Die Räucherkammer

Ein illegaler Mensch saß auf einem staubigen Dachboden auf der Kante eines Feldbetts aus dem Ersten Weltkrieg in einem breiten Strahl senfgelben Lichts, wie ein Insekt in Bernstein, in seiner eigenen Zeit.

Diese Zeit stand nicht still, bewegte sich aber sehr langsam.

Langsam verkrampfen sich seine Hände um das Paperback. Ein Vampirroman für Frauen, den er schon mehrmals gelesen hatte. Die Kontinuität der Geschichte tat ihm gut und ihre Wiederholung verlieh ihm Sicherheit. Es war auch das einzige Buch das er hatte und außerdem war Sex darin und er war schon lange allein. Nicht dass er in diesem Moment, der sich immer noch hinzog, an Sex gedacht hätte. Seine Aufmerksamkeit richtete sich auf etwas Anderes.

Was aber heißt es, er sei ein Mensch? Er hatte zwei Arme, zwei Beine, einen Kopf und er hatte wohl ein Herz. Entscheidend ist aber, dass er sich als Mensch empfand. Auch wenn schwer zu sagen ist, wie man sich als Mensch empfindet, er jedenfalls hielt sich für einen – für einen, der sich in diese Welt eingeblendet hatte, um sich unter seinesgleichen zu verbergen. Und wenn ihn sein Fluchtinstinkt hierher geführt hat, ist es wohl sinnvoll anzunehmen, dass er ursprünglich von diesem Ort gekommen war. Dieser Ort trägt einen Namen und viele Menschen leben hier. Der Mensch in Bernstein aber hatte es nicht gewagt, sich vollständig einzublenden, diese Zeit wusste nichts von ihm.

Er sitzt also in seiner eigenen Zeit und richtet seinen Blick auf eine Flamme, die hinter einer metallenen Luke, durch einen schmalen, rechteckigen Schlitz zu sehen ist. Die Flamme durchbricht die ansonsten fast vollkommene Leblosigkeit des Raums, in der der Mensch sich selbst leblos fühlt.

Der Schrank, außer dem Bett das einzige Möbelstück, und um ihn Wand und Dach waren rußschwarz. Das Gebälk spreizte sich über dem Menschen wie die Beine eines seltsamen Riesen, eine Luke im Dielenboden wies in das darunterliegende Geschoss. Ansonsten gab es hier nichts, nichts das sich bewegte, außer dem Staub der in der Luft war, selbst Gedanken flossen hier träge. Geräusche drangen nur gedämpft in das menschliche Gehör. Geflüster aus dem Feuerschrank. Darin lassen sich Stimmen unterscheiden. Einzelne schälen sich aus dem Gewirr und dringen an die Oberfläche, Bruchstücke von Erzählungen treiben wie Gerüchte vorbei:

