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Django unchained

(Bilder aus: Django Unchained, copyright: Columbia Pictures/The Weinstein Pictures, 2012)

Aber sicher!

Tarantinos Django ist ein Fressen für uns Geier. Um im kompromisslos geläufigen Edel-Schmuddel-Jargon zu bleiben. Gar Festmahl? Aber bitte, dürfte gelten. Die Gemeinde dankt auf jeden Fall gut gesättigt. Wobei ich als alte italienische Betschwester mit (immer noch!) Wüstensand in den Stiefeln und ergrauten Kojoten im Visier ein bisschen skeptisch war, als da 2012 frohlockt wurde, jemand Besonderes würde einen besonderen Django drehen.

Italo-Western aufgewärmt geht nun mal gar nicht, abgeguckt wäre lächerlich, neu erfunden gehört zu den Dingen, die unsere Welt nicht braucht. Misstrauen freilich braucht sie auch nicht unbedingt, da Quentin Tarantino sich der Django-Sache angenommen hat. Der zählt die Sterne am Nachthimmel und gibt noch einen darauf. Kippt Whiskey und Bier, Grappa und Blut ins Feuer und zündet eine Extra-Rakete für Maestro Morricone. Holt die Rache in die Südstaaten und Franco Nero an die Theke, an der bereits sein eigener extra-cooler Django steht und aufklärt:

„Ich heiße Django. D-J-A-N-G-O. Das ‚D‘ ist stumm.“
Nero, untypisch elegant und typisch frostig: „Ich weiß.“

Fieser Kerl, grandioser Samuel L. Jackson (Haussklave Stephen)

Tarantino holt keine Aera zurück, er verbeugt sich. Schwingt grausam galant seinen eigenen Hut. Peitscht aus, peinigt, predigt und philosophiert ein wenig, gibt auch noch Raum für Idealismus. Hoffnung. Spinnerei. Warum nicht? Lässt Christoph Waltz intellektuell grinsen, Leonardo DiCaprio dandyhaft gruseln, Samuel Jackson (erster Haussklave Stephen) herrlich schmierig dastehen und Jamie Foxx so verdammt selbstverständlich schießen, töten, leiden, lieben.

Und gewinnen. Bis dahin ist es eine hürdenreiche, schmerzvolle Strecke. Unheilverkündend wünscht der Düsseldorfer Zahnarzt alias Headhunter Schultz „einen schönen kalten Abend den Herren“, und Tarantino lässt gleichsam die eigene Prämisse für sein filmisches Machwerk zitieren:

„Krieg ist ’ne schmutzige Sache. Da halt‘ ich mich dran. Jetzt wird es schmutzig.“

Die finale Botschaft ist nicht dreckig und düster, das Happyend nach vorangegangenem Massaker ist sprichwörtlich Hollywoodreif, – der Held hat die Herzdame – , und damit partout nicht typisch Italo. Aber das macht (fast) nichts, weil Tarantino das alles eh phantastisch genial so bastelt, wie es passt. Der Mann kann das, denn…

„…wenn mich Leute fragen, ob ich in Filmschulen gegangen bin, dann sage ich ihnen: „Nein, ich bin in Filme gegangen.“ (Tarantino)

Und damit ist Wesentliches geklärt. Zweifellos: Der kleine Tarantino war im Kino, der große längst Stammgast mit Gratis-Popcorn. Dieser famose Filmemacher kennt die Italos und ihre tragischen Inhalte, und was er uns erneut und doch eben anders und durchweg bildgewaltig erzählt, ist die eine große ultimative Geschichte von Schuld und Abrechnung, die sich auf Wegen abspielt, die mit Leichen gepflastert sind. Seine Toten sind die Sklaven, sein Kriegsschauplatz der tiefe Süden Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, sein Unrecht das Unmenschliche, Abartige, seine Vergeltung die eines farbigen Märchenprinzen, der seufzen lässt: Hätte es mehr von der Sorte gegeben…

Schaurig-schön, das alles, durchaus. Aber eben geträumt. Eine Was-wäre-wenn-Fiktion, die am Ende zufriedenstellt, weil sie gut ausgeht. Brutalität und Bösartigkeit werden damit nicht ins Abseits gestellt, natürlich nicht, es wird angeprangert, verurteilt, krass verdeutlicht, wie das war. Wie das ist. Rassistisch. Bigott. Finster, grausam. Extrem blutig. Auch das.

Partner am Colt und im Geiste: Schultz (Waltz) und Django (Foxx)

Und so beginnt Django Unchained ähnlich wie der 1966-er-Django: Zum Titelsong des Corbucci-Films stolpern aneinandergekettete Sklaven durch eine winterliche Steinwüste. Deprimierend düster wie Franco Neros erstes Erscheinen auf der Leinwand: Durch die schlammigen Straßen zieht er langsam einen Sarg hinter sich her, die Gegend ist trostlos, Djangos Blick ist dunkel. Er ist erschöpft. Dito Tarantinos Django, einer der Sklaven im Gefangenentreck, der vom Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Waltz) für eigene Zwecke „entfesselt“ und später dessen Partner wird.

Jamie Foxx spielt den wortkargen Freiheitskämpfer auf der Suche nach seiner Frau Broomhilda (Kerry Washington) in der Tradition der großen Italo-Schweiger. Besonderheit: Tarantino lässt seine Leute, halbwegs gut oder schlicht böse, und auch seinen Hauptakteur ab und an auch recht humorig sein, was unpassender klingt als es tatsächlich ist. Diese trockene Komik vor ernstem Hintergrund wirkt keineswegs merkwürdig oder gar zynisch, sondern wie ein Kunstgriff in die Situation, der irgendwie korrekt sitzt. Mehr oder weniger eben nicht. Reicht auch.
Gelobtes Beispiel:

Schultz: „Ist er’s?“
Django: „Ja.“
Schultz: „Definitiv?“
Django: „Ich bin nicht sicher.“
Schultz: „Was? Dass er’s ist?“
Django: „Ich weiß nicht, was definitiv ist.“

Natürlich muss er das gar nicht wissen. Man schmunzelt, längst orientiert: Was zählt ist, dass er seine Bestimmung erkennt. Seinen Wert als Auserwählter.

„So ziemlich jedes Wort aus Calvin Candies Mund war nur gequirllte Scheiße. Aber mit einem hatte er recht: Ich bin der Nigger aus 10.000.“

Und doch wird alles (wieder) gut: Broomhilda in Not

Und dieser eine von so unzählig vielen „armen Teufeln“, wie Schultz die Sklaven nennt, triumphiert denn auch am Ende als strahlender Ritter auf tänzelndem Ross mit der geretteten Broomhilda an seiner Seite, im Hintergrund das brennende Herrenhaus mit all den Toten, die, bis auf Schultz‘ Leiche, nicht das geringste Bedauern verdienen. Rache gelungen. Er lächelt in die Zukunft. Den Zuschauer freut’s.

Corbuccis Django endet auf dem Friedhof am Grabstein seiner ermordeten Frau. Er stützt seinen Colt mit verstümmelten Händen ab, um auf seine mit Ku-Klux-Klan-Kapuzen maskierten Verfolger schießen zu können, tötet sie, bleibt allein zurück. Rache gelungen. Er starrt ins Nirgendwo. Der Zuschauer schluckt.

Und was ist uns lieber? Absurde Frage. Oder? Da könnte man auch sagen, Djangos „Gefällt mir, wie du stirbst, Boy“ sei ein guter Satz.
Ein richtig guter Satz. Richtig gut…gemacht. Alles.
Thanks…e grazie.

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (145 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
Kontakt: Webseite

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