Django

Ein Mann, ein Sarg, kein Wort

Franco Nero ist der finstere Kerl mit dem Sarg. Geheimnisvoll, ungeduscht und verdammt attraktiv im Lonesome-Rider-Look, Gegner von unnötig vielen Worten und von noch mehr Pistoleros, die ihn gern sterben sehen möchten. Freilich: Zu mehr als einem gekrächzten „Hasta la vista, Django“ reicht’s nicht. Wenn überhaut. Denn Django schiesst schneller. Schneller als sein Schatten. Er ist der coole Typ mit dem Maschinengewehr, der nach dem Gemetzel sagt:

„You can clean up the mess, but don`t touch my coffin!“

Chaos beseitigen, Sarg nicht anfassen…klar doch. Was sonst sollte die Regel sein in dieser zynischen, verruchten Welt? Franco Nero als Django ist der Anti-Held. Narzistisch, brutal, unpolitisch und verdorben. Total verwirrend als Sympathieträger. Ein Unikat mit großen Nachwirkungen.

D_J_AN_G_O. Das ‚D‘ ist stumm. (Jamie Foxx, Franco Nero)

Franco Nero ist auch der feine Herr, der sechsundvierzig Jahre nach dieser einen, dieser bemerkenswerten, dieser so düster, so gut erzählten Geschichte einen Fremden nach seinem Namen fragt. Der sagt: „Django.“ Und buchstabiert: „D-J-A-N-G-O. Das ‚D‘ ist stumm.“ Und Franco Nero sieht ihn an und sagt: „Ich weiß.“

Jawohl. Wissen wir auch. Lieben wir, sowas. Geniale Szene in Django Unchained mit Jamie Foxx und dem ergrauten Nero, großartige Verneigung Tarantinos vor ihm, dem Ersten, dem Original: Sergio Corbuccis Django, 1966 vom zweiten großen Italiener (neben Leone) als durchweg schlammiges und schonungsloses Machwerk auf die Leinwand gebracht, gilt als Italo-Ikone der besonderen Offenbarung. Die ist derart rau, verregnet, blutig, ungerecht und unmoralisch, dass man einfach nur geknickt nicken und inbrünstig seufzen möchte, wenn Django sagt:

„Es gibt bloß eins, was wichtig ist: dass man sterben muss.“

Zu einer Zeit, in der man sich über das (echte) Schlechte im Menschen noch immens empören konnte, mehr scheinheilig denn aufrechten Blickes, – wie auch, wenn Vietnam und seine Auswirkungen so brutal wahr im Nacken sassen? – , zeigte Sergio Corbucci einen dreckigen Western frei von guten, naiven Seelen, die den Himmel blau reden, wenn er schwarz ist. Das Märchen, das er erzählte, spielt im dichten dunklen Wald, da sind Lichtungen, um angenehm träumen zu können, schwer zu finden.

Aber: Auch ohne Heile-Segen- Sonnenschein ist Django eine strahlende Figur. Franco Nero als Hauptdarsteller war diesbezüglich ein Volltreffer. Stark. Macht schwach für solche Männer. Irgendwie. Und mit der passenden Musik… immer. Auf Morricones Zauberklänge hat Corbucci bei Django ( Musik: Luis Enriquez Bacalov und Franco Migliacci) noch nicht gesetzt, das holte er nach. Kleiner großer Wahnsinns-Wink für „Il Mercenario“ (kommt noch): L’arena

Django ist ein ehemaliger Soldat, der sich im Pueblo Nogales an der Grenze der USA zu Mexiko mit rassistischen nordamerikanischen Truppen und mexikanischen Banditen anlegt. Er kennt beide Seiten, und er legt keinen Wert darauf, eine von ihnen aus welchem Grund auch immer zu schonen. Einer schönen Frau, die bestialisch getötet werden soll, steht er bei, ansonsten zählt nur die eigene Haut. Es geht um Rache, – er will Major Jackson (Eduardo Fajardo) töten, der seine Frau auf dem Gewissen hat – , es geht um Gold, das er sich mit Hilfe von General Rodriguez (José Bódalo) beschaffen will. Vorrangig aber geht es um Sittenlosigkeit, um Betrug, Foltern, Morden mit dem einen Ziel: Einfach nur davonzukommen.

Dreck, Schlamm, Verdorbenheit: Und mittendrin der (Anti-)Held, Fotos (3) copyright: Constantin Film

Rodriguez lässt Django zwar wegen Verrats (er wollte mit dem Gold verschwinden) schwer misshandeln, – die Knochen seiner Hände werden zertrümmert – , aber sein Leben bleibt ihm. Sein Maschinengewehr, versteckt im Sarg, den er ewig mit sich zieht und hütet, kann er mit den Zähnen und bandagierten Fingerknöcheln noch bedienen. Irre Bilder, – allein die Vorstellung, dass… – , sind das, mit Grautönen gemalt auf dem Friedhof, wo Djangos Frau beerdigt ist und Jackson stirbt. Djangos Ziel ist erreicht. Für ihn geht es weiter ins Nirgendwo-Irgendwo. Aus.

Der große Erfolg von Corbuccis erstem echten Italo-Western zog Nachahmer an. Der Name Django tauchte in den Folgejahren immer wieder in Filmen anderer Produzenten auf, die sich in Stil und Art versuchten, aber mehr oder weniger damit scheiterten. Immerhin: Django hat seitdem Marktwert, auch in der Popkultur. Das so phantastisch Düstere freilich, das Corbuccis Geschichte so bemerkenswert macht, wurde so mit keinem anderen Django wieder erreicht. Gut, Töte Django (Originaltitel: Se sei vivo spara) mit Tomás Milián in der Hauptrolle, nur ein Jahr später von Guilio Questi gedreht, gilt in Django-Kult-Kreisen als würdigster Nachfolger, ist extrem brutal und grausam und selbst für Hartgesottene kein Entspannungsfilm nach dem Mittagsschläfchen. Auf DVD erhielt er den selten miesen Titel: „Django – Leck Staub von meinen Stiefeln“

Der offizielle zweite Teil ist Djangos Rückkehr (im Original: Django 2: Il grande ritorno) aus dem Jahr 1987, Regie: Nello Rossati, Drehbuch: Sergio Corbucci, Django: Franco Nero. Da war aber die große Zeit vorbei. Und das Mystische lag längst mit im Sarg. Über den „Rückkehrer“ schreibt Ullrich P. Bruckner in „Für ein paar Leichen mehr“:

„Ziemlich missglückter Versuch einer Fortsetzung – mehr Rambo als Django.“

Und so wollen wir das nun mal nicht.

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und "Ganz normal verpickelt" (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), "Zwielicht " und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), "Dirty Cult" (Hrsg. Ulf Ragnar), "IF Magazin für angewandte Fantastik" (Whitetrain) , "Der letzte Turm vor dem Niemandsland" (Fantasyguide präsentiert) und "Miskatonic Avenue" (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)

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