Doom Metal Kit – Turm

Issue #1

(Parallel zu dieser Review erscheint auch unser Interview mit Michael Liberatore)

Das Wort “Kit” bezeichnet Ausrüstungsgegenstände, eine “Werkzeugkiste”, die man in besonderen Situationen dabei hat. Das “Survival Kit” dürfte das bekannteste Modell sein, und wie jede Ausrüstung kann sie individuell zusammengestellt werden. Ein “Doom Metal Kit” hingegen ist – zumindest im vorliegenden Comic von Michael Liberatore – zwar kein Gegenstand, sondern ein Mechaniker im Außendienst, aber das Prinzip ist im Grunde das gleiche. Da muss jemand etwas richten. Und was Kit da richten muss, sind okkulte Maschinen. Dafür ist er da, seit ihn ein seltsamer Kapuzenmann als Baby quasi vom Opfertisch eines Gehörnten genommen und von einer Bruderschaft aufziehen hat lassen, über die wir leider viel zu wenig erfahren.

Das Doom Metal Kit ist aber noch etwas anderes, oder besser gesagt: es ist GENAU DAS: eine Liste arschcooler Songs, die hier an allen Ecken erklingen. So haben wir meines Erachtens auch ein Mixtape herzustellen – und wie in einem Kochbuch geheime Kräuter und Zutaten gelistet werden – so ist dieses zweiteilige Werk der Miniserie “Turm” auch eine Anweisung, sich in die richtige Stimmung zu bringen. Und wer das abgefahrene Zeug, das da erschallt, nicht kennt, der sollte sich zumindest jetzt daran laben. Ob vorher, nachher oder währenddessen ist dabei zweitrangig.

Interessant dabei ist, dass das erste Heft von Doc Nachtstrom bevorwortet wurde, selbst eine Institution in Österreich – gerade in musikalischen Dingen. (Tipp: Lest dazu auch Docs ehemalige Kolumne hier im Phantastikon).

Der Wilde Westen weit in einer dystopischen Zukunft

Sobald man die erste Seite aufgeschlagen hat, trümmert ein dystopisch-dunkel-phantastisches Horrorriff in der Manier von, sagen wir: Electric Wizard los, auch wenn die ersten Zeilen, die zitiert werden, von Soundgarden stammen. Wir begegnen da einem Typen, der ein Enkel von Clint Eastwood sein könnte, wie er sich als namenloser Fremder durch die typisch beigefarbene Landschaft eines Spagettiwesterns bewegt. Das ist die Basis. Wenn auf unserem hübschen Planeten alles zu Ende sein wird – und glaubt mir: ES WIRD HIER BALD ALLES ZU ENDE SEIN – dann fallen wir nicht etwa in die Steinzeit zurück, sondern in den Wilden Westen. Nur dass dieser Westen dann viel mehr das Wilde Überall sein wird. In 700 Jahren haben wir jedoch so etwas Lächerliches wie die herkömmlichen Naturwissenschaften überwunden, wir haben okkulte Maschinen – und das ist eine dieser Ideen, die eine ganze Comicwelt ermöglichen.

Issue #2

Das Problem, das sich in dieser zwei Hefte umfassenden Miniserie offenbart, sind wahrlich nicht die Ideen, sondern der Raum, oder der Mangel an Raum. Man könnte fast von einer kosmischen Implosion sprechen, denn hier ist nicht gerade wenig Höllengezücht am Start – auch das eine Reminiszenz an jene Abteilung des Doom Metal, die eigentlich – wie etwa die Melvins – aus dem Sludge und sogar dem Noise-Sektor kommt. Wunderbar zweifelhafte Zombie-Mädchen (viel zu wenig), Tentakel, Monstrositäten und entfesselte Rituale sind da zu sehen, die leider viel zu wenig Platz bekommen, um sich entfalten zu können. Zählt man die Figuren und Begebnisse alle auf und rechnet sie gegen die Seitenzahlen, wird man die Schwierigkeit der Umsetzung leicht erkennen. Und ich spreche nicht davon, dass all das keinen Spaß machen würde. Ganz im Gegenteil würde man sich gerne in diese Fabulierlust hineinlegen und wegtragen lassen, was dazu führt, dass man nach dem Ende der beiden Hefte noch einmal von vorne beginnt, weil man garantiert nicht alles verstanden hat, nicht alles verstehen konnte.

Es liegt auf der Hand, dass man hier eben nicht für eine lange Strecke planen konnte. Wenn von Anfang an alles von einem Publikum abhängt (Das Projekt wurde über Kickstarter finanziert), versucht man, so viel Urgestein wie möglich zu verarbeiten, denn es könnte ja gleich wieder zu Ende sein. Ich bleibe also etwas ratlos zurück, denn einerseits haben wir hier ein gewaltiges Artwork und ein Konzept, das wirklich tragen könnte – sehr weit tragen könnte; auf der anderen Seite haben wir dadurch aber auch das etwas wirre Storytelling, das alle Dinge nur anreißt, aber nicht ausführt. Weniger hätte man aber trotzdem nicht unterbringen können (falls das jetzt jemand denkt). Und so wage ich zu behaupten, dass Doom Metal Kit ein Opfer seiner Produktionsumstände ist, das aber danach schreit, auserzählt zu werden.

Die Story selbst ist hier noch einmal nachzulesen.

Michael Perkampus

Michael Perkampus

Kulturanthropologe, Übersetzer, Sammler von Comics, phantastischer Literatur und Filmen. Gründer des Phantastikon.

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