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Die Standuhr

Es schneite, als mir der Notar meines Onkels die Schlüssel für sein Herrenhaus und ein hölzernes Kästchen aushändigte. Mein Onkel soll Selbstmord begangen haben. Ich konnte das nicht verstehen. Sein Butler hatte im Haus einen Abschiedsbrief gefunden, den mir der Notar zusammen mit den anderen Dingen übergab.

Ich war alleinstehend und musste, dank des enormen Erbes meines Vaters, nicht mehr arbeiten.

So entschied ich, mir den alten Kasten einmal anzusehen. Ich hatte Onkel Ambrose stets als liebevollen, etwas schrulligen Mann gekannt. Er war der Bruder meines Vaters.

So machte ich mich also auf den Weg. Die Fahrt war nicht besonders anstrengend und dauerte zwei Tage.

Ich fand das alte Gemäuer ordentlich hinterlassen und sauber vor. Aber ich möchte von vorne beginnen …

Onkel Ambroses Herrenhaus lag zwischen zwei Hügeln, direkt am Meer. Gewaltige Wellen peitschten gegen den grauen, kalten Fels. Bei meiner Ankunft war es ein nasser Novembertag. Ich beeilte mich die große, geflügelte Haustür aufzuschließen. Schnell schlüpfte ich hinein und ließ das grimmige Wetter hinter mir.

Als Erstes fiel mir die Eingangshalle auf. Als Knabe hatte ich Onkel Ambrose einmal besucht. Damals erschien sie mir viel größer, obwohl sie auch jetzt nicht zu verachten war.

Ich stellte meinen Koffer ab und entschied mich, die unteren Räume anzusehen.

Düster erinnerte ich mich noch an die Bibliothek, mit dem großen Fenster und dem gewaltigen steinernen Kamin. Bei meinem Besuch damals lag auch Schnee. Ein kräftiges Feuer brannte im Kamin und das Zimmer war in ein magisches Licht getaucht. Onkel Ambrose las in einem Buch über alte Stämme und versunkene Stätten. Ich verstand das alles noch nicht, fand es aber äußerst spannend und unheimlich.

Mir fiel sofort die große sargähnliche Standuhr auf. Ich erinnerte mich nicht, ob er dieses Monstrum damals auch schon besessen hatte. Ich trat näher und sah sie mir genauer an. Ihr Ziffernblatt war mit seltsamen Hieroglyphen bedeckt und die Zeiger, vier an der Zahl, bewegten sich in absurden Mustern. Entweder war sie kaputt oder ich verstand den Mechanismus nicht. Neugierig drehte ich den längsten Zeiger mit dem Finger von Drei auf Fünf. Ich nahm mir vor, das Personal nach der Logik der Uhr zu fragen.

Zielsicher durchquerte ich erneut die große Halle und fand fast blind die Küche, mit der Speisekammer und dem Wintergarten. Im Garten selbst, entdeckte ich einen Nussbaum und einen Teich; ebenso ein Gewächshaus, in dem so allerlei seltsame Pflanzen wuchsen. Die Fenster waren schmutzig; ein hinein- oder hinausgucken nicht möglich.
Ich beendete meinen Rundgang. Zum einen war mir kalt, zum anderen hatte ich Hunger und ich musste mich anschicken, Feuer in den Kaminen zu machen, sonst würde mich eine eisige Nacht erwarten.

Im oberen Stockwerk befanden sich nur zwei Bäder und die Schlafräume. In den Dachboden schaute ich nicht mehr.

Schon bald hatte ich es bewerkstelligt, eine gemütliche Atmosphäre zu schaffen. Bei einem kargen Nachtmahl schwelgte ich in Erinnerungen. Auch wenn ich Onkel Ambrose selten in meinem Leben gesehen hatte, dachte ich oft an ihn und pflegte über viele Jahre einen regen Briefkontakt mit ihm. Familienmitglieder hielten ihn für sonderbar, mir war das aber gleichgültig.

Spät am Abend setzte ich mich vor den warmen Kamin, in die gemütliche Bibliothek. Onkel Ambrose war noch nicht sehr lange tot. Sein Personal hatte alles in fabelhaften Zustand gebracht. Ich hatte schon längst beschlossen, alle Angestellten zu übernehmen, musste es ihnen nur noch sagen. In den folgenden Tagen sollte ich sie kennenlernen.
Etwas später am Abend schlummerte ich in dem gemütlichen Ohrensessel, der direkt vorm Kamin seinen Platz hatte. Daneben befand sich ein rundes Tischchen, auf dem ich den Holzkasten abgestellt hatte.

