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Die Katzen der Filmmädchen

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Schramm erzählte mir von diesem ganz speziellen Frauentyp, der ihm zunächst nur in Filmen aufgefallen war. Grazil, rehäugig, verträumt. Junge Frauen, die offensichtlich gern in den Wohnungen ihrer Großmütter verkrochen, nur um sich dort in große Sessel kuscheln zu können, mit angezogenen Beinen und einem zu Herzen gehenden Wälzer in Griffnähe. Sie tranken dampfenden Tee aus schweren Bechern, liebten coolen Jazz und Spaziergänge bei Regen. Meistens teilten sie ihren Lebensraum mit Katzen, deren Schnurren zu hören war, noch bevor sie zu romantischen Klängen von John Williams oder Hans Zimmer selbstgefällig durchs Bild strichen.

„Eine verlogene Welt.“ Schramms Flüstern klang wie eine Warnung.

Natürlich wollte ich wissen, was genau ihn daran störte.

„Mir ist noch nie eine Katze begegnet, die mich mochte. Also beschloss ich eines Tages, sie ebenfalls zu hassen. Sie machen mich ohnehin nervös. Liegen immer irgendwo im Hintergrund auf der Lauer, als führten sie was im Schilde. Selbst wenn sie dösen, bin ich mir sicher, dass sie es nur vortäuschen.“

„Erzählen Sie mir mehr von den Filmmädchen“, drängte ich. Schließlich hatte er behauptet, sie hätten sein Herz in den vergangenen Jahren Stück für Stück an ihre Katzen verfüttert. Das sollte seine unkontrollierbare Wut erklären. Aber in meinem Job wollte ich es immer noch etwas genauer wissen.

Schramms Ansicht nach waren die Filmmädchen eines Tages von der Leinwand herabgestiegen, um sich unter das ahnungslose Volk zu mischen – wie einst die süße Audrey-Hepburn-Prinzessin. Auf der Suche nach etwas Normalität und einigen Alltagsproblemen schlenderten sie auf langen Beinen durch die Wirklichkeit, stets darum bemüht, ihren Weg auch ohne Regieanweisungen zu finden. Sie ernährten sich hauptsächlich von Sushi, tranken grünen Tee, schmusten mit ihren Katzen und warteten mit buddhistischer Gelassenheit auf ihr nächstes Stichwort. Dabei sahen sie durch und durch französisch aus und schienen für ihr Happy End nicht einmal ein Happy End zu benötigen. Hauptsache die Katze war zufrieden, der schwule Freund stand Tag und Nacht als Ratgeber zur Verfügung und es gab ein paar tröstende Erinnerungsfotos an glückliche Kindheitstage in einem kleinen Kästchen, aus dem – sobald man den zerkratzen Deckel öffnete – eine zarte Melodie erklang. Mit solchen Mädchen konnte man zwar in einem Programmkino für die Länge eines Godard-Films hemmungslos herumknutschen, aber sobald man nur einmal die Hand über ihre magere Rippen auf kleine Brüste gleiten ließ, wirkte das gleich plump und unanständig.

„Die holen dich mal eine Nacht in ihr Leben, aber schon am nächsten Morgen fühlst du dich wie ein Film-Noir-Typ, der in einem Farbfilm erwacht. Es gibt weder Toast noch Kaffee. Das Mädchen nippt nur noch mürrisch am frisch gepressten Orangensaft und würdigt dich keines Blickes mehr. Dafür starrt dich ihre verdammte Katze die ganze Zeit an, als wärst du eine Maus.“

„Und dann kam die Wut?“

Schramm rieb sich intensiv die Augen als wolle er auf diese Weise die Erinnerungen verwischen. „Es war, als würde sich diese beschissene Szene immer und immer wiederholen. Können Sie sich das vorstellen? Im falschen Film gefangen. Welche Chance hat man denn, da wieder rauszukommen?“

„War es letztes Mal so?“

„Immer. Haben Sie vielleicht eine Zigarette für mich?“

Ich bin Nichtraucher. Das hatte ich ihm schon hundertmal gesagt.

Pia ist bodenständig und nicht filmtauglich. Ich redete mit ihr nur selten über meine Fälle. Das war Teil unseres Abkommens, und vielleicht funktionierte unser gemeinsames Leben gerade deshalb so reibungslos. Aber ich wollte wenigstens von ihr wissen, ob sie sich vor unserer Zeit im Kino hatte befummeln lassen, sich jemals eine Katze wünschte und was sie von Godard hielt. Ich benötigte dringend eine zweite Meinung zu einigen Aspekten, bevor ich ihnen vielleicht zu viel Beachtung beimaß.

