Die Schwarzen hinter dem Vorhang

(Titelbild aus: Evil Dead, copyright: TriStar Pictures, 2013)

Sie saßen zu viert auf der Terrasse und sprachen über den Teufel, der in der Nacht zuvor mit seinen Fäusten auf Stuffi Steinbergers Kopf getrommelt hatte. „Eine ganze beschissene Nacht lang hing mir der Saftsack in der Visage.“ Er schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Bummbumm. Wie Hammerschläge. Bummbumm.“

Memo und Lona lachten darüber, weil es ihnen grundsätzlich leichter fiel, über die Sache zu lachen, als sich gemeinsam an sie zu erinnern. Wenn der Schlaf sich nicht einstellen wollte, wenn es zu dunkel war, um die Angst übersehen zu können, dachten sie daran. Lästige Fliegen. Sie verscheuchten sie, bevor sie ihnen zu nahe kommen konnten, nicht für immer, die Viecher waren so verflucht treu, so zäh, so durstig. Aber der Widerstand reichte, um überleben zu können.

Ruth lachte nicht. Sie sah Stuffi nur an und wartete auf einen Blick, der ihr vielleicht alles hätte erklären können. Aber er grinste nur. Sie griff nach ihrem Feuerzeug, ließ es aufschnappen, sah in die winzige Flamme, die zu schwach war, um noch länger zu kämpfen. „So gut wie tot.“ Dann sagte sie: „Was tun wir uns bloß an? Wo führt das alles hin?“

Memo verdrehte die Augen. „Shit, Mädchen, sei doch mal locker. Ich hab die fetten Käfer in deinem Bett platt gemacht, du bist in Sicherheit, Süße.“ Ruth zuckte zusammen, errötete, ärgerte sich, weil sie nicht mitlachen konnte. In ihrem Kopf heulte die alte Wölfin. „Meine Tochter. Das darf nicht wahr sein.“ Ruth schämte sich. Immer noch. „Mach dich nicht lustig über mich, Memo. Für mich war es das erste Mal.“

„Ja. Großes Theater, was? Das ganz große kommt aber noch. Kennst du die Leute, die es gar nicht gibt?“ Stuffi zog Ruth, die neben ihm saß, dicht an sich heran und streichelte ihr Ohrläppchen mit seinen Lippen. „Kennst du die, denen dein Wahnsinn gefällt, meine Schöne?“ Er fuhr ihr sanft mit dem Handrücken über die Wange. „Psst. Ich erzähl dir von ihnen.“

„Buh! Erschrocken?“
Ruth zuckte zusammen, leicht nur, aber Stuffi ließ sie augenblicklich los und steckte die Hand, mit der er sie berührt hatte, in die Tasche seiner viel zu weiten Jeans, versteckte einen Schuldigen, der keiner war, weil Memo geschrien hatte.
Ruth mochte Stuffi, diesen schlaksige Kerl mit seinen gelben Stirnfransen, stieß ihn trotzdem von sich, diesen großen hungrigen traurigen Jungen, der bedauernd den Kopf schüttelte und Memo für einen Moment nur böse ansah. Dann musste er doch grinsen. „Scheiße auch, lass das, du Sackgesicht.“

Memo pfiff leise durch die Zähne. „Jesus, ist die schreckhaft. Man glaubt es nicht.“ Er inhalierte tief, starrte kurz in seine Tasse und gähnte. „Kalter Tee. Ich kotz gleich. Ein Hundedasein ist das. “
Er drückte den Stummel seiner Filterlosen aus, beugte sich über die Tischplatte und fuhr mit seinen Fingern durch Stuffis Haar. „Ganz ruhig. Ist ja gut, mein Junge. Mach doch mal vor. Wie hat der Teufel dich denn verkloppt?“
Stuffi schüttelte seine Hand ab und warf ihm diesen gewissen Blick zu. „So wahnsinnig witzig finde ich das jetzt nicht. Du weißt, wie das ist.“

Er atmete tief durch, dachte und erlebte wieder und wieder, sah seine Freunde, er sah sich, er sah das. Alles. Also sprach er.

