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Die verhängnisvolle Leinwand

To Kiss Your Canvas, Lovecraft eZine März 2015, übersetzt von Michael Perkampus

Die Frau von ehrwürdigem Alter führte ihn die alte Holztreppe nach oben, und er verspürte einen Schauder der Begeisterung, endlich hier an diesem Ort zu sein, von dem er so oft geträumt hatte. Es war nicht leicht gewesen, das Geld zusammenzusparen, das ihn den Flug nach Paris ermöglicht hatte – aber er wusste, in diesem Augenblick, dass sich der ganze Aufwand gelohnt hatte. Sie erreichten den oberen Absatz und standen vor der Tür, die zu dieser berüchtigten Dachkammer führte, wo die verblühte alte Dame zögerte, bevor sie den Schlüssel in das Schlüsselloch steckte.

Es ist seltsam, Monsieur. Ich fühle jedes mal … ich mag es nicht, die Ruhe dieses Raums zu stören. Es ist albern, ich weiß, aber ich erwarte ständig, dass er bewohnt ist … von ihm. Man würde meinen, dass sein Selbstmord eine Aura des Todes und der Finsternis in diesem Raum hinterlassen hätte, aber man fühlt stattdessen … seine Jugendlichkeit. Sie porträtierten ihn abscheulich in diesem lächerlichen Film. Ich bin ursprünglich aus England, und hatte keine Vorstellung von der Legende, die um den Mann gewoben wurde, als ich meinen französischen Ehemann heiratete, möge er in Frieden ruhen.. Die Legende dieses Mannes begann in Ihrem Heimatland Gestalt anzunehmen, als Hollywood beschlossen hatte, die erfundene Geschichte über Honore Radin zu verfilmen. Und nun erzählen Sie mir, dass Sie eine Biographie über den Maler schreiben.“

Einen Roman, Madame Dupin. Der Erfolg des letzten Horrorfilms in Zusammenhang mit seiner berüchtigten Malerei und ihrem vermeintlichen Fluch hat ein großes Interesse an dem Künstler selbst erzeugt. Ich bin nicht dafür qualifiziert, eine authentische Biographie zu schreiben, Literatur ist mein Metier; und, um die Wahrheit zu sagen: es gibt so wenig, das wir über Radin wissen, dass eine tatsächliche Beschreibung seines Lebens ein sehr kurzes Buch ergäbe.“

Und nun kommen Sie zu seiner Dachkammer in Paris, damit sie Ihnen dabei hilft, ihre … genaue Beschaffenheit erzeugen zu können?“

Ihre Atmosphäre ebenfalls.“

Die alte Frau nickte, und dann zuckte sie leicht mit den Achseln und drehte den Schlüssel im Schloss. Sie selbst betrat den Raum nicht, sondern deutete mit einer gebrechlichen Hand hinein. „Entrez, Monsieur Blake.“ Der junge Mann ging an ihre vorbei in den Raum, und bemerkte sofort, dass er eine andere Welt betrat, ein älteres Reich. Die Frau an der Schwelle sprach weiter. „Als die Leute aus Hollywood kamen, um die Eröffnungssequenz zu drehen, gaben sie ein Vermögen dafür aus, um das Appartement wieder so aussehen zu lassen, wie es an diesem Abend im Jahre 1848 ausgesehen haben muss. Es gelang ihnen recht gut, wie Sie sehen können. Die Gaslampen, die unechten antiken Möbel. Ich habe die Henkersschlinge entfernt, die sie am Balken befestigt hatten – das war etwas zu viel. Oh ja, es stand in unserem Vertrag, dass sie den Raum genauso verließen, wie sie ihn wieder hergerichtet hatten – das war die einzige Bezahlung, die wir forderten, weil wir genau wussten, dass wir dann den Raum den Besuchern gegen eine Gebühr zeigen konnten.“

Aber er beachtete sie nicht, weil er völlig eingenommen war von dem Gemälde über dem Kaminsims.

Das ist die Replik, die sie angefertigt haben?

Sie nickte. „Sie wissen natürlich, dass sie sich das Original für den Dreh der Selbstmordsequenz besorgt hatten. Das war ein verrückter Tag. Sie luden mich dazu ein, die originale Hauswirtin im Film zu spielen, aber ich brachte es einfach nicht fertig, mit diesem … Ding in Öl im gleichen Raum zu sein! Diese Imitation fängt die Aura des Originals nicht ein. Wir hatten an diesem Tag allerhand Sicherheitskräfte – das Museum überließ uns das Gemälde wegen seines Rufes für nur einen einzigen Tag. Sie wissen natürlich von den ganzen Verrückten, die behaupten, das Bildnis sei Böse, und die bereits versuchten, das Gemälde im Museum zu zerstören, so dass sie es dort in eine Kammer sperren mussten, von der niemand weiß. Ich stand genau hier, als sie das Original an seinem Platz anbrachten, und ich hatte so eine Vorahnung. Der Raum nahm eine andere Atmosphäre an.“ Obwohl er mit dem Rücken zu ihr stand, konnte der junge Schriftsteller den Schauder wahrnehmen, der ihren schmalen Körper erschütterte. „Nun überlasse ich Sie aber Ihrer Arbeit.“

