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Die Zentrifuge

Resident Evil, Spencer Estate

Als sie zum ersten Mal beobachtete, wie sich ein Vogel in vollem Flug über dem Haus in ein Skelett verwandelte, nahm sie sich noch nicht vor, das Haus selbst einmal zu inspizieren. Das kam erst, als sich das Phänomen wiederholte und als es einem ganzen Schwarm passierte. Sie blieb stehen, starrte über die ausgefransten Bäume in den Himmel, hörte noch die munteren Töne über das Tal springen und dann nichts mehr. Die skelettierten Segler fielen senkrecht herunter, auf das Dach, vermutete sie, oder vor die Haustür. Sie stellte sich vor, wie die zarten Knochen durch den Kamin flitzten und in der alten Asche einen Haufen bildeten, wie sich der Staub in diesem leeren Raum verteilte, zu einem Gesicht wurde, das sich dort zwar immer aufhielt, aber nie zu sehen war, weil seine Substanz vor langer Zeit schon niemanden mehr hatte, der sich an sie erinnerte.

Es war dieses Bild, das sie dazu ermunterte, nachzusehen, was mit den Vögeln passiert war.

Sie hätte es natürlich den anderen erzählen können, aber sie wollte ihre Geheimnisse für sich behalten, zumindest so lange, bis sie sich sicher war, dass sie sich das nicht nur eingebildet hatte.

Sie schwebte zur Schloßstraße, wo sie links abbiegen mußte, um sich von diesem gewaltigen Schatten einfärben zu lassen. Die plötzliche Kälte war ein willkommener Vorgeschmack auf den Nachmittag, der ihr bevorstand. Die Straße führte wie immer an diesem Gebäude vorbei, und wie immer beobachtete sie etwas Unsichtbares, das sich hinter den Fenstern nicht bemerkbar machen konnte. Sie hatte es schon immer wahrgenommen, aber jetzt war es stärker und versperrte ihr den Schulweg. Das war also nicht ihre erste Begegnung mit der Leere, auch ihr stets traumloser Schlaf gehörte dazu, da war sie sich sicher. Sie dachte nach, während sie zögerlichen Schritts weiter trottete. Niemand war da, der sie rief oder sich zu ihr gesellte. Woher sollte sie wissen, wer sie wirklich war? Ihr fiel nichts ein, das so eine Wirkung auf sie hatte wie ein leeres Gebäude, leer wie ihr Körper, von dem sie nicht glaubte, daß in ihm eine Seele wohnte. Schließlich schien es diese Leere gewesen zu sein, die das Schicksal der Vögel besiegelt hatte. Niemand rechnete mit einem Vakuum inmitten eines Dorfes, wenn auch etwas Abseits am Mühlgraben gelegen, nicht einmal der tiefe Instinkt einer Spezies, die um vieles älter war als der Mensch, konnte auf eine Erfahrung wie diese zurückgreifen.

Auf Höhe des Schlosses neigte sie ihren Kopf zu einer kleinen Tür, die auf einen verwahrlosten Garten hinausführte. Sie flimmerte leicht und fast unmerklich, aber das schimmlige Moos hielt sie geschlossen. Sie wusste, daß die Beobachter nach draußen kommen wollten, wo sie doch so nah war. Sie ahnte, daß die Leere ihresgleichen suchte, aber sie ging vorüber wie jeden Tag.

Die anderen Kinder sahen sie kommen und sahen gleich wieder weg, als wäre nur ein Zweig in ihr Blickfeld geraten, eine kurze Böe, die sich mit dem Laub beschäftigte und dann einen anderen Ort aufsuchte. Sie dachte an die Skelette, mit Asche bedeckt, und sie konnte es kaum erwarten, ein Knöchelchen mit ihren Fingern zu berühren.

Der Bus kam und sie überlegte sich, stehen zu bleiben, um zu sehen, ob man sie bemerken und auffordern würde, einzusteigen. Sie kostete diesen Augenblick bis zur letzten Möglichkeit aus, dann nahm sie sich zusammen und trat als letzte auf das löchrige Blech des Einstiegs.

