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Die Stadt der tausend Treppen – Robert Jackson Bennett

… ist ein Fantasy-Roman der Seltsamkeiten.

Seltsamkeit ist hier zunächst einmal ein Gefühl, das sich vielleicht von Bennetts übrigen Werken herleiten lässt. In deutscher Übersetzung liegen davon zwei Romane vor – Mr. Shivers (Piper, 2011) und Silenus (2012), die ich als Amerikana Fantasy bezeichnen möchte, bzw. nicht ganz passend bei Horror einsortieren muss. Bisher nur im Original kommen The Company Man (Orbit, 2011) und American Elsewhere (2013) hinzu, und dieses Oeuvre trägt durchweg tief eingegrabene Züge der Weird Fiction, also des Seltsamen per Definition. Bennett verbindet in seinem Erstling, wie Michael Perkampus es in seinem Artikel über Mr. Shivers  formuliert, Stephen Kings Phantastik mit John Steinbecks Sichtweise auf Amerika. In seiner Fantasy-Reihe Die göttlichen Städte sind diese Elemente noch spürbar, aber zu etwas Eigenem gereift, einem Stil und einer Auswahl an Sujets, die Bennetts Besonderheit Gestalt werden lassen.

In der Welt der göttlichen Städte sollten Wunder nicht existieren, denn ihre Götter wurden längst von den Sterblichen niedergeworfen und getötet. Bulikov, die Stadt der Treppen selbst, war einmal eine heilige Stadt und ist heute ein nur noch von Menschen bewohntes Ruinenfeld, in dem Treppen in den leeren Himmel ragen, wo einst die Bauten der Götter thronten und nun nicht mehr sind. Die Bevölkerung ist von diesem Verlust traumatisiert und wird von ihnen verhassten Fremden beherrscht.

Eine Ermittlerin, Shara Thivani, kommt nach Bulikov – wir betreten mit ihr einen Krimi-Plot – in Begleitung ihres Leibwächters Sigrud je Harkvaldsson, eines Barbaren, der uns einen deutlichen Anklang an Epische Fantasy beiträgt. Es gibt Automobile und elektrisches Licht, Feuerwaffen auch – doch Metall ist in dieser Welt rar – und das über die Götter und den zentralen Kontinent siegreiche Imperium des Nordens erinnert in allen Beschreibungen seiner Politik und Expansion mehr an das britische Empire oder Österreich-Ungarn, als an den klassischen Archetypus der Fantasy. Unsere Ermittlerin geht dem Verschwinden eines Wissenschaftlers, ihres Mentors nach und stolpert bald in ein Gespinst aus Legenden und Lügen. An gewissen Orten der Stadt lässt sich, wie sie herausfindet, jenes andere, alte Bulikov betreten, in dem die Bauwerke der Götter noch immer stehen. Die Götter selbst, zumindest manche, scheinen der Vernichtung doch entgangen zu sein und die Menschen dieses kolonialisierten Kontinents könnten ihnen zu neuer Macht verhelfen.

Was sich hier auftut, ist ein Kampf der Moderne gegen das Wunderbare, das nicht totzukriegende Vergangene, an dem die Unterworfenen hängen, als hätten die Götter ihnen jemals Freiheit bedeutet und nicht mit grausamer Hand über sie, wie über alle Menschen, regiert. Der Roman begeht melancholische Pfade der Philosophie, irgendwie ist das Geschehen ein Danach, denn die wirklich epischen Zeiten sind längst vorbei, und doch fehlt es an keiner Stelle an Spannung. Im Finale kommt, gerade mit Leibwächter Sigrud, die Action nicht zu kurz, die wir von heroischer Literatur erwarten. Das Wunderbare selbst trägt oft morbide Züge, ist dann wieder die Magie eines klassischen Fantasy-Romans, doch wir sehen es immer durch die Augen und mit dem wissenschaftlichen Geist Shara Thivanis, sodass seine Bedrohlichkeit als Übernatürliches von der Begeisterung der Forscherin komplementiert wird, ohne an Phantastik zu verlieren.

Die Fortsetzung zeigt uns Voortyashtan, eine andere Stadt des alten Kontinents, in der ebenfalls Hinterlassenschaften der Götter existieren. Wieder entsteigt etwas der Vergangenheit, das die Moderne bedroht. Die Hauptfigur ist hier General Turyin Mulaghesh, eine hartgesottene Soldatin, die in Die Stadt der tausend Treppen bereits eingeführt wurde. Der dritte Teil der Trilogie, gerade im Original erschienen, führt zurück nach Bulikov und zu Sigrud je Harkvaldssons persönlicher Geschichte. Außerdem erweist sich einmal mehr: die Götter sind noch immer im Spiel.

Es fiele mir schwer, die Trilogie einwandfrei einem einzelnen Genre zuzuordnen, allerdings fehlt dadurch nichts, was ich von Genre-Literatur erwarte. Vielmehr kommt ein seltenes Element hinzu, eine befriedigende Andersartigkeit, die Werken von beispielsweise China Mieville oder Jeff VanderMeer zu eigen ist. Der Weltenbau erscheint mir ausbaufähig, der im Hintergrund stehende Mythos noch nicht ganz ergründet. Sollte Bennett jemals in die göttlichen Städte zurückkehren, kann ich mir das nur als Bereicherung vorstellen und als noch junger Schriftsteller der Phantastik ist Bennett ganz sicher einer, den man im Blick behalten sollte. Seine Werke wurden folgerichtig bereits mit zwei Shirley Jackson Awards und einer ganzen Reihe anderer Literatur-Preise ausgezeichnet.

Die Stadt der tausend Treppen – die göttlichen Städte 1 (Bastei, 2017) / Fortsetzungen sind bereits angekündigt / Originalveröffentlichung: City of Stairs (Broadway Books, 2014)
http://www.robertjacksonbennett.com
Tobias Reckermann
Über Tobias Reckermann (19 Artikel)
Tobias Reckermann, Jahrgang 1979, lebt und schreibt in Darmstadt und arbeitet als Maschinist bei Whitetrain (www.whitetrain.de). Er ist Redakteur und Herausgeber des IF Magazin für angewandte Fantastik. Als Schriftsteller widmet er sich neben anderen Zweigen der Fantastik im Besonderen der Weird Fiction und chinesischer Wuxia-Literatur. Seit 2014 erschienen sind seine Romane Das Schlafende Gleis, Langfaust und Die zwei Schneiden des Glücks, außerdem die Erzählbände Venom & Claw und Graund, sowie mehrere Beiträge in Magazinen und Anthologien.
Kontakt: Webseite

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3 Kommentare auf "Die Stadt der tausend Treppen – Robert Jackson Bennett"

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Erik R. Andara
Redakteur

Den ersten Teil habe ich echt gerne gemocht, freue mich schon auf den zweiten;

Doc Nachtstrom
Redakteur

Super Artikel, danke! wenn es auch nur ein bisschen mit dem ganz speziellen Weltenbau von Miéville zu tun hat, werd ich es mögen. Denn vor allem seine Romane um Bas-Lag sind mir wirklich das Allerkostbarste, was ich in der Richtung kenne. Und da gibts (ausser Vandermeer und Jeffrey Thomas) wirklich kaum bis nix vergleichbares.

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