Die vermummte Sonne

Vorwort
von Michael Perkampus

Christian Kind hat alles, was man von einem Kultautor erwartet. Ein gesondertes Vokabular, ein schmales Oeuvre, das man deshalb beklagen kann, und das zu einem steten Begleiter für all jene wird, die mehr darin sehen als das Sediment einer verkommenen Ge­sellschaft am Rande des Abgrunds. Kinds Themen springen gleich ins Auge und gelten als Ausgemacht. Da wird nicht an Körperflüs­sigkeiten gespart, an Kraftausdrücken, überhaupt lassen die auf­findbaren Unflätigkeiten keine Wünsche offen. Das alles ist das Vokabular des Wahnsinns, und es begegnet uns an der Oberfläche fast jeder dieser durchaus monströsen Geschichten. Aber das ist nicht das Einmalige an diesem außerordentlich kurzen und konse­quenten Werk. Nehmen wir das Absurde von Beckett, verbinden es mit den ästhetischen Alpträumen Kafkas und fügen eine Aus­weglosigkeit hinzu, die unserer Zeit eigen ist, betrachten den Ni­hilismus als Stilelement, das nicht gesondert philosophisch ab­gehandelt werden muss, weil man ihn am eigenen Leib und Geist erfährt, und lassen das ganze von einem Schriftsteller bearbeiten, der seine Affinität zu Filmemachern wie David Lynch, David Cro­nenberg und Co. nicht verleugnet, haben wir eine Basis, von der aus wir beginnen können, Kinds Werk zu umreißen. Gerade im er­sten Text dieser Sammlung, »Die vermummte Sonne« , werden harte Schnitte und wiederholte Versatzstücke zu einem Stilele­ment, das wir aus manch experimentellen Filmen kennen, und die nicht nur Mittel zum Zweck sind. Treffen wir auf diese Repeti­tionen, bemerken wir, wie die Versatzstücke variiert werden. In diesem Sinne haben die Texte mehr von einer Fuge; diese kann bei Kind als Kompositionstechnik gelten. Die Sätze werden schmucklos und prägnant vorgetragen und transportieren szenische Ereignisse in vielen Fällen wie Karikaturen in extremo. Eine Innenschau, ein Selbst der Figuren gibt es nicht. Sie bilden die Oberfläche einer selbst längst zur reinen Oberfläche gewordenen Welt.

Die weiblichen Protagonisten sind mehrheitlich Prostituierte, in ihrer Gleichgültigkeit auch unberechenbare Killerinnen. Sie ge­ben sich gelangweilt jeder Perversion hin und töten ebenso brutal wie stumpf ohne motivischen Hintergrund. Überhaupt gibt es in Kinds Texten nur ein einziges Motiv: das der Paranoia. In diesem Vorhof der Hölle kann sich alles in alles verwandeln, auftauchen, verschwinden.

Ein weiterer Begriff, den wir zu Rate ziehen können, ist der des Splatter-Porn-Comics, mit dem Kind in einem Gespräch mit mir, das wir 2005 über seine Texte führten, einverstanden war. — Michael Perkampus

gelesen von Michael Perkampus

 

»Christus?« höhnte der schwule alte Heilige. »Beißende schwind­süchtige Kriminelle sind galanter als dieser Schwanzlutscher.«

Traumatische Episoden mischen sich in mein Plastikhirn. Was, wenn Burt Reynolds Recht behalten würde? Diese lesbischen Pygmäen wichsten doch ihre Gehirnrinde in Trance und laberten dann den rotzigsten Müll daher. Kann sich doch keiner anhören, der ordentlich an der Nadel hängt.

Blende.

Der Anwalt war Spanier. Er hatte drei Nutten erdrosselt, damals in einem Kaff nahe Barcelona. Heute hing er fest. Er war Codeinsüchtig und Sexsüchtig und süchtig nach Händewaschen. Seine fettige Fleischnase hing in einem übergroßen Glas Absinth. So was hatte er noch nie gesehen. Dreizehn Geschworene und alles Juden. Vielleicht sollte er kurzen Prozess mit seinem Klienten machen. Auf schuldig plädieren. Dieser Crash Sintafoni. Diese Rotznase von einem bulgarischen Hundesohn. Aber dafür war es jetzt zu spät. Burt Reynolds. Er musste einer dieser Hollywood-Homos sein, vor denen mich die alte Mama immer gewarnt hatte. Das war in Illinois. 1977. Kurz bevor sie einem anonymen Irren zum Opfer gefallen war, der ihr den Kopf abgeschnitten und ihn sich auf den Schwanz gesteckt hatte. Es stand in der Zeitung.

Ja, jetzt erinnere ich mich.

Das Telefon klingelte.

»Hören Sie mich?«

»Ja, was gibtʼs?« Das Telefon gehörte nicht mir. Es war Eigen­tum der CIA und des verdammten Suizidkommandos aus Belgien. Sie wollten mich rausekeln.

