Die Tigerin von Cachtice

Das Titelbild stammt aus Bathory – The Musical

Das riesenhaft funkelnde Gebäude zog die Felsenformation in die Länge, so daß ein Wanderer bei seinem ersten Blick auf dieses Monument irritiert über die optische Täuschung erschrocken wäre.
Das Anwesen verlor sich im felsigen Nichts der Karpaten. Der Horizont war beherrscht von einer drohenden, schweren Masse Lichtlosigkeit. Jahrmillionen alte Berge bissen wie kariöse Zähne in das weiche, fahle Himmelsfleisch, bildeten einen Klumpen reiner Bösartigkeit.

Durch das Schloß zog die Karawane der Träume. Krüppel, Gaukler und Scharlatane führten ein Bestiarium der Absonderlichkeiten an. Hermaphroditen boten ihre Zweigeschlechtigkeit dar, bejammerten, stöhnten, stritten sich.
Die irritierenden Wege der dunklen Seite der Natur sprengten jeden Willen und jede Vernunft, sollte es sie je gegeben haben. Der Boden krümmte sich unter den Sohlen, Feuernähte trennten die Luft in der Mitte entzwei.
Sie kamen zu einer unbekannten Stunde, einen grauenhaften Lärm veranstaltend, der an die skandinavische Oskorei erinnerte, die man weiter südlich ›Die Wilde Jagd‹ nennt. Unbekannt war nicht nur die Stunde, unbekannt war auch der Grund des Phänomens. Sinn- und ziellos geisterte das Heer höllenlärmend durch die dunklen Säle und Kammern. Der Prunk war jetzt ihr Prunk. Verwachsene Idioten sangen schreckliche Lieder, Kantaten primitiver Lust in fremden Zungen. Veitstänzer, Kleinwüchsige und verlebte Dirnen mit magerlippigen Mösen. Arme, schmächtige, ziemlich junge, halb verhungerte Frauen mit dünnen Schenkeln, armseligen Kaninchensteißen und schwärend aufgeblähten Bäuchen; rußverschmierte Ketzer zuckten mehr als daß sie tanzten. Der Urin lief ihnen seitwärts an den Beinen hinab (andere nahmen ihren eigenen Kot auf oder spuckten unablässig Auswurf von sich).

Dieser abscheuliche Traum entsprang dem Schlaf der Gräfin Báthory, die, vollgestopft mit Opiaten auf ihrem ausladenden Plüschbett lag. Der Träumenden entrann ein Bach, der sich mit blutigen Tränen füllte. In den Blutkristallen sah sie Gesichter aus längst vergangenen Tagen – und sie wußte nicht, daß es bereits die Gesichter des Wahnsinns waren. Stimmen drangen auf sie ein, eine undeutliche Gestalt trat auf sie zu und hielt das Enuma Elish in der Hand, jenen babylonischen Schöpfungsmythos, dem auch der Gilgamesh entstammte, und dem ebenso die biblische Genesis ihre Einfälle verdankte. Wer der Traumbesucher war, konnte die Gräfin nicht erkennen, die Aura gelben Siechtums schirmte die Erscheinung ab. Dann wechselte das Bild. Das Buch öffnete sich, gab tanzende Bilder frei. Eine Gauklertruppe schien es zu sein. Diese pulste näher an den Rand des Buches heran. Monoton erklang der Ruf der Bettler – da Schlangenbeschwörer, dort Märchenerzähler, Gnome und Gänsevieh. Kurz Bevor der Troß das Buch verlassen hätte müssen, stand er plötzlich still. Grimassen wurden gezogen, von einer fürchterlichen Eigenart besessen, eine visionierte Ausschweifung. Aber die Gräfin fürchtete sich nicht. Ein Klopfen, als gäbe es da eine Tür, die es zu öffnen galt, drang durch das Zimmer, doch da waren nur die Seiten des Buches, aus denen der ganze Zirkus gaffte.
»Herein«, sagte die Gräfin tonlos.
»Das wird so nicht gehen« antwortete ein Buckliger und renkte seinen Kiefer aus, um die Worte überhaupt sprechen zu können.
»Wie dann?« Hauchen.
»Du mußt uns öffnen!«
»Wie?«
»Wie man eine Tür eben öffnet!« Der Krüppel ließ seinen Kopf von einer Schulterseite zur anderen fallen, die Bettler schrien nach Geld.
Niemand hat jemals beobachtet, wie der Traum seine Türen aufschließt. Dieses Ritual vollzog sich stets auf die nur ihm mögliche geheimnisvolle Art und Weise. Welchen Schlüssel er dafür benutzt, weiß der Mensch nicht; welcher Form der Schlüssel ist, weiß er noch weniger, doch von den atemberaubenden Ergebnissen hat er sich stets vereinnahmen lassen, hat sich fasziniert in die ihm hingestreckten Arme begeben, und hat den Träger der Arme ›Morpheus‹ genannt. Artemidor berichtet von diesem Schlüssel in seinem Oneirokritikon. Darin spricht er von den Einflüsterungen dunkler Mächte, die in einer Art Kerker hausen, den man tief in der Menschen Seele finden könne. Denn so wie jede Stadt eine Mauer besitzt, edle Türme, geheimnisvolle Gassen – so sähe er auch den Menschen als Erbauer einer Stadt sich selbst als Vorbild nehmen – und in der Architektur der Mathematik seiner Seele entsprechen. Darum gäbe es den Kerker der Psyche, in dem alles verschwindet, was an der Oberfläche des Menschen nicht gerne gesehen ist.
Die Phantasmen tragen Traumgesichter, ein vielgestaltiges Bild der Seele, welches das zukünftige Gute oder Böse anzeigt. Die Geisterscharen vor den Türen der Gräfin waren nichts anderes als die Boten einer unheilvollen Neigung, die im Laufe der Zeit, früher oder später, seine Erfüllung verlangte.
»Du mußt uns öffnen!«
Und die Türen öffneten sich. Das Buch verschwand. Der Wahnsinn war gekommen.

