Poetik

Dunkelviolette Geschichten

Mummenschanz in großen HallenIm Englischen gibt es die Bezeichnung “Purple Prose”, die einen Stil beschreibt, der in erster Linie imaginativ und hyperbolisch ist. Die Farbe selbst taucht die Psyche in einen mystischen Ozean. Den oft zitierten “Riss” in der Realität, der angeblich phantastische Literatur auszeichnen soll, habe ich nie akzeptiert, weil für mich niemals eine Schranke sichtbar war, die eine erfundene Realität von einer erfundenen Phantastik trennen könnte. Glaube ich an Gespenster? Nein, ich weiß um sie. Aber ich würde ein Gespenst niemals mit dem Geist eines Verstorbenen gleichsetzen, sondern mit einer Qualität, einem Artefakt, das unseren Verstand verunsichert. Gespenster kommen aus unserem Gehirn, sagt die Psychologie, und hat damit insofern recht, als dass die ganze Welt aus unserem Gehirn stammt. Diese konstruktivistische Idee weiter zu verfolgen, würde jetzt zu weit führen; und dennoch ist Wahrnehmung der Grundpfeiler meines Schaffens. Stets suche ich Orte und Winkel auf, die selten bis niemals begangen werden. Das kann man durchaus als den “violetten” Weg bezeichnen.

In den folgenden Tagen möchte ich mir die Zeit nehmen, zu jeder einzelnen Geschichte des Sammelbandes ein paar Überlegungen anzubieten, ohne damit die Interpretation des Lesers stören zu wollen. Man kann sie getrost ignorieren. Es ist nur jeweils meine Version, vom Schreibtisch aus betrachtet. Tatsächlich wurden alle Geschichten mit der Hand oder der Schreibmaschine niedergeschrieben. Man beachtet die Wahl des Schreibinstrumentes meist gar nicht. Für mich ist sie essenziell. Aber natürlich werde ich nicht behaupten, eine Geschichte wäre nur deshalb so seltsam, weil ich sie mit einem Füller auf einen Papierblock gebunden habe. Auch der Entstehungsort und die jeweilige Schaffensphase spielen eine nicht unerhebliche Rolle. Da ich nunmehr seit fast 40 Jahren einen violetten Wahnsinn pflege, lernte ich in dieser Zeit den Umstand kennen, außerhalb der Welt stehen zu müssen. Vielleicht habe ich schon von je her damit kokettiert, bis es dann wahr wurde, aber ich fürchte, mich hat der Fluch der Maudits schon viel früher erreicht und niedergestreckt.

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