»Ich habe nur so ein lautes Geräusch gehört. Im Zimmer ne­benan. Klang, als schlachteten sie da eine Kuh oder so was …«

»Ich werde mich darum kümmern, Sir. Angenehme Träume.« Ich schien ihm nicht zu gefallen. Diesem Hotelburschen. Drecksack. Nebenan trieben sieʼs miteinander und ich durfte zuhören. Ich beschloss, groß auszugehen. Was, wenn Burt Reynolds Recht behalten würde? Diese lesbischen Pygmäen wichsten doch ihre Gehirnrinde in Trance und laberten dann rotzigen Müll daher. Burt Reynolds. Er musste einer dieser Hollywood-Homos sein, vor denen mich die alte Mama immer gewarnt hatte. Das war in Illinois. 1977. Kurz bevor sie einem anonymen Irren zum Opfer gefallen war, der ihr den Kopf ab-geschnitten und ihn sich auf den Schwanz gesteckt hatte. Es stand in der Zeitung.

Ja, jetzt erinnere ich mich.

»Was, wenn du einfach rüber kommst?«

»Zu dir?«

»Nein, zum Papst, Baby. Ich will deine Muschi auf einem silbernen Tablett. Und dann will ich mich in eine schwarze Frau verwandeln und erfahren, was es heißt, Lesbe zu sein.« Irma war Transe. Aber keine überzeugte. Sie konnte auch mal Fußball gucken.

»Und dann?«

»Na, dann mache ich mich über dich her. Deine roten Kirschnippel, die reiße ich dir mit den Zähnen ab. Magst du es, wenn ich so rede?«

»Oh, Jaa. Weiter.«

Blende.

Stalin war Beatnik gewesen. Steve hatte das immer gewusst. Und heute war es transparenter denn je, schaute er sich die jämmerlichen langhaarigen Intellektuellen an, die noch mit 25 onanierten und in ihrer eigenen Wichse ersoffen. Student der Grapschkunde zu sein, bedeutete ein richtiges Wort an den richtigen Mann zu senden. Über die Satellitenschüsseln drang die krebserzeugende Strahlung, die ihre Zellen manipulierten und sie in ein ranziges Stück Butter verwandelten, direkt zu den Intellektuellen durch. Ihre gedanklichen Leitungen waren nichts als der Virus einer größeren Schizophrenie, eine groß angelegte Klimakatastrophe analog den biometrischen Daten, die sie am Anfang ihrer akademischen Karriere ausgekotzt hatten. Es würde wieder Sommer werden.

»Hallo?«

»Ja, ist da der Pizzaservice?«

»Ja, hier ist der Pizzaservice.«

»Ich möchte Pizza Tonno und einen Liter Cola. Und einen fetten Arschfick.«

Die Kinder lachten, während sie nackt in der Sonne blitzten. Für einen Augenblick heulte die Stute auf, während ihr der alte Geistliche im Arsch herumwühlte. Das Telefon gehörte nicht mir. Es war Eigentum der CIA und des verdammten Suizidkommandos aus Belgien. Sie wollten mich rausekeln.

»Ich will Ihnen mal was erzählen, junge Dame! Tagaus, tagein besorge ich den Leuten schon ihre verdammten Trips und Kicks und Chicks. Ich war ein schwuler Intellektueller ohne Haare auf dem Kopf. Vielleicht ficken Sie sich ja mal selbst!«

Und er legte auf. Dreimal hatte es geklingelt. Durch und durch. Wenn Jackie kam, kam sie. Und als Jackie kam, war sie. Sie. Jackie war Berufsnutte. Aber nicht in der Gewerkschaft. Die Nutten streikten. Die Nutten waren tumb wie Gazellen im Schnee. Und Arnold war so…

»Hören Sie mich?«

»Ja, was gibtʼs?” Das Telefon gehörte nicht mir. Es war Eigentum der CIA und des verdammten Suizidkommandos aus Belgien. Sie wollten mich rausekeln.

»Ich habe nur so ein lautes Geräusch gehört. Im Zimmer nebenan. Klang, als schlachteten sie da eine Kuh oder so was…«

Die Nutten streikten. Die Nutten waren tumb wie Gazellen im Schnee. Und Arnold war so…

»Verpissen Sie sich! Dieser Nierenstein macht mich schon mürbe genug, und jetzt rufen Sie ständig an. Ich will nichts mit Ihnen zu tun haben!«

Blende.

Zwei Neapolitaner wichsten sich gegenseitig einen. In der kalten klaren Luft sanken ihre Hoden in sich zusammen wie Dörrobst, ohne dass sie es bemerkten.

»Ich habe Jesus gesehen« , sagte einer der Chinesen, als er sich an der Eichel kratzte. Irma lauschte.

