Franz Kafka / Die Verwandlung

Der einzige Horror-Autor deutscher Zunge von Weltrang ist Franz Kafka. Während Hoffmann noch von Poe „vollendet“ wurde, kroch mit Kafka ein alptraumhafter, verzweifelter Horror in die literarische Welt, der kein Vorbild hatte und brauchte, der aber seinerseits zu einem stilprägenden Element des ganzen Genres wurde. Ligottis Wirtschafts-Alpträume seien als Beispiel genannt, aber auch Aickman, den man gerne als „Kafka Englands“ bezeichnet, bezieht seine wirkungsvollsten, beunruhigenden Sequenzen aus dem Vorbild, das Kafka ihm war. Weder zu Poes noch zu Kafkas Zeiten sprach man vom Horror als von einem Genre, heute hat sich das zwar eingebürgert, aber es gibt nach wie vor das Genre HORROR nicht wirklich. Als Zweig der Phantastik oder Fantasy definiert, bleibt Horror ein Gefühl, dass sich durch die ganze Weltliteratur zieht und bei allen Schriftstellern von Rang zu finden ist, wie auch bei jenen, die einen „Rang“ gar nicht anstreben. Durch letztere aber wird das Etikett HORROR förmlich zum Problem, weil sie es waren, die dieses Nicht-Genre als Genre definiert hatten. Wie auch immer: Kafka ist genauso ein Horror-Autor wie Shakespeare, King oder Lovecraft. Er gehört zu einer Gruppe der Unantastbaren, gemeinsam mit Poe und Borges, die jeweils für sich die Literatur auf ein neues Level katapultierten. In der Strafkolonie ist eines der Paradebeispiele, wie moderner Horror funktioniert. Mit einer kristallklaren und sachlichen Sprache wird hier eine der perversesten Exekutionen geschildert, die wir auf Papier vorliegen haben. Gleichzeitig sind Kafkas Alpträume eine präzise Beschreibung der Funktionsweise unserer modernen Welt, was die Sache noch beängstigender macht. Horror – zumindest guter Horror – will nicht unterhalten, ganz egal, was King einst sagte, als er sein Werk als Bigmac bezeichnete. Gerade in seiner Anfangszeit hat er oft genug betont, dass er erst zufrieden ist, wenn die Leser wirklich Angst bekommen haben. Und Horror will genau das: uns wieder auf den Boden holen, uns vielleicht sogar durch denselben hämmern, uns sagen, dass wir aufhören sollen, uns sicher zu sein. Das kann spekulative Literatur insgesamt leisten.

kaeferKafkas bekannteste Geschichte ist Die Verwandlung. Ich kenne keinen Menschen (und habe auch von noch keinem gehört), der diese Geschichte nicht gelesen hat. Diese Geschichte zu lesen ist wie sprechen lernen: man wird es irgendwann tun, es gibt keinen Weg, der daran vorbei führt. Ein Mann verwandelt sich in einen Käfer. Das wäre gar nicht spektakulär, hätte Kafka nicht das wirklich unheimliche Talent, das Surreale und Übernatürliche mit dem Gewöhnlichen zu verbinden. Hier geht das Unheimliche nicht von diesem Käfer aus, sondern von der Reaktion der Familie. Das Bizarre und Traumartige ist in Kafkas Genius verankert wie bei keinem Autor vor oder nach ihm. Seine präzise und äußerst perfekte Prosa transportiert das Grauen der Existenz als solche, unaufgeregt aber unaufhaltsam. Es gibt keinen Schriftsteller der Neuzeit, über den mehr geschrieben wurde, keinen Schriftsteller, der mehr analysiert, gedeutet und interpretiert wurde. Die Literatur über ihn füllt erstaunliche Hallen – und ein Ende ist nicht in Sicht. Und dennoch bleibt er bis in unsere Tage hinein ein Rätsel, das niemals gelöst werden kann, sein Werk ein absoluter Höhepunkt der Weltliteratur. Obwohl in einer glasklaren Sprache verfasst, gehört Kafka zu den anspruchsvollsten und schwierigsten Autoren aller Zeiten. Und dass er mit Die Verwandlung, In der Strafkolonie oder Ein Hungerkünstler drei der besten Horrorgeschichten schrieb, die es auf diesem Globus gibt, bereichert die spekulative Literatur um einen unbezahlbaren Schatz.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung „Seitenwind“ (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: „Equipe Propheta“ (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: „Die Geschichte des Uhrenträgers“ (2007), „Guckkasten“ (2011), „Entropia“ (2014); Story im IF #666: „Dorothea“. 2018 Herausgeber der „Miskatonic Avenue“, mit der Story „Der Gehenkte“ vertreten.