Die Unübersetzten

Als deutschsprachiger Leser sitzt man in vielerlei Hinsicht hinter einem Vorhang des Schweigens und mancher von uns fragt sich, wie lange wird es noch dauern, bis dieses und jenes Buch einmal in Übersetzung vorliegen wird?
Zuweilen dauert es Jahre, bis deutsche Verlage von Werken Kenntnis nehmen, die in Übersee bereits in ihrem Erscheinungsjahr Aufmerksamkeit erregen, sogar Preise bekommen, und in zahlreichen Fällen warten wir ganz vergeblich.
Dafür lassen sich Gründe anführen, die von der Orientierung der Verlage an verkaufsmäßigem Erfolg regiert werden. Zum einen sind Übersetzungen nicht billig, auch wenn Übersetzer in der Regel noch unterbezahlt arbeiten. Kostengünstiger ist es, mitunter zweit- und drittrangige deutsche Werke zu publizieren. Der Verlagsblick geht auch an vielen Werken vorbei, die zwar bei Kritikern und Autoren, bei Fangemeinden eines Autors und derart ausgewählten Lesergruppen erfolgreich sind, jedoch nicht im Massengeschmack aufgehen. Damit sind es leider oft gerade stilistisch und thematisch herausragende, weil vom Mittelweg abweichende Romane und Erzählungen, die uns hier erst spät oder auch überhaupt nicht präsentiert werden.

Brian McNaughtons Throne of Bones etwa wurde 1997 mit dem World Fantasy Award für den Bereich Storysammlung ausgezeichnet – immerhin kein ganz unwichtiger Literaturpreis auf dem internationalen Fantastik-Parkett – und bleibt doch bis heute eines der herausragenden Werke der Fantastik, denen sich ein Verleger im deutschsprachigen Raum erst noch annehmen müsste.
Die Sammlung erschien in jenem Jahr bei Wildside Press (USA) und ist im Original noch immer regulär lieferbar. Sie wurde mitunter als der “Dracula” der Ghul-Literatur beschrieben, was mir ein wenigstens hinlängliches Schlagwort erscheint, um den singulären Charakter des Werkes zu beschreiben. So ein Buch kann kein zweites Mal geschrieben werden. Freilich reicht Throne of Bones nicht annähernd an die Bekanntheit Draculas heran, ist dafür zumindest meinem persönlichen Empfinden nach das deutlich bessere Buch. Es handelt sich um eine inhaltlich locker verbundene Reihe von Erzählungen die sich in oder um die Nekropole der Stadt Crotalorn ansiedeln. Alle Erzählungen sind über Protagonisten oder Randfiguren miteinander verknüpft. Alle haben das Unwesen der Ghule in Crotalorn zum Thema, deren sexueller Appetit und Fähigkeit, die Gestalt ihrer Fressopfer anzunehmen, für eine ganze Reihe grotesker Verwicklungen sorgen. Die Menschen Crotalorns, dessen offizielle Regierung im Übrigen kaum in Erscheinung tritt, sind von der Nekropole und ihren nächtlichen Ausschweifungen so eingenommen, man bekommt da den Eindruck, das eigentliche Leben der Stadt spiele sich eben dort ab, wo die Toten ruhen. Ihre Ruhe wird regelmäßig gestört, durch Grabräuber, die ihre Profession mit großer Leidenschaft ausführen, durch Schwarzkünstler, denen die Leichen für nekromantische Zwecke dienen, und natürlich die Ghule, die sie fressen. Am meisten erinnert mich diese Fantastik thematisch wie stilistisch an die Clark Ashton Smiths, insbesondere dessen klar der Sword & Sorcery zugehörigen Zotique-Erzählungen.

