Die Hoffnung stirbt zuletzt

Günther Jauch und Esperanza

»Das Ende ist immer verdammt wichtig, finde ich. Meistens kriegen sie’s aber nicht hin, ein feuchter Dreck, ehrlich. Guck dir doch die ganzen Hollywoodfilme einmal an.« Dennis sog an seiner Zigarette und spähte kurz durch sein Nachtsichtgerät.
Cem antwortete ihm nicht. Es war Dennis egal.
»Da steigt zum Schluss der Präsident in irgendein Superfahrzeug, am besten in so einen total hochtechnischen Flieger und ballert alles weg. Bämm! Das ist doch Scheiße. Aber Der Nebel zum Beispiel, der hat echt mal ein gutes Ende. Echt der Hammer, wirklich! Kennst du?«
Cem überlegte. Zu lange wohl, denn Dennis fuhr fort.
»Da hat der Typ nur noch ein paar Kugeln in seiner Wumme, alle haben beschlossen, sich umzubringen und er muss es tun. Die letzte ist für ihn. Und dann, Bämm, Bämm, sein eigener Sohn, Mann. Er so, hält sich die Knarre an den Kopf und dann kommen die Soldaten aus dem Nebel und alles ist gut. Verstehst du? Echt krass!«
»Drei«, bemerkte Cem und nahm sein Nachtsichtgerät runter.
»Vier!«, widersprach Dennis. Beide nahmen ihre Marineferngläser und sondierten das Gelände der Prinz-Höfte-Schule in Bassum. Schulverwaltung und Schulgebäude erinnerten noch an eine militärische Einrichtung, der Neubau der Aula an eine Schule. Dahinter lag der Hügel, unter dem der Hochsicherheitsbunker liegen sollte.
»Einer beim Tor, einer auf dem Platz und einer vor dem großen Gebäude, wo die Straße hinführt«, zählte Cem sie auf.
»Und einer da bei dem Klettergerüst. Wo die beiden Baumstämme liegen.« Cem schwenkte in die Richtung. Tatsächlich, da war noch einer.
»Du hast recht.« Er wunderte sich, wie jemand, der so viel redete, so viel wahrnehmen konnte.
»Klar hab ich recht!« Dennis schnippte die Zigarette ins Dickicht.
»Muss in den Ferien passiert sein, hm?«, bemerkte er.
»Warum?«
»Keine Kinder. Sind alles Erwachsene. Wär’s in der Schulzeit passiert, wäre hier alles voll von kleinen Scheißzombies. Oder es hat sie abends erwischt. Oder sie sind alle noch in den Gebäuden. Mann, das wäre echt ätzend!«
Cem versuchte, Bewegungen hinter den schwarzen Fensterhöhlen zu erkennen. Nichts.
»Okay, wir gehen vorne ans Tor und sehen nach, ob es offen ist. Ich denke, es wird geschlossen sein, sonst wäre hier mehr Betrieb. Dann sehen wir nach, ob sich der Bunkerschlüssel dort befindet, wo Thomas ihn vermutet«, entschied Cem, verstaute sein Nachtsichtgerät, entsicherte seinen Revolver und nickte Dennis zu.
»Passt schon!« Dennis schob sich ein Kaugummi in den Mund, als sie ein Geräusch vernahmen, das nicht in die nächtliche Septemberstille eines Waldes passte. Als würde etwas über den Kiesweg geschleift werden, der in ihrem Rücken lag. Ein Stock vielleicht. Dennis zog sein Beil aus dem Gürtel und schob vorsichtig einen Holunderzweig zur Seite, um auf den Spazierweg zu spähen, der das gesamte umzäunte Schulgelände umspannte. Fahles Mondlicht tauchte das Gehölz und den Weg in ein schummriges Zwielicht, ausreichend, um eine Gestalt zu erkennen. Eine Seniorin in sportiver, winterlicher Kleidung zog einen um ihr Handgelenk befestigten Nordic-Walking-Stock hinter sich her. Ihr fehlte ein Arm. Sie verharrte, es schien, als würde sie etwas wittern und wandte Dennis und Cem ihr verrottetes Gesicht zu.