„Plötzlich ist der Kerl da, springt aus der Schublade, hüpft auf deinem Bett rum, trommelt auf dir, lacht dich aus und verarscht dich mit dieser widerlich hohen piepsigen Stimme, geht einfach nicht weg, und du schreist, verpiss dich endlich, du bist doch gar nicht da, aber der lacht nur und bleibt und klatscht dir seinen Schwanz ins Gesicht und brüllt, jetzt hab ich dich.“

Memo nickte, dann grinste er, beugte blitzartig seinen Kopf vor und küsste Stuffi auf den Mund. Der wich zurück und wischte sich mit der Hand über die Lippen, erschrocken zuerst, dann amüsiert. „Schwuler Saftsack, du.“ Sie lachten darüber wie Kinder, die vor Begeisterung in die Hände klatschen, wenn hungrige böse Weiber bei lebendigem Leib in Öfen verbrennen, ohne zuvor eins von ihnen gefressen zu haben.

Memo war es, der irgendwann an diesem Abend, der für ihn nicht anders begonnen hatte als die letzten fünf Abende im Alexander-Haus, wieder von den Schwarzen hinter dem Vorhang anfing. Stuffi und Lona nahmen es ihm nicht übel, die Zeit war richtig, der Himmel war klar genug, man konnte Sterne zählen. Sie wussten, dass es wichtig war, sich keine bunten Bilder vorzustellen.

Ruth verdrehte die Augen. „Oh Gott, hör bloß mit denen auf. Ernsthaft. Ich mag das nicht.“ Sie schüttelte sich, griff nach den zu einem unordentlichen Haufen übereinander gelegten Karten auf dem Tisch, begann, sie umständlich zu sortieren, legte sie wieder zurück, tippte mit dem Finger darauf. „Neues Spiel. Lona mischt.“

Ruth wurde als Erste geholt. Der Teufel war ihr nicht erschienen. Die Schwarzen hatten sie gebeten, hinter den Vorhang zu kommen.

Es war kein Abend der Hoffnung. Ruth schlief, gut fixiert und vollgepumpt mit Gift, und ihre Freunde starrten in die Nacht. Keine Sterne dieses Mal.

„Wird kein schöner Tag morgen.“

Memo rauchte und kicherte, als er seine Tasse an die Lippen führte, sie wieder absetzte, wegschob. „Schon wieder kalt, die Brühe. Liegt das an mir blödem Arschloch? Kann ich nicht mehr trinken? Nicht mal das.“
Stuffi sah ihn einfach nur an, winkte müde ab, verscheuchte einen Käfer auf seinem Handrücken und blickte auf seine Armbanduhr.
„Zehn Stunden schon. Sie wird sterben.“
„Nein.“
Lona schlug ihm mit der flachen Hand vor die Stirn. Das kam plötzlich.
Stuffi wich erschrocken zurück, dann grinste er. Jungenhaft. Es war wie ein Trip in alte Zeiten. Sex, etwas Literatur und Anstand, Drugs und die Stones.
.„Lona, du niedliche Hexe, du bist ja gefährlich.“

Er lachte. Sie lachte nicht. Sie starrte auf den Kerl, der allein auf einem Stuhl hinten auf der Terrasse hockte, dort, wo kein Licht war.
„Seht ihr den? Ich kenne den. Der ist tot.“

