Doctor Strange – Hüter der Realität

Ein Sturz in die Tiefe — als Geburtsstunde

Strange Tales #110
Strange Tales #110

Es gibt eine sehr kleine Kategorie von Comicfiguren, bei denen man sagen kann: Ohne eine bestimmte Persönlichkeit hinter dem Zeichentisch wäre die Figur buchstäblich undenkbar. Doctor Strange gehört eindeutig in diese Kategorie, und die Persönlichkeit ist Steve Ditko. Als Stan Lee und Ditko die Figur im Juli 1963 in Strange Tales #110 debütieren ließen, war das Marvel-Universum gerade dabei, sich mit einer Geschwindigkeit zu erfinden, die selbst Beteiligte später kaum fassen konnten. Innerhalb von drei Jahren hatte Jack Kirby die Fantastic FourThor und die New Gods mitgebaut, Lee und Ditko den Spider-Man erschaffen. Doctor Strange war, verglichen mit diesen lautstarken Kraftakten, eine eher stille Unternehmung, wie ein Kammermusikstück in einer Bigband-Ära.

Die Ursprungsgeschichte ist so archetypisch, dass sie sich selbst überlebt hat: Stephen Strange, brillanter, narzisstischer Neurochirurg, verliert durch einen Autounfall die Feinmotorik in seinen Händen. Das Werkzeug seiner Identität, seiner Überlegenheit, seines Selbstverständnisses, alles war zerstört. Was folgt, ist eine Reise durch Verzweiflung, Entzug, zerschlagene Hoffnungen und schließlich der Weg nach Kamar-Taj, wo der Uralte (Ancient One) ihn sozusagen ummodelliert. Doctor Strange ist damit eine der wenigen Superheldengeschichten, in der der eigentliche Transformationsprozess kein Unfall von außen ist, sondern eine innere Kapitulation: das Aufgeben von Ego, Kontrolle und dem Glauben, die Welt durch technische Brillanz beherrschbar machen zu können.

Hintergrund

Lee, Ditko — und die Stille des Meisters

Stan Lee autor & konzept

Der Architekt des Marvel-Universums. Lee lieferte die erzählerische Rahmung, den Tonfall und die humanistischen Konfliktlinien. Sein Beitrag zu Strange war das Wissen, dass eine Überwindungsgeschichte mehr trägt als ein reiner Herkunftsmythos.

Steve Ditko zeichner & seele

Der eigentliche Vater der Ästhetik. Ditkos psychedelische Dimensionen, seine geometrischen Traumlandschaften und sein Sinn für das kosmisch Befremdliche definierten Doctor Strange visuell in einer Weise, die bis heute unübertroffen ist. Ein zurückgezogener Einzelgänger, dessen Ayn-Rand-Philosophie sich merkwürdigerweise mit der östlichen Spiritualität seiner Figur verband.

Was Ditkos Arbeit an Doctor Strange zu einem Sonderfall der Comicgeschichte macht, ist die visuelle Sprache, die er für das Mystische erfand. Während andere Zeichner Magie mit Blitzen, Funken und großen Gesten illustrierten, schuf Ditko Architekturen des Unmöglichen: Räume, die sich in sich selbst falteten, Dimensionen ohne klares Oben und Unten, Farbfelder, die an Rothko erinnern und gleichzeitig an Alpträume. Man hat diese Ästhetik oft als „Vorwegnahme der Psychedelik“ gelesen, tatsächlich war sie das buchstäblich auch. Als die LSD-Kultur in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre explodierte, hatten Ditko und Lee für das visuelle Vokabular des erweiterten Bewusstseins bereits mehrere Jahre Vorarbeit geleistet.

Ditko verließ Marvel 1966, inmitten ungeklärter Differenzen mit Lee über kreative Kontrolle und Bildrechte. Was er hinterließ, war ein visuelles Erbe, das alle nachfolgenden Zeichner beschäftigte, mal als Vorbild, mal als Last. Die Besten, darunter Frank Brunner in den 1970ern und Chris Bachalo in neuerer Zeit, fanden ihren eigenen Ton innerhalb dieser Tradition. Die schlechteren Zeichner kopierten bloß die Mandalas und hofften, der Geist würde sich von selbst einstellen.

