Wenn man sich die enorme Problematik zwischen deutschen Verlagen, Lesern und dem eBook anschaut, dann weiß man, warum man sich über viele unnötige kulturelle Rückständigkeiten aufregt. Über die vielen Jahre, in denen sporadisch Artikel erschienen, die in die gleiche Kerbe schlugen, hat sich quasi überhaupt nichts getan.

Fragt man Leser, warum sie sich gegen ein eBook entscheiden, dann hört man Argumente wie Haptik, Geruch etc. Das hört man auch von Autofahrern, die unbedingt Benzin schmecken wollen. Ein Buch riecht nach Industrie, Klebstoff und Druck, im Grunde nach allem, was für die Gesundheit nicht besonders erbaulich ist. Abgesehen davon, dass die angegebenen Gründe nie etwas mit dem Inhalt zu tun haben. Sicher, ich hätte auch noch gerne ein Telefon mit klobigem Hörer und Wählscheibe, aber die Funktionsmöglichkeit des analogen Telefonierens, wurde längst entsorgt und kaum jemand kräht deshalb in den Morgenhimmel. Interessanterweise besitzen fast alle eBook-Verweigerer ein Handy. Viele sagen: “Ich habe das ja nur, um…”

Natürlich. Wir alle haben Dinge, “nur, um…”

Spaßig, nicht?

Aber zurück zum Auto- und Benzinvergleich. Man wird leicht einsehen, dass die Zeit vergangener und noch aktueller Mobilität abgelaufen ist, und das nicht aus Gründen der Modernität, sondern aus umweltpolitischen. Beim Buch redet die ganze Fraktion der politisch Korrekten, die sich dort findet, kaum über den Wahnsinn der Abholzung. Tatsächlich werden für den täglichen Papier-Verbrauch in Deutschland zehntausende Bäume gebraucht. Zugegeben, das ist nicht alles für Bücher, aber sieht man sich die Buchschwemme Jahr für Jahr an, dann wird durchaus deutlich, das das nicht so weitergehen kann. Interessanter wäre hier einen CO2-Vergleich an der Hand zu haben, aber der ist natürlich vom eReader zum Buch nicht pauschal aufzurechnen, weil es immer auch darauf ankommt, wie viel man liest. Natürlich spreche ich hier nicht von jenen, die zwei Bücher im Jahr in der Hand halten, sondern von echten Lesern, und da rechnet sich diese Bilanz durchaus.

Der Bayerische Rundfunk sagt in seinem Artikel vom 09.04.2020:

Wer mehr als zehn Buchtitel pro Jahr auf seinem E-Book-Reader liest, spart nachhaltig Ressourcen wie Papier und sorgt so dafür, dass weniger Bäume gefällt werden. Das Ökoinstitut nimmt dabei an, dass der Reader mindestens drei Jahre in Betrieb ist. Dann ergeben sich wirklich positive Umweltauswirkungen: Es wird weniger Energie verbraucht und es entstehen weniger Treibhausgase.

Die Angst vieler Verlage, dass eBooks das Buch verschwinden lassen, spielt sicher auch eine Rolle bei der eklatant niedrigen Zahl an eBooks überhaupt (auch wenn hier und da das Gegenteil behauptet wird). Dabei wäre es für jeden Verlag ein leichtes, den ganzen Backkatalog auf eBooks anzubieten und würde das Problem vergriffener Bücher ein für allemal lösen (natürlich insofern die Lizenzrechte weiterhin bestehen oder sogar für das eBook neu verhandelt wurden). Ein dahingehender Wille ist nicht zu erkennen, also kauft man sich als Leser, der nicht jedem unsinnigen Modetrend hinterher rennt, abgegriffene Taschenbücher für ein paar Cent, weil einem nichts anderes übrig bleibt (und in manchen Fällen treten Spekulanten auf den Plan, die mit seltenen Titeln nichts anderes als Abzocke im Kopf haben). Dass es Bücher immer geben wird, nämlich vor allem dann, wenn es sich um Sammlerausgaben oder spezielle Editionen handelt, wird nur zögerlich und von wenigen Verlagen wahrgenommen. Sie werden mit einem digitalen Backkatalog natürlich nicht die große Einnahmequelle lostreten, aber ich würde jede Wette eingehen, dass es sich im Laufe der Zeit rechnen würde.

Über den Preis von eBooks müssen wir nicht reden, dieses Problem wird schon seit Jahr und Tag diskutiert. Und es bewegt sich genau – nichts. Oft wird das billig auf den Mehrwertsteuersatz von 19% geschoben (im Vergleich bei Büchern von 7%). Obwohl das ein reales Problem ist, hört es sich doch zu sehr nach einer plumpen Ausrede an. Man will das Problem nicht lösen, so sieht es zumindest aus. Die Frage ist nur: Warum nicht?

Der nächste Punkt ist die Buchpreisbindung, an die sich Deutschland hält wie an einen Schwimmreifen. Damit sind die überteuerten eBooks zwar ebenfalls nicht zu erklären, aber wenn diese fragwürdige und für viele längst überholte Regelung weg fiele, gäbe es auch hier endlich einen vernünftigen Wettbewerb. Natürlich werden Buchhändler dann wieder jammern, aber das ist eine aussterbende Berufssparte wie Wagner oder Kämmerer. Da Buchhändler schon seit langem austauschbare Verkäufer sind – und in den meisten Fällen nichts anderes – ist das Aussterben dieser Branche nichts, was mich persönlich tangiert. Bei aller Nostalgie, die wir in anderen Bereichen schon längst als obsolet erklärt haben, weine ich ihr keine Träne nach, dann andernfalls müsste ich Bäche aus mir fließen lassen. Über das hausgemachte Versagen der Buchhändler könnte man einen eigenen Artikel schreiben.

Laut statistika betrug im Jahr 2020 der Umsatz im Segment eBook in den USA etwa 5.755 Mio. € bei ungefähr 84,1 Millionen Nutzern, Tendenz stark steigend. Dadurch zeigt sich, dass hier der meiste Umsatz weltweit erwartet wird. Wo liegen die Unterschiede?

In Deutschland ließ die Prognose im Jahr 2020 2,7 Millionen verkaufte eBooks erwarten und wurde leicht verfehlt. Obwohl auch hier über die Jahre ein leichter Anstieg zu vermerken ist, der auch weiterhin anhalten wird, ist das nicht unbedingt ein Wachstumsmarkt, eben weil die Verlage selbst dieses Wachstum ausbremsen. Anzumerken sei noch, dass das alles auf mittlere und große Verlage zutrifft, während fast ausnahmslos alle kleineren (vor allem Nischenverlage) längst ein faires Miteinander mit ihren Kunden praktizieren.