Die Wilde Jagd irrte durch das Anwesen wie ein Spuk, während die Gräfin in ihren Träumen ein Bildnis vor sich auftauchen sah, auf dem ihr Konterfei erstrahlte. Ein Gemälde, wie es niemals eines gegeben hatte, geschaffen von einem Maler, der berühmt war für seinen hedonistischen Duktus.

Bereits in jungen Jahren wurde sie die Frau des Freiherrn Nàdasty. Erzsebeth blickte gelassen zum Fürsten mit dem weibischen Gesicht, in dem das Unternasenbärtchen sich wie ein Alibi fühlen mußte. Mit ihm drang der Schmerz in sie ein, den sie vorher (nicht ohne Gier) nur gesehen hatte. Ihr Leib zürnt unter seinem ekelhaften Keuchen, Abscheu reizte ihr Gedärm irgendwo tief im Bauch. Es war die legitime Folterung der Ehenacht – Nacht und wieder Nacht – nur Nacht wirft solche Schatten!

Geduldig nahm sie zur Kenntnis, wenn der Gatte ihr den Sinn einiger Foltermethoden erklärte. Sie sah bei der Bastonade zu, wie dem Gefangenen die Fußsohlen fortwährend mit einem Stock geschlagen wurden, wunderte sich über die scheinbare Humanität, die Nàdasty gar nicht ähnlich sah.
»Wenn die Bastonade nicht tötet, ist sie da eine Strafe am Leben?« fragte sie sich.
Bis sie zum ersten Mal den Wahnsinn in den Geist der so Gefolterten fahren sah.
»Ein Verrücktgewordener bringt Unruhe in die Lagerstatt der Gefangenen«, erklärte der Fürst seiner jungen Frau. »Es schürt die Angst, weil man kein vernünftiges Wort aus ihm herausbekommen kann, so sehr man ihn auch befragt, was ihm widerfahren sei.«

Die bevorzugte Methode, die Ference Nàdasty anzuwenden wußte, blieb allerdings der Pfahl, der nicht etwa zugespitzt, sondern ganz im Gegenteil, abgestumpft zugeschnitten, in den eingeölten After des Delinquenten eingeführt wurde.
Stellt man den Pfahl auf, sorgt das eigene Körpergewicht für ein immer tieferes Eindringen, verletzt die Organe aber keineswegs, sondern schiebt sie nur beiseite, bis er aus dem Bauch, der Brust oder der Schulter wieder austritt.