Kurz vor acht Uhr. Markus, Thiemann, Jeanette und Stefan versammelten sich in dem engen Unimog und starrten gebannt auf das ätherische Schneetreiben des kleinen Bildschirms ihres Fernsehers. Thiemann zog die Teleskopantenne auseinander und sie nahmen Platz. Markus fühlte sich schlecht. Hundertzweiundsiebzig Mal hatte er beim Auslosen eines Fernsehplatzes Pech gehabt, hatte sich geärgert und den anschließenden Berichten gelauscht. Heute durfte er Zuschauer sein. Zuschauer und Zeuge. Zeuge dafür, dass es Hoffnung gab, dass die menschliche Zivilisation noch nicht untergegangen war, dass es sich lohnte, für das Überleben zu kämpfen, für eine Zukunft. Vielleicht bedeutete ihm diese eine Sendung zu viel. Auf jeden Fall war sie der Grund dafür, dass er innerlich zu zerbersten drohte. Thiemann spürte das, holte ein paar Flaschen Bier unter dem Sitz hervor, prüfte das Verfallsdatum und reichte eine Flasche Markus.
»Aufgeregt, was?«
»Mhm.« Markus nickte, öffnete die Flasche und trank hastig.
»Es wird schon nicht so schlimm werden«, ermunterte ihn Jeanette, die selbst erst ihre fünfte Sendung sehen sollte. Thiemann sah auf seine Armbanduhr und lehnte sich zurück. Drei Minuten noch, bis Günther Jauch moderierte. Die letzte Sendung, die noch live ausgestrahlt wurde, die letzte Sendung, die es überhaupt gab.
»War das früher auch so?«, wollte Markus wissen und deutete mit einem Nicken auf den Bildschirm.
»Was? Das Flimmern?«
»Ja.«
»Ganz zu Anfang gab es noch mehrere Sender, viele Sendungen, auch ausländische, vor allem englischsprachige. Dann wurden es weniger und andere, unbekannte kamen dazu. Piratensender wahrscheinlich. Und dann nur noch das Erste«, erklärte Stefan.
»Und dann nur noch Jauch«, ergänzte Thiemann. Markus wagte nicht, weiter nachzufragen. Zu neu und ungewohnt war der Rollenwechsel. Hundertzweiundsiebzig Abende hatte er um diese Zeit Wache gehalten, dafür gesorgt, dass es in ihrem jeweiligen Lager sicher blieb. Damals, als sie noch mit Noahs Gruppe unterwegs gewesen waren, hatte er sich sicherer gefühlt. Heute waren sie nur noch sechzehn und Dennis und Cem kundschafteten. Markus konnte genau einschätzen, was es hieß, wenn vier, oder sogar wie jetzt, zwölf Augenpaare fehlten und dieser Umstand ängstigte ihn.
»Eine Minute noch, gleich ist es soweit!«, zählte Jeanette die Zeit runter.
Was, wenn es heute keine Sendung gibt?, fragte er sich und ihm wurde heiß bei dieser Vorstellung.
Was wäre dann? Aus dem Flimmern erschien ein Bild aus dem Nichts. Günther Jauch. Markus schluckte, zu überwältigend waren die Eindrücke, Tränen schossen ihm in die Augen. Günther Jauch! Ein Symbol, ein vertrautes Gesicht aus der Zeit davor. Als alles noch in Ordnung war und er sich überlegt hatte, ob er mit Nicole ein Haus bauen sollte. Der alte Günther Jauch.

Der Moderator, dessen Gesicht sie jetzt in Nahaufnahme ansah, hatte kaum noch Ähnlichkeit mit dem Menschen, den er von damals kannte. Um Jahre gealtert, hohlwangig, bärtig, ein fahriger Blick. Das Programm begann, Jauch sprach die ersten Worte.