Er wollte sich noch an sie wenden, bemerkte aber, dass sie bereits verschwunden war, und plötzlich überkam ihm ein absurder Anfall von Panik. Er wollte nicht allein in diesem Raum sein, dieser Mansarde der Stille, der Schatten und der Erinnerung. Einige der Habseligkeiten des Künstlers, so ging das Gerücht, befanden sich noch immer hier in diesem Zimmer, das die wunderliche Wirtin stets verschlossen hielt, und das sie sich weigerte, nach dem Selbstmord des Malers weiterzuvermieten. Der Dichter schaute nach oben und betrachtete den Dachbalken, an dem das Seil befestigt worden war, das dem Künstler dabei geholfen hatte, seine Sterblichkeit auszulöschen – ein Akt, der ihn nun in gewisser Weise wegen der reißerischen Legenden , die sich um sein Gemälde und dessen Fluch rankten, Unsterblichkeit verlieh. Ein Bestandteil dieser Legende verweilte weiterhin in diesem Raum, ihr Zentrum war die Replik des berüchtigten Gemäldes.

Der Schriftsteller ging zu einem großen Bücherregal und studierte die Titel der Bücher, von denen die meisten in Französisch waren. Sicher war das nicht Radins eigentliche Büchersammlung, über den man sich erzählte, dass er Umgang mit Zauberei und Schwarzer Magie gehabt hätte. Der Dichter hatte Sprachen an der Miskatonic University studiert, wo er sich in die Sammlung der Bibliothek über geheime Wissenschaften vertieft hatte. Aus diesem Grunde waren ihm die Titel in den Regalen vertraut. Er berührte den Rücken von Comte d’Erlettes Kult der Ghule und konnte nicht fassen, wie ölig sich die Bindung präsentierte, als hätten sich seine Deckel mit Schweiß vollgesaugt. Er flüsterte andere Titel: Gaspard du Nords Übersetzung aus dem 13. Jahrhundert des Buches von Eibon, und das befremdliche Die Hexerei in der Dämonenlehre. Als er ein Bündel zusammengebundenes Kanzleipapier herauszog, erschauerte er, als er den Konvolut als äußerst dunkle Übersetzung des Necronomicon erkannte, eine Kopie, die im 13. Jahrhundert aus einem Kloster in Südfrankreich verschwunden war. Nein, diese Ausgaben konnten unmöglich echt sein, es musste sich dabei um geschickt angefertigte Requisiten der Filmleute handeln.

Und doch war es nicht unwahrscheinlich, dass der Maler eine solche Bibliothek besessen hatte, vor allem, weil er sich in der Korrespondenz mit seinem Vater damit gebrüstet hatte, mit dem furchtbaren Gott Thanatos einen Pakt geschlossen zu haben. Eine der Legenden, die man sich über den Künstler erzählte, will wissen, dass sein Selbstmord das finale Opfer für die Gottheit gewesen sei. Dieser Teil der Legende hätte sich ganz großartig innerhalb einer Traumsequenz des Hollywoodfilms ausgemacht, wäre sie mit ihrer ganzen Schrecklichkeit gefilmt worden; aber wie er da mitten in diesem Raum stand, wusste der Schriftsteller, dass der Film nicht die Tiefe besessen hatte, um Radin als Kenner dämonischer Künste darzustellen, und diese Erkenntnis ließ ihn sich dem Herzstück zuwenden, das Honoré Radins Ruhm begründete.

Das berüchtigte Gemälde war mit „Der Sensenmann“ betitelt, und es wurde geflüstert, dass, wer immer das Gemälde besaß, eines gewaltsamen Todes sterben würde, und dass seinem Ableben eine Warnung vorausging, die von dem Gemälde selbst stammte, nämlich in Form eines Wundmales, das sich auf des Schnitters Klinge manifestierte. Er ging näher an die Leinwand heran und berührte mit seiner Hand die geschwungene Fläche der Sense. Sofort spürte er die Kälte des Entsetzens über die Meisterschaft, mit der das Portrait des Todes angefertigt worden war. Als nächstes entdeckte er am unteren Rand des Gemäldes eine Zeile, die mit rostroter Farbe in französischer Sprache dort hingekritzelt worden war, und die er aus einem Shakespearschen Sonett kannte. Schnell übersetzte er:

Nichts kann es vor der Zeiten Sense wahren …”1

Befand sich diese Zeile auch auf dem Originalgemälde? Darauf hatte es im Horrorfilm, der sich auf den Fluch des Bildes stütze, keinen Hinweis gegeben. War dies der Schlüssel zu Radins Wahnsinn seiner Suche im Okkulten: Unsterblichkeit?

