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Edgar Allan Poe: Verlassen, verehrt und verliebt, Teil II

Im Dezember 1831 geriet Edgar Allan Poe in Gefahr, wegen einer Schuld, die durch die Krankheit und den Tod seines Bruders entstanden war, ins Schuldgefängnis zu kommen.

„Lieber Papa! Ich bin sicher, dass Sie mich im Hinblick auf meine Notlage nicht im Stich lassen wer­den. Wie oft haben Sie sogar Wildfremden geholfen unter Umstün­den, die weit weniger brennend waren, als die meinigen.
Wie also könnten Sie sich weigern mir zu helfen, wenn ich Sie im Namen Gottes um Beistand bitte, Ich weiß, dass ich mir all Ihn’ Güte verscherzt habe und keine Hoffnung hegen darf, mir je wieder Ihre Zuneigung zu erwerben.
Aber, um Christi Willen stürzen Sie mich nicht in den Untergang wegen eines Geldbetrages, den Sie leicht verschmerzen werden und mit dem Sie mich aus der schrecklichsten Not retten.“ (Edgar Allan Poe, Baltimore 15. Dezember 1831)

Als am 29. Dezember 1829 immer noch keine Antwort kam, schrieb Poe:

„Ich weiß, dass ich keinen Anspruch auf Ihren Edelmut habe und dass ich das letzte bisschen Ihrer Zuneigung längst verwirkt habe.
Aber bei allem, was Ihnen jemals teuer war, bei der Liebe mit da Sie mich einst auf Ihren Knien schaukelten und ich Sie Vater nannte, versagen Sie sich dies eine Mal nicht — Gott wird es Ihnen danken.“

Edgar Allan Poe bekam zwar anscheinend keine Antwort auf seinen Brief, aber sein ehemaliger Pflegevater ließ ihm 20 Dollar über eine Bank zukommen.

Vererbte Poe nichts: Pflegevater John Allan

Vererbte Poe nichts: Pflegevater John Allan

Am 12. April 1829 schrieb er ein drittes und letztes Mal an seinen Pflegevater, doch zu dieser Zeit war John Allan bereits ein schwerkranker Mann, der im März 1834 verstarb und in seinem Testament zwar seine unehelichen Kinder bedachte, aber mit keinem Wort und keinem Cent seinen einstigen Pflegesohn Edgar Allan Poe erwähnte, der sechzehn Jahre in seinem Haus gelebt hatte.
Das Testament Allans erregte nach Allans Tod zwar einiges Aufsehen in der Richmonder Gesellschaft, aber es war juristisch unanfechtbar. Seine reiche Witwe handelte also nur in seinem Sinne, wenn sie danach jedes Gespräch mit Poe ablehnte.
Doch trotz sein jämmerlichen Lage war Poe nicht untätig und er hatte auch einige Erfolge aufzuweisen, wenngleich es natürlich nicht Erfolge waren, die auf John Allan den geringsten Eindruck gemacht hätten.
In der Dachkammer, die er nach dem Tode seines Bruders allein bewohnte, entstand das erste Dutzend seiner Kurzgeschichten. Fünf davon erschienen 1831 anonym im „Philadelphia Saturday Courier“.

Poe hatte sie für ein Preisausschreiben eingeschickt. Den Preis erhielt zwar nicht er, sondern die Verfasserin einer sentimentalen Liebesgeschichte, aber die Preisbedingungen sahen vor, dass auch die nichtprämiierten Arbeiten zum Abdruck überlassen würden — ohne Honorierung freilich, wie sich herausstellen sollte.
Von diesen fünf Geschichten war eigentlich nur METZGERSTEIN eine echte Erzählung, obschon sie im Vergleich zu seinen späteren Meisterwerken dieser Gattung kaum mehr als eine Vorübung ist.

abaltimorepoeWichtiger für Poe wurde das Ergebnis eines anderen Preisausschreibens, das der „Baltimore Saturday Visiter“ 1833 für das beste Gedicht und die beste Geschichte veranstaltete: hier siegte Poe mit seiner Erzählung DAS MANUSKRIPT IN DER FLASCHE und erhielt den ausgesetzten Preis von fünfzig Dollar.
Das Aufsehen war groß, und man wurde nicht nur in Baltimore aufmerksam, als im Spätherbst die preisgekrönte Geschichte auf der Titelseite der angesehenen und weitverbreiteten Zeitschrift veröffentlicht wurde.
Eine andere wichtige Folge des Preises war, dass der oberste der drei Preisrichter, John Pendleton Kennedy, auf ihn aufmerksam wurde.