»Und er hat mich getröstet. Hat gesagt, dass ich nicht in die Klinik muss, wenn ich nicht will.«

Irma stand auf, ging rüber zum Chinesen und riss ihm kurzerhand den Schwanz ab. Der Chinese fing an zu schreien. Am nächsten Tag stand es in allen Zeitungen und der Anwalt debattierte mit einer hitzköpfigen Studentin aus dem dritten Semester über Seeanemonen, während er ein Kreuzworträtsel verschlang.

»Sie wissen, dass ich Sie nicht bezahlen muss: Sie wollen es genauso wie ich, oder?«

»Was?«

»Was werde ich wohl meinen? Ich will Ihre Titten essen. Mit Kartoffelsalat und einem Budweiser dazu.«

GOTT. Waren diese Nutten begriffsstutzig. Die Kinder lachten, während sie nackt in der Sonne blitzten. Für einen Augenblick heulte die Stute auf, während ihr der alte Geistliche im Arsch herum-wühlte. Das Telefon gehörte nicht mir. Es war Eigentum der CIA und des verdammten Suizidkommandos aus Belgien. Der richtige Mann hieß Paul, saß in einer Einzimmer-Bude in Ohio und wichste den ganzen Tag. Dann schrieb er noch eine Weile Liebesgedichte in ein schweres schwarzes Buch und überprüfte die Sexseiten im Internet. Paul war der richtige Mann am richtigen Ort.
Stalin war Beatnik gewesen. Steve hatte das immer gewusst. Und heute war es transparenter denn je, schaute er sich die jämmerlichen langhaarigen Intellektuellen an, die noch mit 25 onanierten und in ihrer eigenen Wichse ersoffen. Student der Grapschkunde zu sein, bedeutete ein richtiges Wort an den richtigen Mann zu senden. Der richtige Mann hieß Paul, saß in einer Einzimmer-Bude in Ohio und wichste den ganzen Tag. Paul war der richtige Mann am richtigen Ort. Das hatte der Anwalt gesagt. Steve musste nur noch die Hure aus Deutschland, die ihr Herz außerhalb des Körpers trug, einfangen und sie zu den Dingen zwingen, die er aufgeschrieben hatte.

»Ja, das mach ich, Tante Irma.«

»Und sag einen lieben Gruß. Morgen werde ich schon tot sein.«

»Ja, das mach ich, Tante Irma.«

Und die vermummte Sonne brach sich mit einem Mal Bahn durch die dichte Zirruswolkendecke und beschien einen riesigen Penis, der sich gen Himmel erhoben hatte und mit seinem Besitzer über Gott und die Welt philosophierte. Die vermummte Sonne. Sie verschlang den einzigen Mann, der es ausprobiert hatte. Paul wusste es. Der Anwalt würde sterben. Und Steve war Arnolds masochistischer kleiner Leibsklave. Auch wenn die Zeitungen das noch nicht spitz gekriegt hatten. Es würde schon noch durchsickern.

»Hallo?«

»Ja, ist da der Pizzaservice?«

»Ja, hier ist der Pizzaservice.«

»Ich möchte Pizza Tonno und einen Liter Cola. Und einen fetten Arschfick.«

Die Kinder lachten, während sie nackt in der Sonne blitzten. Für einen Augenblick heulte die Stute auf, während ihr der alte Geistliche im Arsch herumwühlte. Diese Nutten. Diese chinesischen Nutten. Ihre gedankliche Leistungen waren nichts als der Virus einer größeren Schizophrenie, eine groß angelegte Klimakatastrophe analog den biometrischen Daten, die sie am Anfang ihrer akademischen Karriere ausgekotzt hatten. Es würde wieder Sommer werden. Und die vermummte Sonne? Ach was. Corky lächelte.

Christian Kind

Christian Kind

Christian Kind alias “kritzl” war von 2005 – 2007 Mitglied der Literaturgruppe der Lärmenden Akademie. Als Videokünstler und Lynch-Verehrer versuchte er naturgemäß einen stark vom Visuellen geprägten Stil zu entwerfen, der durch seine “Epilepsien” Seelenzustände ausspuckt. “Kritzl” ist uns verschollen, aber er ist uns nicht abwesend. Die hier behutsam redigierten Texte stammen aus der Anfangszeit der Lärmenden Akademie und sind die einzigen Zeugnisse eines Schriftstellers, der wie kaum ein anderer das Zeug zum Kultautor hatte. Die Mechanismen, mit denen er seine Sprache bedient, sind Bausteine einer wesentlich größeren Absurdität, eines Alptraums, der nicht von außen kommt, sondern im Innern schlummert.

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2 Kommentare auf "Die vermummte Sonne"

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Tobias Reckermann
Autor

starkes Stück mit einer Menge Beat darin. Chapeu!

Erik R. Andara
Autor

Ja, hat einen ziemlichen Drive. Großartig gelesen wieder einmal btw, da bin ich echt neidisch auf dein Können, würde ich auch gerne beherrschen…

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