Dunkelviolette Geschichten: Mummenschanz in großen Hallen

Im Englischen gibt es die Bezeichnung “Purple Prose”, die einen Stil beschreibt, der in erster Linie imaginativ und hyperbolisch ist. Die Farbe selbst taucht die Psyche in einen mystischen Ozean. Den oft zitierten “Riss” in der Realität, der angeblich phantastische Literatur auszeichnen soll, habe ich nie akzeptiert, weil für mich niemals eine Schranke sichtbar war, die eine erfundene Realität von einer erfundenen Phantastik trennen könnte. Glaube ich an Gespenster? Nun, zumindest pflege ich sie, und während im KOVD-Verlag die Novelle “Ich bin die Nacht – Du bist der Ort” vorbereitet wird, wollte ich noch einmal eine Übersicht über die einzelnen Geschichten aus “Mummenschanz in großen Hallen” geben.

Mummenschanz in großen Hallen

White Train

Zu Beginn der Geschichte “Mummenschanz in großen Hallen” stand ein Gedicht. Das ist bei mir nichts Ungewöhnliches. Für mich steht oft eine vage Atmosphäre im Vordergrund, die nicht anders auszudrücken ist als durch eine abstrakte Wortschöpfung. Das Gedicht selbst habe ich der Geschichte dann auch vorangestellt. Ich bin sehr argwöhnisch, wie man heute mit Worten umgeht, wie man sie zum Instrument einer beschreibbaren Welt macht. Der Preis ist der Verlust der Tiefe, die sich immer mehr aus der Welt zurückzieht und nur noch Sprachabfall hinterlässt. Die kostbarsten Gedichte sind ein unbestimmbarer Augenblick, ein nichträumlicher Punkt im Universum, dem man sich träumend nähert. Vielleicht macht sie das so schwer begreiflich.

In dieser Geschichte, die als Gedicht “Mumpenzimmer” hieß, sah ich ein mächtiges Gebirge vor mir aufragen, kupferfarben und golden dräute es vor einem unbestimmbaren Himmel und verströmte eine absolute Stille. Schnell wurde das Gebirge zu einem Palast mit mächtigen Säulen. Ein See lag davor und umgab den Palast vermutlich ganz. Der Kahn ist für mich immer noch das Symbol, mit dem die toten Seelen reisen. Was wollte ich an einem solchen Ort, an den ich meine Seele schickte? So weit ich das beurteilen kann: Einem Prozess der Umwandlung beiwohnen und sehen, was aus einem einst verlorenen Gegenstand geworden sein könnte.

Vampyradonna

Was man gemeinhin eine Kürzesterzählung oder “Flash Fiction” nennt, ist eines meiner Hauptaufgabenfelder. Leider gibt es auf diesem Sektor kaum etwas, das meinen Ansprüchen als Leser genügt. Um es genau zu nehmen, habe ich Hunderte solcher Kleinode geschrieben, die genaue Zahl ist mir unbekannt. Ich glaube, man neigt dazu, viel zu schnell über das, was man da liest, hinwegzusehen, und so bleibt all das, was offen da liegt, verborgen. Nun ist Vampyradonna sprachlich keine meiner schwierigen Kürzestgeschichten (anders wie “Spintisera”), aber vielleicht denkt der ein oder andere doch darüber nach, was sie bedeuten könnte. Es gibt stets mehr zu finden als man auf Anhieb sehen kann.

Dorothea

(c) Albera Anders, 2021

Dies ist eines der vielen Stücke, die ich aus meinem Leben genommen habe. Man mag es oft nicht glauben, aber ich bewege mich nie sehr weit von meinen eigenen Beobachtungen fort. Dora hieß meine Urgroßmutter mütterlicherseits, und sie verbrachte ihre letzten Jahren in einer ausgebauten Dachkammer auf dem Bauernhof meiner Großtante. Wenn ich sie besuchte, war es immer sehr heiß und sie stand meistens am Fenster und blickte hinaus. Als kleiner Junge bemerkte ich diese unfassbare Distanz zwischen meinem und ihrem Leben. Ich wusste nichts und sie wusste alles. Es kam mir so vor, als bestieg ich eine Zeitmaschine, wenn ich in ihre Kammer trat. Meist redeten wir nicht viel, aber diese Aura des Geheimnisvollen einer vergangenen Zeit ließ mich nie wieder los. Der burleske Teil mit den Totengräbern ist so etwas wie mein “Urstil”, den ich seit meiner schriftstellerischen Kindheit pflege. Hierzu hatte ich kein direktes Vorbild und war später überrascht, als ich erfahren musste, dass man diese Elemente im Theater des Absurden zuhauf findet. Beckett hat diese Dinge auf die Spitze getrieben. Das Symbolische dieser Geschichte aber ist das eigentliche Hauptmerkmal. Ich wuchs quasi mit dem Übersinnlichen auf. Dass es Geister gibt, stand für mich zu jeder Zeit meines Lebens außer Frage, nur hatte ich nie den Hang dazu, in ein dämonisches Geschwätz zu verfallen. Für mich gibt es eine gewisse Nahtlosigkeit zwischen dem Traum, einem Jenseits und unserer Welt, die wir nicht einmal im Ansatz begreifen, auch wenn wir so tun und glauben, es wäre so. Genau in dieses Nichtverstehen lege ich meinen Stift hinein.

