ich mich erst einmal einfinden musste. Mittlerweile hat sich das aber komplett geändert. Ich würde sagen, inzwischen läuft beides gleich gut.

Phantastikon: Wie stimmst du dich als Autor auf die doch sehr unterschiedlichen Settings ein? Oder ist das für dich bereits Routine?

Rafael: Ich hoffe, dass sich in dieser Beziehung nie Routine einsetzt. Es ist immer ein schönes Gefühl und gleichzeitig ein kreativer Prozess, sich jedes Mal neu in die Settings hineinzudenken. Irgendwie stecken die Szenerien nach einer Weile fest in meinem Kopf, aber es braucht einen Moment, sich richtig hineinzufühlen.

Phantastikon: Du bist ja selbst ein großer Kenner und Fan der Sinclair-Serie. Ist das eher ein Vorteil oder ein Nachteil beim Verfassen der einzelnen Abenteuer, denen du selbst früher entgegengefiebert hast?

Rafael: Ich glaube, beides. Einerseits ist es so, dass ich durch mein jahrelanges Fan-Sein das Gefühl habe, mich sehr gut in die bekannten Figuren hineindenken und sie dem Charakter entsprechend beschreiben zu können. Außerdem bringt es immer noch eine besondere Motivation mit sich, die Romane schreiben zu dürfen, auf die man als Jugendlicher jede Woche sehnsüchtig gewartet hat. Andererseits habe ich beispielsweise das Gefühl, dass ich Gefahr laufe, es mit meinem Sinclair-Wissen zu übertreiben. Bei vielen Handlungsabläufen und Szenerien fallen mir Bezüge zu älteren Fällen ein, die ich gerne irgendwie einbauen würde. Wenn das passiert, muss ich aufpassen, mich dabei nicht zu verzetteln.

Phantastikon: Kannst du jemandem, der es nicht kennt, vielleicht kurz erläutern, was der Fandom damit meint, wenn es vom typischen „Sinclair-Feeling“ spricht?

Rafael: Ich glaube, das kann man nicht in Worte fassen. Zumindest könnte ich das nicht. Man muss die Serie einfach eine Weile lesen, um zu wissen, was damit gemeint ist.

Phantastikon: Was hat dich eigentlich dazu veranlasst, nach Sinclair auch Dark Land zu machen?

Rafael: Das dürfte dann wohl Britta gewesen sein. Sie hat mich gefragt, ob ich nicht Interesse hätte, auch mal einen Dark Land zu schreiben. Aber seit ich dabei bin, bringt mich einfach der Spaß an der Serie dazu, weiter an Dark Land mitzuschreiben.

Phantastikon: Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei dir aus?

Rafael: Ich stehe zu einer unschön frühen Zeit auf, fahre 45 min zur Arbeit, mache 8 Stunden meinen „normalen“ Job – und dann nehme ich mir nach Feierabend und vor der Fahrt nach Hause die Zeit, ein paar Seiten zu schreiben. Und nach der Heimfahrt versuche ich, noch ein bisschen weiterzuschreiben. Leider macht mir der Alltag dabei aber auch öfter mal einen Strich durch die Rechnung.

Phantastikon: Wie reagiert man eigentlich in deinem Umfeld darauf, dass du jetzt „Groschenromane“ schreibst?

Rafael: Eigentlich höre ich nur Positives. Vielleicht, weil in meinem Umfeld kaum noch jemand die Bezeichnung „Groschenromane“ kennt.

Phantastikon: Glaubst du, dass JS auch einen religiösen Aspekt bedient? Schließlich ist er der „Sohn des Lichts“ – und die Symbolik trotz anderer Mythologien unverkennbar.

auch hier zu finden: Die Anthologie „Dark Crime II“

Rafael: Man kann das sicher auch so sehen. Ich will nicht so weit gehen und behaupten, dass JS eine sehr religiöse Serie ist, aber grundsätzlich ist es ja schon so, dass der christliche Held gegen teuflische Mächte und (meist böse) heidnische Dämonen und / oder Götter kämpft. Auch wenn natürlich durch Suko auch ein buddhistischer Aspekt einfließt und häufig Wesen aus anderen Kulturkreisen positiv dargestellt werden. Für mich war das aber bisher komplett nebensächlich, es spielt für mich nur im Rahmen der Handlung selbst eine Rolle. Letztendlich kann jeder selbst entscheiden, wie wichtig einem dieser Aspekt an der Serie ist.

Phantastikon: Was mich auch gleich zur nächsten Frage bringt: Hat man vielleicht ein etwas „verqueres“ Verständnis von Religion, wenn man Grusel oder Horrorgeschichten schreibt? Und bist du selbst in irgendeiner Form religiös?

Rafael: „Verquer“ würde ich das jetzt nicht nennen. Als Autor bedient man nun einmal die bestehende Nachfrage nach solchen Geschichten, die dann von religiösen und nichtreligiösen Menschen gelesen werden. Allerdings kann man als Autor bei seinen Recherchen etwas über den Tellerrand blicken, weil man ja mit vielen Religionen in literarischen Kontakt kommt. Ich persönlich bin nicht religiös, aber auch kein Atheist. Mehr verrate ich nicht.

Phantastikon: Gab es schon mal etwas, das du mit JS gern gemacht hättest, das aber partout nicht zur Serie passt?

Rafael: Da fällt mir nichts ein. Wahrscheinlich bin ich schon so lange Sinclair-Leser, dass ich da gar nicht auf Ideen komme, die nicht in die Serie passen.

Phantastikon: Gibt es einen Autor, der dir als Vorbild dient? Und wenn es einen gibt, was ist für dich das Besondere an ihm?

Rafael: Ein bestimmtes Vorbild habe ich jetzt nicht. Aber der Autor, der mich durch seine Romane am nachhaltigsten geprägt hat, dürfte Jason Dark sein.

Phantastikon: Noch schreibst du im Heftroman-Sektor. Hast du Ambitionen, einmal etwas anderes schreiben zu wollen? Gibt es vielleicht schon Pläne, Exposés und derlei?

Rafael: Ambitionen gibt es auf jeden Fall, aber wirkliche Pläne gibt es noch nicht. Ich glaube, bis dahin wird es noch etwas dauern. Im Moment bin ich ja gerade erst in meinem zweiten Jahr als Heftroman-Autor. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. In der Schublade hätte ich auf jeden Fall das eine oder andere.

Phantastikon: Würdest du dich eher als einen Träumer oder als jemanden bezeichnen, der mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht?

Rafael: Mal so, mal so, würde ich sagen. Die Realität hält mich meistens davon ab, ganz abzuheben. Aber ein bisschen träumen kann nie schaden. Besonders, weil mir dabei auch viele neue Ideen für meine Romane kommen …

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung „Seitenwind“ (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: „Equipe Propheta“ (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: „Die Geschichte des Uhrenträgers“ (2007), „Guckkasten“ (2011), „Entropia“ (2014); Story im IF #666: „Dorothea“. 2018 Herausgeber der „Miskatonic Avenue“, mit der Story „Der Gehenkte“ vertreten.