Ich starb bei der Geburt meines Sohnes. Und ich sehe die Zeit, wie ein Haus mit vielen Räumen. Ich weiß wie es anfing und ich weiß wohin es führt. Ich war schwanger und glücklich, ich war nicht allein, denn der Vater des Kindes war bei mir. Der Test war einige Wochen alt, als seltsame Dinge geschahen. Türen schlugen im Wind, Geräusche wie von unter der Erde hielten uns wach in den Nächten, Dinge verschwanden und dann fühlte ich, wie er sich in meinen Leib stahl. Ich hörte, was der Dämon meinem ungeborenen Kind zuflüsterte, wie er ihm in den nächsten Monaten seine gesamte höllische Erziehung zukommen ließ. – An dem Tag an dem die Menschen beschlossen, ihre Kinder zu töten, um die Zukunft zu verkürzen, veranstalteten sie für die kleinen ein großes Fest, mit einem Jahrmarkt, eine riesige Kindergeburtstagsfeier. Sie spielten die alten Spiele mit den Kleinen: Ich sehe was was du nicht siehst, wer hat Angst vorm Schwarzen Mann, Kopfschlagen und Kehlschneiden. – Die Welt schien wie immer zu sein. Kinder verschwanden, aber nicht mehr als üblich. Aber dann fing es an, dass sie wiederkehrten. Einzelne erst und dann mehr. Sie alle kamen als Wolfskinder zurück. Die staatlichen Organe nahmen die Ersten von ihnen auf, zogen ihnen Kleidung an, versuchten ihnen die Sprache beizubringen und die Regeln der Gemeinschaft. Aber diese Arbeit war mühsam. Es kamen immer neue Kinder aus den Wäldern. Es wusste keiner, ob sie wirklich von den Wölfen am Leben erhalten worden waren, aber wild waren sie und stumm, und es wurden immer mehr, bis Kinderheime und Psychiatrien voll von ihnen waren und schließlich mussten die Staaten sich geschlagen geben. Alle Sozialisierungsversuche schlugen am Ende fehl, was ihnen an Benehmen und an Sprache beigebracht wurde, vergaßen sie wieder und mit der Zeit wurden sie zur Mehrheit, als die Jahre ins Land gingen und die Älteren starben. Die Menschheit war verwildert und verstummt. Sie lebten nach dem Recht des Stärkeren und fanden sich in Rudeln zusammen und so wurde es friedlich auf dem Planeten. Die Menschen hatten schließlich doch zu einer höheren Sozialität gefunden. – Männer reiten in einem Graben und geraten in ein fremdes Land. – Nur knapp über der Angst, in die deine Fußsohlen immer wieder kurz eintauchen und elektrisch kalte Schocks aufwärts senden, bis zum Hirnstamm. Nur knapp über der Angst. – Stell dir vor, du hörst andauernd, ständig, immerzu ein Schmatzen, hinter dir, wie von jemandem, der seine Dreckfresse nicht unter Kontrolle hat, oder dem vielleicht das Wasser im Maul zusammenläuft, weil er, oder es dich fressen will. Egal wo und wann du dich umdrehst, ist keiner da, nichts zu sehen. – Wenn wir einfach lange genug wachbleiben, nach Mitternacht und vor dem Morgengrauen, wer weiß, vielleicht geraten wir dann an einen anderen Ort, in eine andere Zeit, in ein Zwischenreich, oder ein Land neben der Welt. – Der König war unter seiner Krone wie erstarrt. Sie war aus kaltem Stahl und an den Zacken so scharf wie sein Verstand. Er tanzte nicht mit den Gästen, erhob nicht seine Stimme und senkte nie den Kopf, aus Angst sie könnte ihm vom Haupt fallen und das Geräusch würde das Tier aufwecken, dass zu seinen Füßen an den Thron gekettet war. Er wusste, die Bestie würde sich losreißen und alle im Saal auffressen, ihn selbst wie jeden Gast und Diener. – Ganz zu Anfang war das Nichts. Ein Nichtgeheuer, aber winzig. Es störte nicht, es war nicht im Weg, viel gar nicht wirklich auf. Aber dann… Ich wusste nicht, das Nichts wachsen kann. Das aus einem verschwindend kleinen Nichts ein Großes werden kann. Es wuchs, langsam, fast unmerklich, aber es wurde größer. Es hatte ganz tief im Bauch begonnen sich auszubreiten, bemächtigte sich der Organe. Wie ein vielarmiges Wesen streckte es die Glieder und krallte sich fest. Von da an war es Schmerz und Schwäche. – Die Eingeweide der Eingeweihten waren überall verstreut und hingen sogar vom Kronleuchter herab, verstopften die Türritzen, machten die Wendeltreppe glitschig und bewegten sich wie mit Scheiße gefüllte Würmer. – Woran erkennst du, dass sie maskiert sind? Sieh doch, wie sie sich bewegen. Sie haben sich noch nicht daran gewöhnt, wie Hühner denen man einen Kochtopf aufsetzt. – Sie schreien oft, wenn nicht sogar die meiste Zeit. Ich halte mir oft die Ohren zu und schreie dabei auch. Meine Spielgefährten. Mann hat mir beigebracht Opfer zu sagen, aber Opfer finde ich dumm. Das hört sich passiv an. Und sie sind nicht passiv. Natürlich schlagen sie um sich, treten, beißen und kratzen, und sie schreien, aber das habe ich ja schon gesagt. Aber auch schon lange bevor es dazu kommt sind sie nicht untätig. Sie schwingen die Hüften, lächeln anzüglich, sagen aufregende Sachen, bis ich so zum Platzen gespannt bin, das einfach etwas passieren muss. Mir ist noch nichts eingefallen, was weniger blutig wäre. Erst wenn sie zu schreien aufhören, ist das Spiel vorbei. – Das kleine Mädchen war kein kleines Mädchen mehr, hatte es doch Liebeskummer, zum ersten Mal in seinem Leben. So heftig war der Kummer, dass das kleine Mädchen nicht mehr leben wollte, obgleich es vom Leben noch nicht genügend wusste. Mama sah den Schnitt am Arm des Mädchens, den tiefen Ritz aus dem das jungfräuliche Blut tropfte. Nicht, dass eine Gefahr bestanden hätte, nein, es war ja nur ein Schmerzensschrei und etwas Zeit hätte diese Wunde, wie die in ihrem Herzen geschlossen. Doch Mama war außer sich, ihr standen die Haare zu Berge, ihr Gesicht war gerötet, ihre Augen blickten starr und sie nahm das kleine Mädchen bei der Hand, so dass es wehtat. An der anderen Hand der Mutter hing der kleine Bruder des Mädchens, der die ganze Zeit über heulte, mit hochrotem Kopf. Der Rotz lief ihm aus der Nase, der Kleine wusste nicht wohin es ging. Das kleine Mädchen auch nicht. Obwohl es glaubte, Mama würde es zu dem Psychologen bringen, bei dem es schon öfters gesessen hatte, war etwas anders als sonst und als Mama sagte, „wir machen einen Ausflug“, war das kleine Mädchen sehr verwirrt und hatte seinen Kummer schon fast vergessen. „Wohin gehen wir, Mama?“ „In den achtzehnten Stock. Wir machen einen Ausflug in den achtzehnten Stock.“ Das Mädchen verstand nicht, auch nicht, als sie die Treppen des Wohnblocks nach oben stiegen. Mutter zerrte ihre Kinder hinter sich her wie zu schwere Säcke voller Müll. Als sie auf dem Dach ins Freie traten, wehte ein wind sehr heftig und ließ ihre Haare wirbeln. Mutter ging mit den Kindern im Schlepp bis an den Rand und sagte: „Einen Ausflug in den achtzehnten Stock, damit du dich endlich umbringen kannst“, und gab ihr einen Stoß. Das kleine Mädchen drehte sich in der Luft und schaute nach oben, wo Mama und ihr kleiner Bruder standen, der Junge weiß im Gesicht mit großen Augen und offenem Mund, die Mutter mit versteinertem Blick, dann setzte der Fall ein und die Welt und das Leben stürzten mit dem kleinen Mädchen in die Finsternis.

