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Die Zeitung von morgen

Ich habe eine unruhige Nacht hinter mir. Seltsame Träume suchten mich heim. Es waren Szenen aus meiner Kindheit und Jugend, meine Eltern kamen vor, Verwandte, Freunde und solche, die eher das Gegenteil waren. Ich aber war in meinem jetzigen Alter. Ich versuchte, die Geschehnisse in Einklang zu bringen, obwohl ich eigentlich nicht so harmoniesüchtig bin. Am Schluss meines letzten Traumes, ich erinnere mich, stand ich unter einem Wasserfall im Wald. Als das Wasser meine Brust herabrann, fühlte ich mich geläutert. Das ist vielleicht das richtige Wort.
Als ich erwachte, spürte ich gleich wieder den Rauch der vielen Zigaretten von gestern Nacht in meinen Lungen. Ich kann froh sein, wenn ich nicht schon ein Karzinom an ihnen habe. Als ich erwachte, spürte ich gleich wieder den Nachhall der vielen Biere von gestern Nacht. Der Mund trocken, der Magen wie Mus, der Kopf wie ein verlassenes Schloss, an dessen Pforte ein Besucher pocht.
Nun sitze ich am Küchentisch und rauche meine erste Zigarette, während die Kaffeemaschine läuft. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, doch für mich hat der Tag schon begonnen. Warum stehe ich eigentlich immer so früh auf? Ich muss nicht in die Arbeit, denn ich habe keine mehr. Mein kleines Haus ist nicht aufgeräumt. Genau, ich könnte saubermachen. Nein, Fehlanzeige, ich mache mir nicht so viel aus Ordnung. Ich könnte Freunde anrufen und mich mit ihnen treffen. Könnte ich, ja, wenn ich welche hätte. Das Internet durchforsten kommt auch nicht in Frage, denn mein Modem ist defekt. Was also tun? Weiß nicht. Erst mal die Zeitung lesen. Mit einem dicken Fleecepullover und Unterhose bekleidet gehe ich die mit Natursteinen gepflasterte Einfahrt zum Briefkasten. In seinem Schlitz steckt die Zeitung. Ich trage sie rein, lege sie auf den Küchentisch, gieße mir die erste Tasse Kaffee ein und zünde mir eine Zigarette an. Das Titelbild ist von irgendeinem unsinnigen Aufkleber verdeckt. Ich sehe auf das Datum der Zeitung. Da steht: „Mittwoch, 18. November 2009“. Heute ist aber der 17. November. Da bin ich mir ganz sicher, da ich täglich Tagebuch führe und meine Einträge datiere. Ich sehe auf dem Wandkalender nach, auf meinem Handy, am Computer und am Anrufbeantworter. Zweifelsohne. Heute ist der 17. November 2009.
Es ist die Zeitung von morgen.
Es ist eine kleinformatige, eine Regionalzeitung. Ihr regulärer Verkaufspreis ist ein Euro. Ich habe sie schon zig Jahre abonniert. Heute ist sie viel mehr wert. Heute ist sie ein Schatz, den ich nur heben bräuchte. Ich habe alle Daten, Fußballergebnisse, Eishockeyendspielstände, Tennisresultate, alles da. Online wetten geht heute nicht, da ich, wie gesagt, momentan über kein Internet verfüge und der Techniker von der Post erst morgen kommt, aber ich könnte in ein Wettbüro fahren und wirklich dick absahnen. Gestern hätte ich das selbstverständlich getan. Doch heute, irgendwie, interessiert es mich nicht. Heute mach ich mir nichts aus Geld. Ich habe alles, was ich zum Leben brauche, und was ich nicht habe, liegt hinter mir und ich will es nicht zurückhaben. Nein, „Geld regiert die Welt“, sagt man. Mag sein, aber nicht mich. Heute will ich etwas ganz anderes. Ich will, ich will einfach nur – Gutes tun.
