News Ticker

Dr. Tod: Giftmörder im weißen Kittel

Das Cabinet des Dr. Caligari, 1920, copyright: Decla-Bioscop AG, Decla Film-Gesellschaft Berlin

Harold Shipman, gepflegter Vollbart, Brillenträger, treusorgender Ehemann und wohlwollender Vater, der allseits beliebte und geschätzte, wenngleich auch hier und da schon arrogant und recht selbstgefällig auftretende Herr Doktor aus dem betulichen Städtchen Hyde südlich von Manchester, galt vor allem bei älteren Damen als Fachmann mit immensem Vertrauenspotential. Fatale Fehleinschätzung:

Dieser Doktor war kein Helfer und Heiler, er war Dr. Tod. Shipman brachte seine Patienten nicht auf den Weg der Besserung, er brachte sie um. Tatsächlich war der britische Hausarzt ein Extrem-Serienkiller, auf dessen Konto mehr nachgewiesene Morde gehen als auf das zahlreicher seiner bestialischen „Kollegen“. Versehen mit dem absolut wertneutralen Vermerk, dass er nicht erwürgte, abstach, erschoss, folterte oder überhaut bluten und schreien ließ, sondern seine Opfer einschläferte wie alte kranke Hunde.

Seine Mordwaffe: Im Regelfall Morphium, auch Heroin, das er in tödlicher Überdosis spritzte. Warum der promovierte „Gentleman“ zum Massenmörder wurde? Das bleibt das große Rätselraten für die Psychologen, die sich wohl am ehesten auf Größenwahn, – Gott spielen, Sensenmann sein – , einigen könnten.

Dr. Tod: Harold Shipman (Archiv-Bild)

Als „Dr. Tod“ ging Shipman in die Mediengeschichte ein: Konkret wird von 171 ermordeten Frauen und 44 Männern gesprochen, die tatsächliche Zahl der Opfer könnte aber sehr viel höher sein. Insgesamt starben 459 Menschen, die sich in den Jahren von 1985 bis 1998 bei Shipman in ärztlicher Behandlung befunden haben. All diese Leichen wurden (natürlich) nicht nachträglich untersucht. Aber etliche eben wie die der 81jährigen Marie West, die an ihrem Todestag mit ihrer Freundin bei Tee und Keksen gemütlich und gut gelaunt in bester Verfassung zusammen gesessen hatte, bis der Doktor zwecks Kurzvisite klingelte. Die Freundin verließ für die kleine Routineuntersuchung diskret den Raum, registrierte die kurz darauf einsetzende Stille nebenan, kam zurück, um nachzufragen, und sah Marie leblos in ihrem Stuhl sitzen. Ganz plötzlich gestorben. Verkündete Shipman und füllte den Totenschein aus.

Wie Marie West fand man die „ganz plötzlich Gestorbenen“ oft noch bekleidet und für den Tag nett zurechtgemacht auf dem Sofa oder Sessel sitzend vor, grad so, als wären sie von einer Sekunde auf die andere, vielleicht noch im Gespräch über Wetter, Land und Leute, die dampfende Tasse Kaffee vor sich stehend, sanft und friedlich und gar so völlig unerwartet entschlafen. Solch ein Tod, sofern er denn eintritt, wie er rechtens eintreten darf und sollte, ist wahrlich nicht der übelste, den man sich vorstellen kann. Aber manipuliert, vorweggenommen, entschieden und erzwungen von Besessenen wie Harold Shipman ist und bleibt das eiskalter Mord.

Verbleibt wiederholt die Frage, von welch seltsamer Gesinnung der Engländer denn überhaupt besessen war, dass er, – vorzugsweise reife Frauen – einfach ins Grab spritzte. Seine eigene Mutter hatte er als 17Jähriger an Krebs sterben sehen, sie hatte Morphium gegen die Schmerzen bekommen. Aber auch wenn er sich in seinem Handeln als durchleuchteter Erlöser von Leid und Qual gesehen hätte, so wäre das ein absurd überzogenes Selbstporträt gewesen, denn bei der Mehrheit seiner Patienten gab es nichts, das im Nachhinein auch nur eine einzige vorschnelle Überdosis rechtfertigten würde.