Memo sortierte sich. Er nickte. Erst flüchtig, dann hektisch. Jetzt war Angst. Hätte er aber nicht konkretisieren können. Er sah dorthin, wo keine Lampe brannte, dahinten in der letzten Ecke, in der jeder einsam sein musste. Er sah ein eingefallenes verpickeltes Gesicht, dumpfe wässrige Augen, einen krummen Rücken, einen Körper, dünn wie ein Strohhalm, der ganz einfach zerknickt hätte werden könnten.
Dieser wohl nicht.
„Ja. Ist mir irgendwie bekannt. Bolle von Sowieso. Der sah so aus, genauso gefickt hässlich sah der aus. Der ist letztes Jahr in der eigenen Kotze krepiert. Scheissgeschichte, war zuviel unerträglicher Müll, also in den Eimer damit. Pech gehabt, der Flachwichser, war zu schwach. Weiß ich, den haben sie gefunden. Lag aufgedunsen in seiner Wohnung, sah wohl aus wie ein violetter Luftballon.“
Er zündete sich eine Zigarette an, glotzte hoffnungsvoll in die Teetasse und wünschte sich etwas Besseres. Dann fiel sein Blick wieder auf den Schattenmann.
„Was macht der da? Den gibt’s gar nicht mehr, den Sauhund. Sind wir jetzt alle bescheuert? “

„Er geht.“
Lona sprang auf, sah ihm hinterher, er verschwand im Garten irgendwo, dort traf man sich manchmal heimlich, wenn die Lust da war und es keinen störte, dass dort gespielt wurde.

„Der sah aus wie dieser Bolle.“
„Aber der ist tot. Definitiv.“

Stuffi lehnte sich zurück, legte den Kopf in den Nacken, suchte Sterne, die nicht da waren, atmete tief durch.
„Jetzt zu Ruth. Zehn Stunden, Leute. Die kommt nicht zurück.“
Memo klopfte ihm auf die Schulter, grinste, immer grinste er. Er war nicht furchtlos, er hörte die Schwarzen klopfen, sagte es aber nicht.
„Ruth träumt. Erzähl mal von deinem letzten Traum. Schön gewesen?“
„Wenn du’s wissen willst, irgendein dreckiger Köter hat meinem Hund die Pfoten abgebissen, er lag da mit seinen Stümpfen und heulte, da waren echte Rotztränen in seinen Augen, und ich packte ihn ins Auto und fuhr mit ihm durchs Sauerland auf der Suche nach einer Klinik, da war keine. Ich fand die Aussicht aber riesig.“

„Gute Geschichte, Kumpel. Lona, setz einen drauf.“
Memo kniff sie in die Wange. Er wäre gern zärtlicher gewesen, aber es war nicht der Moment.
Sie zuckte zusammen, sie war irritiert, hatte den Hund noch im Kopf. Ärgerlich schob sie ihn weg, er lächelte, aber seine Augen waren dunkel.
„Reiz mich nicht. Schön. Meine Großmutter liegt im Bett und schreit nach mir. Sie lebt schon lange nicht mehr und hatte diese dicken Beine, sie konnte kaum noch laufen und war wirklich richtig fett und gierig aber später wurde sie dünner und freundlicher, sie hat mich zum Lachen gebracht, so Sachen erzählt wie, sie hätte neben Steffi Graf und Harald Schmidt gewohnt und denen alles beigebracht. Kein Witz jetzt.
Mein Traum von ihr ist, dass sie völlig verdreht im Bett liegt, die Beine über dem Kopf und die Arme merkwürdig verdreht, und sie will meine Hilfe, aber ich weiß nicht, was ich machen soll, ich kann ihr nicht die Glieder verdrehen wie ein Kind das mit einer Puppe anstellt. Ich könnte mehr erzählen, das ist nicht Thema. Memo? Dein Part jetzt.“

Er schwieg. Es war angenehm, den Mond zu begrüssen.
„Ich träume von den Schwarzen hinter dem Vorhang.“

In diesem Moment stand Bolle, tatsächlich Bolle, hinter ihnen. Sein Atem stank faulig, er sah gelb und krank aus. Es war Bolle, und sie hatten es gewusst.
„Sie werden Euch fressen. Wartet nur, die Schwarzen kommen.“

Noch immer hatte Memo einen klaren Kopf.
„Wir müssen zu Ruth.“

Sie weckten sie. Sie schlug die Augen auf und schrie.

