Diese Welt erdulden oder eine andere illuminieren? Über die Bedeutung und den Nutzen des Horrors

In seiner interessanten Abhandlung in Buchform, Danse Macabre (1981), stellte Stephen King die folgende Theorie über die grundlegende und beständige Anziehungskraft des Horrors auf:

Warum soll man sich schreckliche Dinge ausdenken, wenn es doch so viel wirklichen Schrecken in der Welt gibt?

Die Antwort scheint zu sein, dass wir uns Horror ausdenken, um mit dem wirklichen Übel fertig zu werden.

Ganz passend für jemanden mit einem so königlichen Namen gab uns der King in dieser Passage praktisch die Eine Theorie, um sie alle zu knechten, die eine Idee, die zur einfachen Antwort auf die Fragen nach dem inneren und beständigen Reiz des Grauens werden sollte. Unzählige Schöpfer und Konsumenten solcher Unterhaltung haben in den letzten drei Jahrzehnten die Logik des Kings so weit wiederbelebt, dass sie zu einem praktischen Bezugspunkt geworden ist, den jeder Horror-Fan auspacken kann, wenn seine oder ihre krankhaften Vorlieben in Frage gestellt werden. Warum Horror? Weil unsere Seelen ein Überlebenstraining brauchen, um sich für den Ernstfall zu wappnen, sobald der Ernstfall auf uns zukommt, versteht sich!

Ganz einfach? Ja. Einprägsam? Ja, sicher. Nützlich? Auf jeden Fall. Aber ist es korrekt?

Obwohl ich ein Bewunderer vieler Werke von Stephen King bin, gestehe ich, dass ich seine Logik hier zutiefst verdächtig finde. Diese Theorie schlussfolgert im Grunde, dass der Horror ein gesunder, ja sogar sozial verantwortungsvoller Zeitvertreib ist: Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, wenn Ihre Großtante Tilly bei der Auswahl der Filme Ihres Filmabends die Stirn in Falten legt. Informieren Sie sie einfach darüber, dass der kannibalische Rausch, den sie in den nächsten neunzig Minuten in reißerischen, extremen Nahaufnahmen aushalten muss, nur zu ihrem eigenen Wohl ist, denn er stählt ihre Nerven für das morgige Anstehen bei den Vergnügungen im Freizeitpark.

Der Verstand sträubt sich bei einer solch absurden Vorstellung. Und zwar so heftig, dass diese Erfahrung eine grundlegende Frage über die vorliegende Theorie aufwirft: Hilft uns die Horrorkunst in irgendeinem Medium wirklich bei der Bewältigung des Lebens? Und, was noch wichtiger ist, muss sie das? Erfordert sie einen Zweck, der über die köstliche Flut von Schauer und Grauen hinausgeht? Sicherlich können selbst die raffiniertesten Beispiele des Genres nicht wirklich als Lektionen des Lebens betrachtet werden. Oder etwa doch?

Ich habe den größten Teil meines Lebens Horror konsumiert, und doch kann ich keinen einzigen Fall nennen, in dem mich das Genre gegen die Schmerzen der Welt gestärkt hätte. An den Beerdigungen geliebter Menschen teilzunehmen, zu versuchen, sich finanziell über Wasser zu halten, zuzusehen, wie die Wetterverhältnisse in der Welt immer heftigere und schärfere Formen annehmen – nichts davon wurde durch postmoderne Geistergeschichten oder die in Öl gemalten Monstrositäten von Bosch erleichtert oder verständlicher gemacht. Aber wenn der Horror, obwohl er ein wenig vorhersehbarer ist als die meisten anderen Formen der Unterhaltung, doch sehr wenig zur Unterstützung der Lebensstrategien und Situationen seiner Leser und Zuschauer beiträgt, was genau tut er dann? Warum stürmen wir, seine Praktiker und Fans, Jahr für Jahr und Generation für Generation immer wieder seine Friedhofstore?

In seinem Essay „The Consolations of Horror“ (1982; enthalten in The Nightmare Factory) betrachtet Thomas Ligotti die Theorie des Horrors als Vorbereitung auf  Leben und Tod und findet sie nicht nur entschieden unzureichend, sondern grundlegend daneben. Wenn die Menschen tatsächlich behaupten wollen, dass das Genre sie auf das Leben vorbereitet hat, fordert er sie auf:

Versuchen Sie doch einmal, Trost aus Ihrem halben Dutzend Durchläufen von The Texas Chain-Saw Massacre zu schöpfen, wenn man Sie gerade für eine Gehirnoperation vorbereitet.

