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Edgar Allan Poe: Lust, Last, Launen und Lobgesang, Teil I

Edgar Allan Poe wurde am 29. Januar 1809 als Sohn der beiden Schauspieler David und Elizabeth (geborene Arnold) Poe in Boston geboren.

Zwei angesehen Familien der Stadt nahmen sich der beiden mittellosen Kinder an. Edgar kam in das Haus der Allans und die einjährige Rosalie in das der Mackenzies.

Poes Pflegemutter Frances

Poes Pflegemutter Frances

Die Pflegeeltern Poes waren der aus Schottland stammende Bostoner Kaufmann John Allan und seine Frau Frances Allan, geborenen Valentine. Die Ehe der beiden blieb kinderlos.
Während Frances ganz mit all ihren mütterlichen Gefühlen den kleinen Poe zuwandte, war Allan eher kühl und zurückhaltend.
Ein Grund hierfür lag wahrscheinlich daran, dass Allan bereits zwei uneheliche Kinder besaß, was aber erst viel später entdeckt wurde.
Allan gab dem Drängen und Bitten seiner Frau nur insoweit nach, dass er Poe in seine Familie aufnahm und ihn wie einen eigenen Sohn erzog.
Zur Familie gehörte auch Frances ältere Schwester, Anne Moore Valentine, der die Führung des Haushalt der Allans anvertraut war.

Um das Jahr 1815 fasste John Allan den Entschluss nach England zu reisen. Mit seiner Frau, seiner Schwägerin und Poe segelte er am 17. Juni 1815 aus dem Bostoner Hafen Richtung Liverpool, dass er am 28. Juli erreichte.
Bis zum Herbst des Jahres blieben die Allans in dem Küstenstädtchen Irvine, eine knappe Tagesreise von Glasgow entfernt. Dort machte der junge Poe die Bekanntschaft mit schier unzähligen ‚Cousins’ aus der Stadt und der Umgebung.
Was dem siebenjährigen Edgar aber am wenigsten gefiel, war die schottische Schule mit ihrer mittelalterlichen Strenge.
apoe4Die Hälfte des Unterrichts galt der religiösen Unterweisung, und auch mit Prügeln wurde nicht gespart.
Als Allan den kleinen Poe nach einer längeren Reise, die schließlich in London endigte, wieder nach Irvine zurückschickte, damit er dort unter der Obhut seiner Schwestern weiter die Schule besuche, erlebte er den ersten festen Widerstand seines Pflegesohns;
Edgar ging mit seinen Klagen und seinem Trotz den Tanten derart auf die Nerven, dass sie ihn schon wenige Monate später bei Allan in London ablieferten.
Seine stärksten englischen Eindrücke erhielt er dann im Internat der „Manor House School“ des Reverends Bransby in Stoke Newington, damals noch ein stilles und verträumtes Dorf in der Nähe Londons und inzwischen längst von der Riesenstadt London verschluckt.

In seiner Erzählung William Wilson beschreibt Poe seine Eindrücke recht eingehend und wehmütig:
„Meine ersten Erinnerungen an einen regelrechten Unterricht sind mit einem großen weitläufigen Hause in einem düsteren Städtchen Englands verknüpft, wo es eine ganze Menge riesiger, knorriger Bäume gab und alle Häuser uralt waren.
Ja wirklich, es war ein Städtchen wie in einem stillen Traum; alles dort wirkte würdig und beruhigend, jetzt, da ich dies schreibe, fühle ich wieder im Gei­ste die erfrischende Kühle seiner tiefschattigen Alleen, atme den Duft seiner tausend Büsche und Hecken und erschauere von neuem unter dem tiefdunklen Ton seiner Kirchenglocken, die Stunde für Stunde mit plötzlichem Dröhnen die Sonnennebel durchbrachen, in die der verwitterte Kirchturm schlummernd eingebettet lag.

Das Haus … war alt und von weitläufiger, unregelmäßiger Bauart. Das Grundstück war sehr umfangreich und von einer hohen festen Backsteinmauer umschlossen, die oben mit Mörtel bestrichen war, in dem Glassplitter steckten.
Dieser Festungswall, diese Gefängnismauer bildete die Grenze unseres Reichs, das wir nur dreimal in der Woche verlassen durften: einmal Samstag Nachmittag, wenn wir, von zwei Unterlehrern begleitet, gemeinsam einen kurzen Spaziergang in die angrenzenden Felder machen durften, und zweimal des Sonntags, wenn man uns in Reih und Glied zum Morgen- und Abendgottesdienst in die Stadtkirche führte.