Ego, Kontrolle und die Kunst des Loslassens

Doctor Strange ist in der Superhelden-Comicwelt eine seltene Figur: ein Held, dessen Transformation kein einmaliges Ereignis ist, sondern ein fortlaufender Prozess. Die meisten Ursprungsgeschichten funktionieren als Schalter; vorher Zivilist, nachher Held, Kapitel abgeschlossen. Stranges Entwicklung hingegen ist eine spiralförmige: Er kehrt immer wieder zu denselben Fragen zurück. Wie viel Kontrolle darf man ausüben? Welchen Preis zahlt man für Macht? Wann ist Eingreifen Hybris, wann Pflicht?

Strange ist der einzige Marvel-Held, dessen zentraler innerer Konflikt in jeder Ära der Comics neu verhandelt wird, weil er nicht gelöst, sondern nur gelebt werden kann.

Das macht ihn zu einer Figur, die philosophisch ernsthafter ist als ihr Genre sie zwingt zu sein. In den besten Strange-Geschichten, etwa Roger Sterns Master of the Mystic Arts-Saga oder Jason Aarons neuerer Interpretation, ist der äußere Kampf gegen Dormammu oder Mordo immer auch ein innerer Kampf gegen die Versuchung, die eigene Überlegenheit zur einzigen gültigen Moral zu erklären. Strange hat die Fähigkeit, die Realität umzuschreiben. Die Frage, die ihn interessant hält, ist: warum tut er es meistens nicht?

Östliche Philosophie im westlichen Vierfarben-Druck

Was an Doctor Strange im historischen Kontext so bemerkenswert ist: Die Figur erschien 1963 in einem Amerika, das von östlicher Spiritualität, Zen-Buddhismus und den ersten Wellen der Gegenkultur gerade erst berührt wurde. Die Beatles reisten noch nicht nach Indien, Alan Watts war für die Mehrheit ein Randfigur, Meditation galt als exotisch. Ditko und Lee warfen ohne große theoretische Rahmung eine Figur in den Markt, die in Kamar-Taj im Himalaya lernte, deren Lehrer ein unsterblicher tibetischer Zauberer war, und dessen Weltanschauung auf radikaler Selbstaufgabe und Demut basierte.

Das war eine kulturelle Provokation, auch wenn sie so nicht gemeint war. Doctor Strange funktionierte als Gegenbild zum amerikanischen Selbstoptimierungs-Helden: Wo Spider-Man lernte, mit seiner Verantwortung zu leben, und Iron Man sich durch Technologie zu überwinden suchte, lernte Strange, dass das Selbst das Problem ist. Das klingt nach Zen, weil es Zen ist, oder zumindest eine amerikanischen Comic-Destillation davon.

Hinzu kommt die visuelle Dimension, die Strange von allen anderen Marvel-Figuren unterscheidet. Während Iron Man Technologie verkörpert und Captain America Geschichte, ist es bei Strange das Undarstellbare, quasi die Erfahrung jenseits der euklidischen Geometrie, jenseits der linearen Zeit, jenseits des Greifbaren. Ditkos Erbe ist ein permanenter Auftrag an jeden Zeichner, das Visuelle zu dehnen. Das beste Strange-Artwork der letzten Jahrzehnte ist entsprechend das, welches sich traut, das Bild selbst zu befragen.

Anekdote

Ein Kosmos aus Beziehungen

Kein Held existiert ohne sein Unterstützungsnetzwerk, und Doctor Strange hat eines der interessantesten in der Geschichte der Marvel-Comics. Clea ist eine Schülerin Stranges und später seine Frau. Sie ist eine der wenigen Beziehungen in Superhelden-Comics, die tatsächlich auf Augenhöhe geführt wurde. Clea übernimmt zeitweise den Titel des Sorcerer Supreme, kämpft ihren eigenen Krieg in der Dark Dimension und ist nicht einfach ein romantischer Sidekick, sondern eine vollwertige Figur mit eigenem Handlungsbogen. Die Dynamik zwischen ihr und Strange – Schülerin, Verbündete, Liebende, Entfremdete – war über Jahrzehnte hinweg der emotionale Anker der Serie.

