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Die Lügen des Locke Lamora (Scott Lynch)

lockeLocke ist ein Waisenkind, der sich schon in der Obhut des Lehrherrn der Diebe einen Namen macht. Muss man bei vielen Kindern zunächst die moralischen Skrupel austreiben, scheint Locke von Grund auf keine zu haben. Er stielt was nicht niet- und nagelfest ist und bringt sich dabei am laufenden Band in Schwierigkeiten. Je älter er wird, umso größer werden die Coups. Aber auch das Risiko… Als der graue König auftaucht und die Herrschaft der kriminellen Unterwelt an sich reißen will, gerät auch bei Lockes Diebesbande alles durcheinander.

“Die Lügen des Locke Lamora” war für mich ein Buch des zweiten Anlaufs. Bei meinem ersten Start mit dem Buch hatte ich wohl 1) einfach schlechte Laune und 2) Schwierigkeiten mit den Zeitsprüngen. Bei meinem zweiten Versuch mit “Locke” war ich von Beginn an vollkommen gefesselt und schwer begeistert. Für mich eines der besten High Fantasy Bücher seit Jahren!
Es kommt nicht ganz an “Der Name des Windes” heran, reiht sich aber dich dahinter ein.

Erzählt wird hier Lockes Geschichte, die zu Beginn mit Zeitsprüngen etwas verwirrend ist. Es wird gewechselt zwischen seiner Zeit beim Lehrherrn der Diebe, dann beim Priesterorden und schließlich als eigenständiger Kopf einer Diebesbande. Später sind die Sprünge behutsamer und weniger verwirrend eingebunden. Deshalb heißt es zu Beginn kurz die Zähne zusammenbeißen und dann einfach nur genießen. Das ist aber wirklich absolut alles, was ich an Kritik üben kann!

Lockes Erlebnisse sind wunderbar intelligent geschildert. Er macht eine Entwicklung vom Gossenjungen zum brillanten Kopf einer Bande durch und muss dabei so allerhand über sich ergehen lassen. Gleichzeitig erfährt man vieles über das Herzogtum Camorr, in dem er sein Unwesen treibt. Vom Setting her ist es eine wundervolle Mischung aus Hafenstadt, wie Venedig mit Kanälen und einem florierenden Schifffahrtshandel. Der Untergrund besteht aus zahlreichen Diebesbanden, die von einem Capa zentral beherrscht werden. Darüber die Mittelschicht, die frei ausgeraubt werden darf. Bis oben hin zum Adel, der durch den Geheimen Frieden geschützt wird.

Doch Locke und seine Diebesbande kennen keine Grenzen. Mit viel Vorbereitungszeit und planvollem Vorgehen rauben sie selbst Adelige bis aufs letzte Hemd aus. Hier ist alles bis ins Detail durchkalkuliert, von der Verkleidung, über den Akzent und der Herkunftsgeschichte. Sie gehen dabei so dreist vor, dass es schon kaum zu fassen ist. In der Hinsicht steht Locke den Coups von Ocean’s Eleven in nichts nach!

Scott Lynch weiß einfach, wie er seine Geschichte an den Mann/die Frau bekommt. Er schafft es die Erzählstränge permanent spannend und unterhaltsam aufzubereiten, ohne in Langatmigkeit zu verfallen. Immer wenn du denkst, es kann nicht schlimmer oder verzwickter für Locke werden – oh doch! Es ist das reinste Vergnügen ihm dabei zuzuschauen, wie er sich mit Geschick, Ränken und Lügen wieder und wieder aus der Affäre ziehen muss. Und gleichzeitig hat er Widersacher im Rücken, von denen er mal mehr und mal weniger weiß. Als Leser kann man das nur gebannt verfolgen und darauf hoffen, dass unser Held das Ganze irgendwie mit heiler Haut überstehen wird. Denn zimperlich geht es bei Weitem nicht zu!

“Die Lügen des Locke Lamora” ist eine absolut fantastische High Fantasy Geschichte. Hier wird einem alles auf dem Silbertablett serviert, was es für ein gelungenes Buch braucht. Authentische Charaktere, ein lebendiges und eindrucksvoll stimmiges Setting und eine Handlung, die es in sich hat. Selten habe ich bei einem Gauner so mitgefiebert und seine gesamte Truppe so ins Herz geschlossen. Von der ersten bis zur letzten Seite darf sich der Leser auf viele fantastische Coups, verräterische Hinterhalte und großen Zusammenhalt freuen! Das wirklich einzig zu kritisierende sind die etwas verwirrenden Zeitsprünge zu Beginn, sonst einfach nur wundervoll und in jeder Hinsicht gelungen.

Tina Dötsch

Ich bin 24 Jahre alt, habe mein Jurastudium mittlerweile abgeschlossen und bin derzeit Referendarin. Von Klein auf hat sich das Lesen für mich als eine meiner Lieblingsbeschäftigungen herausgestellt. Auch heute noch liebe ich es mich in Wälzern zu vertiefen, vor allem aber in fantastische Geschichten als Abwechslung zu den trockenen Fachbüchern.
Fantastische Geschichten können für mich alles Mögliche sein, ein Jugendbuch mit Fantasy Aspekten, ein klassischer High-Fantasy Roman, eine lange Reihe… Solange es sich vom Alltäglichen abhebt!

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