Der Pfarrer dieser Kirche war unser Schulvorsteher. Mit welch tiefer Verwunderung, ja Ratlosigkeit pflegte ich ihn von unserem entlegenen Platz auf dem Chor zu betrachten, wenn er mit feierlich abgemessenen Schritten zur Kanzel emporstieg.“

Jung, gutaussehend, sportlich: Edgar Allan Poe einmal anders

Jung, gutaussehend, sportlich: Edgar Allan Poe einmal anders

Alles in allem gehörten die fünf Jahre in England zu den glücklichsten Jahren in Edgar Allan Poes Leben.
Ende Juni 1820 segelten die Allan zurück in ihre Heimat und betraten am 21. Juni in New York wieder amerikanischen Boden.
Am 2. August 1820 erreichte die Familie Richmond und mussten, bevor sie ihr neues Haus beziehen konnten, fast ein Jahr bei den Ellis wohnen.
Zwischen Edgar und dem etwas jüngeren Thomas Ellis entstand während dieser Zeit eine enge Freundschaft.

„Kein Junge hatte größeren Einfluss auf mich als er. Er war in der Tat der Anführer unter den Jungen. Meine Bewunderung für ihn kannte kaum Grenzen. Die Folge war, dass er mich zu manchem verbotenem Tun verführte, für das ich bestraft wurde.
Ich weiß nur von einem Mal, dass auch er Prügel von Herrn Allan bezog, weil er mit nur weit hinaus in die Felder und Wälder bei Belvedere gezogen war .m einem Sonnabend. Wir blieben den ganzen Tag bis spät in die Nacht hinein fort, ohne dass jemand wusste, wo wir waren, und schössen auf Haushühner, die dem Besitzer von Belvedere gehörten (das war damals, glaube ich, der Richter Bushrod Washington).
Er lehrte mich Schießen, Schwimmen und Schlittschuhlaufen. Er rettete mich sogar einmal vor dem Ertrinken – allerdings hatte er mich kopfüber bei den Wasserfällen hineingestoßen, und als ich unterging, erkannte er sofort, dass er mir zu Hilfe kommen müsse, sonst wäre es zu spät gewesen.“ (Thomas Ellis)

Es war auch nicht zuletzt dieser sportliche Glanz, der Edgar das meiste Ansehen bei seinen Schulkameraden verschaffte. Seine geistige Überlegenheit, die er durchaus nicht unter den Scheffel stellte, hätte eher das Gegenteil bewirkt.

„Von Edgar Poe war bekannt, dass seine Eltern Schauspieler waren und dass er abhängig war von der Großmut, die ihm als Adoptivkind zuteil wurde. All dies hatte die Wirkung, dass sich die Jungen wider seine Führerschaft auflehnten.
Wenn ich heute daran zurückdenke, so meine ich, dass ihn vielleicht gerade dies in einen Hochmut trieb, der sich sonst wohl nicht gebildet hätte.“ (Mister Preston)

Trotzdem fehlte es dem jungen Poe auch nach seiner Rückkehr aus England nicht an Freunden und Kameraden.
Alle, die ihn aus jener Zeit kannten und im Hause seines Pflegevaters verkehrten, schildern ihn als einen verhätschelten und verwöhnten Jungen.

„Wenn man ihn in Begleitung seines Erziehers auftreten sah, umgeben von Dienern, Pferden, Hunden und in Anzüge gekleidet, die das Feinste waren, was die Schneider von Richmond zu bieten hatten, schien er den Typ der Jeunesse doree von Virginia zu verkörpern, und tatsächlich hielt man ihn auch für den Erben eines reichen Mannes, denn Allan, der keine ehelichen Kinder besaß, hatte vor kurzem eine Erbschaft von einer Dreiviertelmillion Dollar gemacht.“ (Van Wyck Brooks)

apoe1Einer von Poes besten Freunden war der etwas jüngere Robert Stanard. Dessen ungewöhnlich schöne Mutter, Jane Craig Stanard, machte durch ihr gütiges und verständnisvolles Wesen einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn, so dass er mit TO HELEN sein erstes Gedicht schrieb, das aber nur in einer überarbeiteten Fassung vorhanden ist.

TO HELEN

Helen, thy beauty is to me
Like those Nicean barks of yore
That gently, o’er perfumed sea,
The weary, wayworn wunderer bore
To his own native shore.

On desperate seas long wont to roam
Thy hyacinth hair, thy classic face,
Thy Naiad airs have brought me home
To the glory that was Greece,
To the grandeur that was Rome.

Lo! in your brilliant window niche,
How statue-like l see thee stand
The agate lamp within thy hand!
Ah — Psyche, from the regions which
Are Holy Land!

