News Ticker

Die Petition

image_pdfimage_print

An einem relativ gewöhnlichen Tag zu einer ziemlich gewöhnlichen Stunde in einem absolut gewöhnlichen Jahr an einem verdammt heißen Ort …

»Sag mal, willst du mich verarschen?«
»Wieso?«
»Wiedergeburt?! Ernsthaft?!« Der Tod tippte sich mit einem knochigen Finger gegen die Stirn. »Du spinnst wohl! Mir reichen schon die ganzen Hindus, die ich mehrfach abtransportieren muss!«
»Dann eben nicht.« Ein roter Kugelschreiber, aus dessen Mine unablässig Flammen züngelten, zog eine dicke Linie über das Wort Reinkarnation. »Ich dachte wirklich, du wärst Recycling gegenüber etwas aufgeschlossener.«
»Oh bitte! Erspar mir deine verkorkste Theorie von Umweltbewusstsein. Du willst den kleinen Wichten da unten bloß die Chance geben, verpasste Sünden im nächsten Leben nachzuholen. Und ich darf den Mist am Ende ausbaden.«
Von weit entfernt gellten Schreie durch den riesigen Thronsaal. Es klang wie eine Mischung aus schrägem Gesang und dem Kreischen sich paarender Frettchen. Dazwischen klirrte Metall. Wer genau lauschte, konnte zudem das Brechen diverser Gliedmaßen, Gnadenrufe und verbale Bosheiten in mindestens dreißig verschiedenen Sprachen vernehmen.
Keiner der beiden schenkte dem Lärm Beachtung. Unbeeindruckt schlürften sie ihren Tee und starrten einander herausfordernd in die Augen. Luzifers Iriskreise leuchteten dabei eine Spur gelber als üblich – und gelegentlich zuckten seine Hörner.
»Also nichts mit Wiedergeburt«, sagte er gereizt. »Sonst noch was?«
»Streich die Schlampen.«
»Kommt gar nicht in Frage!« Erbost fuhr der Teufel von seinem Herrschersitz auf und ließ den Schwanz auf die Platte des Marmortischs peitschen. »Wenn der Islam mit seinen Jungfrauen Werbung für das Märtyrertum machen darf, kriegen meine »Helden«
auch ihre zwölf Schlampen, sobald sie bei mir eintrudeln.«
»Das hört sich aber so vulgär an …« Gevatter Tod kratzte sich am Kieferknochen und legte den Kopf schief. »Übernimm doch einfach die Jungfrauen.«
»Geht nicht.«
»Warum?«
»Weiß nicht … vielleicht, weil ich die Hölle regiere und Frauen, die ihre Beine geschlossen halten, hier ziemliche Mangelware sind?« Langsam setzte sich Luzifer zurück auf seinen Thron.
»Ist ein Argument. Streich sie trotzdem.«
»Du machst mich echt fertig.«
Ein zweiter roter Strich verunstaltete das Pergament. Bei näherer Betrachtung schien die gegerbte Haut beinahe zu bluten. Möglicherweise tat sie das sogar, denn die schmucklose Seite hatte bis vor wenigen Stunden noch fröhlich seine Frau betrogen und versucht, den Besuch im Puff von der Steuer abzusetzen.

»Zufrieden?«
»Fast.«
»Lass mich raten …«, ohne sichtbare Regung warf der Teufel einen Kontrollblick in die halbleeren Teetassen und schnippte mit den Fingern. »Du findest die Prominenten albern, oder?« Er seufzte. »Ist eventuell ein bisschen dick aufgetragen. Allerdings wirkt ein bekanntes Gesicht, was die PR angeht, manchmal Wunder. Denk an diesen Typen aus Mission Impossible und Scientology.«
»Guter Streifen.«
»Stimmt.«
Versonnen sahen die beiden zu, wie ein nackter Diener in gebückter Haltung zu ihnen schlich und die Getränke frisch aufgoss. Sein schmales, schwarzes Bärtchen zierten einige glimmende Funken. Der Mund war zugenäht und sein linker Arm ragte flach ausgestreckt in steilem Winkel nach oben. Es kostete ihn offenbar Mühe das Tablett einigermaßen aufrecht zu balancieren; zumal an jedem Bein ein ausgehungerter Schäferhund hing und ihm das Fleisch von den Waden nagte. Er schaffte es trotzdem unfallfrei und entfernte sich rasch wieder aus dem Thronsaal.
»Nein, gegen deine Promis habe ich nichts.« Der Tod strich sich den Umhang glatt und nippte an seinem Earl Grey. »Leitfiguren jedweder Art sind legitim. Propheten, Heilige, Schauspieler, Sänger – jede Zeit hat ihre Ikonen.« Grinsend legte er ein Stück Zucker nach. »Mich stört etwas anderes.«
»Die Feiertage?«
»Nein. Vier halte ich sogar für ziemlich bescheiden.« Er kicherte. »Allersünder, Unheilig Abend … wie kommst du nur immer auf solche Namen?«
»Die fehlende Absolution?«
»Nein.«
»Die dreizehn Gebote?«
»Nein.« Ein trockenes Lachen brachte die blanken Rippenbögen zum Vibrieren. »Die sind ehrlich gesagt ganz witzig. Vor allem Nummer fünf: Du sollst keine gute Tat vollbringen, die dir nicht selbst einen Vorteil verschafft; falls du es nicht gänzlich vermeiden kannst, eine gute Tat zu vollbringen. Echt clever formuliert.«
»Danke.« Spürbar geschmeichelt fuhr sich Luzifer durchs flammende Haar. »Was meinst du dann? Das Privileg auf Pakte? Die müssen unbedingt sein. Das würde mich sonst locker zwanzig Prozent an verwertbaren Seelen kosten. Die Schlechten finden mich von alleine, aber die Eitlen kriegt man nicht ohne Tricks.«
»Ja, ja. Reg dich nicht künstlich auf. Den Scheiß praktizierst du schon seit Jahren. Das fällt unter Gewohnheitsrecht. Außerdem erspart mir das einiges an Arbeit.« Er hielt kurz inne und hob den blanken Zeigefinger. »Vorausgesetzt, du sprichst die Sachen vorher mit mir ab.«
»Versteht sich von selbst.«
»Ach tatsächlich? Darf ich dich an unsere Auseinandersetzung um Attila den Hunnenkönig erinnern? Da hat die Kommunikation eher lausig geklappt.«
»Ich dachte das hätten wir geklärt.« Flüchtig legte sich ein beleidigter Ausdruck auf die dämonischen Gesichtszüge. »Schnee der Antike – deine Worte!«
»Okay. Entschuldige.«
»Akzeptiert.«
Irgendwo in den Tiefen der Hölle schrie ein Mann nach einer Frau und eine Frau nach einer Peitsche. Fünf Sekunden später schrien alle nach ihrer Mami.