Also, dann mal los! Die Zeitung weiß vieles zu berichten. In einem Dorf im Oberland wurde gestern, für mich heißt das heute, am Vormittag der Lenker eines Wagens von einem entgegenkommenden Lastkraftwagen, der einem Radfahrer auswich, getötet. Der verunfallte Wagen wurde frontal gerammt. Die Zeitung zeigt ein Bild des Autos, eines roten VW-Passat neuen Modells, das Kennzeichen beginnt mit „VL“, ein Fuchsschwanz ist am Innenspiegel befestigt, ein Alpenvereins-Aufkleber haftet am Rückfenster. Der Mann hinterlässt eine Frau und drei minderjährige Kinder. Ich beschließe, dort hinzufahren und den Mann zu warnen. Ich werde der Geschichte eine andere Wendung geben.
Ich schlurfe ins Bad, um mich zurechtzumachen. Im Vorzimmer hängt ein Spiegel. Ich sehe hinein. Sein Bild zeigt einen verkaterten Mann mittleren Alters. Aber da ist etwas Besonderes. Um meinen Kopf ist ein Lichtkranz. Nein, ich deliriere nicht, er ist wirklich da. Ich kann mit der Hand durch ihn fahren. Er ist nicht heiß und scheint ohne Materie zu sein. Ich werde einen Hut brauchen, denke ich und schnappe mir meinen weißen Sonnenhut. Der Hut verdeckt den Lichtkranz. Den werde ich nun ständig brauchen, denke ich und werde mir langsam selbst sympathisch.
Eine halbe Stunde später sitze ich geduscht und mit Hut auf dem Kopf im Auto. Ich werde es rechtzeitig schaffen, kein Problem. Nebel liegt über der Straße. Ich brauche eine gute Stunde bis zu dem Dorf, wo das Unglück geschehen wird. Beim hiesigen Kirchenwirt mache ich Rast. Und da sehe ich auf dem Parkplatz einen neuen roten VW-Passat mit „VL“-Kennzeichen, Fuchsschwanz und Alpenvereins-Aufkleber stehen. „Wem gehört dieser Wagen?“, frage ich den Wirt, und er weist auf einen korpulenten Mann mit Anzug und Krawatte. „Passen Sie auf“, sage ich zu dem Mann, „steigen Sie erst zu Mittag in ihr Auto, sonst wird ein Laster Sie erfassen. Fragen Sie mich nicht, woher ich das weiß, aber ich weiß es eben.“ „Hast du dem Spinner da zu viel Schnaps ausgeschenkt?“, fragt daraufhin der Mann penetrant den Wirten, und an mich gewandt sagt er: „Lassen Sie mich bloß in Ruhe, Sie Irrer! Ich hab´s eilig, muss meine Sachen an den Mann bringen.“ Mit „Sachen“ meint er wahrscheinlich Möbelpolituren oder Tierfutter oder ähnliches. Abrupt zahlt er und stürmt aus dem Lokal.
So habe ich mir meine Tätigkeit als Wunderheiler eher nicht vorgestellt, doch ich beruhige mich mit dem Gedanken, mein Bestes gegeben zu haben. Der Mann hat es ja offensichtlich nicht verdient, aber vielleicht konnte ich ihm dazu verhelfen, dass er mit dem Leben zurechtkommt.
Zuhause angekommen, nehme ich gleich wieder die Zeitung zur Hand. „Mann schoss Frau in den Kopf“, steht auf Seite 6. Ob das Opfer noch lebt, war zu Redaktionsschluss nicht bekannt. Es geschah gestern, nach der morgigen Zeitung, Nachmittag. Ein Mann hielt sich in einem Lokal in der Landeshauptstadt auf, er trank viel, versuchte mit der bosnischen Kellnerin zu flirten. Die reagierte ablehnend. Plötzlich griff der Mann in seine Jackentasche, zog eine Pistole und schoss der Kellnerin ohne jede Vorwarnung in den Kopf. Der Mann konnte flüchten. Keiner der Gäste konnte ihn genau genug für ein Phantombild beschreiben. Nach ihm wird gefahndet. Ein Foto des Opfers aus besseren Tagen ist neben dem Artikel, eine fragile und hübsche Person mit verträumten Augen. Auch der Tatort ist abgebildet. Ich kenne das Lokal. Es hat einen schlechten Leumund. Man sagt, es werden dort Drogen gehandelt und Frauen böten sich für bezahlten Sex an, ohne als Prostituierte registriert zu sein. Wie dem auch sei, der Frau muss geholfen werden. Ich werde der Frau helfen.