AN HELENE

Helene, deine Schönheit gleicht
jener Barke aus Nicäaland,
die übers Duftmeer sanft und leicht
den müden Wanderer, der den Weg nicht fand,
heimtrug zu seinem Strand.

Mich zog aus wüster Seen Gefahr,
dein hyazinthnes Haar, dein edles Antlitz,
dein Najadengesang nach Hause,
zur einstigen Pracht Griechenlands
zur Macht, die Rom einst war.

Im Glanz der Fensternische,
statuengleich,
seh ich dich stehen,
die Lampe aus Achat in deiner Hand,
Ah, Psyche, aus Regionen,
die sind Heiliges Land !

In dieser Zeit muss Frances Allan, die an der ehelichen Treue ihre Mannes schon lange zweifelte, von den unehelichen Kindern ihres Mannes erfahren haben, die regelmäßige Zuwendungen von John Allan bekamen.
Dadurch kam es zu einer Trübung des Familienlebens , dessen Opfer schließlich Poe wurde, der den Zorn seines Pflegevaters auf sich zog, weil dieser Partei für seine Pflegemutter ergriff und seine Pflegevater verurteilte, in dessen Hand alleine die Entscheidung über Poes Zukunft lag und der ihn noch immer nicht in gesetzlicher Form als Adoptivkind anerkannt.
Inzwischen war John Allan, als Erbe seines Onkels James Galt, der reichste Mann Richmonds geworden.

Edgar hatte sich unterdessen in Elmira Royster, ein junges Mädchen aus einer angesehener Richmonder Familie, verliebt.
Als Edgar jedoch im Februar 1826 nach Charlottsville zur dortigen Universität aufmachte, unterband Elmira Vater jeglichen brieflichen Kontakt zwischen seiner Tochter und Poe, da er wohl von der wachsenden Abneigung John Allans gegen seinen Pflegesohn erfahren hatte, und verheiratete seine Tochter eiligst mit einem Kaufmann namens Shelton.

„Er war ein schöner Junge, wenn auch nicht sehr gesprächig. Wenn er plauderte, war er angenehm, aber sein Grundzug war Trauer. Er war der ersten Frau Allans ergeben, und auch sie hing an ihm.
Wir wohnten gegenüber Poe und so wurden wir natürlich umeinander bekannt. Unsere Beziehungen wurden unterbrochen, als er die Universität bezog. Während seiner ganzen Universitätszeit schrieb er mir regalmäßig, aber mein Vater fing die Briefe ab, weil er meinte, wir seien noch zu jung – aus keinem anderen Grund ….
Es betrübte mich stets, wenn ich Unfreundliches über ihn las, ich glaubte nicht den zehnten Teil von dem, was man über ihn sagte. Zum großen Teil stand nur Neid und Eifersucht dahinter. Ich habe die größte Achtung vor seinem Andenken. Er war sehr generös ….
Er war so feurig und eifrig bei allem, was ihn interessierte, so ausgesprochen enthusiastisch und impulsiv.
Ich war 15 oder 16 Jahre alt, als er sich mir zuwandte und ich mich für ihn entschied. Ich wurde dann mit 17 Jahren mit Mr. Shelton verheiratet, ohne eine Ahnung zu haben, dass er mir die ganze Zeit über geschrieben hatte.“ (Elmira Shelton, geborene Royster)

Miles George, ein Kommilitone Poe’s, erinnerte sich an die Studienzeit mit Edgar Allan Poe wie folgt:

„Faustkämpfe gehörten zu unserem jugendlichen Übermut. Wir schlugen uns oft, und wer der Schuldige war, wurde schnell vergessen und nicht mehr erörtert. — Poe war sehr beschlagen in der Dichtkunst und las oft eigene Gedichte vor, die seine Freunde unterhielten und erfreuten.
Dann aber kam plötzlich ein Wechsel über ihn, und er wollte mit einem Stück Kohle sein vielseitiges Talent beweisen, indem er Skizzen an die Wände des Schlafsaals zeichnete, wunderliche, phantastische und groteske Figuren, und dies mit so viel künstlerischem Geschick, dass wir manchmal im Zweifel waren, ob Poe später Maler oder Dichter werden würde.
Er war sehr erregbar und ruhelos, manchmal wechselhaft melancholisch und mürrisch, aber dann auch wieder fröhlicher Laune, voller Übermut und ein sehr anziehender und angenehmer Kamerad.“

Unheilvoller für sein späteres Leben war allerdings, dass Poe damals zu trinken begann. Er trank nicht wie ein Trinker, und er war, so sehr er später auch zum Glas griff, durchaus nicht der Typ des Säufers oder des Quartalsäufers, wie man lange behauptete.
Von vielen, recht glaubwürdigen Zeugen, wurde damals und später übereinstimmend berichtet, dass Poe sogar den Ausdruck des Ekels zeigte, wenn er trank.

