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Diese älteste Angst

H.P. Lovecraft schrieb einst den berühmten Satz: „Das älteste und stärkste Gefühl der Menschheit ist Angst, und die älteste und stärkste Angst ist die Angst vor dem Unbekannten.“ Ich bin weit davon entfernt, dem Propheten aus Providence zu widersprechen, will allerdings anmerken, dass die älteste Angst die Angst vor dem Tod ist. Das Unbekannte ist in der Regel nur beängstigend, wenn Sie der der Meinung sind, es könnte Sie verletzten – oder schlimmeres. Unsere prähistorischen Vorfahren ängstigten sich vor einem Geräusch in der Dunkelheit, weil sie, oft aus gutem Grund, fürchteten, die Ursache des Geräuschs könnte sie töten. Und diese Urangst hat uns nie verlassen. Es steckt fest verankert in unseren Köpfen als ein Mechanismus der Selbsterhaltung. Die Angst vor dem Tod hat uns überleben lassen. Und es hört nicht auf, und sie hört nicht auf, uns zu faszinieren.

Die Angst vor dem Tod ist die wirkliche Grundlage des Horrorgenres. Horror konfrontiert uns von Angesicht zu Angesicht mit unserer Sterblichkeit und zwingt uns, dieser Urangst von einem schrecklichen Tod zu begegnen, und schlimmer noch: was mit uns geschieht, nachdem wir gestorben sind.

Es würde nicht leicht sein, eine Horrorgeschichte oder einen Horrorfilm zu nennen, der nichts mit dem Tod zu tun hat oder zumindest die Gefahr des Todes. Eine der zentralen Figuren des Horrors ist der Psychopath, der Schlitzer, eine Person, die nur darauf aus ist, jemanden grundlos oder aus unbekannten Gründen umzubringen. Er hat kein eigentliches Motiv dazu, keinen wirklichen Grund außer dem, der in seinem Kopf umgeht. Das Opfer hat nichts dazu beigetragen, um dieses Schicksal zu verdienen, es hat dem Killer nichts getan – kennt ihn wahrscheinlich nicht einmal – und findet sich plötzlich in der Situation wieder, erstochen, erwürgt, mit der Axt erschlagen zu werden, oder durch zahlreiche andere schockierende Arten zu Tode zu kommen.

Diese Zufälligkeit – die gleiche Zufälligkeit, mit der ein Unfall geschieht oder man tödlich erkrankt – drängt die Geschichte in das Reich des Horrors. Es ist erschreckend, wenn wir mitansehen müssen, wie guten Menschen furchtbare Dinge widerfahren – wenn eine süße kleine Oma von einem Lastwagen überfahren wird, wenn einem Kind unheilbarer Krebs diagnostiziert wird, wenn ein Erdbeben ein ganzes Dorf verschlingt. Es ist erschreckend, wenn wir sehen, dass diese Leute nichts getan haben, um dieses Schicksal zu verdienen, dass selbst wenn wir uns korrekt verhalten und nett zu Fremden sind, der Tod für uns aus dem Nichts auftauchen kann.

Der Horror kann uns unsere Hilflosigkeit durch eine Hockeymaske ausdrücken. Er kann uns in Whitechapel nachstellen. Oder in ein kleines Motel abseits der Hauptstraße eindringen. Wir können zwar ihm die Schuld geben, aber nicht der Grausamkeit des Universums.

Sicher ist es schrecklich, von einem Irren abgeschlachtet zu werden, aber was, wenn es noch etwas Schlimmeres gibt? Was, wenn das Sterben kein Ende findet? Geister, Zombies, Vampire, Frankensteins Monster, all diese Erscheinungen sind nicht nur dadurch erschreckend, was sie den Lebenden antun könnten, sondern weil sie selbst doch eigentlich tot sind. Wäre Frankensteins Monster nicht aus toten Körpern zusammengestückelt worden, wäre es nur ein deformierter, missverstandener Mann. Würde Dracula die selbe Faszination ausüben, wenn er Blut nur deshalb tränke, weil es ihm schmeckt? Nein, wie bei seinen anderen toten Kumpeln erfüllt uns die Tatsache ihrer Existenz mit Horror. Sie sollten nicht da sein. Selbst Caspar, das freundliche Gespenst, erschreckt die Leute, die ihm nicht die Chance lassen, zu zeigen, dass er nur jemanden zum Spielen sucht. Wie viele Leute würden ernsthaft ein Spukhaus kaufen, auch wenn der Makler versichert, dass die Geister nie jemanden verletzt haben?

Heute neigen wir dazu, Zombies als ausgehungerte, fleischfressende Kreaturen zu betrachten, aber noch bevor George Romero ihnen ihr neues Image verpasste, waren sie bereits gefürchtet. Die originalen „Voodoo“-Zombies waren allesamt geistlos, aber sie waren auch willige Arbeiter ihres Meisters, der ihnen befehlen konnte, was sie zu tun hatten. Sie arbeiteten in Zuckermühlen oder auf den Feldern und taten den Leuten nur etwas an, wenn sie den Befehl dazu bekamen. Sie waren fügsam. Sie beschwerten sich nie. Aber sie waren tot.