Ich bleibe bei der Fantasy: Lucius Shepard, auf diesen Namen wurde ich recht spät aufmerksam. Als ich ihn entdeckte, hatte der US-amerikanische Autor nur noch Monate zu leben und so blieb mir verwehrt, ihm auch nur eine all jener Fragen zu stellen, die sein Werk in mir aufwarf. Das war 2014. Dem deutschsprachigen Raum ist sein Werk nur in Teilen zugänglich geworden. Das seit den 80er Jahren in Deutschland bei Heyne aufgelegte Ouevre Shepards umfasst die Romane Grüne Augen (Green Eyes, 1984), Das Leben im Krieg (Life During Wartime, 1987), Die Spur des goldenen Opfers (The Golden, 1993) und die Erzählung Kalimantan (st, 1990). Nach 2000 nahm sich die Edition Phantasia noch einmal seiner an, mit Ausgaben von Aztech (Aztechs, 2003), Endstation Louisiana (Louisiana Breakdown, 2003), Ein Handbuch Amerikanischer Gebete (A Handbook of American Prayer, 2004) und Hobo Nation (Two Trains Running, 2004). Die Ausgaben der Edition Phantasia allein sind derzeit im primären Buchhandel erhältlich.
Für alles andere, nämlich Shepards herausragendes Werk an Kurzgeschichten und Novellen, muss man sich des Originals bemächtigen.
Aus den Achtzigern heraus bleibt Shepards Name noch immer mit dem Label Cyberpunk verknüpft, Das Leben im Krieg, Aztech und nicht übersetzte Erzählungen wie The Emperor lassen sich auch dort einordnen, doch Shepard beging noch ganz andere Pfade als den der Science Fiction. Horror finden wir hier und Mystisches, auch magisch Realistisches, das sich aus Shepards jahrzehntelanger Tätigkeit als Weltreisender und Reporter schöpft. Die Sammlung The Best of Lucius Shepard gibt bislang den besten Überblick über seine unverbundenen Erzählungen.
Vor allem aber fehlt uns in Übersetzung Shepards Reihe von Erzählungen über den Drachen Griaule, sowie sein dazugehöriger letzter Roman Beautiful Blood, der über eine bibliophile Ausgabe bei Subterranen Press hinaus vor Shepards Tod keine weitere Veröffentlichung erfahren hat. Die Chancen stehen nun überhaupt schlecht, dass Griaule in Übersetzung erscheinen kann, die Rechtelage des schriftstellerischen Nachlasses Shepards bleibt derzeit ungeklärt.
Griaule ist Fantasy, die in manchen Anteilen dem Magischen Realismus verbunden ist und in einem dem unserer Welt abspenstigen Südamerika angesiedelt ist.
Der Drache Griaule beherrscht das Land, auf dem sein schlafender Körper wie eine Bergkette ruht. Er herrscht in dem Verstand, vor allen in den Seelen der Menschen. Es wird ein Plan gefasst, wie er zu töten wäre, und dessen Umsetzung nimmt Jahre in Anspruch, denn um ihn nicht zu wecken, seinen Zorn nicht herauszufordern, soll der Leib des Drachen mit einem Gemälde in giftiger Farbe bemalt werden. Der Mann der den Drachen Griaule malte wäre die Übersetzung des Titels der initialen Erzählung. Im Weiteren begegnen wir einer Priesterin des Drachen und Artefaktjägern, die es auf seine Schuppen abgesehen haben. Man kann sicher sein, ein jedes Stück des Drachen wird seinen Besitzer verderben. Oft scheint dieses Wesen selbst durch die Augen von Menschen zu schauen, so als lebe das Monster in den Menschen und durch ihre Taten. Als Griaule endlich bemerkt, dass er im Sterben liegt, ist es für ihn zu spät, doch wird sein Tod den Menschen und der an seiner Flanke erbauten Stadt zum Verhängnis.
Diese Fantasy ist nicht wie irgendeine andere. Seltsam bedrückend ist das Geschehen. Es gibt hier keine Helden, denn Shepard ging es immer um die Abgründe im Menschen selbst.

An Verkaufszahlen gemessen einer der erfolgreichsten Autoren weltweit schließlich wurde bisher mit keinem einzigen Werk ins Deutsche übersetzt. Louis Cha, alias Jin Yong, ist der Altmeister des Wuxia, sprich des chinesischen Genres der Kung Fu-Fantasy. Die meisten seiner fünfzehn Romane sind in Hongkong verfilmt worden und viele dieser Verfilmungen haben ihren Weg auch nach Deutschland gefunden. Somit ist uns – wenn wir denn Kung Fu-Filme schauen – sicher schon die eine oder andere Adaption seiner Werke in Synchronisation untergekommen. Deren literarische Vorlagen indes bleiben uns leider verwehrt. Selbst im englisch-amerikanischen Sprachraum gibt es bislang nur drei Werke in Übersetzung: The Book and the Sword, Fox Volante of the Snowy Mountain und sein herausragendes The Deer and the Cauldron in drei Bänden. Chas Geschichten siedeln sich in verschiedenen Epochen der chinesischen Geschichte an, sind oft mehr pseudohistorsich als eigentlich Fantasy, dann allerdings doch wieder fantastisch in ihrer Darstellung der Kampfkünste und ihrer Meister, in der Rolle, die hier dem Qi als einem zumindest für westliche Ohren mystisch erscheinenden Kraftquell zukommt. Meist sind Chas Helden ehrenwerte Kampfkünstler, die für das Gute und – recht patriotisch – für China kämpfen, oft gegen die mongolischen Besatzer, immer gegen ehrlose Boxer und in einer schier unglaublichen Folge von Verwicklungen aus Halbinformation und Lüge, aus Ehrgefühl und Eigensinn. Jianghu, das Land zwischen Fluss und See, in dem Chinas Xia, die fahrenden Schwertkämpfer und Boxer ihrer Freiheit nachgehen, sich zu duellieren, sich in Vendettas auch bis aufs Blut zu bekämpfen, ist ein Gemeinplatz chinesischer Fantasy, der sich aus jahrhundertelanger Erzähltradition und den klassischen Romanen Chinas herleiten lässt. Water Margin und Monkey King etwa, von denen im Deutschen auch nur verkrüppelte Versionen existieren, sind an der Grundlegung dieser Welt beteiligt, wie es die klassischen und mittelalterlichen Sagen an der Fantasy des europäischen Kulturkreises sind.
Louis Chas The Deer and the Cauldron sticht aus seinem Gesamtwerk noch heraus, denn hier ist sein Protagonist Wei Xiaobao ein regelrechter Antiheld und der Grundton, den er dem Werk verleiht, ist ist eher satirisch. Cha selbst bezeichnete das Werk daher auch gerne als Anti-Wuxia.
Für 2018 ist nun der erste Teil der Reihe The Condor Heroes angekündigt worden, des bekanntesten aller Werke Louis Chas, und zumindest über diese Veröffentlichung im Englischen wird man sich freuen können.