„Er ergriff das verführerische Glas, gewöhnlich ohne Zucker oder Wasser hinzuzufügen, und schüttete es in einem Zug hinunter, ohne dass es ihm Vergnügen zu bereiten schien und ohne innezuhalten, bevor der letzte Tropfen über seine Lippen gekommen war. Er konnte nie mehr als ein Glas zu sich nehmen.
Aber dieses eine Glas genügte, um seine ganze nervöse Natur in stärkste Erregung zu versetzen, in eine Erregung, die aus begeisternden und faszinierenden Worten hervorbrach, welche alle Zuhörer wie Sirenenklänge verzauberten.“ (Aussagen eines Kommilitonen Poes)

Mit dem Glücksspiel hatte Poe während seiner Studentenzeit trübe Erfahrungen gesammelt.
Und Spielschulden waren es schließlich auch, die den endgültigen Bruch mit seinem Pflegevater herbeiführten.
Ob sie den Anlass gaben, auf den Allan bei seiner wachsenden Abneigung gegen Edgar nur gewartet hatte, oder ob es erst die heftigen Auseinandersetzungen mit dem Pflegesohn waren, die das Fass zum Überlaufen brachten, darüber kann wohl nur vermutet werden.
Als Poe zu Beginn der Weihnachtsferien in Richmond eintraf, lagen auf dem Schreibtisch Allans bereits einige unangenehme Mahnungen und Rechnungen.
Von den Spielschulden hatte Allan schon durch seinen Kompagnon Ellis erfahren, an den sich Poe in seiner Not brieflich gewandt hatte. Es sollen 2500 Dollar gewesen sein, nach anderen Berichten nur zweitausend oder weniger.
Für damalige Verhältnisse war das allerdings eine beträchtliche Summe, wenngleich ihre Bezahlung für den reichen Kaufmann kein finanzielles Problem gewesen wäre.
Trotzdem spricht einiges dafür, dass seine laute Entrüstung ungerecht, und sein Entschluss, den kaum 18jährigen Poe einfach auf die Straße zu setzen, unmenschlich war.

„Sie werden sagen, es sei meine eigene Schuld gewesen, dass ich nicht an die Universität zurückkehrte. Sie wollten mich jedoch nicht zurückkehren lassen, weil Ihnen Schuldscheine präsentiert worden waren, die ich gar nicht bezahlt zu haben wünschte.
Hätten Sie mich zurückkehren lassen, wäre meine Besserung sicher gewesen — mein Verhal­ten während der letzten drei Monate gab jeden Anlass, dies zu glauben. Sie hätten nie wieder etwas von Extravaganzen gehört.
Aber ich kann mich nicht für alles schuldig erklären, was man mir vor­warf und was ich bisher hingenommen habe, weil ich zu stolz war, darauf zu entgegnen. Ich will es nun frei heraussagen: es war ganz und gar Ihre Knausrigkeit, die all die Schwierigkeiten in Charlottesville verschuldete.
Die Studienkosten, aufs sparsamste bemessen, betrugen 350 Dollar pro Jahr. Sie schickten mich mit 110 Dollar hin. Davon wurden sofort bezahlt Dollar 50 für Beköstigung, 60 für den Unterricht bei zwei Professoren — Sie verfehlten nicht, mir sogar Vorwürfe zu machen, weil ich nicht bei drei Professoren hörte.
Dann waren 15 Dollar für die Zimmermiete zu bezahlen. Das alles wohl­gemerkt, musste im voraus von den 110 Dollar bezahlt werden. Dazu kamen 12 Dollar für das Bett und 12 Dollar für die Möblierung.
Natürlich musste ich sofort Schulden machen, entgegen den Vorschrif­ten der Anstalt, und wurde bald wie ein Bettler angesehen. Sie wer­den sich erinnern, dass ich eine Woche nach meiner Ankunft um etwas Geld bat, um all dies in Ordnung zu bringen und auch, um Bücher kaufen zu können.
Sie antworteten jedoch äußerst ausfallend, als ob ich der schlechteste Kerl der Welt sei, weil ich es nicht fertig brachte, 150 Dollar mit 110 zu bezahlen. Ich hatte meinem Brief eine Aufstellung der Kosten (wie Sie es gebieterisch verlangten) in Höhe von 149 Dollar beigelegt. Der zu bezahlende Rest betrug 39 Dollar.
Sie schickten mir daraufhin 40 Dollar und ließen mir einen einzigen Dollar Taschengeld. Ich musste mir also Bücher auf Kredit verschaffen, und so wuchsen die Schulden, und so sank ich in Verzweiflung, und begann zu spielen — bis es schließlich nicht mehr gut zu machen war. Wenn ich zu tadeln war bei all dem — versetzen Sie sich in meine Situation und sagen Sie mir, ob Sie nicht ebenso gehandelt hätten.“ (Edgar Allan Poe)

Dieser Brief ist von amerikanischen Poe-Forschern auf die Richtigkeit jedes Details nachgeprüft worden. Alles, was Poe darin ausführte, stimmt und entspricht der Wahrheit.