Shipman blieb die Antwort schuldig, beteuerte bis zur Urteilsverkündung, – 15x lebenslänglich – , Hände und Gewissen stets in Unschuld gewaschen zu haben. Nach vier Jahren Gefängnis erhängte er sich 2004 einen Tag vor seinem 58. Geburtstag in seiner Zelle in Wakefield. An seiner Beerdigung nahmen nur Ehefrau Primel, die selbst nie an der Unbescholtenheit ihres Ehemannes gezweifelt hatte, und die vier gemeinsamen Kinder teil. All die ihm einstmals so wohlgesonnen Menschen aus Hyde, die ihm noch Blumen und aufmunternde Postkarten geschickt hatten, als bereits gegen ihn ermittelt wurde und die ärgsten Befürchtungen der Wahrheit Schritt für Schritt näher rückten, hatten letztendlich doch die furchtbare Gewissheit schlucken und verdauen müssen: Der beliebte Dr. Shipman, geschätzt auch im Kollegenkreis, Vorsitzender des Ambulanzdienstes, Mitglied im Elternbeirat, war nicht nur ein profaner Mörder. Er war ein Serienkiller. Einer von der hochgradig schlimmsten Sorte.

Eine gewisse Unsicherheit angesichts der vielen Patienten, die Dr. Shipman wegstarben, hatte es in all den Jahren, in denen Shipman seine Praxis in Hyde hatte, natürlich immer wieder gegeben. Vor allem Angehörige äußerten ihre Fassungslosigkeit über völlig unvorbereitet eintretende Todesfälle mit jener Skepsis, die aufkommt, wenn etwas den Rahmen sprengt. So auch die Bestatterin Deborah Massey, die 1997 ihren Argwohn angesichts der erstaunlich vielen Leichen direkt aus Shipman’s behandelnden Händen zu Protokoll brachte. Und ebenso auch der Taxiunternehmer John Shaw, dessen Dienste die älteren Damen aus der Stadt wegen seiner allseits bekannten Freundlichkeit immer gern in Anspruch nahmen. Wenn er hörte, dass einer seiner weiblichen Fahrgäste gestorben war, fragte er nach deren Hausarzt, hörte gehäuft „Shipman“ und dachte sich, das könnte wohl nicht so recht normal sein:

Entweder ist dieser Shipman eine Niete als Arzt, oder er bringt die alle um.

Endgültig den Stein ins Rollen brachte dann die Anwältin Angela Woodruff. Als ihre Mutter Kathleen Gundy, die Bürgermeisterwitwe, sozusagen aus heiterem Himmel verstarb, – tatsächlich war sie mit Morphium vergiftet worden – , bat sie Dr. Shipman um eine gründliche Untersuchung der Toten. Dieser lehnte ab mit der Begründung, das sei bereits kurz vor ihrem „ganz natürlichen“ Tod geschehen. Als dann ein dilettantisch gefälschtes Testament auftauchte, das Shipman zum Alleinerben von stolzen 386.000 englischen Pfund machte, verlangte Woodruff eine Obduktion. Zum einen kursierten bereits etliche düstere Gerüchte und Vermutungen ob der erstaunlich hohen Sterberate, ordentlich nachweisbar in der Patienkartei des Arztes. Zum zweiten hatte die Mutter sich bis zu ihrer letzten Visite bei Shipman bester Gesundheit erfreut. Und zum dritten war das Testament definitiv gefälscht.

Warum Dr. Tod sich diesen lächerlichen Betrug ausgedacht hatte, der eh aufgeflogen wäre…auch diese Frage findet keine Antwort. Geldnöte hatte er wahrlich nicht. Und welche anderen Nöte ihn töten ließen, – vielleicht gefiel es ihm, erregte es ihn, beim Sterben zuzusehen, vielleicht waren die Menschen ihm auch nur lästig, vielleicht dachte er auch, es sei sein gutes Recht als Arzt, über Leben und Tod zu entscheiden – ,…es bleibt sein Geheimnis. Und seine persönliche Hölle.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*