Der Mensch starrt angestrengt und argwöhnisch auf die Flamme. Er fragte sich, wie es kam, dass er die Stimmen hörte und da gingen sie jede für sich wieder unter in dem Chaos aus dem sie sich entwirrt hatten, strömten nur weiter unter dem Bewusstsein dahin. Mister Greenglow wäre mit einer schnellen und komplizierten Antwort bei der Hand, über die seltsame Beschaffenheit von Zeit und Raum und Wirklichkeit. Dieser Reisende zwischen Orten, die so weit über den Raum verteilt waren, und so weit verstreut in der Zeit. Der Mensch spürte die Anwesenheit anderer Orte, genau neben diesem, darunter und darüber, er vermutete einen anderen Ort hinter der Luke mit der Flamme, vermutete, dass sie ihm gefolgt waren, dass sie ihn aus seinem Versteck zerren würden, wie einen alten Feind, den man im Dunkeln gefasst hatte. Er fürchtete auch, die Luke könnte ihn verschlingen und in das Chaos reißen, in dem die Anderen umherirrten.

Was würde der Gesunde Menschenverstand zu seiner Paranoia sagen? Sie hatten ihn nicht aufgespürt, denn alles blieb wie es war. Ihre Schlingen reichten in jeden Winkel des Alls, aber dieser Ort lag dazwischen! Schließlich stand er von dem Bett auf, durchmaß den Raum und öffnete den Schrank, doch es war nichts weiter darin als geräuchertes Fleisch und zerteiltes Getier.

“Die Räucherkammer”, (c) Tobias Reckermann, entnommen aus: “Venom & Claw – fantastische Erzählungen” (Whitetrain 2015)

 

 

[amazon_link asins=’1503237729′ template=’ProductCarousel’ store=’not-specified’ marketplace=’DE’ link_id=’144689d9-b406-11e7-b30a-9b4ef1efded2′]

Tobias Reckermann

Tobias Reckermann

Tobias Reckermann, Jahrgang 1979, lebt und schreibt in Darmstadt und arbeitet als Maschinist bei Whitetrain (www.whitetrain.de). Er ist Redakteur und Herausgeber des IF Magazin für angewandte Fantastik. Als Schriftsteller widmet er sich neben anderen Zweigen der Fantastik im Besonderen der Weird Fiction und chinesischer Wuxia-Literatur. Seit 2014 erschienen sind seine Romane Das Schlafende Gleis, Langfaust und Die zwei Schneiden des Glücks, außerdem die Erzählbände Venom & Claw und Graund, sowie mehrere Beiträge in Magazinen und Anthologien.

Hinterlasse einen Kommentar

2 Kommentare auf "Die Räucherkammer"

Kommentar verfassen

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung
Erik R. Andara
Autor

Dieser Tage werde ich mir ein paar deiner funkelnden Geschichts-Feuerwerks-Raketen borgen müssen um damit ebenso gediegen auf die Leute zu schießen, sprach die Elster die sich schreibender Kollege schimpfte und keckerte dabei hinterlistig…

wpDiscuz