Pia musterte mich skeptisch. Filme von Godard hätten sie noch nie interessiert. Zu experimentell. Außerdem erstaune es sie, dass mir zehn Jahre lang ihre Katzenallergie verborgen geblieben wäre.

Die Möglichkeit, dass sie vor unserer Zeit eine Filmfigur gewesen war, hielt ich für ausgeschlossen. Sie war in Münster aufgewachsen, nicht in New England, kuschelte nicht gern, trank viel zu oft und viel zu starken Kaffee und würde sich einem Drehbuch sowieso nie unterwerfen. Sie führte lieber selbst Regie.

„Und das mit dem Kino?“, erinnerte ich sie an die noch offene Frage.

„Was?“

„Hast du jemals in einem Kino … herumgefummelt?“

„Nein. Hast du dich mal wieder verzettelt?“

„Mir gehen nur ein paar Dinge durch den Kopf.“

„Solche Dinge?“

„Im Moment fehlt mir der Zugang dazu, ob und welche Bedeutung sich dahinter verbergen könnte.“

„Geht es um grässliche Dinge?“

Ging es darum nicht immer?

Krüger von der Spurensicherung begleitet mich in die Wohnung. Alles ist genau so, wie ich es mir nach den ersten Gesprächen mit Schramm vorgestellt habe. Einmal mehr fasziniert mich seine Begabung, Bilder in anderen Köpfen zu erzeugen. Ein Regisseur des Grauens. Nicht nur optisch, sondern auch atmosphärisch. Das Licht in den Räumen wirkt irgendwie hoffnungslos, als wäre es hier vor langer Zeit eingesperrt worden. Dieses Licht hat mich immer dann erfüllt, wenn ich Schramms heiseren Worten lauschte. Ich erschrecke selbst über mein Urteil, dass eine derartige Umgebung nicht zu einem modernen Mädchen passt. Das sind zweifellos Schramms Visionen, und die will ich eigentlich nicht in meinem Kopf haben. Jedenfalls nicht so unmittelbar.

Der Sekretär sieht aus, als stecke er voller staubiger Geheimnisse, mit seinen vielen Schubladen und der romantischen Unordnung in seinem geöffneten Bauch. Daneben der ausladende, gemütliche Ohrensessel. Ein aufgeschlagenes Buch auf dem kleinen Tischchen. Viel Biedermeier. Viel überhaupt – und überall. Aber vor allen Dingen viel Blut. Krüger steht erst einmal nur da, die Fäuste hilflos in die Hüften gestemmt und beobachtet mich aufmerksam. Ich atme tief und kontrolliert, schließe die Augen.

„Den Tod kann man jetzt nicht mehr riechen, oder?“ Krüger ist kein Zyniker. Der meint solche Fragen ernst. Dabei starrt er mich an, als würde ich gleich ein Wunder vollbringen.

„Doch“, sage ich, ohne die Augen zu öffnen. Wenn man nicht in seiner Konzentration gestört wird. Manchmal liegt sogar noch etwas Wahnsinn in der Luft. Wie Schweißgeruch. Irgendwas bleibt sowieso immer zurück.

Krüger senkt die Stimme.

„Ich war einer der ersten hier in am Tatort. Ich meine, nachdem …“

„Ja“, entgegne ich. Das ist mir bekannt.

„Was er mit der Katze gemacht hatte, war schon heftig“, fährt Krüger fort. „Aber als wir dann das Mädchen fanden …“

Ich öffne die Augen um ihn mit einem mahnenden Blick zum Schweigen zu bringen. Schließlich habe ich die Akten sorgfältig studiert. Ich bitte ihn darum, mich jetzt für ein paar Minuten allein zu lassen. Mit all dem Blut und Schramms Worten in meinem Kopf.

„Filmmädchen.“ Er hatte sich auf dem Stuhl zurückgelehnt und mir entspannt zugeblinzelt, als wären wir längst Vertraute mit einer gemeinsamen Leidenschaft. „Sie drängen sich in unsere Herzen und tun so, als wären sie lebendig. Sind sie aber nicht.“

„Was macht Sie da so sicher?“

„Ich habe immer nachgesehen. Sie hatten keine Seele.“

Bernd Richard Knospe
Über Bernd Richard Knospe (2 Artikel)
Bernd Richard Knospe, 1958 in Hamburg geboren und dieser wunderbaren Stadt bis heute treu und verbunden geblieben. Ist glücklich verheiratet, arbeitet in der Medienbranche und schreibt leidenschaftlich gern Short Storys und Romane. Erster veröffentlichter Roman ist der 2016 erschienene Hamburg-Krimi BLUE NOTE GIRL im eBook Format bei hey! publishing. Weitere Romane sollen bald folgen.

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