Nicht der Gehorsam trieb sie an, sondern ein seltsames sexuelles Verlangen, denn eine Befriedigung erfuhr sie von ihrem Mann nicht, wohl aber fand sie einiges zur Erklärung ihrer Neigung Beitragendes darin. Die erste Klimax erreichte sie dann auch, als sie aus heiterem Himmel ihre Kammerzofe an den Haaren auf den Boden schleuderte, und ihr ein Stück aus ihrer Wange biß. Sie konnte den Schmerz der Anderen spüren, als wäre es ihr eigener, denn oft genug war der Schmerz der ihre gewesen. Sie nahm sich nur alles zurück. Komm, Leben mein! Das Pulsieren ihrer Vulva dröhnte hinauf in ihren Kopf, warm ließ sie vor Wonne ihren Urin fahren, betrachtete das wimmernde, blutende Ding, das sich am Boden krümmte, schmerzgepeinigt die Wange hielt. Blut tropfte aus Erzsebeths Mundwinkel auf ihre Hand. Sie kniete sich zu der Kammerzofe hinunter, um deren Angst und Erschütterung aus nächster Nähe zu betrachten.
»Nimm deine Hände vom Gesicht!« sagte sie. Das Mädchen folgte dem Befehl mechanisch, ängstlich, leidend, und gab das entstellte Gesicht frei.
»Du hast mir gut getan. Steh jetzt auf und geh!«

Der Morgen drückte sich über den Gebirgskamm, scheuchte die Wolken hinter sich. Schloß Čachtice aber blieb ein Fleck der Dunkelheit, Licht verdunstete an seinen Wänden. Erzsebeth Bathory kehrte aus ihrer eigenen Schwärze zurück, Stimmfetzen baumelten an ihren Nerven, hingen über dem Bett. Ohne zu zögern läutete sie nach den Mädchen, die ihr jeden Tag den großen Spiegel vors Gesicht halten mußten. Sie hatte Angst, sich einmal nicht darin zu sehen, beäugte sich kritisch. Wenn sie ein Gemälde von sich anfertigen lassen wollte, dann durfte sie nicht länger zögern. Sie grämte sich bei dem Gedanken, daß Jugend der Vergänglichkeit anheimfiel. Ihre Pasten und Salben änderten daran nichts. Sie ließ die morgendliche Toilette im Bett geschehen, während sie mit einem ihrer Hauptmänner sprach: »Reitet heute in die umliegenden Länder und sammelt alle Jungfrauen ein, derer ihr habhaft werden könnt!«, befahl sie.
Der Hauptmann sah sie ausdruckslos an. »Unter welchem Vorwand sollen wir das tun?«
Die Gräfin mußte nicht lange nachdenken. »Ein Tableau für eine Massenszene. Das ist es, was ich erwäge.«
Sie entließ den Soldaten und begann damit, dem Mädchen, das ihr die Haare kämmte, aus purem Spaß, den Arm so zu verdrehen, daß dieses die Hand, die den Spiegel stützte, zurückzog. Ilona, das zweite Mädchen, konnte das Gewicht nun nicht mehr alleine tragen. Der Spiegel zerbrach auf dem Boden in tausend Scherben. Dies als Vorwand nutzend, schlug die Gräfin so heftig in das Gesicht des unglücklichen Kindes, daß seine Nase brach und es in die Scherben fiel. Eisig blickte Erzsebeth auf das blutende und ächzende Geschöpf hinab. Sie empfing wieder das Ziehen in den Lenden und zitterte.
»Du!« Dervula war gemeint. »Hilf deiner Schwester, die Kleider auszuziehen!«
Diese eilte sich, war sie doch der Meinung, das sei ganz vernünftig, um die kleinen Splitter aus dem jungen Leib ziehen zu können, ahnte sie doch nichts von der Wahrheit. Im Nu lag Ilona nackt, an unzähligen Stellen blutend auf dem blanken Boden. Fragend blickten die beiden Mädchen zur Gräfin auf, die sich aus ihrem Bett erhoben hatte und das Reißen und Ziehen ihrer Lenden genoß.
»Ist deine Schwester noch Jungfrau?«
Dervola sagte, sie wisse es nicht.
»Dann sieh nach, ob dem so ist!«
Ungläubig, was sie da hörte, rührte sich das Mädchen nicht.
»Hast du mich nicht verstanden?« So gefährlich leise der Ton. Sie wußte nicht wie.
»Indem du ihr den Finger hinein schiebst und mir sagst, ob du einen Widerstand spürst, du dummes Ding!«
Nichts rührte sich im kalten Raum.
»Tu’ es, oder ich lasse dir an Ort und Stelle die Kehle aufschneiden!« Eine Stimme wie Stahl, der man die Erregung nicht anmerkte. Schleichend fuhr die Hand der Zofe auf das Delta der Venus zu, zögerte und berührte das Schambein. Das verletzte Mädchen zuckte zusammen, atmete kaum. Ilona war aufgrund des Blutverlustes einer Ohnmacht nahe, registrierte alles nur am Rande. Ihre Schwester tastete die Schamlippen auseinander und fuhr mit dem Zeigefinger in die Scheide ein.
»Und?« hauchte die Gräfin. Dervula nickte.
»Was?«
»Ja, sie ist Jungfrau.«
Beschämt riß sie die Hand zurück, errötete.
»Und was ist mit dir?«
Lügen oder die Wahrheit sagen? Dervula konnte nicht erkennen, was ihre Herrin im jeweiligen Fall im Schilde führte.
»Nein«, sagte sie dann wahrheitsgemäß, »ich bin es nicht.«
»Gut. Dann habe ich keine Verwendung mehr für dich. Du kannst jetzt gehen.«
»Und was ist mit ihr?« Sie deutete auf die nun tatsächlich ohnmächtige Schwester.
»Hol mir den Heiler!«