Niemand wollte sie wirklich stören. Ruth, die vielleicht von goldenen Zöpfen und Himbeerbrause träumte. Ein hoffnungsloser Wunsch.
Es war ein Versuch, sie noch retten zu können. Aber ihr Blick war tot.
„Sie waren da.“
Memo berührte ihre Wangen mit seinen Fingerkuppen, sie zuckte zusammen, starrte ihn an, die schönen grünen Augen weit aufgerissen, sagte nichts, starrte nur.
„Ruth?“
Er strich ihr unbeholfen, aber liebevoll, weil er nicht der harte Kerl war, über das Haar, wischte eine Träne weg, die Richtung Nasenspitze rollte, und wäre selbst gern ganz klein und unschuldig gewesen und hätte nach Mami gebrüllt, wenn er nicht gewusst hätte, dass es nicht mehr gut war.
Nichts war mehr gut.

„Die Schwarzen haben sie.“

Lona weinte. Sie schlug die Hände vors Gesicht , warf ihre Haare in den Nacken, die herrlich lang und dunkel waren, ein künstlicher Kupferton war drin, Stuffi liebte das, verdammt, er half ihr nicht, sah nur die Farbe, sie sackte zusammen, er sah immer noch Kupfer, dann lag sie gekrümmt und wimmernd auf dem hässlichen Boden. Kalte Krankenhausfliesen.

„Ich kann nicht mehr. Wo ist dieser beschissene Arzt?“

„Willst Du noch mehr von dem Zeug?“

Memo zog sie hoch, schüttelte sie. Ihre Schminke in dem perfekt gemalten Gesicht, Madonna war sie, schön wie das Morgenlicht, das Memo nicht mehr sehen sollte, war verlaufen.

„Der hat uns das eingebrockt. Wir sind die Verlorenen. Die jagen uns.“
Er zündete sich eine Zigarette an. Stuffi glotzte ihn nur an wie ein Hund, der vernünftig pinkeln will. Wie es die ganz Normalen machen.
Dann fand er zur Sprache zurück und sagte Blödsinn. Er sagte:
„Du darfst hier nicht rauchen, du Penner.“

Memo starb in dieser Nacht.

Lona und Stuffi trafen Bolle wieder. Das war kurz danach, sie hatten Memo aufgeknüpft gefunden, niemand von ihnen glaubte an Selbstmord. Dieser hübsche kluge Irre hätte sich nicht freiwillig verabschiedet.

Bolle saß wieder auf der Terrasse, ganz hinten, dort, wo man allein sein durfte. Er glotzte in die Büsche und sah krank aus. Stuffi wollte erst nicht, er hatte Angst vor dem Kerl und dachte an Memo, der jetzt irgendwo war, wo es zu kalt ist, um wirklich zu frieren, dann klopfte er ihm doch auf die Schulter.
„Bolle? Dachte, du bist tot?“

Bolle grinste. Es war kein Zahnpastalächeln, sein Gebiss sah verschimmelt aus.
„So wie ihr. Die Schwarzen sind im Garten. Hol Lona.“

Stuffi nickte. „Mach ich, Bolle. Aber zuerst Doktor Stemmer. Das kleine Arschloch soll seine Welt sehen. Meinst du nicht? Hättest doch auch gern noch ein wenig Leben gerochen, oder?“

Er drehte sich um, Lona stand dort unter dem künstlichen Pinienbusch, kaute an den Fingernägeln, üble Angewohnheit, und er lächelte ihr zu.

„Sag dem Stemmer, er soll in den Garten kommen. Dringend.“

 

(erschienen in: Horror-Legionen, Amrun Verlag Jürgen Eglseer, Hrsg. Dr. Nachtstrom, 2013)

 

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

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