Heute war es schlimmer als sonst, sie konnte die Gesichter nicht auseinanderhalten, die auf schlanken Hälsen saßen und ihre Öffnungen bewegten. Ein graues Rauschen war die Folge. Auch sie besaß diese entsetzliche Anatomie, erkannte sich aber dennoch in den anderen nicht wieder; wenn sie die Augen schloss, sah sie nichts als die Ewigkeit eines toten Moores, eine trostlose, von keinem Strauch belebte Fläche. Dort aber erblickte sie ein wiederkehrendes Bild: ein Palolwurm durchbrach in der Ferne das Brachgelände, nachdem das Himmelsgewölbe weder Mond noch Sonne durchscheinen ließ. Die Mutation überließ es dem Zufall, was in ihrem Verdauungstrakt landete, sie kannte kein anderes Ziel als die Transformation des Bestehenden, war am Tag des Chaos nicht etwa erwacht, sondern aus einem einfachen Ringelwurm erwachsen. Das zahnlose Ungetüm tauchte auf und die Saugpumpe des Mundes arbeitete dem Muskelmagen zu, dessen harte Körnigkeit alles zerrieb und zu einer klebrigen Erdpaste werden ließ. In seiner negativen Phototaxis wendete sich der Wurm gegen das Licht und reagierte damit wie eine Pflanze, die ihre Blätter vom Licht abwendet.

Die Fahrt war holprig und hinterließ in ihren Knien ein Echo, weil sie die ganze Zeit stehen mußte. Das war ungewöhnlich, aber sie konnte nicht sehen, wer die Neuen in diesem Bus waren. Auch in ihrem Klassenzimmer kam es ihr so vor, als sei die Anzahl ihrer Mitschüler rasant angewachsen. Antje, die neben ihr saß, blutete aus der Nase und stand deshalb die ganze erste Stunde über vor dem Waschbecken. Die Gesichter kehrten zurück, blieben aber ohne Inhalt.

„Almie?“

„Was?“ Sie hörte zum ersten Mal an diesem Tag ihre Stimme.

„Ist etwas nicht in Ordnung mit dir? Du wirkst heute so abwesend.“ Der Lehrer mit den sieben Meilenstiefeln, Herr Meilenmann, starrte sie regelrecht an. Und jetzt taten es ihm die Gesichter der anderen gleich. Kalkweiße Oberflächen ohne Augen, Wangen, Lippen. Jetzt wusste sie, dass es besser war, in der Schwärze zu verschwinden als in diesem grauenhaften Sonnenweiß.

„Ich muss über etwas nachdenken“, sagte sie, aber sie wusste nicht, warum ihre Stimme so seltsam klang. An manchen Tagen versuchte sie, die Dinge um sie herum zu einer Antwort zu nötigen. Am liebsten rief sie in einen leeren Raum hinein, und das Vibrieren der Gegenstände kehrte zu ihr zurück. Sie wusste, dass es sich dabei nur um das Echo in einem Resonanzraum handelte, aber sie glaubte ohnehin, dass alles nur ein Echo von etwas anderem war.

Herr Meilenmann erwartete immer noch eine Antwort von ihr, aber sie konnte ihm nicht von den Vögeln und dem Haus erzählen. Derartiges Wissen teilte man besser nicht. Hatte er sie überhaupt schon gefragt, über was sie nachdenken mußte? Almie beobachtete, wie Rauch aus den Köpfen ihrer Mitschüler trat, die ihr weiterhin die weißen Flächen ihrer Gesichter darboten. Dann setzte der Feueralarm ein und sie hörte Meilenmann mit ruhiger Stimme etwas sagen, das nicht mehr ihr, sondern allen galt: „Ich rufe jetzt einzeln eure Namen auf. Wer aufgerufen wurde, stellt sich bitte vor die Tür, immer zu zweit. Bruno, du siehst bitte nach, ob alle Fenster geschlossen sind und kommst dann zu mir.“

Almie blieb sitzen, auch als ihr Name aufgerufen wurde. Ihr war bisher nicht bewusst gewesen, wie komisch er sich anhörte, wenn sie ihn nicht selbst aussprach: Almie Dermdescher. Der Rauch um sie herum wurde dichter und ihre Augen tränten, aber niemand schien zu sehen, was sie sah. Meilenmann und seine Schüler benahmen sich so, als gäbe es nur das laute Schnarren der Feuerglocke.

„Almie, würdest du bitte jetzt aufstehen?“

Die anderen standen bereits vor der Tür.