*

»Was meint ihr? Ist so etwas möglich?«
Der Arzt, nach dem sie hatte schicken lassen, betrachtete das nackte Mädchen ebenso kühl und gleichgültig, wie er es von Hause aus gewohnt war. Vor dem Tode Nàdastys beriet er diesen bei seinen Foltermethoden, war dafür verantwortlich, daß die Opfer nicht zu schnell verschieden. Irrlichternde Gedanken. Morbide Bilder. Zeitschleifen im Wechsel. Anhaltender Sturm.
»Es wäre denkbar. Allerdings ist das Hymen keine Haut wie Ihr Euch das vorstellt. Es ist nicht durchgängig.«
»Wieviel Jungfernhaut bräuchte ich, um eine Leinwand daraus fertigen zu lassen?«
»Sehr viele, Maga. Aberhunderte.«
Die Gräfin deutete hin zum verblutenden Mädchen. »Zeigt mir, wie groß es ist. Schneidet es großzügig heraus. Ich will mich selbst überzeugen.«
Der Arzt gehorchte.

*

Aus den Latifundien kamen die Reiter der Erzsebeth Bathory zurück an diesen dunklen, kalten Ort, umgeben von der Herrlichkeit wölfischer Landschaften, wie still mäandernde Schatten. Zweiunddreißig Jungfrauen konnte der Hauptmann unschwer überreden, sich auf Čachtice malen zu lassen. Sie unterbrachen aufgeregt ihr Spiel, waren mehr als willig, dem höfischen Ruf zu folgen. Bald könnten sie sich ihre Schwielen, die sie von der harten Landarbeit bekommen hatten, mit Krötenmilch behandeln lassen. Verewigt sein in Farbe! Das war ja nichts anderes als die Unsterblichkeit!

»Sagt man sich nicht seltsame Geschichten über die Gräfin von Schächtiz, seit ihr Mann verstorben ist?«
»Das ist wohl wahr, junge Dame; man erzählt sich über den Adel immerfort seltsame Geschichten, und wird nicht müde, immer neue zu erfinden!«
»Wer wird uns denn malen?«
»Das kann ich nicht sagen. Ich kenne mich mit den Musen und ihren Verbündeten nicht sehr gut aus.«

Die leeren Pferde wurden bestiegen, man sagte nicht im Haus Bescheid. Verbote wären die blanke Folge gewesen: ›Du!? – Gemalt?? Vom Räuberpack schon selbst!? Dir werd’ ich Arbeit wissen!!‹ (Seit den nicht gerade raren Bauernaufständen – 1437 – schon lange her, doch Volkes Kopf trägt Demütigungen ewig – gab es nur das Joch, und jene, die es niederwarf. Der Geschändete wird sich doch nicht auch noch freiwillig ins Zeug legen!)