Kurz vor Mitternacht erwachte ich etwas verwirrt. Ich brauchte einen Moment, ehe ich mich erinnerte, wo ich mich befand. Mein Blick fiel auf den Kasten. Ich stellte ihn auf meinen Schoss und schloss ihn auf. Der Notar hatte mir alle Schlüssel ausgehändigt.

Der Deckel klappte ohne Schwierigkeiten zurück. Ein Stapel Papier und ein Büchlein, mit der Aufschrift Wissenschaftliche Aufzeichnungen, befanden sich darin.

Ich griff sofort nach dem obersten Brief, weil er direkt an mich adressiert war. Gespannt faltete ich ihn auseinander.

An meinen lieben Neffen Oswald,

vielleicht wunderst Du Dich über einige Dinge aber ich kann Dir versichern, dass Du alles verstehen wirst, sobald Du Dich durch meine Aufzeichnungen gearbeitet hast.

Bitte lese Dir alles genau durch!
Dein Onkel Ambrose

Überrascht und verwirrt legte ich die wenigen Zeilen meines Onkels beiseite. Einen Augenblick grübelte ich über seine Worte, dann griff ich nach dem Büchlein, in dem seine Aufzeichnungen standen.

Ich blätterte darin und erkannte, dass die ältesten Einträge bis ins Jahr 1899 zurückreichten. Er beschrieb eine Begegnung mit einem interessanten Mann. Er wird mich in meinen Forschungen weiterbringen und Wir werden gemeinsam experimentieren.

Diese oder so ähnliche Sätze fielen in den folgenden Jahren immer wieder. Dann entdeckte ich einen interessanten Text, den mein Onkel im Jahre 1904 geschrieben hatte.

August, 1904, Kairo

Ich habe endlich gefunden, wonach ich all die Jahre gesucht habe. Unsere Nachforschungen hatten uns nach Kairo geführt. Dort lernten wir einen interessanten Mann kennen. Sein Name war De Marigny und „Sie“ war in seinem Besitz. Durch eine List und eine Abmachung überließ er mir jenes Objekt, das mich näher an mein Ziel bringen sollte.

Ich bezahlte einen enormen Geldbetrag und fuhr zurück in meine Heimat. Wir waren mit dem Schiff drei Wochen unterwegs. Ich sorgte mich um mein einzigartiges Objekt.

September, 1904

Heute habe ich die Standuhr in der Bibliothek aufgestellt. Sie ist so kostbar für mich; für die Welt. Meine Hände zittern … In wenigen Momenten werden wir mit unseren Forschungen beginnen. Ich kann nicht mehr weiter schreiben.

Nachdenklich legte ich die Aufzeichnungen beiseite, rieb meine müden Augen und ging zur Standuhr. Nun wusste ich schon ein paar Dinge über sie. Sie stammte also aus Ägypten. Ich wollte mehr erfahren und beschloss, trotz Augenschmerzen weiterzulesen.

Ich nahm die Aufzeichnungen wieder an mich.

Dezember, 1904

Heute ist die letzte Nacht des Jahres, Silvester. Ich muss endlich herausfinden, was diese Hieroglyphen bedeuten und wie die Uhr funktioniert.

Mein Freund wird bald eintreffen. Er hatte mir aus London geschrieben, dass er auf etwas gestoßen sei, das uns eventuell weiterbringen würde. Ich kann es kaum erwarten.

Februar, 1905

Die Informationen meines Freundes waren ein kompletter Reinfall. Schlimmer noch: Es war ein Rückschlag in unseren Forschungen. Ich konnte bis zum heutigen Tage nicht mehr weiterarbeiten. Aber ich muss … Ich werde nicht jünger, ich muss es verstehen, bevor es zu spät ist.

Danach folgten unzählige Texte, in denen Onkel Ambrose zuerst glücklich und hellauf begeistert klang, dann schrieb er wieder von Rückschlägen und Enttäuschungen.

Seine Aufzeichnungen gingen bis ins Jahr 1914. Er hatte Zeichnungen von der Uhr, dem Ziffernblatt und den Zeigern angefertigt, ebenso mathematische Formeln.

