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Diese gewisse Kaltschnäuzigkeit

(Titelbild: Sin City, 2005, copyright: Dimension Films/Troublemaker Studios)

Ich habe diese sonderliche Sache von der jungen Frau gelesen, die ihre Zehen abschneidet, um sie zu essen. Genaugenommen isst sie nur die Hälfte, die verbleibenden fünf bietet sie guten Freunden an. Sie macht das nicht, weil sie dazu gezwungen wird. Oder einfach nur, krass und klar gesagt: Weil sie hungrig ist. Sie hat andere Gründe. Die spielen jetzt allerdings prinzipiell keine Rolle.

Entscheidend für mich ist an der ganzen bemerkenswerten Angelegenheit, dass ich, während ich das las, spontan dachte, dass an solch einem Zeh ja eh‘ nichts dran ist. Jedes noch so mickrige Hühnerbein ist da ergiebiger. Dachte ich und erschrak. Nicht unbedingt fürchterlich, dafür bin ich zu sehr Stammesschwester, aber immerhin recht eindrucksvoll. Innerlich schalt ich mich einen groben Klotz. Folter, Messer, Scheren, Rasierklingen, Beile, Qual und Blut…das war alles nicht auf meinem Bild zu sehen. Knochen, Sehnen, Schmerzen, Schreie, Ekel, Angst, Zorn, Unsinn, Schwachsinn, Irrsinn,Wahnsinn und noch mehr Blut…ist mir alles nicht eingefallen. Zumindest nicht sofort. Ich hatte einzig im Kopf, dass solch ein Zeh nicht sättigen kann. Auch nicht fünf.

Bei der Gelegenheit muss ich den Überlebenstyp mit ins Spiel bringen. Er wohnt seit etlichen Jahren in meinem Notizbuch und kritzelt unaufgefordert garstige Ideen auf das Papier. Ich sollte aufpassen, dass er nicht übermütig wird, er beeinflusst mich. Fehlte noch, dass er versucht, unter meine Haut zu kriechen, schlimmer noch, hinter der Stirn zu poltern. Zu klopfen. Bohren. Er ist allzu gierig. Das ist bekannt, er gehört nicht King allein und lohnt die Aufregung über böse Träume nicht. Was da ist, ist da und wird nicht verbal weggewischt wie Tafelkreide.

Andererseits habe ich den Überlebenstyp nicht kaltschnäuzig gelesen, soweit ich mich erinnere. Ich war fasziniert, durchaus, aber auch so ein wenig entsetzt. Fassungslos? Grundsätzlich nicht. Nein. Strapaziert trifft es. Das klingt auf jeden Fall nicht nach dieser flatterhaften Leichtigkeit des Seins, die ich für mich ablehne. Sie behagt mir genauso wenig wie die Überlegung, dass Kaltschnäuzigkeit als fataler Frevel definiert werden könnte. Ein Frevel mit hässlich-hübschen Löchern, Durchschlupfmöglichkeiten für jeden Idioten, jeden Phantasten, jeden Killer.

Vielleicht war ich angeekelt. Angeekelt könnte jetzt ein gutes Wort sein, es wäre halt gelogen, aber es würde mich anständig machen. Ich hätte natürlich wahrhaftig Widerwärtigkeit empfinden können, als ich zum ersten Mal die Geschichte von dem Mann, der sich selbst auffrisst, fand und las und streng durchdachte, nur kam mir Besseres entgegen. Es ist ein Einfall, der die Spucke weg bleiben lässt. Unappetitlich, aber kalt serviert trotzdem genießbar. Eine reine Geschmacksfrage. Hat mit Gewissen zu tun, schwört aber auf düstere Eitelkeit. So oder so.

Der Überlebenstyp spukt herum und reißt an meinem Faden. Der ist garstig gespannt, ich komme ohne Stolperfalle zurück zum Ursprung meiner Sorge und erinnere an das Mädchen, das sich die Zehen abgeschnitten hat, um sie zu essen. Ich tippe mal auf eine Nagelschere.