Dann hörten die Melodien der Mädchen auf.
Es saß ein klein wild Vögelein / auf einem grünen Ästchen. / Es sang die ganze Winternacht, / die Stimme mußt’ ihm klingen.

Dann verstummte das Gelächter. Drohend hieb das Schloß seinen Schatten in die jungen Gesichter. Wolken fanden sich, schwarz wie die Raben, wie ein Geschwür wuchernd; der Himmel blaß und blutleer.

Die Burschen warteten auf die Pferde, sie sahen dem blühenden Leben nicht ins Gesicht, nahmen die Zügel, schirrten ab und grüßten nicht mit einer einzigen Geste.
»Nun begebt euch schon zum Tor!« sagte der Hauptmann.

Da war ein Kleinwüchsiger im Narrenkostüm heran, hüpfte neben den Mädchen her, keckerte ein Lied von Blut und Mord und Grausamheit, ungehört von den schlanken Ohren:
»Auf Äckern und Kornhalmen: Blut, ein erkalteter Milchbrei mit Blut bedeckt, Blut, oh! – das Orakel blutiger Kriege fließt aus Holz!«

Blut ist ein ganz besonderer Saft. Als Odysseus den Seelen Blut zu trinken gab, indem er dieses in eine eigens dafür gegrabene Grube rinnen ließ, gewannen diese an Lebenskraft. Im iranischen Mythos entstammen die Weintrauben dem Blut des erschlagenen Urstiers Goshurun. Zu Blut wird die Materie während der alchimistischen Wandlung zum Stein der Weisen – und Erzsebeth Bathory hatte entdeckt, daß da, wo das Blut einer Jungfrau ihre Haut berührte, diese ein rosiges Aussehen angenommen hatte. So versprach sie sich dreierlei:
1, ihren homosexuell-sadomanischen Neigungen nachgehen zu können.
2, ihre Jugend wiederzugewinnen, indem sie im Blut der Mädchen badete.
3, sich ein einzigartiges Gemälde anfertigen lassen zu können, gemalt auf einer Leinwand, geleimt aus den Hymen der Jungfrauen.

An diesem Tag sollten die ersten ihren Tod finden. Weit über 500 würden folgen. Das Erstaunliche an den Blutbädern der Gräfin war, daß sie, als sie mit 54 Jahren eingemauert in ihrem Schlafzimmer verstarb, immer noch das Aussehen einer jungen Frau besaß. Ihr Gesicht, wenn auch von Geisteskrankheit gezeichnet, spiegelte dabei nur einen Teil ihrer Grausamkeit zurück. Das Seltsame an der Geschichte: Der Priester, der dem Treiben schließlich ein Ende setzte, und der dafür sorgte, daß Erzsebeth Báthory vor ein Gericht gestellt wurde, schwor auf den Namen seines Gottes, von einem Mädchen informiert worden zu sein, das sich Myrrha nannte. Keiner im Dorf oder der Umgebung hatte diesen Namen jemals gehört, eine umfassende Suche blieb erfolglos. Myrrha konnte nicht gefunden werden.

Aus den Aufzeichnungen dieses spektakulären Falles, die der Priester Thurzo anfertigte (der darin auch beschrieb, daß zwar etwa 300 Bedienstete der Gräfin von der Gerichtbarkeit zum Tode verurteilt wurden, so aber nicht die Gräfin selbst), ging hervor, daß es mit der Blutgräfin, wie man sie fortan nannte, laut Myrrha ein noch viel schlimmeres Bewandtnis hatte.

»Aus der abgeschnittenen Schambehaarung der Mädchen pflegte sie sich einen Bart zu machen, den sie sich anklebte. In dieser Verkleidung biß sie manchem Mädchen die Schamlippen ab und kaute lange darauf herum. Wenn ihr das Schreien der Gemarterten zu viel wurde, rammte sie der Unglücklichen eine Schere in den Hals, um deren Stimmbänder zu zerfetzen.«