Ich verstand nichts davon und hatte keine Ahnung, wonach er überhaupt suchte.
Was hatte es mit dieser geheimnisvollen Standuhr auf sich?

Juni, 1908

Das Experiment war erfolgreich, zumindest ein Teil davon. Mein Freund möchte einen Selbstversuch starten, aber soweit sind wir noch nicht. Zuerst müssen wir verstehen, was diese Zeichen bedeuten.

Das Kaninchen werden wir wohl nie wieder sehen.

Februar, 1910

Mein Freund hat heute im Streit das Haus verlassen. Er ist unvernünftig in dieser Sache. In all den Jahren der Forschung, der Berechnungen, konnten wir immer noch nicht herausfinden, wie man die Standuhr einstellen muss.

Von 1910 bis 1912 gab es nur wenige Aufzeichnungen. Wenn überhaupt, dann nur kurze mathematische Formeln und Zahlenreihen. Manchmal war es eine andere Schrift; ich vermutete, dass sie zu diesem sonderbaren Freund gehörte.

Der nächste Eintrag war vom Februar 1912:

Wie konnte er das nur tun? Er ist wahnsinnig. Ich muss mich beruhigen, um es ohne Zittern aufzuschreiben.
Als ich heute Vormittag in die Bibliothek kam, fand ich sie verlassen vor. Mein Freund war verschwunden und hatte mir ein paar knappe Zeilen hinterlassen. Dieser törichte Narr! Er war voller Ungeduld. Die Uhrzeiger waren auf bestimmte Hieroglyphen gestellt …

Ich bin nun gezwungen, eine längere Reise anzutreten.

Dem Eintrag war eine Zeichnung beigelegt. Auf dieser war die genaue Position der Zeiger angegeben.
Die Aufzeichnungen endeten hier für anderthalb Jahre.

September, 1913

Ich bin von meiner langen Reise zurück. Bedauerlicherweise wurden mir meine kompletten Aufzeichnungen gestohlen. Ich mag gar nicht daran denken, sonst werde ich wieder so wütend, wie vor drei Wochen auf dem Polizeipräsidium.

Aber meine Forschungsreise hat mich einen großen Schritt weitergebracht. Schon bald werde ich meinen Freund wiedersehen!

Danach folgte nur noch ein letzter Eintrag:

26. Dezember 1913

Ich werde diese Welt verlassen, dies, sollen auch meine letzten Zeilen sein.

Ich weiß nun, wie die Standuhr funktioniert. Ich verstehe die Zeichen. Nach all den Jahren, ist es endlich so weit. Vierzehn Jahre ist sie nun in meinem Besitz und im Alter von siebzig Jahren, werde ich noch einmal fortgehen. Es wird ein Abschied ohne Wiederkehr. Letzte Nacht habe ich einige Aufzeichnungen und die genaue Erklärung zum Verständnis der Hieroglyphen verbrannt. Ich habe mich entschlossen, nichts der Nachwelt zu hinterlassen.

Diese Uhr ist gefährlich, ihre Tür ist ein Tor zu anderen Welten. Ihre Zeiger der Navigator. Ich bin bereit! Auf Wiedersehen Welt!

Nachdenklich lehnte ich mich zurück. Der letzte Eintrag machte mir Angst. War Onkel Ambrose wahnsinnig geworden? Was meinte er damit: Ein Tor zu einer anderen Welt?

Mit zittrigen Fingern nahm ich den Abschiedsbrief, den mir sein Notar überreicht hatte.
Doch diesmal las ich ihn mit anderen Augen:

Ich werde morgen diese Welt zu einem unbekannten Ziel verlassen.
A.B.

Sabrina Hubmann

Sabrina Hubmann wurde am 23. Juni 1979 in Hallein geboren und lebt heute – zusammen mit ihrem Mann Christian – in Salzburg.
Mit dem Schreiben hat sie im Jahr 2004 begonnen und konnte seitdem auch schon zahlreiche Kurzgeschichten in Anthologien und Heftromanen veröffentlichen. Im Mai 2011 erschien ihr erster Roman.
Nebenbei arbeitet sie als Mitherausgeberin an der Cthulhu-Anthologie-Reihe Auf den Spuren H.P. Lovecrafts und ist Stammautorin beim Pegasus Verlag.
Sie schreibt in den verschiedensten Genres, aber am liebsten Horrorgeschichten und gerne auch Märchen und Phantastik.

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