Kennedy war nicht nur ein bekannter und beliebter Schriftsteller, sondern als Kongressmitglied und Generalstaatsanwalt eine der angesehensten Persönlichkeiten der Stadt. Er verlor zwar Poe nach der ersten Bekanntschaft wieder eine Weile aus den Augen, aber er erinnerte sich seiner gleich, als er erfuhr, das sich der junge Dichter vergeblich um einen Lehrerposten bei den städtischen Schulen be­worben hatte.
Er lud ihn sofort zum Dinner in sein Haus ein und war tief bewegt, als er daraufhin folgenden Brief Poe’s erhielt:

„Ihre freundliche Einladung zum Dinner heute hat mich ins Herz getroffen. Leider kann ich nicht kommen und zwar wegen des äußerst traurigen Zustandes meiner Kleidung.
Sie können sich denken, wie schmerzlich es für mich ist, Ihnen diese Aufklärung zu geben — aber es ist notwendig.
Wenn Sie Ihre Freundschaft so weit treiben können, mir 20 Dollars zu leihen, werde ich Sie morgen besuchen. Andernfalls ist es unmöglich und ich muß mich mit meinem Schick­sal abfinden.“

Wie John Pendleton Kennedy darauf reagierte, hat er selbst in seinen Lebenserinnerungen beschrieben:

Ein wichtiger Gönner: J.P. Kennedy

Ein wichtiger Gönner: J.P. Kennedy

„… ich fand ihn in Baltimore nicht weit vom Hungertod entfernt. Ich gab ihm Kleidung, einen ständigen Platz an meiner Mittagstafel und stellte ihm ein Pferd zur beliebigen Benutzung zur Verfügung.
Es gelang mir, ihn der äußersten Verzweiflung zu entreißen. Dann verschaffte ich ihm eine Beschäftigung bei Mr. White in der Redaktion des ‚Southern Literary’ in Richmond.
Seine Fähigkeiten verschafften dieser Zeitschrift erheblichen Glanz, solange er mit ihr verbunden blieb …“

Die Honorare aus Richmond scheinen zwar anfangs recht ärmlich gewesen zu sein, aber der Verleger White fand um so mehr Gefallen an Poes Erzählungen und Rezensionen, als er bald auch ein deutliches Leserinteresse dafür feststellen konnte.
Im Juni 1835 machte er dem talentierten Mitarbeiter das Angebot, in die Redaktion der Zeitschrift einzutreten — es war das erste Mal in Poe’s Leben, dass ihm eine Stellung angeboten wurde.

„Sie fragen mich, ob ich gewillt wäre, nach Richmond zu kommen, wenn sich im kommenden Winter Gelegenheit dazu ergeben sollte. Ich antwortete, dass ich es mit dem größten Vergnügen täte.
Ich hatte in der zurückliegenden Zeit so manches Mal den Wunsch, Richmond einen Besuch abzustatten, und ich wäre glücklich, wenn sich nun ein vernünftiger Grund dafür fände.
In der Tat hätte ich sogar große Lust, mich in Richmond niederzulassen, und wenn Sie eine Möglichkeit sehen, mir eine Stellung zu geben, die mir einigermaßen entspricht, würde ich gern annehmen, wäre das Gehalt auch noch so klein.
Sie würden mich stärkstens verpflichten, wenn ich durch Ihre Verwendung dieses Ziel erreichte.“ (Edgar Allan Poe)

Im Sommer 1835, erhielt Poe wohl die Zusage des Verlegers, und Anfang August scheint er in Richmond angekommen zu sein. Kurz vor seiner Ankunft war seine 79jährige Großmutter gestorben.
Das vergrößerte seine Sorgen, weil die Familie Clemm nach dem Wegfall der kleinen Pension in die allerschlimmste Notlage geraten war.

Poe, der so viele Jahre in diesem Hause gewohnt hatte und dir meiste Zeit ohne Gegenleistung mit durchgefüttert worden war, konnte Frau Clemm und ihre Tochter Virginia unmöglich im Stich lassen.
Er wollte es auch um so weniger, als seine Neigung für die fröhliche, anhängliche und frühentwickelte Virginia bereits viel stärker war, als es selbst die Nächststehenden ahnten.

„…Sie wissen, dass ich Virginia hingebungsvoll liebe. Ich kann es gar nicht in Worte fassen, was ich für meine liebe kleine Kusine empfinde, meinen einzigen Schatz.“ (Edgar Allan Poe)

Es war sicherlich nicht immer einfach, Poe’s Freund zu sein, und es wurde in späteren Jahren immer schwieriger, ihm zu helfen, soweit ihm überhaupt zu helfen war.