Anmerken sollte ich, das dies die erste Geschichte des Bandes ist, die zu einem wesentlich größeren und “geheimnisvolleren” Werk namens Sandsteinburg gehört. Ich habe mich immer geweigert, einen Roman zu schreiben und ziele stattdessen auf etwas ab, das man häufig Antiroman nennt, ein umfangreiches Kaleidoskop aus Stimmen und Stilen, die in der literarischen Welt nur dann wahrgenommen werden, wenn man einer Seilschaft angehört, was bei mir nie der Fall war. Tatsächlich wird das Werk zu meiner Lebzeit wohl nie erscheinen, aber es gibt Geschichten in diesem Themenkomplex, die auch ganz gut ohne den Rest funktionieren.

Der Gehenkte

Als jemand, der sich ausgiebig mit der Romantik beschäftigt, ist mir Gerard de Nerval stets als einer dieser düster-feinsinnigen Dichter erschienen, die in anderen Sphären lebten. Das mag damals leichter gewesen sein als heute. Der Wahnsinn ist eines der interessantesten Phänomene überhaupt. Ob das für den Betroffenen auch gilt, möchte ich in manchen Punkten bezweifeln, in anderen wiederum nicht. Nervals “Aurelia” las ich in den 1980er Jahren, als ich mich nahezu allen verfemten Künstlern nähern wollte, denn dort konnte ich mich am besten verorten. Ich hatte quasi nur die Wahl der Isolation oder der Gespräche mit den Toten. Also wählte ich letzteres. Auch diese Geschichte begann mit einem Gedicht, das vom Selbstmord des Dichters handelt. Allerdings wollte ich etwas ausführlicher zu Werke gehen und packte Fleisch auf dessen Knochen.

Antic Soccer

Eine von drei sogenannten Flash Fiction-Momenten in der Sammlung. Sie gehört zu einem Projekt, bestehend aus 21 “Fazetien”, die ich GuckKasten genannt und allesamt für den Verlag taberna kritika vertont habe. Ursprünglich war der Text erheblich länger und handelte von einem blutrünstigen Spiel, in dem ein Dorf das Spielfeld war. Manchmal interessiert mich aber nicht die Geschichte, sondern die Essenz. Leider sind die Hörstücke nicht mehr erhältlich, aber ich plane sie eines Tages im Phantastikon zur Verfügung zu stellen.

Der Böhmwind

In dieser Geschichte findet sich mein Argus-Prinzip an prominenter Stelle. Ich gehe stets davon aus, dass sich jede mögliche Form der Existenz und der Wahrnehmung auf eine Entität zurückführen lässt, die durch die unendliche Vielfalt aller Möglichkeiten sich selbst gewahr wird. Das ist natürlich ein bizarrer Theismus. Der Kern der Geschichte ist jedoch ein völlig anderer, nämlich Schwarzenhammer, ein Dorf im Fichtelgebirge. Viele meiner Geschichten – so auch Das blaue Kleid oder Dorothea – sind dort angesiedelt. Lovecraft, auf dessen Grabstein steht: “I am Providence!”, ist für mich dadurch leicht zu verstehen.

Die Erzählung ist vielleicht etwas ungewöhnlich und fächert sich an den Rändern etwas auf. Den Sturm, von dem hier die Rede ist, erlebte ich tatsächlich. Und ich glaube, ich konnte auch die Schäden gut wiedergeben. Ich selbst lese, weil ich die Welt nicht begreife, und ich schreibe, um zu erkennen, was ich davon schon verstanden habe. Es ist mein Unbehagen gegenüber der Realität, das mein Leben von jeher bestimmt; so flüchtete ich mich in jungen Jahren zunächst in die Komödie, die ich aber später dann nur noch als Groteske ertrug, und darin liegt bis heute meine einzige Antwort, denn die Wahrheit der phantastischen Erzählung  liegt für mich darin, dass alles, was später das barbarische Etikett Horror bekam, von der Groteske und dem Surrealismus durchtränkt ist (und nicht von irgendeinem ominösen Riss, einer Theorie der Phantastik, die mich kalt lächeln lässt).