Da ich dies hier zur Weihnachtszeit schreibe, habe ich noch ein anderes Beispiel. Jede Mutter oder jeder Vater, der keine Weihnachtsgeschenke für seine Kinder kaufen will, und der sich keine Gedanken darüber macht, ob er seine Kinder traumatisieren könnte, muss nur einen kleinen Aspekt in der Geschichte um den Weihnachtsmann ändern. Er könnte noch immer der gute alte Elf mit dem roten Anzug und dem weißen Bart sein, der den braven Buben und Mädchen Geschenke bringt. Aber anstatt zu sagen, dass der Weihnachtsmann am Nordpol lebt, bräuchten die Eltern nur behaupten, dass der Weihnachtsmann am Heiligen Abend aus seinem Grab steigt, um in ihr Haus zu kommen. Dann könnten sie vergnügt beobachten, wie die Lümmel verzweifelt den Kamin zunageln. Wir alle fürchten die Toten, ganz besonders dann, wenn sie zurückkommen, um uns zu besuchen. Selbst dann, wenn sie uns Geschenke bringen.

Wir wollen nicht sterben, und wir wollen niemandem begegnen, der bereits gestorben ist. Üblerweise gibt es noch eine Angst, die vielleicht die schlimmste von allen ist – nicht zu sterben. Oder besser gesagt, unfähig zu sein zu sterben. Wie es Graf Dracula (gespielt von Bela Lugosi 1931) ausdrückt: „Zu sterben, wirklich tot zu sein, das muss großartig sein!“ Es gibt da dieses Element der Traurigkeit, sogar der Erbärmlichkeit an all den toten (oder untoten) Kreaturen, weil sie dazu verdammt sind, nicht wirklich tot zu sein. Frankensteins Monster hat nicht darum gebeten, erschaffen zu werden, und man hat das Gefühl, dass es nach einem Ausweg aus seiner Misere sucht, nach einem Weg, seine einsame Existenz zu beenden.

In praktisch jedem Zombieroman oder Film gibt es eine Szene, in der jemand einem anderen eine Waffe in die Hand drückt und sagt: „Wenn ich je als eines dieser Dinger zurückkomme, dann weißt du, was zu tun ist.“ Geistergeschichten enden meist damit, dass der Geist „seine letzte Ruhe findet.“ Die Opfer von Vampiren sind oft dazu verdammt, zurückzukehren, und wenn sie gepfählt werden, ist das ein Akt der Gnade, ein Weg, um ihnen ewige Ruhe zu garantieren. Wirklicher (das heißt ewiger) Tod ist besser als einen gewaltsamen Tod zu erfahren, in dem man dann doch noch irgendwie am Leben ist. Und damit haben wir den Kreis geschlossen. Wir erreichen einen Punkt, wo wir den Tod willkommen heißen. Wir sehen uns nach einem friedvollen Schlaf.

Vielleicht ist am Ende das der Grund, warum wir – trotz unserer Abneigung und Abscheu vor dem Tod – uns dafür entscheiden, Horror zu lesen und zu sehen, ein Genre, das in Gräbern und Grabmälern schwelgt. Weshalb wir von Amokläufern unterhalten werden, von Untoten und schlurfenden Leichen. Wir werden hier mit einem ewigen Konflikt konfrontiert. Wir wollen nicht sterben, aber tief im Innern wissen wir, es ist unvermeidlich. Ebenfalls wissen wir, dass unsere Lieben sterben werden, aber wir wollen nicht, dass sie nach ihrem Tod zurückkommen. Horror hilft uns dabei, damit zurecht zu kommen, es am Ende zu akzeptieren. Durch den Horror erkennen wir, dass, wie Lugosi uns sagt, es „weitaus schlimmere Dinge als den Tod“ gibt. Der Tod scheint nicht das Schlechteste zu sein, bedenkt man die Alternativen. Und wir können uns mit der Erkenntnis trösten, dass diese Alternativen Gegenstand der Fiktion sind. Was auch immer Ihre religiösen Überzeugungen über ein Leben nach dem Tod hergeben, sie sind besser als der Horror. Wenn wir sterben – selbst wenn der Tod schmerzhaft oder gewalttätig ist – ist unser Leiden vorbei. Statt den Trost zu fürchten, kann er uns trösten.

In diesem Sinne, ruhet in Frieden.

Don D'Auria

Don D’Auria ist Chefredakteur bei Samhain Publishing und ist dort für die Horrorabteilung zuständig. Er arbeitet in der Verlagsbranche sein fünfundzwanzig Jahren. Bevor er zu Samhain wechselte, betreute er fünfzehn Jahre lang das Horrorsegment als Verleger bei Leisure Books. Geboren und aufgewachsen in einer Vorstadt New Jerseys, war er das typische Horror-Kid, der sich regelmäßig das freitagnächtliche Horrorprogramm einverleibte und ansonsten Horrormagazine sammelte. Er fühlt sich privilegiert mit Autoren wie Richard Laymon, Jack Ketchum, Ramsey Campbell, Graham Masterton, Douglas Clegg, John Everson, Stephen Laws, Edward Lee und Brian Keene zusammengearbeitet zu haben.
Er ist Träger des internationalen Horror Guild Award für seine Verdienste in diesem Genre.

1 Kommentar zu Diese älteste Angst

  1. Es ist vielleicht unnötig anzumerken, dass der Tod auch als eine Urgestalt des Unbekannten in Erscheinung tritt. Was Jenseits dieser Grenze liegt und sich jeder Kenntnis entzieht, ist ein Teil des Schreckens. Allerdings ist am Tod ja doch etwas immer schon Bekanntes, das Sterben nämlich. Auch wenn man noch so sehr von der Unsterblichkeit der Seele überzeugt sein mag, ist die grausame Vergänglichkeit des Körpers eine uns allen zugängliche Erfahrung, auch lange bevor wir selbst den Schmerz des eigenen Sterbens spüren. Als Schriftsteller von Horrorgeschichten ist mir klar geworden, dass das Unbekannte nur eine Seite der Münze darstellt, auf der anderen Seite ist Horror aber auch immer die Angst vor dem, was wir bereits allzu gut kennen.

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