„Auf Ihre Verwendung hin entschloss sich Mr. White, mich als Redakteur bei seinem Magazin anzustellen für ein Jahresgehalt von 520 Dollar. Meine Situation ist günstig — aber leider kommt es mir vor, als könnte mir nichts mehr Freude machen oder die leiseste Befriedigung gewähren.
Mein gegenwärtiger Zustand ist jammervoll. Ich leide an einer geistigen Depression wie nie zuvor. Vergeblich habe ich gegen diese lastende Melancholie anzukämpfen versucht — glauben Sie mir, dass ich mich elend fühle trotz der großen Verbesserungen meiner Lage. Mein Herz liegt offen vor Ihnen — wenn Sie es der Mühe wert erachten, lesen Sie darin. Mir geht es erbärmlich, und ich weiß nicht warum. Spenden Sie mir Trost, wenn Sie es vermögen. Aber tun Sie es gleich, sonst könnte es zu spät sein.
Schreiben Sie mir so­fort. Überzeugen Sie mich, dass es der Mühe wert, dass es notwen­dig ist, zu leben — und Sie werden sich wirklich als mein Freund er­weisen. Betrachten Sie es nicht als Spaß, was ich Ihnen hier schreibe — haben Sie Mitleid mit mir — ich merke, dass ich unzusammenhängend schreibe, aber ich will nichts verbergen.
Sie werden ganz richtig feststellen, dass ich unter einer geistigen Depression leide, die mich zugrunde richten wird, wenn sie noch lange anhält.
Schreiben Sie mir also und schnell. Drängen Sie mich auf den rechten Weg. Ihre Worte werden mehr Gewicht haben als die Worte anderer — denn Sie sind mein Freund, wenn es überhaupt jemand ist…“ (Edgar Allan Poe)

Im September 1835 verließ Edgar Allan Poe überraschend Richmond und seinen neuen Arbeitsplatz und kehrte nach Baltimore zurück.

„Lieber Edgar. Wenn es nur in meiner Macht läge, mich Ihnen so zu offenbaren, wie es den Umständen angemessen ist. Das kann ich aber nicht und muss mich daher begnügen, ganz schlicht zu sprechen, wie es meine Art ist.
Ich glaube Ihnen, dass Sie es aufrichtig meinen mit Ihrem Versprechen. Aber, Edgar, wenn Sie je wieder auf solche Abwege geraten, dann, fürchte ich, werden Ihre guten Vorsätze zu Fall kommen. Sie werden wieder diesen Saft schlürfen bis zur Besinnungslosigkeit.
Wenn Sie sich nur auf Ihre eigene Kraft verlassen, sind Sie verloren. Bitten Sie Ihren Schöpfer um Hilfe, und Sie wer­den gerettet werden.
Niemand auf der Welt außer mir selbst weiß, wie tief ich es bedauert habe, dass Sie fortgingen. Ich war Ihnen zugetan und bin es noch, und ich möchte gern von Rückkehr sprechen, wenn ich nicht fürchten müsste, dass es sehr bald eine neue Trennung gibt.
Wenn Sie sich dazu entschließen könnten, bei mir oder in einem anderen Privathaus Quartier zu nehmen, wo es keinen Alkohol gibt, gäbe es Hoffnung für Sie.
Wenn das aber wieder in einer Taverne geschieht oder anderswo, wo getrunken wird, gibt es keine Rettung für Sie. Ich spreche aus Erfahrung. Sie haben so viel Begabung, Edgar, und Sie sollten sie achten wie sich selbst.
Lernen Sie sich selbst achten, und Sie werden bald feststellen, dass Sie geachtet werden. Trennen Sie sich vom Alkohol und von den Saufbrüdern für immer! Sagen Sie mir, ob Sie das wollen und können und versichern Sie mir Ihren festen Vorsatz, jede Versuchung zu meiden. Wenn Sie nach Richmond zurückkehren und wieder bei mir arbeiten wollen, dann geschieht das unter der Voraussetzung, dass alle Vereinbarungen nichtig sind in dem Moment, da Sie sich wieder dem Trunk ergeben.
Kein Mann ist verlässlich, der schon vor dem Frühstück trinkt, ein solcher Mann kann nicht ordentlich seiner Arbeit nachgehen…“ (Verleger White)

Ende Oktober kehrte Poe nach Richmond zurück. Mit ihm kamen Frau Clemm und Virginia.
Es war Poe gelungen, seine Tante zu überreden, ihr Schicksal und das ihrer Tochter an das seine zu binden. Er hat fortan seine Tante wie eine zweite Mutter betrachtet, und unleugbar war die ständige Fürsorge dieser herzenswarmen und lebenstüchtigen Frau ein Segen für ihn.