John Allan weigerte sich kategorisch, ihn nach Charlottesville zurückkehren zu lassen, und stellte ihn vor die Wahl, sich künftig bedingungslos nach den Wünschen des Pflegevaters zu richten oder dieses Haus zu verlassen.
Eine Nacht lang, die Nacht zum 18. März 1827, hatte Edgar Zeit zum Überlegen. Beim Frühstück am Morgen darauf muss jene letzte böse Auseinandersetzung stattgefunden haben:

„Mutwillig haben Sie meine Hoffnungen zer­stört und dies, weil ich allerdings Ihre Meinung nicht teile und gezwun­gen war, das klar zum Ausdruck zu bringen.
Ich vernahm daraufhin, dass Sie nichts mehr für mich übrig hätten. Sie haben mich dann aufgefordert, das Haus zu verlassen und mich unablässig mit Vorwürfen überschüttet, ich sei ein Müßiggänger und Nichtsnutz, obschon Sie es in der Hand hatten, mir einen Posten zu verschaffen.
Sie selbst hatten mir das vorher in Aussicht gestellt und es als meinem Weiterkommen in der Welt dienlich bezeichnet. Ich war Ihren Vorwürfen und Ausfälligkeiten nicht nur vor der weißen Familie preisgegeben, sondern auch vor den Negern; diese Kränkung fand ich uner­träglich, und so ging ich.“ (Edgar Allan Poe)

Edgar Allan Poe besaß keinen Cent, um sich etwas zum Essen zu kaufen, und musste sich vor den Gläubigern und Gerichtsvollziehern verstecken.
Allan indessen blieb hart und unzugänglich. Es scheint, dass Frau Frances und ihre Schwester Valentine Poe das Allernötigste heimlich zukommen ließen. Unter dem falschen Namen Henri le Rennet schiffte sich Poe bald darauf nach Boston ein.
Der Bruch mit John Allan blieb, wie sich zeigen sollte, endgültig, und bildete den entscheidenden Einschnitt im Leben des Dichters.

Das bisschen Geld, das Poe dank der heimlichen Hilfsbereitschaft seiner kranken Pflegemutter mit nach Boston brachte, steckte er gleich in eine Erfahrung, die zwar wichtig, aber vorerst nur bitter war.
Sie betraf seinen ersten Schritt in der Welt der Literatur und räumte hart mit der Illusion auf, dass die Welt nur auf den neuen jungen Dichter gewartet habe, um ihm sofort die schuldige Anerkennung zu zollen.
In einer kleinen Bostoner Druckerei ließ Poe seinen ersten Gedichtband „Tamerlane und andere Gedichte“ auf eigene Kosten in einer winzigen Auflage und ohne Nennung seines Namens drucken. Verfasst waren sie laut Titelblatt “Von einem Bostoner”.
In dieser Anonymität darf man wohl ebenso die sicherlich begründete Angst vor den Gläubigern vermuten wie auch die natürlich haltlose Hoffnung, man werde den Gedichten eines geborenen Bostoners in Boston besondere Beachtung schenken.
Der Druck ging sehr langsam, mit vielen Verzögerungen und Unterbrechungen vonstatten. Als der dünne Band im Sommer endlich ausgeliefert wurde, hatte sein Verfasser bereits seit Wochen das einzige sichere Unterkommen gefunden, das sich nach Lage der Dinge für ihn bot: er war als gewöhnlicher Soldat in die amerikanische Armee eingetreten.