»Ich begrüße Sie zu einer weiteren Sendung ›Was passiert‹ und hoffe sehr, Sie befinden sich in Sicherheit.«
»So fängt er immer an«, kommentierte Thiemann und nahm einen Schluck aus der Flasche.
»Heute zu Gast haben wir Herrn Dr. Ullmer, den derzeitigen Regierungssprecher, wie uns versichert wurde, Oberst Bernard von der Bundeswehr, Ziviler Aufbau, und Michael Schäfer, Sprecher der Enklave Hamburg, einer zivilen Sicherheitszone.« Die Kamera schwenkte über die Gäste, nur Dr. Ullmer lächelte.
»Herr Dr. Ullmer, wir sind alle sehr froh nach Wochen wieder einmal von der Regierung zu hören. Das letzte Mal im …«, Günther Jauch sah auf einen Zettel, »… im Juni hat uns die damalige Sprecherin Frau Wörnsen noch versichert, die Lage stabilisiere sich, wichtige urbane Zentren der zivilen Infrastruktur würden durch Polizei und Bundeswehr zurückerobert werden. Wie unsere Zuschauer in unseren Sendungen verfolgen konnten, war das bisher nicht der Fall.« Jauch sah auf, die Kamera zeigte die Gästerunde und zoomte dann auf den Regierungssprecher. Stefan grunzte beifällig.
Günther Jauch hat seinen Humor verloren, schoss es Markus in den Kopf. Wir haben alle unseren Humor verloren, es gibt keine Zeit und keinen Ort mehr zum Lachen. Er kämpfte mit den Tränen. So banal, wie er seinen Gedanken empfand, so treffend war er auch.
»Vielen Dank für die Einladung, Herr Jauch. Wie Sie vielleicht wissen, fällt es bei Betrachtung der aktuellen Zustände schwer, eine Prognose zu wagen, doch möchte ich optimistisch in die Zukunft blicken. Wir sind hoffnungsvoll, dass sich die Umstände bald spürbar verbessern werden. Die von uns genannten Strategien werden umgesetzt und beginnen …«
»Hör doch auf zu sabbeln!«, unterbrach ihn Schäfer. »Nichts hat sich geändert, seit April versuchen wir, mit der Regierung Kontakt aufzunehmen, wo immer sie sich versteckt …«
»Das hat den Grund, dass Hamburg, gerade auch durch Ihre Hilfe, als relativ sicher gilt!«, fiel Dr. Ullmer nun Schäfer ins Wort.
»Allein das ist eine Lüge!« empörte sich dieser. »Was Sie mit solchen Äußerungen bewirken, ist tödlich für all diejenigen, die sich Hoffnung machen. Bei so einem Schwachsinn, weiß ich gar nicht, wie viel ich kotzen möchte. Leute!« Schäfer sah in die Kamera. »Glaubt diesen Schwachsinn nicht! Hamburg ist nicht sicher, bleibt, wo ihr seid und sucht nicht nach Freunden und Verwandten, die ihr in Hamburg vermisst. Die sind tot! Untot! Allein auf dem Weg hierher haben wir vier Leute verloren!« Die Kamera schwenkte auf Jauch, der aber nicht eingriff. Dr. Ullmer erhob stattdessen das Wort.
»Oberst Bernard!«, wiederholte er lauter werdend, bis er Schäfer zum Schweigen gebracht hatte.
»Oberst Bernard, bitte versichern Sie dem Mann, dass es Grund zur Hoffnung gibt, erklären Sie ihm, wie weit unsere Bemühungen schon greifen«, forderte er den ranghohen Militär auf. Die Kamera hielt auf Oberst Bernard, der mit einer Antwort auf sich warten ließ, seine Kiefermuskeln zuckten.
»Nein, Herr Dr. Ullmer, ich muss Ihnen widersprechen! Die derzeitige Situation gibt keinen Anlass zur Hoffnung. Es wäre falsch, die Bevölkerung in Sicherheit zu wiegen. Vielmehr war es ein tödlicher Fehler, Standorte in Ballungszentren als sicher zu proklamieren. Nein, momentan gibt es keine Hoffnung«, beendete er seine Stellungnahme.
»Herr Oberst! Sie sollten nicht von Ihrem Standort auf …« Schreie ertönten im Hintergrund, Schüsse fielen, das Bild verwackelte, jemand lief gebückt hindurch. Panik griff plötzlich um sich und erreichte auch die Zuschauer in dem Unimog. Jeanette stieß ihr Bier um, Thiemann stöhnte auf, alle rückten näher an den Fernseher, um verwertbare Informationen aus dem übertragenen Chaos zu ziehen.