Es gibt eine Unzahl von Autoren und Büchern, deren Namen hier noch anzuführen und rot zu unterstreichen wären, ganze Welten der Literatur, die abseits des Mainstream stehen. Die von mir Genannten liegen mir besonders am Herzen, denn ich bin der Meinung, dass sie die internationale Fantastik auf besondere Weise bereichern, und würde mich, obwohl ich einiges davon im Original lese, doch sehr über eine Übersetzung ins Deutsche freuen.

 

 

 

 

Lucius Shepards Website:  http://www.lucius-shepard.com/
Ein Interview mit Lucius Shepard: http://weirdfictionreview.com/2012/01/interview-the-weird-and-lucius-shepard/

 

 

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Tobias Reckermann

Tobias Reckermann

Tobias Reckermann, Jahrgang 1979, lebt und schreibt in Darmstadt und arbeitet als Maschinist bei Whitetrain (www.whitetrain.de). Er ist Redakteur und Herausgeber des IF Magazin für angewandte Fantastik. Als Schriftsteller widmet er sich neben anderen Zweigen der Fantastik im Besonderen der Weird Fiction und chinesischer Wuxia-Literatur. Seit 2014 erschienen sind seine Romane Das Schlafende Gleis, Langfaust und Die zwei Schneiden des Glücks, außerdem die Erzählbände Venom & Claw und Graund, sowie mehrere Beiträge in Magazinen und Anthologien.

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8 Kommentare auf "Die Unübersetzten"

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Erik R. Andara
Autor

Ich bin so einer, der gefrustet beobachtet, wie der größte Schund ins Deutsche übertragen wird, aber in der Phantastik of die besten Teile ausgespart bleiben. Es ist ein Kreuz, das ich einfach ablegen könnte und Englisch lesen. Aber jeder, der mich kennt, weiß, was für ein Gespräch nun folgen würde.

Frank Duwald
Autor

Die Giraule-Stories (wenn ich mich recht erinnere drei Stück) sind vor vielen Jahren bei Heyne übersetzt worden und in Anthologien erschienen. Hier müsstest du sie alle finden:
http://www.chpr.at/stories/s/shepards.htm

Frank Duwald
Autor

Deinen Artikel könnte man unendlich weiter führen. Die Zeiten für anspruchsvolle Phantastik in Deutschland sind wirklich so schlecht wie selten. Früher haben sich wenigstens schon mal sehr gute Erzählungen in Anthologien verirrt.

Doc Nachtstrom
Autor

Sorry, aber was spricht eigentlich dagegen, daß man die sachen im original liest? Ist nicht so schwer, wie man glaubt ( shepard zb.) Dann muß man sich auch keine sorgen machen, ob der übersetzer gut genug war, das ist ja nämlich das nächste problem! Und ich weiß von einem übersetzer, daß NOCH IMMER gekürzt wird. Das geht eigentlich gar nicht. Ich red mir seit jahren den mund fusslig, hab jede ausrede gehört, bitte fangts doch endlich mal damit an, anvloamerikanische literatur im original zu lesen. Bitte!!!

Michael Schmidt
Autor

Man sollte meinen, diese Lücke übernehmen die Kleinverlage. Aber die verstärken den Trend zum Popcornroman noch. Es gibt aber auch durchaus löbliche Ausnahmen, die sollte man dann auch mal erwähnen.

Erik R. Andara
Autor

Golkonda und die Edition Phantasia zum Beispiel.

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