Eine gute Zeit für Poe auf Sullivans Island

Eine gute Zeit für Poe auf Sullivans Island

Unter dem angegebenen Namen Edgar A. Perry im angeblichen Alter von 22 Jahren, war er zur Ausbildung der Batterie H des Ersten Artillerieregiments zugewiesen worden. Ihr Standort war das Fort Independence, das den Hafen von Boston schützte. In Fort Independence blieb Poe nur ein knappes Jahr.
Über seinen Dienst und sein Leben dort ist so gut wie nichts bekannt. Denn im Oktober oder Anfang November 1827 wurde Poe’s Batterie nach Fort Moultrie bei Charleston verlegt. Das Fort lag auf Sullivans Island, einer dem Hafen vorgelagerten Insel.
Das Jahr 1828, das er fast ganz auf dieser Insel verbrachte, war trotz des Bedrückenden seiner allgemeinen menschlichen Lage eins der glücklichsten und für seine innere Entwicklung wichtigsten Zeit seines Lebens.
Der Dienst in der amerikanischen Armee hatte vor dem Bürgerkrieg einen patriarchalischen, fast gemütlichen Zuschnitt. Sehr bald hatte man in der Batterie auch herausbekommen, dass der Artillerist Perry offenbar aus Kreisen kam, die im Mannschaftsstand damals nicht vertreten waren.
Man kommandierte den intelligenten, schreibgewandten jungen Mann also schleunigst in die Schreibstube. Hier gewann er die Gunst der Offiziere und Unteroffiziere und wurde ungewöhnlich schnell zum Unteroffizier und bald sogar zum «Sergeant Major» (etwa unserem Feldwebel oder Wachtmeister entsprechend) ernannt: das war der höchste Rang, den er als Nichtoffizier überhaupt erreichen konnte.
Am 28. Februar 1829 traf Poe ein weiterer Schicksalsschlag: seine innig geliebte Pflegemutter Frances Allan war gestorben.
Poe wurde so spät darüber benachrichtigt, dass er erst am Tage nach der Beerdigung in Richmond ankommt, obwohl Poe einige Briefe an John Allan geschrieben hatte und dem Pflegevater bekannt war, wo und unter welchen Namen sich Poe aufhielt.
Die Trauer um seine Frau, hatten Allan jedoch nicht unberührt gelassen. Er ließ sofort Trauerkleider für Poe anfertigen, überließ ihm sein altes Zimmer im Obergeschoss und willigte schließlich in Edgars Bitte ein, aus seinem gegenwärtigen Militärverhältnis auszuscheiden und um Aufnahme in die Offiziersschule West Point nachzusuchen.

Mit Allans schriftlichem Einverständnis konnte sich der Sergeant Major Perry wieder in einen Mister Edgar Allan Poe verwandeln und wurde am 15. April 1829 in allen Ehren und mit glänzenden Zeugnissen für die Aufnahme in West Point entlassen.
Das ist immerhin bemerkenswert für einen Mann, dem zeitlebens jeder Zwang so verhasst war wie Poe. Es ist um so bemerkenswerter, als sich der gleiche Erfolg später in West Point keineswegs wiederholen sollte.
Trotz der Empfehlungen und einflussreicher Fürsprache musste Poe bis zum Herbst des kommenden Jahres warten, bevor ein Platz für ihn frei wurde. Von Washington, wo er sich im Kriegsministerium vorgestellt hatte, begab sich Poe zunächst nach Baltimore. Er hatte dort viele Verwandte, die er noch nie gesehen hatte.
So wenig Zeit ihm auch die Soldatenzeit für Lesen und Schreiben gelassen hatte, so waren doch einige neue Gedichte entstanden, darunter auch AL AARAF.

Allan überwies Edgar 50 Dollar nach Washington und weitere 100 Dollar nach Philadelphia, hatte sich aber sicherlich nicht im Traum ausgemalt, dass das Geld für die Publikation eines Gedichtbandes verwendet würde.
Im Mai schrieb Poe ihn mit der Bitte an, er möge eine Ausfallbürgschaft für die Publikation von AL AARA“ stellen.
Allan kochte vor Wut. Dennoch ließ er sich nach mehreren Bittbriefen Edgars erweichen, ihm Geld zu senden, konnte sich allerdings nicht die Bemerkung verkneifen, „dass Genies es nicht nötig haben, um Hilfe zu betteln“.

Die meiste Zeit lebte Poe in Baltimore in bitterster Not, einigermaßen aufrechterhalten nur durch die Hoffnung, bald nach West Point einberufen zu werden und durch die Zusage eines Verlags, den neuen Gedichtband in 250 Exemplaren herauszubringen.
Im Dezember jedenfalls erschien der Band „AI Aaraf, Tamerlane und kleinere Gedichte“, diesmal unter Poe’s vollem Namen.
Unter den neuen ist besonders ISRAFEL wichtig. Poe scheint sich damals viel mit dem Islam und dem Koran beschäftigt zu haben: auch der Name Israfel stammt daher.