Blake beäugte eine finstere Ecke des Raums, wo sich ein hohes Objekt befand, das mit einem schwarzen Leintuch verhüllt war. Da er den Film schon einige Male gesehen hatte, vermutetet er zu wissen, was sich dahinter verbarg. Auch das würde in seinem Roman über Radins verrücktes Leben und dessen heimlichen Tod eine Rolle spielen. Er ging hinüber, packte das Tuch und zog es mit einer dramatischen Geste zu Boden. Vor ihm stand der umrahmte Spiegel in seiner vollen Größe, der, wie er wusste, seit diesem beklagenswerten Abend 1848 hier stand, als der Künstler das eine Ende seiner Henkersschlinge um den Dachbalken gebunden hatte. Blake starrte die Figur an, die auf die Oberfläche des Spiegels gemalt war, und der ohnehin schon kühle Raum wurde noch etwas kälter. Vor sich sah er in gedeckten Farben und diffusen Details das Selbstbildnis, das der verrückte Maler von sich angefertigt hatte. Das Ding war mit Ausnahme der unteren Hosenbeine und der Schuhe, die fehlten, nahezu komplett. Das vermittelte Blake den merkwürdigen Eindruck, dass die lebensgroße Figur hinter die Oberfläche des silbernen Glases getreten war. Wie unheimlich, vor seinem Abbild zu stehen. Das fügte dem Raum ein eigenartiges Gefühl von Präsenz hinzu. Als ob die gefrorene Spiegelung des Malers mithilfe der Chemie, mit der der Spiegel erschaffen wurde, eingefangen worden wäre.

Der Maler war ein ansehnlicher Kerl gewesen. Der amerikanische Film hatte Radin als Mann in den mittleren Jahren gezeigt, aber wenn das Spiegel-Bild stimmte, war der Künstler nicht älter als Blake selbst gewesen. Nur seine Augen schienen gealtert zu sein, wirkten wie durch schändliche Studien erlangt, durch seltenes Wissen, wenn nicht durch Weisheit. So wie der junge Mann sein Gesicht gemalt hatte, war es sehr blass; Blake entdeckte an der Stirn, wo der Spiegel leicht zerkratzt worden war, ein Symbol eingraviert, das an bizarre Schwimmhäute erinnerte, genau in der Mitte von Radins Braue. Blake sah sich die Hände an, die an der Seite des Künstlers herunter hingen, die Handflächen nach außen gedreht, und es überraschte ihn nicht wenig, dass er in der Mitte einer der Handflächen das gleiche Symbol erkannte, das in den Spiegel gekratzt worden war.; aber dieses Zeichen auf der Handfläche war Teil des gemalten Bildes.

Blake starrte in die schönen Augen des Künstlers. Die Lippen des Abbilds waren leicht geöffnet, als ob sie gerade dabei wäre, einige seltenen Worte zu flüstern. Von irgendwo im Raum regte sich ein Luftzug, der den Schriftsteller erreichte und in sein Ohr säuselte. Blake kniete sich hin und studierte das Bild auf der Handfläche, als sich Schatten hinter der gemalten Figur bewegten. Ohne zu wissen, was ihn dazu bewog, schloss Blake die Augen und drückte seinen Mund gegen die gemalte Handfläche.

Wind raschelte an seinem Ohr. Er küsste ihn. Die Handfläche bewegte sich von seinem Mund fort und Finger fuhren im durch die Haare. Er fühlte sich bewegende Schatten über seine Lider streifen. Der Griff der Hand in seinem Haar wurde fester und hob ihn in eine stehende Position. War es der samtene Wind, der seine Augen so sanft küsste, der so leise kicherte? Blake öffnete seine brennenden Augen und konnte das wirbelnde Nichts nicht begreifen, in dem er sich augenblicklich wiederfand. Es war ein Ort außerhalb von Zeit und Raum, zwischen Sternen und Tollhaus. Und er war nicht unbewohnt. Überall um sich herum konnte Blake die allumfassende Aufmerksamkeit einer unkörperlichen Präsenz wahrnehmen. Sie brütete vor ihm, diese gotteslästerliche, quälende Dunkelheit. Sie verspottete ihn mit ihrem freudlosen Gelächter, nahm die Form einer unheiligen Silhouette an, die zu ihm hin kroch wie eine krankhafte Missgestalt, eine Erscheinung verhüllt mit einem Gewand obsidianschwarzer Degeneriertheit.