Wong, Stranges Wächter und engster Vertrauter, hat eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht: Von dem kolonialen Stereotyp des stummen asiatischen Dieners in den frühen Ausgaben hin zu einer vollwertigen Persönlichkeit mit eigenem Humor, eigenen Wertvorstellungen und, besonders in den MCU-Adaptionen, eigenem Gewicht in der Geschichte. Dies ist weniger ein Verdienst der frühen Strange-Comics, vielmehr ist es ein Beweis für die Fähigkeit des Mediums, Figuren über Generationen hinweg zu rehabilitieren.

Dormammu als Hauptgegner verdient eine eigene Betrachtung. Er ist kein Schurke mit nachvollziehbaren Motiven, sondern Ausdruck einer anderen Ontologie, einer Existenz jenseits menschlicher Kategorien von Gut und Böse. Das macht ihn beunruhigender als die meisten Comic-Antagonisten: Dormammu will Strange nicht vernichten, weil er böse ist. Er will ihn vernichten, weil Strange für Ordnung steht und Dormammu Ordnung als vorübergehende Schwäche betrachtet.

Cumberbatch, Raimi — und Ditkos Rückkehr

Scott Derricksons Doctor Strange (2016) war ein solider und recht mutiger Einstieg ins filmische Universum der Figur mit einer Architektur-Sequenz, die erstmals ernsthaft versuchte, Ditkos visuelle Ideen in Bewegtbild umzusetzen. Benedict Cumberbatch verstand die Figur instinktiv: Strange als jemanden zu spielen, dessen Arroganz eine Schutzschicht ist und dessen Lernprozess schmerzhaft bleibt. Was der erste Film weniger gut beherrschte, war das kosmisch Befremdliche. Er tendierte zum Blockbuster-Spektakel, während Ditko Stille bevorzugt hätte.

Sam Raimis Doctor Strange in the Multiverse of Madness (2022) war dann etwas ganz anderes: eine Horrorfilm-Regie, die sich in einen Superheldenfilm verirrt hatte und dadurch zufällig ins Schwarze traf. Raimis expressionistischer Stil, seine Bereitschaft zu echter Bedrohung und körperlichem Grauen sowie seine Freude am Surrealismus sind näher an Ditkos Geist als alles andere, was das MCU bisher produziert hat. Es war kein perfekter Film (das sind Superheldenfime nie). Aber er war authentisch.

Der unfertige Magier

Doctor Strange ist auch nach sechzig Jahren noch eine Figur im Werden. Das ist sein eigentliches Kennzeichen, und sein Versprechen. Helden, die fertig sind, die ihren Abschluss erreicht haben, werden langweilig. Strange bleibt interessant, weil seine Frage unbeantwortet bleibt: Wie viel Opfer darf man verlangen, von sich selbst, von anderen – für die Rettung einer Realität, die die meisten ihrer Bewohner gar nicht als schützenswert wahrnehmen?

Das ist eine Frage, die weit über das Superhelden-Genre hinausgeht. Es ist die Frage des Spezialisten, des Experten, des Menschen, der Dinge sieht, die andere nicht sehen können, und der damit umgehen muss. Ditko hat diese Frage 1963 in vier Farben gedruckt. Sie ist bis heute offen.

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Die eigentliche Geschichte liegt zwischen gefalteten Dimensionen; es ist die Geschichte einer Seele, die lernte, Stärke in der Kapitulation zu finden

Nachtrag des Autors: Stranges Geschichte ist die eines philosophischen Paradoxons — ein Mann, den ein Objektivist (Ditko) erschuf, dessen zentrale Lektion aber die Überwindung eben jenes Egos ist, das Ayn Rand zum höchsten Gut erklärte. Dieser Widerspruch gehört für mich zum Faszinierenden an der Figur.

Besonders am Herzen liegt mir das Kapitel über Ditkos visuelle Sprache, das Mandalas-zeichnende Erbe, das jeden nachfolgenden Strange-Zeichner entweder befreit oder lähmt, je nachdem, ob man Ditko kopiert oder wirklich befragt, was er versuchte zu zeichnen.

Veröffentlicht von

Anski Spiegel

Studium der Literatur und der Philosophie. Comics sind für mich das Medium, das allen anderen Medien haushoch überlegen ist. Vergleiche hinken, immer. Aber dennoch gibt es nichts, das unser Dasein präziser in eine Form bringen könnte.

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