Dorothy Gale (Wir sind nicht länger in Kansas)

Ob man nun durch das originale Kinderbuch von L. Frank Baum aus dem Jahr 1900 oder durch die Verfilmung mit Judy Garland aus dem Jahr 1939 zur Geschichte kam, Der Zauberer von Oz ist Teil eines gemeinsamen emotionalen Eigentums geworden, das sich tief in der kollektiven persönlichen und kulturellen Psyche verankert hat. Jüngst haben Filmwissenschaftler aus einer groß angelegten Studio die Erkenntnis gewonnen, das besagter Film der einflussreichste aller Zeiten ist. Das mag das deutsche Publikum etwas staunen lassen, denn hierzulande kennt man Dorothy Gale zwar auch, hält das Phänomen aber wohl für ein rein amerikanisches. Und das stimmt eben nicht. Millionen Menschen auf der ganzen Welt haben unvergessliche Verbindungen zu dieser Erzählung voller Wunder, Gefahren, Freundschaft und Feinde. Natürlich sind das Erfahrungen, die oft durch die nostalgische Linse der Kindheit verstärkt werden, aber nur wenige Geschichten wurden mythologisiert wie Oz. Nein, selbst Mittelerde nicht.

Natürlich konnte Baum nicht vorhersehen, wie die Massenmedien eines Tages den Einfluss von „The Wonderful Wizard of Oz“, so der Originaltitel, vervielfachen würden. Und wie auch? Als das Buch erschien, steckten bewegte Bilder noch in den Kinderschuhen. Aber unabhängig davon, welches Phänomen daraus noch entstehen sollte, war Baums unmittelbarer Einfluss auf die amerikanische Imagination bereits damals von Bedeutung.

Von Anfang an schien Baum zu spüren, dass er hier etwas Besonderes in den Händen hielt.

(c) JC Richard

Er ging so weit, den Bleistiftstummel einzurahmen, mit dem er das Manuskript geschrieben hatte, da war das Buch noch gar nicht veröffentlicht. Dies war ein mutiger Akt der Hybris, vor allem, wenn man bedenkt, wie viele gescheiterte Wirtschaftsunternehmen Baum im Laufe der Jahre gegründet hatte: Seine Amtszeit als Zeitungsverleger, Porzellanverkäufer, Theaterdirektor und Hühnerzüchter wurde jeweils mit einem düsteren Kapitel beendet.

Aber als Vater von vier kleinen Söhnen war Baum ein geschickter und geübter Geschichtenerzähler und wurde von seiner Schwiegermutter dazu aufgefordert, sich mit dem Schreiben von Kinderbüchern zu beschäftigen. Sie schlug sogar ein Thema vor: einen Zyklon, der über North Dakota hereinbricht.

Selbst diejenigen, die im Hinterhof aufgezogen werden, kennen die Ausgangssituation: Ein junges Mädchen namens Dorothy Gale befindet sich in einem verzauberten Land, nachdem ein Wirbelsturm sie und ihren kleinen Hund Toto von ihrer Farm in Kansas mitnahm. Während sie die gelbe Ziegelsteinstraße hinuntergeht, um den großen und mächtigen Zauberer von Oz zu bitten, ihr bei der Rückkehr nach Hause zu helfen, erwirbt sie drei ungewöhnliche Reisegefährten, von denen jeder aufbrach, um den Zauberer um etwas zu bitten, das ihm fehlt: die Vogelscheuche, die gerne ein Gehirn hätte, der Blechmann, dem das Herz fehlt, und der feige Löwe, der gerne Mut besäße.

Die böse Hexe des Westens; (c) MGM

Das Buch war ein sofortiger Erfolg bei Kritikern und Lesern. Die Erstauflage war mit 10.000 Exemplaren schnell vergriffen und die Nachfrage so groß, dass Baum dreizehn weitere Bücher für seine Oz-Reihe schrieb, darunter nicht nur über Dorothy, die mehrmals nach Oz zurückkehrt, sondern auch über die Vogelscheuche, den Blechmann und Glinda, die gute Hexe des Nordens. Baum erfand auch noch mehr dieser unvergesslichen Charaktere. Bei all dem darf man allerdings nicht vergessen, dass bis heute keine adäquate deutsche Übersetzung existiert.

Bewundernswert ist allerdings Baums Einführung in das Thema. Er schrieb, dass ein neues Zeitalter des Märchens angebrochen sei, und das all die furchterregende Moral, die früher in den Märchen herrschte, beseitigt werden sollte. Er begründete das damit, dass die Vermittlung von Moral die Aufgabe der modernen Bildung sei. Die Literatur sollte von diesen Zwängen frei sein.

Mit diesen Worten und auf den dann folgenden Seiten schuf Baum das im Grunde genommen erste amerikanische Märchen, nicht nur von einem amerikanischen Autor geschrieben, sondern fest auf amerikanischem Boden verwurzelt. Und keine Erzählung behauptetet sich stärker als Oz.

Aber dafür sorgte eben auch der Film.

Es ist kein Geheimnis, wie oft die Filmstudios, insbesondere Walt Disney Pictures, seit der Veröffentlichung von “The Wizard of Oz” im Jahr 1939 versucht haben, diesen Erfolg zu wiederholen.

Es ist auch kein Geheimnis, dass MGMs Musical-Film überhaupt nur existiert, weil Disneys Schneewitchen zwei Jahre zuvor so ein bahnbrechender Erfolg war.

Aber bei aller Schönheit und ikonischem Status fehlt der Persönlichkeit von Schneewittchen die Substanz und Wirkung, die Dorothy Gale aus Kansas in der Popkultur zu besitzen scheint. Und das alles dank des Auftritts eines sehr talentierten 16-jährigen Mädchens: Judy Garland, die ihre Heldin jung, aber nicht kindisch spielt.

(c) 20th Century Fox; C3PO in “Krieg der Sterne”

Selbst heute reichen die Echos von Oz immer noch in alle Ecken des Filmschaffens und der Popkultur hinein, von den legendären “Star Wars”-Charakteren Chewbacca und C3PO bis hin zu häufigen Referenzen in der Serie “Lost”, von Bearbeitungen für Graphic Novels bis hin zu einer etwas skurrilen Verbindungen mit Pink Floyd. Die Legende besagt, dass, wenn man anfängt, ihre Platte „The Dark Side of the Moon“ beim “dritten Gebrüll des MGM Löwen” zu starten, die Musik perfekt zur Handlung passt.

Unter den Bewunderern von Oz ist David Lynch einer der größten. Bekannt für seine surrealistischen Filme, die oft die Grenzen zwischen Realität und Traumwirklichkeit sprengen. Lynch hat oft Themen und Motive aus Oz benutzt, am offensichtlichsten in „Wild at Heart“. Der Film enthält nicht nur Verweise auf die gelbe Ziegelsteinstraße und die rubinroten Pantoffeln (die Laura Dern trägt), sondern auch auf Glinda, die gute Hexe, die Nicholas Cage in der Rolle des Sailor erscheint.

Wild at Heart; (c) Universal

Dies sind nur einige von vielen Beispielen dafür, wie Oz und Dorothy Gale in den Köpfen der heutigen Welt lebendig bleibt. Der Gesamteinfluss ist vielleicht unberechenbar, weil neben Filmemachern, Comicschaffenden und Musikern auch unüberschaubar viele Autoren auf das Werk referieren – an prominenter Stelle Stephen King genannt. Und deshalb steht Dorothy Gale stellvertretend auf unserer Liste der Ikonen.

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