Und da, Freunde, liegt der Haken. Denn es gibt keinen Trost für eine so schreckliche Erfahrung durch einen so schrecklichen Film. Die Formel bricht zusammen. Die Gleichung ist nicht auf Augenhöhe. Die Daten sind nicht berechenbar. Zwischen realem Horror und fiktionalem/künstlerischem Horror gibt es nicht nur das völlige Fehlen einer vorteilhaften symbiotischen Beziehung, sondern, wenn der Druck auf den Kopf zunimmt und das Skalpell auf Fleisch trifft, das völlige Fehlen jeglicher Art von sinnvoller Zuordnung.

Dies führt uns zu einer Variation unserer ursprünglichen Fragestellung: Wenn der Horror keine erkennbare Relevanz für etwas anderes als sich selbst hat, bedeutet das dann, dass er an sich überhaupt keine Relevanz hat?

Die Frage stellt sich gerade angesichts der Tatsache, dass das Genre weiterhin Themen aufgreift, die im herkömmlichen Sinne relevant erscheinen, wie etwa – um nur ein Beispiel zu nennen – die vielen klugen Angebote verschiedener Filme, Geschichten und Bücher, die scheinbar politische Subtexte hervorbringen. Und tatsächlich haben viele Veröffentlichungen in diesem Genre den Anschein, als ob sie solche Lektionen für ihr klügeres Publikum bereit hielten. Aber ich vermute, dass selbst diese Elemente kaum mehr als Kulissen sind: ein falscher Subtext, den der Autor (vielleicht unwissentlich) eingefügt hat, um sich selbst davon zu überzeugen, dass die ganze Übung mehr ist als nur ein leeres Schwelgen in reichlich Morbidität.

Aber ich denke, eine genaueres Verständnis der Situation erfordert es, den Verfasser als jemanden zu betrachten, der als Platzanweiser fungiert, der uns sanft in eine Welt stupst, die zunächst im Grunde genommen mimetisch ist. Es ist unsere Welt. Wir kennen diesen Ort. Und doch gibt es einen Hauch des Unheimlichen, der von den Dingen ausgeht. Die Szenerie hängt leicht schief. Vielleicht beobachten uns Augen. Dieser Hauch von Unheimlichkeit verändert die Mischung kaum; wenn überhaupt, dann dient er als Leichenduft, der unseren inneren Ghul berauscht. Und wenn solche Spekulationen fragwürdig erscheinen, dann bedenken Sie Folgendes: Wann haben Sie, vermutlich ein Leser von Horrorliteratur, das letzte Mal ein Buch zugeschlagen, weil Ihre Liebe zu dieser Welt zu groß war, als dass Sie das Chaos ertragen konnten, das unweigerlich auf die Figuren zukommt?

In den meisten Fällen ist unsere Reaktion das genaue Gegenteil, nicht wahr? Wir lesen weiter oder sinken noch genussvoller in unsere Kinosessel und folgen dem immer dichter werdenden Faden des Grauens wie Hunde auf der Fuchsjagd. Wir haben den Geruch der Andersartigkeit gleich hinter der Kurve eingefangen, und so warten wir mit angehaltenem Atem darauf, wie der Autor seine Offenbarung vor uns entfaltet. Wie wird diese spezielle Erzählung die blutleere Haut der scheinbaren Realität wieder aufreißen? Wann werden wir in einer Symphonie von Sargdeckeln, die von innen knarren, von Kronleuchtern, die in leeren Villen klirren, vom Heulen eines mondbeschienenen Waldes mitgenommen werden?

Und wenn diese Offenbarung erst einmal beginnt, ist sie dann nicht herrlich? Wir wissen, dass wir für eine gewisse Zeit von dieser Musik des Schreckens mitgerissen werden, und durch dieses Wissen wird eine uranfängliche Ahnung befriedigt: die Ahnung, dass diese Dramen nichts wirklich mit der Welt zu tun haben, die wir für uns selbst geschaffen haben. Stattdessen enthüllt die übernatürliche Geschichte eine größere Welt, eine numinose und verwirrende Welt, eine Welt, die nie dazu bestimmt war, uns zu dienen. Wir sonnen uns in einem Entwurf dieser Welt, der unter oder hinter der Welt, die wir erkennen, verläuft, und wir beobachten in einem Beinahe-Delirium, wie diese größere Welt, die wir zwar erkennen, aber so selten durch etwas anderes als der subtilsten Andeutung erfahren, plötzlich ihr hässliches Haupt erhebt und unsere bequeme, vertraute Welt als Ganzes verschlingt.