In Sin City fehlt Lucille die linke Hand. Sie sagt, dass dieser Kevin sie vor ihren Augen gegessen habe, es ist nur eine kleine Szene, die im Rückblick irgendwie untergehen könnte. Ich erwähne sie also mit notwendiger Beklemmung, um glaubwürdig zu wirken. Natürlich bin ich schockiert. Gleichzeitig stelle ich mir vor, wie man sowas anstellt. Abbeißen, Kauen, Knochen abnagen und ausspucken? Und sieht man dabei seinem Opfer in die Augen? Ich überlege kühl und finde mich unangenehm. Dann doch nicht. Schließlich bin ja nicht ich die Person, die abartig verrückt ist. Die steht in der dunklen Ecke und isst. Ich sehe zu.

Das Mädchen mit den fehlenden Zehen gehört zu den völlig Verklärten, über die Graham Masterton im Ritual schreibt. Junge Leute essen sich Stück für Stück auf. Ein Vater erzählt einem anderen Vater, der um seinen Sohn fürchtet, wie er selbst seine Tochter vorgefunden hat.

„Haben Sie jemals diesen alten Film „Freaks“ gesehen? Da ist ein Typ drin, der nur aus einem Kopf und einer Art Raupenkörper in einem Baumwollstrumpf besteht. Nun, genauso hat meine Susan ausgesehen.“

Als ich das las, fiel mir ein, dass dieser „Typ“ tatsächlich echt war. Er hieß Prince Randian, hatte von Geburt an keine Gliedmaßen, war verheiratet, hatte fünf Kinder und wurde immerhin dreiundsechszig. Ich hatte das mal nachgeschlagen, es fiel mir ein, als ich diese Stelle las, und anstatt schauderhaft-und-Gott-oh-Gott-das-arme-Mädchen zu denken, kam mir die gute Idee, den Film mal wieder anzuschauen. Sie kam mir so gut und so einfach, wie meine persönliche Sonne aufgeht, und im Nachhinein finde ich das absolut bedenklich. Zu abgebrüht, um sich schütteln zu müssen. Vielleicht zu unkonzentriert für die Angst. Oder zu gesättigt. Was lag auf meinem Teller?

Die Hexe verbrennt bei lebendigem Leib, das faule Mädchen wird mit Pech übergossen, und die Braut reißt der blonden Furie das zweite Auge heraus. Richtig so. Chingachgook zerschmettert dem Mörder seines Sohnes erst sämtliche Knochen, bevor er ihn tötet. Verdammt verdiente letzte Qual. Finde ich. Erschrecke kurz über mich selbst und weiß doch sehr genau, dass ein zielsicherer Schuss ins Herz ein Ende ist, das ich nicht jedem gönne.

Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich eine Kehle glatt durchschneiden könnte. Vermutlich würde ich versuchen, es richtig zu machen. Und es nicht ordentlich hinkriegen. Wie Wilfried Leland James in Big Driver, der seiner Frau Arlette einen Rupfensack über den Kopf stülpt, bevor er ihr sein Schlachtermesser an den Hals setzt. Nachdem er sie fünfmal blind „umgebracht“ hat, reißt sie sich das Ding herunter. Und ihr nervöser Mörder, der sich erinnert, als junger Mann problemlos fünfzehn Dutzend Schweinen die Kehlen durchtrennt zu haben, sieht sein komplettes Versagen.

„Mit den ersten beiden Schnitten hatte ich ihr die Kehle aufgeschlitzt, beim ersten Mal tief genug, um den Knorpel der Luftröhre sichtbar werden zu lassen. Mit den letzten beiden hatte ich ihr Wange und Mund aufgeschnitten, Letzteren so tief, dass sie nun ein Clownsgrinsen trug. Es reichte von einem Ohr zum anderen und ließ die Zähne sehen.“

Ich las das und dachte, dass Wildfried Leland James den Schweinen ja wohl keine Rupfensäcke über die Köpfe gezogen hatte, bevor er sie tötete. Das musste ja schiefgehen. Dachte ich so für mich. Gescheites Mitgefühl für das gebeutelte Opfer, das nach einem sechsten Schnitt und einem letzten langen Röcheln schließlich doch noch starb, kam mir spontan nicht in den Sinn. Ich fühle mich momentan unerfreulich unsensibel.

Aber unter uns kühl kalkulierenden Gierenden: An solch einem Zeh ist doch wirklich nichts dran. Jedes mickrige Hühnerbein…

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)

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