Jetzt ist es Mittag. Ich werde mich besser beeilen. Imbisse werde ich auch in dem Lokal kriegen. Dabei kann ich mich gleich mit der Kellnerin unterhalten. Das wäre günstig. Nun dann, Hut auf und ab! Der Weg des Segens, für den ich mich entschieden habe, ist ein beschwerlicher, aber ich werde ihn gehen.
Vor dem Lokal stinkt es nach Katzenurin. Die Wände sind mit Graffiti beschmiert. Ein Raucherlokal. Ich bestelle mir einen Schwarztee mit Rum, um dazu zu passen, und einen Schnitzelburger. Die Kellnerin sieht älter aus als laut der Jahre, die in der Zeitung angegeben sind. Sie ist stark geschminkt. Sie hat ein Kreuz an der Brust. Als sie mir mein Getränk und mein Essen bringt, spreche ich sie an: „Junge Frau, Sie sind in Gefahr. Einer der Gäste wird sie später anbaggern und, wenn Sie ihm nicht wohlgesonnen sind, in seine Jackentasche greifen und Ihnen mit einer Pistole in den Kopf schießen. Bitte glauben Sie mir, so wird es sein.“ Sie sieht mich ungläubig an, denkt vielleicht, ich sei ein Junkie auf Entzug. Da ich nicht weiß, wie ich sie sonst überzeugen soll, lüpfe ich kurz meinen Hut. Sie erkennt. Da huscht blanke Angst über ihr Gesicht. Sie bekreuzigt sich und lächelt mir tapfer zu. „Hvala“, sagt sie, „danke“ in ihrer Sprache. Ich zahle gleich. Trinke schnell aus und schlinge meine Schnitzelsemmel hinunter. Bis jetzt ist es ruhig. Die Alkoholiker sitzen dumpf an der Theke und sind mehr mit sich selbst als mit dem Rest der Welt beschäftigt. Ich gehe. Hebe zum Abschied meine Hand. Die Kellnerin winkt mir zu.
Diesmal ging es besser. Ich bin zufrieden. Die Zeitung, fällt mir da ein. Noch mehr Geschehnisse werden mein Eingreifen benötigen. Ich löse den Sticker vom Titelblatt. Da steht groß: „Nordkoreanische Raketenangriffe auf Südkorea“, und ein Foto eines zerbombten Wohnblocks ist zu sehen. Im Auslandsteil auf Seite 9 steht es genauer. „Nordkoreanische Raketen flogen gestern nach Sonnenuntergang gegen Wohneinheiten in Seoul und Incheon. Dutzende Tote sind zu beklagen.“ Gestern ist heute, und noch steht die Sonne am Himmel.
Ich werde alles daran setzen, dieses Unheil abzuwenden. Aber wie soll ich vorgehen? Wenn ich mit unterdrückter Nummer bei einer südkoreanischen Institution anriefe, würde man mich für einen Panikmacher halten oder mir den Krisendienst empfehlen. Man würde wahrscheinlich keine Aktionen setzen. Schickte ich ein Mail, ich bräuchte dafür nur in ein Internetcafé gehen und von dort meinen Account aktivieren, würde man es zurückverfolgen und in Kürze stünden Vertreter der Korean People´s Army–Unit 10215, des Geheimdienstes aus dem Land der Juche, vor meiner Tür. Doch da kommt mir eine Idee. Ich setze mich an meinen Computer und schreibe ein anonymes Fax, in dem ich den künftigen Sachverhalt, wie er mir aus der Zeitung bekannt ist, genau beschreibe. Sie mögen mich bitte nicht für einen Wahnsinnigen halten, schreibe ich abschließend. Und sie sollten meine Warnung beherzigen. Ich adressiere das Fax an die südkoreanische Botschaft in der Bundeshauptstadt. Ich nehme einige Zeit in Kauf, um in ein entlegenes Postamt zu gelangen, wo mich keiner kennt. Von dort lasse ich das Fax versenden.