Auch wenn man gewöhnlich so tut, als gäbe es ein historisches Kontinuum, als gäbe es eine fortlaufende Entwicklung, ist doch alles nur durch die Feldtheorie zu erklären. J. C. Oates sagte einmal, dass wir alle mehr oder weniger von E. A. Poe abhängig sind, auch wenn wir glauben, ihn längst überwunden zu haben. Natürlich gibt es die These, Poe selbst sei ohne die deutsche Romantik nicht denkbar gewesen, allen voran E. T. A Hoffmann, aber auch hier erkenne ich das Lineare keineswegs, sondern nur besagte Felder oder Spuren, die sich vergleichzeitigen. Es mag vereinzelt alles ein wenig früher oder später stattfinden, aber diese Zeitversetzung hat doch mehr mit einer verzerrten Perspektive zu tun, mit einem Fehler in der Wahrnehmung.

Eine Anmerkung noch: Doktor Hohenner hieß mein Kinderarzt. Hätte er mir damals nicht eine Spritze in die Wunde meines klaffenden Daumens gegeben (als ich in die Scherben einer Cola-Flasche gefallen war), hätte ich ihm wohl gar nicht angemerkt, dass er ein Augensammler war.

Der Tod des Sardanapal

Dies ist die älteste Geschichte der Sammlung. Als ich sie schrieb, lebte ich noch in der Schweiz und stand der Literaturgruppe der “Lärmenden Akademie” vor. Die Skizze zu “Dorothea” mag zwar noch älter sein, aber sie war noch weit davon entfernt, eine Geschichte zu werden. Wahrscheinlich ist der Erzählung leicht anzumerken, dass ich mich zur Zeit ihrer Entstehung ausgiebig mit dem “Magischen Realismus” beschäftigte. Im Jahre 2005 suchte ich nach einem Ausweg aus der Sackgasse einer teilnahmslosen Phantastik und spielte mit Abenteuern aus dem Bereich des “Was-wäre-wenn?”. Das ist freilich eine Kardinalfrage der Literatur. Besser geeignet finde ich jedoch den Begriff des “Als ob”, weil darin über die Literatur hinaus auf jeden einzelnen Gedanken rekurriert wird, der je gedacht wurde. Wir finden solche Prozesse häufig in den dicken Brocken einer alternativen Geschichtsschreibung. Mir ging es – wie fast immer – um wenige Augenblicke, um Artefakte, denn im Grunde halte ich es – wie Borges – für völligen Unsinn, einen Gedanken so lange auszuwalzen und zu verwässern, bis daraus vielleicht ein Roman geworden ist. Als ich mir einen Katalog über den Maler Delacroix durchsah, stieß ich auch auf sein berühmtes Gemälde “Der Tod des Sardanapal”. Ich war besessen von der Magie mancher Bilder und stellte mir die Frage: Was wäre, wenn eine bestimmte Figur, die im Bild vorhanden sein müsste, plötzlich verschwunden wäre? Warum könnte sie verschwunden sein? Diese “verschwundene” Dame, die ich wählte, hieß Myrrha und ich beabsichtigte, einen kleinen Reigen von Geschichten zu schreiben, in dem sie – die ich nie näher beschrieb – mehr oder weniger auftauchte. Der Nebeneffekt dieses Vorgehens war ein kleines Mysterium um eine Figur, die nie richtig vorhanden, aber auch nie wirklich weg war. Und da mich das Verschwinden grundsätzlich interessiert, hatte ich einen neuen Archetypen.

Die Straße ‘Malheur’

Meine Arbeiten entstehen oft in Wellen und ich versuche dann, eine spezifische Atmosphäre oder eine philosophische Frage zu erfassen. Oft reicht hierzu eine einzige Geschichte nicht aus. Ich baue die Frage, die sich vor mir auftürmt, nach und nach ab. Damit endet dann besagte Welle, die in dieser Sammlung aus Der Gehenkte, Die Schwärme unmöglicher Vögel und Die Straße ‘Malheur’ besteht. Die Geschichten haben weder etwas miteinander zu tun, noch bauen sie aufeinander auf, ihre Gemeinsamkeit liegt in einer spezifischen Dichte, die durchaus lyrisch zu nennen ist. Vor allem ging es mir darum, einer bizarren Aufhebung von Raum und Zeit zu folgen. Der Erzähler dieses Stück könnte einen Rausch erleben, eine Vision, er könnte wahnsinnig sein oder sich an etwas erinnern, dass er gar nicht erlebt haben kann. Doch bevor ich damit beginne, mich selbst zu analysieren, möchte ich empfehlen, allein der Sprache zu vertrauen und nicht mir, dem Verfasser. Ich gehe davon aus, dass der Leser immer mehr weiß als der Autor.