„Es brennt doch gar nicht“, sagte sie, „es qualmt nur.“

Meilenmann kam mit dem Klassenbuch unter dem Arm auf sie zu. „Wir üben das, damit es im Ernstfall klappt. Komm jetzt!“

Widerwillig erhob sie sich. Vor dem Gebäude standen die Schüler aller anderen Klassen. So weit sie das beurteilen konnte, hatten alle, die aus Schwarzenhammer kamen, ihre Gesichter behalten. Außerdem dampften ihre Köpfe nicht. Rauch! Es ist Rauch!

Die Lehrer schritten die Reihen ab wie Militärs, auch wenn vor ihnen kein disziplinierter Haufen stand, Rücken durchgedrückt, zum Gemetzel bereit. Es schien alles in Ordnung zu sein, nur mit ihr stimmte etwas nicht. Noch weniger als sonst.

Die Rektorin sagte etwas Bedeutendes und entließ sie in die Pause, aber keiner bewegte sich, bis auf die mit Gesichtern. Das wirkte zunächst komisch, vor allem, weil es keiner zu bemerken schien. Burkhard, Adam, Steff und die anderen. Das war ihr Anhaltspunkt. Warum zögerte sie? Weil sie ihre Wahrnehmung mit niemandem teilen konnte. Alles was sie sah, betraf nur sie allein. So war es schon immer gewesen. Die Gespenster gehörten ihr allein. Sie glaubte gar nicht, dass die meisten ihre Gesichter verloren hatten und wie Puppen herumstanden, sie glaubte, dass sie niemanden mehr sehen konnte außer jenen, die sie kannte. Und die Gesichtslosen standen zwischen denen, die sie sehen konnte und denen, die sie nicht mehr sehen konnte. Als wäre sie schon längst nicht mehr auf der Welt. Als wäre sie nur die Erinnerung an ein Mädchen, das sie nun zu spielen hatte, um die entstandene Lücke auszufüllen.

Darüber dachte sie auch in den folgenden Stunden noch nach. Sie blieb vor ihrem Tisch sitzen bis sich das Klassenzimmer geleert hatte. An der Tafel standen wilde Zeichen, die sie nicht einordnen konnte. Waren das gewöhnliche Buchstaben? Sie würde den Bus verpassen und laufen müssen, wenn sie sich jetzt nicht auf den Weg machte. Mit einem plötzlichen abgehackten Laut brachte sie den Raum zum klingen. Das wiederholte sie dreimal. Sie achtete darauf, wann ein bestimmtes Geräusch beim rechten oder linken Ohr ankam. Dann versuchte sie, der anschließenden Stille zu lauschen, aber die gab es nicht. Gedämpft drang Geschrei durch die geschlossenen Fenster. Das verwirrte sie jedoch nicht so sehr wie das Gefühl, nicht mehr allein im Raum zu sein. Sie erhob sich und ging ohne Hektik zur Tür, als sie ein Geräusch aus dem Waschbecken dringen hörte, das rechts neben der Tafel von einem Putzlappen verdeckt wurde. Antje hatte dort stundenlang hineingeblutet, möglicherweise war es wohlgenährt erwacht und hatte Geschmack an seiner neuen Nahrung gefunden, die so anders schmeckte wie der abgeschrubbte Dreck, der von Händen gespült wurde. Der Bus!, dachte sie, aber dann zog sie den Lumpen vom Becken und starrte in den Abfluss, aus dem ein Schnabel nach oben hackte. Sie wusste, dass sie mit ihrer Stimme Vögel anlocken konnte, und wenn sie kein Geist war, dann vielleicht ein Artgenosse. Oder sie bildete sich das alles nur ein, wer wusste das schon.

Sie fragte sich, woran es lag, dass sie sich nicht wunderte; ihre Tage waren stets merkwürdig, aber erträglich. Zuhause hatte sie alles, was sie brauchte. Nur Eltern hatte sie nicht, wusste aber, dass alle anderen Eltern hatten, oder zumindest Geschwister oder Großeltern. Die Witwe Gräf wusste, was mit ihr los war, aber sie verriet es ihr nicht. Manchmal kam sie vorbei und brachte ihr rohes Fleisch. Sie konnte das Haus betreten, wann immer sie wollte, nichts hielt sie auf. Und nicht nur dieses. Ihr gehörte alles, was in Schwarzenhammer herumstand, und ihr gehörten auch die Wälder. Manchmal kam sie durch den Schornstein, oder zumindest warf sie das Fleisch hindurch. Der Gedanke brachte sie wieder zu ihrem Vorhaben zurück, die Skelette in der Asche des Kamins zu berühren. Hier hatte sie nur einen Vogel, der im Siphon steckte, und wenn Antje so weiter blutete, würde er auch in den nächsten Tagen nicht verhungern. Sie legte den Lumpen wieder über das Becken und hetzte nach draußen wie es sonst nicht ihre Art war. Den Bus erreichte sie gerade noch, die Gestalten ohne Gesicht waren verschwunden.