Vielleicht könnte dies eine ehrlichere Aussage über die Wechselbeziehung zwischen dem Horror und der Welt sein: nicht, dass der Horror uns etwas darüber sagt, wie die Welt funktioniert, sondern dass er uns die paradoxe Erleichterung und Furcht erleben lässt, wenn wir sehen, wie unsere Zivilisation von der größeren Welt, die sie verdrängen sollte, zerrissen wird. Denn sind wir im Prinzip so anders als die Puritaner, die Zäune errichteten, um die Zivilisation von der ungezügelten, verwirrenden, seelenlosen Wildnis zu trennen, die so wenig Bereitschaft zeigt, unseren Wünschen nachzugeben?

Aber all dies beantwortet noch immer nicht die übergeordnete Frage, die sich daraus ergibt: Warum?

Kehren wir zu Thomas Ligottis Essay zurück, genau zu dem Punkt, an dem er dieses Thema aufgreift:

Aber wozu, wozu?

Nur um es zu tun, das ist alles. Nur um zu sehen, wie viel ungemilderte Verrücktheit, Trauer, Verwüstung und kosmische Angst das menschliche Herz verkraften kann und noch genug Herz übrig bleibt, um diese Qualen in künstlerische Formen zu übersetzen.

[…] Dies ist also der ultimative, das heißt einzige Trost: dass jemand einige Ihrer eigenen Gefühle teilt und daraus ein Kunstwerk gemacht hat, das Sie mit der Einsicht, Sensibilität und – ob Sie es wollen oder nicht – mit einer Reihe von Erfahrungen ausstattet, um es würdigen zu können.

Das ist also der Fall. Kings Theorie mag die erfreulichere sein, aber die von Ligotti ist meiner Meinung nach die solidere. In ihrer reinsten Form ist die Geschichte des übernatürlichen Horrors kein Angebot für Lebenslektionen, die Ihr Gehirn entschlüsseln und dann für eine produktivere und weniger schmerzhafte Existenz nutzen kann. Vielmehr ist sie eine Verstärkung jener privaten, selten geäußerten Eindrücke eines lauernden Albtraums, den Sie selbst irgendwann einmal gehabt haben. Es geht nicht darum, eine Einweihung in die Welt unseres Schaffens zu erfahren. Es ist ein Abstieg oder Übergang in den nichtmenschlichen Bereich der nächtlichen Wildnis, selbst wenn diese Wildnis nur in unseren Schädeln existiert.

Unsere privaten Ängste auf ein schreckliches Ausmaß ausgedehnt zu sehen, unsere privaten Wünsche gegen die fernen Mauern des eisigen Kosmos geschrien zu haben, ist vielleicht so ziemlich der einzige Trost, der einzige „Wert“, den der Horror bieten kann.

Für eine Weile können Bilder von Furcht und Andersartigkeit frei Amok laufen … zumindest bis die Geschichte erzählt wird, und dann schmiegen sich unsere wölfischen Instinkte wieder in die kühlen, dunklen Höhlen unseres Unterbewusstseins. Wir erheben uns von unseren Lesesesseln oder verlassen unser klimatisiertes Nachbarschaftskino und kehren in die Welt zurück, nicht viel klüger, aber ein bisschen zufriedener, denn wir wissen, dass da draußen jemand schreit, jemand weiß, dass, um einen Text von Leonard Cohen zu zitieren, es ein mieses Geschäft ist. Wir sind uns schmerzlich bewusst, dass in der Wildnis, die wir hinter unseren Zäunen und unter unseren Rasenflächen halten, noch etwas anderes vor sich geht. Aber dieses Etwas ist oft unbeschreiblich. Es ist nicht „für“ uns da. Wir haben es nicht erschaffen, und es ist nicht dazu da, den Menschen zu dienen, egal wie sehr wir es auch wollen. Alles, was wir haben, ist die Welt, die wir für uns selbst geschaffen haben, die hellgraue Scheinwelt, von der wir wissen, dass sie nur eine Fassade ist.

Und so kehren wir in diese Welt zurück, an den Ort, den wir in unserer jüngsten Horrorparade gerne zerstört, verseucht und vergiftet gesehen haben. Aber keine Sorge, unsere Ängste werden schon bald wieder den Siedepunkt erreichen, und dann können wir nach dem schwarz gebundenen Buch greifen oder die passende DVD aus unserer alphabetisch geordneten Bibliothek des Chaos auswählen.

Genießen wir unseren Trost, wenn und solange wir können.

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