Das blaue Kleid

Ich hatte bereits erwähnt, dass vielen meiner Geschichten im Kern ein Erfahrungsspektrum zugrunde liegt. Ich vermute, dass es sich hierbei um nichts Außergewöhnliches handelt. Auch Das blaue Kleid hat sein Zentrum in Schwarzenhammer; der jugendliche Eifer ist nahezu eine Nachbildung tatsächlicher Begebenheiten, denn meine Urgroßeltern hatten in jenem Schloss in Kaiserhammer gewohnt, von dem bei mir immer wieder die Rede ist. Eine weitere wiederkehrende Figur ist Esrabella Gräf (die in meiner nächsten und längeren Erzählung, die für eine Publikation geplant ist, eine prominente Rolle einnehmen wird). Auch diese alte Dame, stets in Trauer gekleidet und schweigsam wie das Grab, hatte wirklich gelebt. Als Kind sammelte ich Gesten und Impressionen, ordnete meine Archetypen an und ahne vielleicht erst heute ihr wahres Wesen. Die erste Passage, in der das Verschwinden Almies im Mittelpunkt steht, entstand erst viele Jahre später als der zweite Teil. In der Originalgeschichte wird ein bestimmtes Haus aufgesucht und das Verschwinden des Mädchens lediglich erwähnt, was mir nicht genügte, obwohl ich niemand bin, der auf Erklärungen abzielt und sie sogar als Schwäche des jeweiligen Autors erkennt. Und tatsächlich erkläre ich auch hier nichts, sondern füge einen Zeitfetzen hinzu, um die Merkwürdigkeit des Verschwindens zu verstärken.

Nicht ganz zufällig habe ich eine Fotografie von besagtem blauen Kleid, das allerdings nie im Haus am Mühlgraben hing, sondern in einer anderen Ruine von mir gefunden wurde. Dieser Fund jedoch war der Auslöser, der fehlende Anstoß, diese Geschichte überhaupt zu schreiben.

Die Schwärme unmöglicher Vögel

Wie bereits der Widmung zu entnehmen ist, schrieb ich diese Geschichte als Hommage an Thomas Ligotti, insbesondere aber für die Nachtschatten-Ausgabe des Night Train. Ich kann es nicht verleugnen: Neben Matt Cardin, Jon Padgett, D. P. Watt und Eddie M. Angerhuber fühle ich mich äußerst wohl. Zu Thomas Ligotti selbst hatte ich sporadisch Kontakt, denn schließlich kann man zu ihm, wenn überhaupt, nur sporadisch Kontakt haben. Oft ist es ihm gar nicht möglich, zu antworten, denn er leidet unter einer – nennen wir es Störung – die mich selbst in den Krallen hat. Und so kam ich überhaupt zu seinem Werk. Ein Interview von Matt Cardin, das ich in einer Serie meiner finstersten Tage übersetzte, brachte mir die Erkenntnis: Es gab verblüffende Parallelen. Dass ich Ligotti für einen Literaten von Weltrang halte, kann gar nicht anders sein. Dem deutschen Publikum sagt er leider nicht in dem Maße zu, wie es für eine angeblich literarische Nation der Fall sein sollte. Das verwundert mich zwar nicht – denn ich halte uns nicht für besonders literarisch – diese Ignoranz ist aber in ihrem Ausmaß dann doch beispiellos.