Myrrha schien ihre Berichterstattung dahingehend zu übertreiben, als daß sie angab, der Teufel persönlich sei in den Nächten erschienen und habe mit dem ganzen Staat die wildesten Orgien vollzogen; Krüppel hätten sich über die Mädchen hergemacht, während die Gräfin Anweisung erließ, diese nur in den Anus zu schänden, weil sie eine gewisse Haut noch für ihr Gemälde benötigte. In der näheren Umgebung des Schlosses wurden ungefähr 50 blutleere Leichen ausgegraben, teilweise grauenhaft verunstaltet. (Einen Körper bedeckten noch schöne kastanienbraune Haare. In den Ohren waren gelbmetallene Ringe. Bei dem rechten Schlafbein gegen die Stirne zu, und am Hinterkopf, fanden sich große, mit Blut unterlaufene Stellen, doch ohne Verletzung der Knochen. Im Halse, links neben dem Kehlkopfe, war ein Stich von 1 Zoll Tiefe und 5/4 Zoll Breite, der aber weder die Blut- und Drosselschlagader, noch die Luftröhre verletzt hatte. Die Brust war der ganzen Länge nach mitten durch das Brustbein geöffnet).

Erzsebeth fühlte sich bis zu ihrem Tode ungerecht behandelt und hielt alles für ein Komplott der Kirche gegen sie. Es gibt vier Gemälde von ihr, die sie alle selbst gemalt hatte. Jenes große Bildnis aber, das sie begehrte, gefertigt auf Jungfernhaut, wurde bis heute nicht entdeckt. Es ist davon auszugehen, daß es nicht existiert.

Priester Thurzo überlebte den Tod der Hure von Schächtiz keine sieben Tage. Man fand seine Leiche ausgeblutet im Glockenstuhl seiner Kirche liegen. Sein Tagebuch mit der Berichterstattung der Zeugin Myrrha, sowie den Anklagepunkten und dem Verlauf des Schuldspruches, tauchte erst im 19. Jahrhundert wieder auf, und wurde von einem französischen Händler in Gewahrsam genommen. Bis heute ist nicht geklärt, ob der anonyme Besitzer der Handschrift wußte, worum es sich bei der Aufzeichnung handelte. Dem Schriftstück fehlten einige Seiten, die herausgerissen waren.
Die Mitglieder des Gerichts überlebten kein Jahr. Zu dieser mysteriösen Todesfolge sei noch folgendes vermerkt: Der Landarbeiter Johann Zàpolya berichtete (gefunden wurde dieser Schrieb zusammengefaltet in einer Chronik Siebenbürgens als Lesezeichen einer Seite, welche die Genealogie des Adelsgeschlechts der Familie Báthory enthielt, auf dieses Papier wurde später der talentlose Schriftsteller Bram Stoker aufmerksam), eines Nachts seltsame Geräusche von seinen Feldern vernommen zu haben. Da er zunächst keine Sekunde daran zweifelte, eine Schar Wölfe habe sich aus Hunger dahin verirrt, wo sie das warme Fleisch der Schafe wittern konnten, nahm er seinen Rabenschnabel von der Wand, und öffnete die Türe. Er sah sich (nach eigenem Bericht) folgendem ausgesetzt:

»Wunderliche Wesen jagten einen einzelnen Mann vor sich her und umtanzten ihn mit lautem Geschrei. Wie einen wildgewordenen Zirkus sah ich da Zwerge, sah ich (solche), die sich verbogen, sah ich wiederum (andere) Feuer erbrechen. Als der so Gejagte mehrfach zu Boden fiel, traten sie mit Stelzen auf dessen Leib und hieben auf ihn ein mit Waffen, die ich nicht benennen kann, die mir aber keine Stöcke zu sein schienen. Ich verriegelte schnell die Türe, und mein Herz wollte mir vor Angst zerspringen, und so war ich überzeugt, der leibhaftige selbst war mit seinen Schergen über die Erde gegangen, um einsame Wanderer in den Höllenschlund zu entführen!«

Am nächsten Tag fand Zàpolya zumindest den Mut, die Stelle abzusuchen – und fand einen toten Amtsuntertanen – den Schöffen Pràtek – völlig blutleer und verunstaltet vor.

Karl Marco

Karl Marco

Karl Marco wurde 1978 im Schwarzwald geboren. Er absolvierte ein Studium der Komparatistik, arbeitete aber hauptsächlich als Förster.
Die Autoren, von denen er lernt, sind sämtlich der Phantastik zuzurechnen: Poe, Lovecraft, Borges, Ligotti, Kafka, Schulz. Von ihm selbst gibt es bisher keine Veröffentlichungen, weil er seine Arbeiten noch keinem Verlag angeboten hat.

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

Kommentar verfassen

wpDiscuz