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Die Kahlen unter dem Kreuz

Julius schlief schlecht. Immer wieder wachte er auf, zählte Minuten, die zu Stunden wurden. Das Fenster hatte er geöffnet, bevor er zu Bett gegangen war, stickig und heiß wurde es trotzdem. Keine Chance auf kühle Luft, der Sommer war trocken und brachte nicht den Regen, den er so liebte.

Als er noch klein, sommersprossig und voller illusorischer Träume gewesen war, lief er hinaus und ließ sich von den Tropfen küssen. Er liebte es, wenn sein Haar nass wurde und das Wasser sein Gesicht benetzte, wenn sein kariertes Hemd, seine Baumwollshorts, seine Sandalen durchtränkt waren. Er liebte es, wenn seine Mutter „Ach, Julius“ sagte. Sie trocknete ihn ab, ohne zu schimpfen, er fühlte sich wie ein Hündchen, das übermütig herum getollt hatte und in den Teich gefallen war. Sie küsste seine Stirn und gab ihm Apfelmus. Echtes. Von ihr gepflückt, eingemacht, gekocht.
„Ach, Julius.“ Sie saß dort im Kerzenschein, ihr Mann war im Krieg, und noch wusste sie nicht, was bevorstehen würde. Sie las aus der Bibel, andere Bücher kannte sie nicht, sie las das Evangelium und sagte: „Ich lebe, und Ihr sollt ewig leben. Johannes war das. Vers vierzehn. Daran glaube, Julius. Ansonsten sollst du wissen, dass ich dich liebe. Ich werde dich immer beschützen.“
So war das. Dann starb sie. Typhus. Es war die Zeit.
Und er schrie.
„Du hast mich belogen. Wo bist du?“

Sein Vater war überfordert. Die Tochter kam um, ein Blindgänger, sie war neun, der starke Sohn, der Älteste, wurde zerfetzt an der Front. Er brauchte eine neue Frau und nahm sich eine dicke Bäuerin mit drei debilen Söhnen. Die richtete sich ein, ignorierte den Krieg und schickte Julius weg. Kinderlandverschickung.
Julius konnte sich nicht wehren.
„Papa, ich will bei dir bleiben. Die Frau hat mich nicht wegzugeben.“
„Du sollst gehorchen, Sohn. Sie ist deine Mutter.“
„Das da ist nicht meine Mutter. Und diese drei Idioten sind nicht meine Brüder.“
Er schlug ihn. Mit der Faust. Dann tat es ihm leid. Sein Sohn blutete.
Julius schluckte, wischte tapfer sein Gesicht ab, fuhr sich durch die Haare, als hätte der Wind ihn so verdammt harmlos durcheinander gewirbelt, lächelte, weil er dachte, ein Lächeln wäre gut.
„Papa. Mama hätte das nicht gewollt. Bitte.“
Julius weinte, es ging nicht mehr, er versuchte vergeblich, das erhoffte Raubtier zu sein. „Bitte, Papa, ich will da nicht hin.“
Sein Vater blickte starr aus dem Fenster. Er entfernte Tränen, die nicht kommen wollten, er dachte an eine wunderschöne Frau in rosa Satin mit blutroten Lippen und an diesen Duft, der ewig war. Er dachte an seine Bäuerin und deren Brut, und er befand, alles sei egal.
„Du gehst. Werde ein Mann.“

Julius lag dort in seinem Bett, er überlegte, aufzustehen, die Knochen schmerzten. Die Vögel zwitscherten, irgendwie tröstlich, so normal irgendwie. Er war alt, sein Vater lag unter Buchen, lange schon, die Dicke auch. Seine Stiefbrüder waren auf und davon, natürlich, zu holen hatte es wenig gegeben. Er atmete schwer, griff nach dem Fläschchen auf der Konsole, inhalierte. Verfluchte Luft. Alles vergiftet. Trotzdem rauchte er noch. Die Menschen um ihn herum waren fett und verblödet. Er schüttelte sich. Verblödet war falsch. Schleichend verdummen können nur die, die mal auf eigene Art schlau gewesen sind. Völlig hoffnungslos indes diejenigen, die ein Hirn besitzen, ohne es jemals genutzt zu haben.
Julius grinste. Das wäre so, als hätte er einen Porsche in der Garage stehen, würde aber keinen Führerschein besitzen. Das wäre so, als hätte er Magdalene geheiratet, deren blaue Augen ihm Liebe verraten hatten, unmöglich, ihr Blau wäre erloschen. Er hatte es richtig gemacht.
Die kahlköpfigen Nonnen waren bei ihm.
Er erhob sich, müde war er immer noch, aber es war Zeit, sich anzukleiden. Zähne putzen, kämmen, ein resignierter Blick in den Spiegel, gruselig. Kaffee aufsetzen, warten.
Helmut klingelte. Wie immer pünktlich. Er trug diesen zerknitterten Trenchcoat, war unrasiert und hatte diesen verfluchten Tremor. Ein altes Lebensgeschenk. Julius nickte. Er bat ihn wortlos hinein, deutete stumm auf den billigen Küchenstuhl, schenkte ihm Kaffee ein, ungesüßt, mit Milch, so vertraut.
„Waren sie bei dir?“
Er lehnte sich zurück, spielte den Entspannten.
Tatsächlich erinnerte er sich.
Kinderlandverschickung. Ein Kaff mit Kloster in Süddeutschland. Tagsüber gab es Hiebe, nachts Angst. Wer zur Toilette musste, die sich auf dem Hof befand, überquerte den Flur und begegnete den Nonnen, die dort Wache hielten. Ohne Haube. Ohne Haare. Und wachsam.

„Die Kahlköpfigen? Sie kommen immer.“ Helmut riss ihn aus seinen Gedanken, den Kaffee hatte er ausgetrunken, jetzt sah er sich ratlos um, die Küche war schäbig, der Ausblick trostlos.
„Hast du was Hartes?“
Julius stand auf, und bevor er sich zur kleinen Hausbar in seinem antiquierten Mahagoni-Wohnzimmerschrank bewegte, legte er ihm die Hand auf die Schulter, ihm fiel Handball ein und der harmlose Flirt mit einem Mädchen, für deren Abschiedskuss man Kilometer zurück legte. Und er flüsterte: „Helmut, wir sind davon gekommen. Heinz und Wilhelm hat es erwischt. Das konnten wir nicht ändern.“
„Wirklich nicht? Sie waren noch so klein. Echte Rotznasen.“
„Wir waren zwölf. Große Güte, was hätten wir machen können?“
„Sie haben uns gekriegt.“
„Ja. Beinahe.“

Er schenkte ein, guter schottischer Whiskey, er lebte sparsam, aber so was musste sein.
Helmut trank. Zündete sich eine Zigarette an, inhalierte.
„Ach Julius, mein Freund, sie sind immer da. Sie haben uns längst. Die Kahlen unter dem Kreuz.“

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (154 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
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