»Nun, dann raus mit der Sprache, mein Freund«, sagte Luzifer und berührte das klapprige Knie des Todes. »Was muss ich noch ändern, damit ich deine Unterschrift kriege?«
»Charon«, lautete die knappe Antwort.
»Vergiss es!«
»Wo liegt dein Problem?«
»Ich kann den Kerl nicht ausstehen.«
»Macht doch nix, er dich auch nicht.« Gevatter Tod schnalzte mit der Zunge. »Du sollst ihn ja nicht heiraten, sondern bloß einstellen.«
»Gott hat ihn vermutlich nicht umsonst gefeuert.«
»Na, er ist auf seine alten Tage ein bisschen bestechlich geworden.« Er zupfte seinen schwarzen Umgang zurecht. »Sollte dir eigentlich entgegenkommen.«
Der Teufel schien gründlich zu überlegen.
»Gib dir einen Ruck.«
»Also schön. Einverstanden. Er kann Montag bei mir anfangen.«
Der Tod lächelte zufrieden und klopfte mit der Sense dreimal auf den Boden. Verstörenderweise knurrte daraufhin jemand »Er ist erst in einer Stunde gar«. Tja, an diesem Ort durfte man sich dabei wohl nichts denken.
»Sonst noch irgendein Punkt, der dir missfällt?«
»Nein.«
»Dann unterzeichnest du meine Petition?« Erwartungsvoll streckte ihm der Teufel den Flammenstift hin.
»Klar, warum nicht?«
»Wunderbar.«
Nickend überflog der Tod erneut die wenigen Zeilen, die nach ihrem kleinen Lektorat übriggeblieben waren, und las ein weiteres Mal die eigentliche Petition: Ich (Unterzeichner) unterstütze das Vorhaben von Luzifer Satan Beelzebub Morgenstern, eine offiziell anerkannte Gegenreligion zu gründen. Kurz zögerte er; schließlich unterschrieb er in der fünften Reihe direkt unter Judas Iscariot.
»Du wirst es nicht bereuen.«
»Hoffen wir´s«, meinte der Gevatter und gab das Schriftstück an den Herrn der Hölle zurück. »Sag gelegentlich Bescheid, wie es gelaufen ist.« Damit erhob er sich langsam und sortierte seine morschen Knochen.
»Äh … warte.«
»Stimmt was nicht?«
»Da steht John Doe«, erwiderte Luzifer offenbar wenig erfreut.
»Ja sicher. Dachtest du, ich gebe meinen richtigen Namen an?« Der Tod schüttelte den klappernden Schädel und lachte. »Ich arbeite immerhin für den Boss. Meinst du, ich will, dass es mir geht wie Charon?«
»Aber …«
»So, jetzt muss ich aber los. Flugzeugabsturz in Thailand.« Ohne weiter auf das Thema einzugehen, schritt er zum Ausgang und winkte zum Abschied. »Bis demnächst und danke für den Tee.«
Der Teufel blieb mit offenem Mund zurück.
Und da nannten sie ihn einen Opportunisten …

Daniela Herbst
Über Daniela Herbst (1 Artikel)
Die Autorin und Texterin ist sommerlicher Jahrgang 1979; geboren, aufgewachsen und bis heute verwurzelt in der schönen Fuggerstadt Augsburg. Nach dem Studium der Geschichte, Volkskunde und Psychologie verzichtete sie wegen einer imaginären Staubphobie auf eine Museumslaufbahn und widmete sich stattdessen der Wortschmiedekunst. Sie verschlingt mit Begeisterung Bücher, lebt ansonsten vegetarisch und sucht stets das Ungewöhnliche hinter den Buchstaben. Mehrere ihrer Kurzgeschichten wurden bereits in Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht. Die Erzählung »Eine Frage des Prinzips« gewann die Silbermedaille bei der Storyolympiade 2009/2010.
Kontakt: Webseite

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

Benachrichtige mich zu:
avatar
wpDiscuz