ISRAFEL

In Heaven a spirit doth dwell
Whose heart-strings are a lute;
None sing so wildly well
As the angel Israfel,

Im Himmel wohnt ein Geist,
Sein Herz ein Saitenspiel.
Keiner singt so wild und schön
Wie der Engel Israfel.

apoe3Diese zweite Veröffentlichung seiner Jugendgedichte hatte im Gegensatz zur ersten einiges Echo.
Die Rezensionen waren allerdings zumeist auf einen gönnerhaften Ton gestimmt; sie hoben mehr die Jugend des Dichters hervor, als den Wert der Gedichte. Aber er erhielt ermunternde Zuschriften und galt, wenn auch zunächst nur in Baltimore’s schöngeistigen Kreisen, als „vielversprechender Autor“.

Als das Buch endlich im Dezember 1829 erschien, lebte Poe schon seit einigen Monaten im Hause seiner Tante Maria Clemm, die fortan bis an sein Lebensende für ihn sorgen sollte und von nun an die eigentliche Mutterrolle in seiner schwierigen und ständig bedrohten Existenz übernahm: ohne die Treue und selbstlose Hilfe dieser bescheidenen Frau wäre er wahrscheinlich früher zugrunde gegangen.
Frau Clemm war Witwe und hatte zwei Kinder, die siebenjährige Virginia und einen Sohn Henry, der als Maurergehilfe arbeitete.
Im Hause lebten außerdem die gelähmte und an den Lehnstuhl gefesselte Großmutter Poes und Edgars älterer Bruder Henry, der ein paar Jahre zur See gefahren war und nun an Tuberkulose dahinsiechte.

Im Juni 1830 bestand Poe seine Aufnahmeprüfung in West Point ohne Schwierigkeiten, ließ zwei Monate harte Grundausbildung über sich ergehen und begann im September mit dem eigentlichen Offiziersunterricht.
So wenig Illusionen er, der bereits zwei Jahre als Soldat gedient hatte, sich auch über das militärische Leben gemacht haben mochte, so trüb erstaunt war er doch, dass hier die Disziplin und der Dienst weitaus kleinlicher und pedantischer ge­handhabt wurden als in seinem alten Artillerieregiment.
Die Kadetten wohnten in Baracken, je drei in einem Raum, in dem als einziger Luxus ein Ofen stand. Unausgesetzt gab es schikanöse Stuben- und Spindkontrollen.
Es war schier unmöglich, nicht gelegentlich eine der dreihundertundvier Dienstvorschriften zu übertreten, von denen Nr. 173 lautete: „Kein Kadett darf ohne besondere Erlaubnis Romane, Gedichte oder andere Bücher halten, die nicht zum Unterricht gehören“, und eine andere sogar das Schachspiel verbot.

Zu seiner großen Enttäuschung konnte es Poe auch nicht erreichen, dass ihm im Hinblick auf seine zweijährige Soldatenzeit eine abgekürzte Ausbil­dung zugebilligt wurde — er hatte nämlich voreilig gehofft, bereits nach einem halben Jahr seine Offiziersprüfung ablegen zu können.
Der militärische Amtsschimmel duldete jedoch keine Ausnahme und Poe musste auch schnell die Erfahrung machen, dass es irgendeine ‚Freizeit’ gar nicht gab bei einem Dienst, der mit Sonnenaufgang begann und — nur von den Mahlzeiten kurz unterbrochen — bis halb zehn Uhr abends dauerte; um zehn Uhr wurden die Lichter gelöscht.
Die Vorstellung, dass dieses Leben nun vier Jahre dauern sollte, ohne Erleichterung und ohne eine andere Aussicht, als in irgend einer trübseligen Garnison als Leutnant ohne elterlichen Zuschuss wieder jahrelang auf Beförderung zu warten, musste ihn umso mehr in Ver­zweiflung stürzen, als er nach der neuen Heirat Allans nicht einmal mehr darauf hoffen durfte, wenigstens seine Ferien im Hause seiner Jugend zu verleben.

Edgar Allan Poe war zweiundzwanzig Jahre alt und sah nicht den geringsten Hoffnungsschimmer, in absehbarer Zeit zu einer schöpferischen Tätigkeit zurückzukehren, wenn er bei der Laufbahn blieb, zu der er sich ohnehin ohne Leidenschaft und vorwiegend nur deshalb entschlossen hatte, um seinen Pflegevater zu versöhnen.
Dieser antwortete jedoch nach seiner neuen Heirat nicht mehr auf Poe’s Briefe; er antwortete auch nicht, als Poe ihn um seine schrift­liche Einverständniserklärung bat, dieser sinnlos gewordenen Marter den Rücken kehren zu dürfen.
Da beschritt Poe den einzigen Weg, der ihn wenigstens in die Freiheit zurückzuführen schien.
Er schuf in kürzester Zeit genügend Anlässe, um bereits am 28, Januar 1831 vom Militärgericht der Anstalt wegen „Dienstvernachlässigung und Ungehorsam“ aus dem Militärdienst der Vereinig­ten Staaten entlassen zu werden.