Child-Wife Virginia

Child-Wife Virginia

Am 16. Mai 1836 heiratete Edgar Allan Poe seine Cousine Virginia, um die er so leidenschaftlich geworben hatte.
In der Heiratsurkunde ist das Alter Virginias mit einundzwanzig Jahren angegeben, während sie in Wahrheit noch nicht einmal das vierzehnte Lebensjahr vollendet hatte. Sie war also altersmäßig noch ein Kind.
Doch damals wurden in den meisten Staaten Amerikas jung geheiratet. Oft sogar sehr jung. Die amtlichen Formalitäten waren gering. Auch Poe’s Mutter war, als sie ihre erste Ehe schloss, erst fünfzehn Jahre alt.
Aber immerhin muss man sich fragen, warum Poe so sehr die Ehe mit diesem jungen Mädchen wünschte, das ihm zunächst noch gar keine Frau sein konnte (und es in der Folge auch nie wurde) und erst recht keine geistige Gefährtin.

Nun waren jedoch die Beziehungen Poe’s zu Frauen insgesamt recht merkwürdiger Natur. Stets drängte es ihn zu schönen und verständnisvollen Frauen, immer wieder warb er um diese oder jene, die ihm gerade alle Vorzüge zu verkörpern schien, manchmal mit geradezu peinlichem Eifer.
Fast immer kam jedoch, wenn die Dinge dem Stadium einer Bindung zustrebten, etwas dazwischen, was man nicht nur Unglück oder Pech nennen kann, sondern was in der Summe eher wie eine halb- oder unbewusste Flucht nicht so sehr vor der ehelichen Bindung als vor der ehelichen Gemeinschaft aussieht.
Die kindliche Virginia, die Poe 1836 heiratete, seine Kusine Sissy, sein “child-wife”, wie er sie selbst nannte, passte indessen ausnehmend gut zu all dem, was wir von ihm als Mann wissen.
Hier konnte er sich auf die ritterliche Beschützerrolle beschränken und trotzdem, dank der hausfraulichen Tüchtigkeit seiner Tante und Schwiegermutter, ein inniges und schützendes Familienleben genießen.
Darüber hinaus erfüllte seine junge Frau in ihrer äußerlichen Erscheinung alle Ansprüche, die er an eine Idealschönheit stellte.
Sie war zart gebaut, hatte ein ungewöhnlich blasses Gesicht, große rätselhafte Augen und eine Fülle schwarzer Haare.
Durch ihre fremdartige Schönheit fiel sie auch sogleich in dem kleinen Richmond auf. Denn Viriginia und ihr Mann Edgar Allan Poe bildeten ein zwar interessantes, aber zugleich auch ungewöhnliches Paar.

Ingo Löchel

Ingo Löchel wurde 1968 in Köln geboren. Im Alter von 10 Jahren begann er Fantasy- und Horror-Romane sowie Heftromanserien wie „Mythor“, „John Sinclair“ und „Tony Ballard“ zu lesen.
Seit dieser Zeit zählen u. a. Autoren wie Robert E. Howard, H. P. Lovecraft, Clark Ashton Smith, Michael Moorcock, Karl Edward Wagner und Dean R. Koontz zu seinen Lieblingsautoren.
Etwas später kam er durch Mickey Spilane, Colin Forbes, Jack Higgins und Robert Ludlum auch mit dem Krimi- und Thriller-Genre in Berührung.

2001 erschienen die beiden Anthologien „Tod eines Satanisten – Dunkle Stunden“ (VirPriV Verlag) und „Jenseits des Happy Ends” (Go–BeJot Verlag), in denen zum ersten Mal Kurzgeschichten von ihm veröffentlicht wurden.

Danach folgten weitere Veröffentlichungen u. a. im Abendstern Verlag, im Adina-Online Verlag und im Wortwelten Verlag sowie die Veröffentlichung seiner ersten beiden Romane im Adina-Online Verlag.

Neben seinen Kurzgeschichten und Romanen schrieb er auch Artikel und Essays für das Magazin „Omicron“ sowie für die Literaturzeitschrift „Wortwelten“. Seit 2007 ist er Redakteur des Online-Magazins „Zauberspiegel“.

2012 schuf Ingo Löchel nach der Fantasy-Serie “Der letzte König von Atlantis“, den Horror-Serien „Frank Bauer“, „Frederik Darkstone“ und „Erben des Blutes“, die Horror-Western-Serie „Dead City“, die seit Juli 2015 im Elvea Verlag erscheint.

Im Juli 2015 startete zudem seine Horror-Serie “Frederik Darkstone” im Verlag Beyond Affinity.

Im Oktober 2015 folgt die Horror-Serie “Erben des Blutes”, die ebenfalls im Verlag Beyond Affinity veröffentlicht wird.

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