Die Henker auf dem Galgenhügel

Es mag merkwürdig erscheinen, wenn ich sage, dass ich über diese Geschichte nichts Besonderes zu berichten habe. Sie folgt – wenn man das so betrachten will – meinem persönlichen Muster, weist nur einen kleinen Handlungskern auf, der umgeben ist von philosophischen (oder schwarzromantischen) Facetten. Eine Geschichte quasi im Stillstand zu betrachten, gleichzeitig klassisch wie postmodern vorzugehen, hat mich immer schon besonders herausgefordert, wobei weder das klassische Element besonders klassisch ist (das Klassische hat für mich immer etwas mit den Archetypen C. G. Jungs zu tun), noch besonders postmodern (schließlich gibt es das “offene System” bereits seit hundert Jahren). Kann man durch Sprache dorthin gelangen, wo die wirklich unauslotbaren Gebiete liegen? Man kann sehr leicht das Prinzip einer ewigen Wiederkehr in dieser Geschichte entdecken. Mehr möchte ich dazu nicht sagen, außer einem:

In Herodots Bericht von dem Ägypterkönig Psammenitos, der von dem Perser Kambyses besiegt worden ist, muss der mit ansehen, wie seine Tochter als Magd zu dienen hat und wie sein Sohn hingerichtet wird. Beide Male bleibt er unbewegt. Erst als er seinen Diener unter den Gefangenen entdeckt, gibt er seiner allergrößten Trauer Ausdruck. Montaigne hat sich gefragt, warum Psammenitos den Anblick seiner eigenen Kinder gefasst ertrug, nicht aber den seines Dieners. Walter Benjamin sah gerade darin, dass Herodot diese Frage offen ließ, das Kriterium authentischen Erzählens.

Der Abgrund

Wie viele meiner Geschichten hat auch diese eine Odyssee hinter sich. Tatsächlich ist mir kaum ein Autor bekannt, der die Texte so oft umarrangiert, bis von der ursprünglichen Form gar nichts mehr übrig ist. Manchmal dauert dieser Prozess bis an die zehn Jahre und länger. Da ich sehr viel schreibe (und wenig veröffentliche), spielt das keine erhebliche Rolle. Nahezu alles, was ich im Laufe von nahezu 40 Jahren zu Papier gebracht habe, bedingt sich gegenseitig. Meine Figuren sind – so wie meine “Gespenster” – Aspekte, doch im Grunde erfinde ich sie nicht. Der Protagonist dieser Erzählung ist dann auch ein Aspekt meines Urgroßvaters, der den ersten Weltkrieg auf dem Schlachtfeld in Ypern überlebte, Ehemann der Johanna, die im Böhmwind als erste die Sturmwolke sieht, Vater des Carlos und Großvater des Noob in Dorothea und Geschichtenerzähler in einer Erzählung, die noch nicht veröffentlicht wurde. Vielleicht ist das hier eine existentialistische Parabel – eigentlich ein Begriff, den ich ablehne, aber man wird mir vielleicht zustimmen, wenn man den Text näher betrachtet.

Spintisera

Obwohl das hier nur ein relativ kurzer Text ist, muss ich doch einiges dazu anmerken. Nicht nur ist es das letzte Stück, das ich für die Sammlung schrieb, es zeigt auch gleichzeitig die Tendenz meiner gegenwärtigen Arbeit. Müsste ich es beschreiben, würde ich es als Kristallisation bezeichnen. Ausgehend von einem einzigen Gedanken folgt man diesem in seiner möglichen Konsequenz, die wiederum ganz unterschiedlich aussehen kann. Das wirkt nicht selten surreal und ist es insofern tatsächlich, weil es die Wahrnehmung verschiebt und Unmöglichkeiten einbezieht. Es mag wie eine Spielerei aussehen, doch ich meine das ganz ernst. Mit dem Spruch Alles wurde bereits erzählt, kann ich deshalb nichts anfangen, ganz einfach, weil er falsch ist. Es ist unwichtig, was man erzählt. Das Wie ist maßgeblich.

Die Gasse der sprechenden Häuser

Ursprünglich hatte ich die Idee, tatsächlich eine ganze Gasse zu illuminieren, in der sich eine Häuserfamilie niedergelassen hat, Spukhäuser allesamt, die ihre eigenen Geschichten zum Besten geben. Man wird unschwer erkennen, dass aus dem Vorhaben nichts wurde – zumindest ist das für eine kürzere Geschichte ein zu großes Unterfangen. Von allen haunted places ist mir das Spukhaus der liebste verwunschene Ort. Schließlich erinnerte ich mich an die pilzbefallene Wand in der Küche meiner Großeltern, die zum Fluss hin ragte und so gut wie nie trocken zu bekommen war. Meine Großmutter starb, mein Großvater zog aus, und für ein paar wenige Monate bewohnte ich mutterseelenallein den Ort, an dem ich aufgewachsen war. Dies war die Geburtsstunde eines Schriftstellers, wenn man so will. Die Stimmen der Nacht waren so laut, dass ich erst schlafen konnte, als sich die Sonne sehen ließ. Wie hätte ich meine Nächte anders zubringen können als im Zwiegespräch mit dem Unbekannten?