Ich kehre mit der Gewissheit nach Hause, die Saat in die Felder eingebracht zu haben. Morgen wird sich erweisen, wie die Ernte ausfallen wird.
Heute keine Biere, nur Zigaretten, von denen kann ich nicht lassen. Ich lege Moby und Kosheen auf und entspanne mich. Meine Müdigkeit verstärkt sich zusehends. Bald verabschiede ich mich vom Tag und lege mich ins Bett.
Ein Traum fängt mich ein. Mein Jeep ist in der Wüste liegengeblieben. Ich habe nur noch eine Flasche Mineralwasser bei mir. Das Handy hat keinen Empfang. Ich weiß nicht, wie weit es bis zur nächsten Ortschaft ist. Um mich herum ist nur gelber Sand. In meiner Verzweiflung rufe ich. Dann wache ich auf.
Der Morgen graut bereits. Ich habe für meine Verhältnisse ungewöhnlich lange geschlafen. Der gestrige Tag ist halt doch anstrengend gewesen. Ob sich meine Bemühungen ausgezahlt haben? Erst mal stecke ich mir eine Zigarette an, das muss sein. Ich rufe mir das heutige Datum ins Gedächtnis. Es ist Mittwoch, der 18. November 2009. Ich hole die Zeitung, da steht dasselbe Datum. Auf dem Titelblatt prangt: „Krieg!“ Ein Bild von nächtlichen Explosionen ist zu sehen. Es scheint danebengegangen zu sein. Aber erst mal der Reihe nach.
Lokales: Ein Bub wird im Oberland auf einem Zebrastreifen von einem Wagen erfasst und stirbt später im Krankenhaus. Der Unfallfahrer, der mit weit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs war, ein Handelsvertreter, gibt an, er sei aufgehalten worden und habe dringend zu einem Kundentermin müssen. Er ist aktives Alpenvereins-Mitglied, wird noch erwähnt.
Seite 6: „Kellnerin verletzt Gast schwerstens.“ Eine bosnische Kellnerin fühlte sich von einem Gast bedrängt. Als dieser in seine Jackentasche griff, um an seine Brieftasche zu gelangen und zahlen zu können, schlug ihm die bislang unbescholtene Kellnerin mit ihrem Stöckelschuh gegen den Hinterkopf. Der Schuhabsatz drang in das Gehirn des Mannes ein.
Seite 9, Weltnachrichten: Es waren südkoreanische Raketen, die strategische Ziele in Nordkorea nächstens angriffen und verheerende Zerstörungen anrichteten, woraufhin Nordkorea Südkorea formell den Krieg erklärte.
Dumm gelaufen, denke ich und begebe mich in Richtung Badezimmer, um mir den Mund auszuspülen, denn er ist trocken geworden. Vor dem Spiegel im Vorzimmer bleibe ich stehen und besehe mich. Da ist kein Lichtkranz mehr. Aber dafür ist etwas anderes verändert. Ich beuge mich nach vorn, und wirklich, unverkennbar, da sind zwei Ausbuchtungen an meinem Kopf.
Ich werde auch weiterhin einen Hut brauchen, sage ich mir, doch künftighin wäre wohl ein schwarzer passender.

(Autorenteam: Michael und Johannes Tosin)

Johannes Tosin
Über Johannes Tosin (2 Artikel)
Johannes Tosin wurde 1965 in Klagenfurt am Wörthersee geboren. Er ist Maschinenbauingenieur und Exportkaufmann. Er schreibt Lyrik, Prosa und Hörspiele. Er veröffentlichte Texte in Zeitschriften, Anthologien und im Internet bei „Sandammeer“, „Zarathustras miese Kaschemme“, „Telepolis“, „Twilightmag“ und „Das Dosierte Leben“. Er ist Mitglied bei „Buch13“. Er lebt in Pörtschach am Wörthersee.

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