Er zitterte vor Angst, aber er konnte es nicht abschütteln. Das fremdartige Ding lächelte mit einem Zynismus, der alles Sterbliche verhöhnt; und als es eine Hand hob, erschauerte Blake, als die Leere zerfiel, die Zeit sich zernagte. Nichts entkam dem kriechenden Chaos. Blake beobachtete, und er verstand Unsterblichkeit. Ein Teil der Seele verbleibt für immer entwurzelt und verdorben in der Zerstörung des Verfalls von Allem. Der Dichter hegte den Wunsch, seine Augen fest zu verschließen, aber es gelang ihm nicht; deshalb wurde er Zeuge, wie das Phantom vor ihm sich in die Leere erstreckte und zwei fahle Kugeln hervorbrachte. Blake wusste irgendwie, dass dies die letzten sterbenden Sterne eines gebrochenen Himmels waren, und er beweinte ihr kraftloses Funkeln. Er rang nach Luft, als das fremdartige Wesen die Sterne gegeneinander schlug, so dass ein Blitz aus ihnen zuckte, der auf das Ding aus Klauen und Knochen und Blut niederfuhr. Er konnte das Zeichen, das über seine Braue eingebrannt war, spüren, und schließlich war er fähig, sich von diesem Alptraum abzuwenden und um Gnade zu flehen. Vor sich entdeckte er eine Glasscheibe. Er gaffte hindurch und sah eine von Gaslicht beleuchtete Kammer, die unbewohnt war. Undeutlich erkannte er die Spiegelung von sich und das Symbol, das lichterloh auf seiner Stirn pulsierte. Mit der Kraft des Wahnsinns zerschlug er mit seiner Stirn die Glasscheibe.

Madame Dupin hörte das Krachen aus dem gemiedenen Raum dringen. Vor der Tür hielt sie inne und wunderte sich, warum sie verschlossen war. Endlich gelang es ihr, die Tür aufzustoßen und verzog das Gesicht aufgrund des Geruchs, der sie anwehte, der Geruch eines widerlich brennenden Dings. Sie hielt erneut inne, bevor sie vorsichtig auf allen Vieren in das Zimmer kroch. Wie schwach das Gaslicht flackerte, als ob es vor einer scheußlichen Manifestation zurückwich. Sonst befand sich niemand im Raum, dennoch war sich die alte Dame sicher, dass der junge Mann ihn nicht verlassen hatte. Ihren ersten Schock bekam sie, als ihr Blick auf die verderbliche Reproduktion von Honoré Radins Leinwand fiel. Das Bildnis des Sensenmannes war über und über beschmiert mit einem eitrigen Sekret, eine stinkendes Schweinerei, die an blutigen nächtlichen Ausfluss erinnerte. Der Gestank im Zimmer ging von dieser Schmierspur aus. Sich von dieser grässlichen Szenerie abwendend, sah sie dort, wo der Spiegel zerbrochen war, den Boden über und über mit Scherben übersät. Wie konnte das einem Relikt widerfahren, das so viele Jahrzehnte ertragen hatte? Was hatte der Amerikaner in diesem Raum veranstaltet, und wo hatte er sich versteckt? Sie bückte sich, um ein Stück Glas aufzuheben, auf dem sich das gemalte Bild einer Hand befand. Sie hielt es locker, bis sie das Rinnsal von Blut bemerkte, das ihre Finger hinunter lief. Wie seltsam, ihrem Blut dabei zuzusehen, wie es regelrecht nach unten in den Scherben glitt, den sie hielt, als würde es von etwas, das sich im Glas befand, absorbiert. Sie warf das Glasstück fort.

Sodann bemerkte das steinalte Geschöpf eine Regung des Bodens, ein dunkles Profil, das sich zur größten Scherbe zu beugen schien, die unter den Überresten des zerschmetterten Spiegels lag. Sich kaum bückend, nahm ihre blutbefleckte Hand das gewichtige Stück auf, und starrte das Gesicht an, das in seinen Tiefen erbebte. Sie verstand nicht, weshalb das gemalte Gesicht, von dem sie wusste, dass es dasjenige des selbstmörderischen Künstlers sein sollte, der sich vor so langer Zeit in diesem Raum erhängt hatte, nun dasjenige des letzten Besuchers war, das des Schriftstellers Blake. Als das Antlitz seine zerschundenen Lippen schlabbernd öffnete und ein ein verwundetes Heulen herauskrächzte, floh Madame Dupin diesen Raum für immer. Die große Scherbe des verwunschenen Spiegels entglitt ihrer zuckenden Hand und zerschellte in tausend kleine Stücke.

1Aus Shakespeare, Sonett XII, Übersetzt von Max Josef Wolff

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