Als sie die alte Tür aufgestoßen hatte und sie der Kartoffelgeruch umfing, mulmig und naß, wusste sie, dass sie hier nicht mehr leben wollte. Sie genoß den Grabgeruch durchaus, das Mauerwerk erzählte von alten Lebendigkeiten – in ihrer Wohnung hatte sie sogar echtes Tafelsilber – aber hier war nicht das Epizentrum ihrer Sehnsucht. Wer auch immer sie hier hergebracht hatte, mußte einer Täuschung erlegen sein.

„Du musst dich verhalten wie ein normales Kind.“ Sie wusste nicht, woher diese Worte stammten – davon gab es einige in ihrem Kopf –, aber sie hatte es geschafft, sie war der blinde Fleck, der kein Ziel verfolgte. Die Vögel hatten etwas in ihr ausgelöst, das sich mit Erregung beschreiben ließ. Eine neue Welle dessen, was sie Leben nannten, brandete an die Gestade ihrer inneren Grenzen und wollte aus ihr herausfließen. Als sie oben in ihr Wohnzimmer kam, das von dicken Teppichen dominiert wurde, saß die Witwe in einem Sessel und streichelte ein Huhn, das leise vor sich hin gurrte wie eine Taube. Abrupt blieb Almie stehen.

„Ich glaube, wir sind soweit“, sagte die Frau, die gar nicht richtig zu sehen war, weil das dunkle Interior um sie schwappte und nur das hellere Huhn und die gelbstichigen Finger daraus hervortraten. „Ich weiß, was du heute gesehen hast.“

Almie hätte ihr jetzt vermutlich alle Fragen stellen können, die ihr in den Sinn kamen, und die geisterhafte Frau hätte ihr geantwortet, wartete vielleicht sogar darauf. Aber sie wollte nichts wissen. Wissen erschien ihr sinnlos, es blockierte nur ihre Wahrnehmung.
„Es wird Zeit, Lebewohl zu sagen“, fuhr die Alte fort. Mehr sagte sie nicht, erhob sich aus den Schatten und verschwand im Kamin, das Huhn fest in ihre Arme gedrückt.
Eine halbe Stunde später betrat sie das Gelände am Mühlgraben.

Der Boden war weich und sie sank bei jedem ihrer Schritte bis über die Knöchel ein. Das Gestrüpp hatte keine Farbe, schien beim Näherkommen grau, glänzte dann aber braun, wenn sie es zur Seite bog. Früher hatte das Haus sicher zum Hammerwerk gehört und war somit eines der ältesten im ganzen Dorf. Die zahlreichen Teiche, die sich längst in eine Moorlandschaft verwandelt hatten, dienten damals weitgehend als Stauteiche für Mühlen und Schmieden, die an den Bachläufen wie Perlen an einer Schnur aufgereiht waren. Es hatte Tragödien gegeben, Unfälle und Verwünschungen. Die Erde hatte sich vollgesogen, speicherte die Energie der Jahrhunderte, damit sie nicht verloren ging. Alles mußte aufgezeichnet und erhalten werden. Almie spürte die Verheißung der Legenden, würde ein Teil davon werden, würde lebendig werden durch das Mysterium ihres Verschwindens. Immer wenn ihr Name fiel, wäre sie da, lauschend, würde um den Erzähler huschen und versuchen, sich bemerkbar zu machen. Ein Windstoß, eine zufallende Tür.

Als sie sich endlich zum Haus vorgekämpft hatte und über die Schwelle trat, war es ihr, als blicke sie von einem Berg hinunter auf ein Tal, das in voller Blüte stand.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung “Seitenwind” (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: “Equipe Propheta” (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: “Die Geschichte des Uhrenträgers” (2007), “Guckkasten” (2011), “Entropia” (2014); Storie im IF #666: “Dorothea”.

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