Edgar Poe – Der Rabe von Baltimore

Wir können heute sagen, dass ohne Baudelaire, dem 1847 die Erzählung „Die schwarze Katze“ unter die Augen kam, Poe vermutlich vergessen wäre. Just in jenem Moment, als der Dichter voller Trübsinn und Angst am Sterbebett seiner jungen Frau wachte, setzte er die ganze literarische Welt Frankreichs in Aufruhr, doch davon bekam er nichts mit.

Durch eine bis heute unübertroffene Übersetzung von 36 Prosastücken und die damalige Weltgeltung der französischen Sprache, wurde das Prosawerk Poes schnell in Europa und Südamerika bekannt. Dazu gesellte sich im Jahre 1875 Stéphane Mallarmé, ein glühender Verehrer Poe’scher Lyrik, mit der Übertragung der Gedichte in rhythmischer Prosa. Vorher schon, 1873, hatten Verlaine und der junge Rimbaud Englisch zu lernen begonnen, um Poe im Original lesen zu können.
In Frankreich steht die ganze Reihe der Lyriker, Baudelaire, Rimbaud, Verlaine, Mallarmé und Valery in der Nachfolge Poe’s, von seinem Prosawerk beeinflußt wurden unter anderem Huysmans und Maeterlinck. Selbst Conan Doyle sagte:

„Wenn jeder Autor, der ein Honorar für eine Geschichte erhält, die ihrer Entstehung Poe verdankt, den Zehnten für ein Monument des Meisters abgeben müsste, dann ergäbe das eine Pyramide so hoch wie die Cheops.“

Die ganze amerikanische Literatur war 1835, als sie von Poe gemustert wurde, zunächst seine Erfindung. Die Nachfolger, die diese Behauptung erst eigentlich legitimierten, wie Hawthorne, Melville und Whitman – jeder von ihnen war von Poe beim Erstlingswerk, sozusagen auf Anhieb erkannt, und zwar richtig erkannt worden.

War es Elizabeth Poe, die in ihrem frühen Tode mit 24 Jahren aussah wie blanker Marmor, im flackernden Kerzenschein, schöner als je zuvor, deren Bild der 3-Jährige Poe in Erinnerung behielt und deren Sinnbild zu einer schauerlich-gefährlichen, aber auch zur unverzichtbar romantischen Begleiterin der Liebe wurde, der ihn die 13 Jährige und blasse Virginia, die ihm nie Gefährtin sein konnte, weil selbst schon bald vom Tode umkrallt, heiraten ließ?
Oder rührt die Nekrophilie, die in Poes Erzählungen immer wieder auftaucht von der Mutter eines Freundes, zu der er in seiner Jugend leidenschaftliche Zuneigung faßte und die er einmal „die ideale Liebe meiner Seele“ nannte. Als sie starb besuchte er Nacht für Nacht ihr Grab.
Ausnahmslos sind alle Frauen seines Werkes entweder Statuen oder Engel. Virginia starb, drei Tage nachdem der in Frankreich noch unbekannte Baudelaire zu Poes Apostel wurde und die Lektüre der „schwarzen Katze“ in seinem Tagebuch vermerkte.

Michael Perkampus

Michael Perkampus

Kulturanthropologe, Übersetzer, Sammler von Comics, phantastischer Literatur und Filmen. Gründer des Phantastikon, Eskapist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Um einen Kommentar zu verfassen, müssen Sie mit den Datenschutzbedingungen einverstanden sein.