Am 19. Februar 1831 wanderte er durch die kalten Straßen New Yorks, in den Taschen nicht viel mehr als die kleine Summe, die durch Subskription seiner Kameraden auf einen neuen Gedichtband zustande gekommen war.
Kadett Poe hatte nämlich seinen Schicksalsgenossen viel Spaß durch seine improvisierten Spottverse auf die Vorgesetzten bereitet.

Im April 1831 erschien in einem Umfang von 124 Seiten der Band: Gedichte von Edgar A. Poe, 2. Auflage, mit der Widmung Dem U.S. Kadettenkorps.
Es handelt sich zum größten Teil um bereits früher veröffentlichte Stücke; einige davon sind allerdings umgearbeitet und erheblich verbessert, so das Gedicht AN HELEN.
Von den wenigen neuen Beiträgen darf man mit Sicherheit annehmen, dass sie während der langen Wartezeit vor dem Eintritt in die Militärakademie entstanden sind. Unter ihnen ragt besonders DIE STADT IM MEER“ hervor, mit der Anfangsstrophe:

THE CITY IN THE SEA

Lo! Death has reared himself a throne
In a stränge city lying alone
Far down within the dim West
Where the good and the bad and the warst and the best
Have gone to their eternal rest.
There shrines and palaces and towers
(Time-eaten towers that tremble not!)
Resemble nothing that is ours.
Around, by lifting winds forget,
Resignedly beneath the sky
The melancholy waters lie.

DIE STADT IM MEER
Weh! wunderliche, einsame Stadt,
Drin Tod seinen Thron errichtet hat,
Tief unter des Westens düsterer Glut,
Wo Sünde bei Güte, wo Schlecht bei Gut .
In letzter ewiger Ruhe ruht.
An Schlossern, Altären und Türmen hat
(Zerfreßnen Türmen, die nicht beben!)
Nichts Gleiches eine unsrige Stadt.
Von Winden vergessen, die wühlen und heben,
Stehn unterm Himmel die Wasser ringsum,
Schwermütige Wasser, ergeben und stumm.

Den Titel dieses symbolschwere Gedicht änderte Poe später in DIE VERDAMMTE STADT bzw. in DIE STADT DER SÜNDE um.

 

Ingo Löchel

Ingo Löchel wurde 1968 in Köln geboren. Im Alter von 10 Jahren begann er Fantasy- und Horror-Romane sowie Heftromanserien wie „Mythor“, „John Sinclair“ und „Tony Ballard“ zu lesen.
Seit dieser Zeit zählen u. a. Autoren wie Robert E. Howard, H. P. Lovecraft, Clark Ashton Smith, Michael Moorcock, Karl Edward Wagner und Dean R. Koontz zu seinen Lieblingsautoren.
Etwas später kam er durch Mickey Spilane, Colin Forbes, Jack Higgins und Robert Ludlum auch mit dem Krimi- und Thriller-Genre in Berührung.

2001 erschienen die beiden Anthologien „Tod eines Satanisten – Dunkle Stunden“ (VirPriV Verlag) und „Jenseits des Happy Ends” (Go–BeJot Verlag), in denen zum ersten Mal Kurzgeschichten von ihm veröffentlicht wurden.

Danach folgten weitere Veröffentlichungen u. a. im Abendstern Verlag, im Adina-Online Verlag und im Wortwelten Verlag sowie die Veröffentlichung seiner ersten beiden Romane im Adina-Online Verlag.

Neben seinen Kurzgeschichten und Romanen schrieb er auch Artikel und Essays für das Magazin „Omicron“ sowie für die Literaturzeitschrift „Wortwelten“. Seit 2007 ist er Redakteur des Online-Magazins „Zauberspiegel“.

2012 schuf Ingo Löchel nach der Fantasy-Serie “Der letzte König von Atlantis“, den Horror-Serien „Frank Bauer“, „Frederik Darkstone“ und „Erben des Blutes“, die Horror-Western-Serie „Dead City“, die seit Juli 2015 im Elvea Verlag erscheint.

Im Juli 2015 startete zudem seine Horror-Serie “Frederik Darkstone” im Verlag Beyond Affinity.

Im Oktober 2015 folgt die Horror-Serie “Erben des Blutes”, die ebenfalls im Verlag Beyond Affinity veröffentlicht wird.

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