Der dunkle Turm 1: Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste. Stephen King: Schwarz

„Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste und der Revolvermann folgte ihm.“ Stephen King; Schwarz (The Gunslinger) So beginnt Stephen Kings Hauptwerk und das erste Buch der Dunklen-Turm-Serie, inspirierte von der epischen Tragweite von Tolkiens Herr der Ringe, der filmischen Gewaltigkeit von Sergio Leones Dollar-Trilogie und der Poesie von Robert Brownings Gedicht „Childe Roland To The Dark Tower Came.“ Im ersten Buch befinden wir uns in einer postapokalyptischen Landschaft mit einer Kultur, die Christentum, Artussage und westliches Ethos miteinander verbindet. Der große Protagonist hier ist Roland Deschain von Gilead, ein Revolverheld im Stil des alten Westens und letzter Spross eines verschwundenen Königreichs. Seine Mission, um nicht zu sagen, seine Besessenheit ist es, den zentralen Fixpunkt im Herzen aller Existenz zu erreichen, den dunklen Turm, den die Legionen des Chaos zu zerstören suchen und damit die Welt – alle Welten

Steven Erikson: Das Spiel der Götter (Malazan Book Of The Fallen) – Ein Vorgespräch

Oftmals ist die Veröffentlichungspolitik deutscher Verlage eine einzige Katastrophe. Da werden Serien begonnen und nie zu Ende geführt, die Übersetzungen sind im besten Fall durchwachsen, die Editionen werden mittendrin ohne Sinn und Verstand gewechselt. Was die Übersetzung betrifft, hat man hier mit Tim Streatmann einen Glücksgriff getan, auch wenn „Das Spiel der Götter“ als Titel von „Malazan Book of the Fallen“ leicht daneben liegt, denn er impliziert ein Spiel, das die Götter spielen, was nicht der Fall ist; vielmehr tanzen hier viele Mächte ein Ringelreihen, und Götter können selbst von Sterblichen besiegt werden. Die fast schon übliche Zweiteilung der einzelnen Romane ist hier gar nicht so unsinnig wie es zunächst scheint, denn die massiven Ziegelsteine, die Erikson schreibt, würden zusammengefasst eine Schriftgröße erfordern, die nicht mehr zu genießen ist. Bleibt noch die Kritik am Wechsel des Formats. Anfangs ärgerte ich

Geschichten in Geschichten in Scott Lynchs Gentelman-Bastard-Serie

Geschichten in Geschichten. Dies ist eine der ältesten Strukturen des Geschichtenerzählens, die bis ins alte Ägypten reichen. Allein der westliche Kanon hat – beginnend bei den Canterbury-Erzählungen über Hamlet bis zu Italo Calvons Unsichtbaren Städten – eine Fülle namhafter Werke hervorgebracht, die dem Reiz, Narrative ineinanderzuschachteln, nicht widerstehen konnten. Autoren spekulativer Literatur wie Margarete Atwood oder Neil Gaiman sind ebenfalls in der Lage, diese Disziplin anzuwenden und dadurch mit einer wunderbaren Wirkung zu versehen. Scott Lynch mag noch nicht ganz in dieser Elitegruppe mitwirken, aber es mangelt ihm weder an Talent noch an Ambitionen. Seine Gentleman Bastard-Serie (Die Lügen des Locke Lamora; 2006, Sturm über roten Wassern; 2007, Die Republik der Diebe; 2013 – und vier weitere geplanten Romane) besteht aus umfangreichen Büchern. In ihnen leben ein Gauner namens Locke Lamora und sein bester Freund, der Trickbetrüger Jean Tannen, in der

Tim Powers: Die Tore zu Anubis Reich

Tim Powers‘ vierter Roman wurde von David Pringle in die Liste der besten 100 modernen Fantasyromane aufgenommen, ist aber ebenfalls in Jones & Newmans Publikation über die besten Horrorromane zu finden. 1984 gewann das Buch den Philip K. Dick Memorial Award und wurde nicht zuletzt durch hervorragende Mundpropaganda so erfolgreich. In diesem Roman treffen wir einen Witwer mittleren Alters namens Brendan Doyle, einen Experten für Samuel Taylor Coleridge und den (fiktiven) Dichter William Ashbless. Doyle wird von einem exzentrischen Millionär, der sich ein Zeitreisegerät ausgedacht hat, gebeten, in das Jahr 1810 zurück nach London zu reisen, um an einer Coleridge-Vorlesung mit einer Gruppe wohlhabender Chrono-Touristen teilzunehmen. Doyle stimmt vorsichtig zu und wird – um es kurz zu machen – in der Vergangenheit ausgesetzt, wo er bald in die Machenschaften ägyptischer Zauberer verwickelt wird, die versuchen, England zu zerstören. Powers‘ ausweglose

Als sie ihn rief, kam der fahle Reiter. Angela Carter: Schwarze Venus

Traurig; so traurig die rosig-rauchigen, mauve-rauchigen Abende im Spätherbst, traurig genug, um einem das Herz zu brechen. Die Sonne verlässt den Himmel in Leichentüchern von bunten Wolken; die Qual erobert die Stadt, ein Gefühl bitterster Reue, eine Sehnsucht nach nie Gekanntem, die Qual des endenden Jahres, der untröstlichen Zeit. Im Amerika nennt man den Herbst the fall, was an den Fall Adams denken lässt, als müsste das fatale Drama des urzeitlichen Obstdiebstahles wiederkehren und immer wiederkehren, in regelmäßigem Zyklus, zu einer Jahreszeit, wo die Schuljungen die Obstgärten plündern, damit im alltäglichen Bilde ein Kind, irgendeines, jedes, sichtbar wird, das vor der Wahl zwischen Tugend und Erkenntnis immer die Erkenntnis wählt, immer den schweren Weg. Obwohl sie die Bedeutung des Wortes „Reue“ nicht kennt, seufzt die Frau auf, ohne besonderen Grund. Weiche Nebelwirbel dringen in die Gasse ein, steigen wie der

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