Jauch und Dr. Ullmer waren sitzen geblieben, Schäfer war nicht mehr zu sehen und Oberst Bernard sprang in dieser Sekunde mit gezückter Waffe aus dem Bild.
»Meine Damen und Herren, gerade erleben Sie, wie unsere Sendeanstalt angegriffen wird. Offenbar …« Weitere Schüsse fielen, eine Detonation erschütterte das Studio, die Kamera wackelte erneut.
»… ist es den Untoten gelungen, ins Studio vorzudringen. Wie …«

Markus, Thiemann, Jeannette und Stefan konnten sie hören. Das Stöhnen unzähliger, verwesender Kehlen drang wie eine Brandung durch den Äther zu ihnen, jenes Stöhnen, das sich in die Erinnerung Überlebender fraß, Albträume auslöste und sie nachts nicht schlafen ließ. Jeannette presste sich eine Hand auf den Mund, Thiemann schlug seine Hände über dem Kopf zusammen.
»Nein«, hauchte Stefan.
»Das müssen sehr, sehr viele sein«, flüsterte Markus.

»… sie es geschafft haben, kann ich zum jetzigen Augenblick nicht sagen.« Jauchs Stimme überschlug sich, er blieb sitzen, sah sich aber häufig hektisch um. Wieder ein Schuss, deutlich näher nun, Schreie. Dr. Ullmer rannte gebückt durch das Bild. Die Kamera suchte hinter den Kulissen nach dem Quell des Aufruhrs. Ein unscharfes Bild, ein, zwei Sekunden lang.

Ohne, dass sie es erkennen konnten, löste es Angst aus, Angst, die wie ein Erdrutsch auf sie niederkam. Das Bild wurde schärfer. Aus einer doppelflügligen Studiotür drängten sich Kadaver und fielen über das Fernsehteam her, Sicherheitsleute eröffneten aus der Entfernung das Feuer, Schäfer konnten sie am Rande des Blickfelds auf die einfallende Horde schießen sehen.
»Raus! Alle raus!«, hörte man jemanden rufen. Es könnte Oberst Bernard gewesen sein. Ein Männergesicht tauchte vor der Kamera auf, von Panik entstellt.
»Raus hier, Jonas! Los, komm!«, brüllte es, verschwand und die Kamera lieferte weitere Bilder. Jonas ging nicht.

»Wie ich gerade erfahren habe …« Die Kamera schwenkte zu Jauch, der immer noch, wenn auch nach vorne gebeugt mit einer Hand am Ohr, die Sendung moderierte. Er erinnerte an einen Kapitän, der bis zuletzt auf dem sinkenden Schiff blieb. »… ist es den Untoten gelungen, den Zaun zu durchbrechen und uns während der Wachablösung zu überrennen. Sie lernen dazu! Was sich in letzter Zeit angedeutet hat …« Das Stöhnen schwoll zu einem infernalischen Chor an. Schreie dicht bei der Kamera. Ein, zwei Erschütterungen. Die Kamera fiel um und übertrug anschließend aus der Froschperspektive mit starrem Bild. Zwei Stufen des Podiums und nur noch Günther Jauchs Knie waren zu sehen.
»Verdammt, raus hier! Sofort!« Ein Schrei, nun aus weiterer Entfernung. Beinpaare, die von links nach rechts durch das Bild schlurften. Zerrissene, befleckte Kleidung.
»… scheint sich zu bewahrheiten. Sie lernen dazu, sie beobachten …« Mit einem Knacken verschwand das Bild. Schneetreiben.

»Dreck! Ich glaube, sie hat versucht, sich anzuschleichen!«, schimpfte Dennis. Cem nickte und spähte nach weiteren Untoten auf dem Weg und im Gehölz.
»Aber die dumme Sau wird ihren bescheuerten Stock nicht los!« Dennis lachte trocken, und ehe die damalige Seniorin einen Schritt auf sie zutat, war Dennis bei ihr und versenkte sein Beil in ihrem Schädel. Sie sackte zusammen. Er säuberte sein Beil an ihrer Softshelljacke, Cem trat auf den Weg und sicherte ab.
»Ehrlich, Mann, ich glaube wirklich, sie wollte schleichen, sonst hätte ich sie früher gehört. Irgendwie werden die schlauer.« Dennis folgte seinem Partner und zündete sich auf dem Weg eine Zigarette an.
»Dann solltest du langsam damit aufhören«, gab Cem zu bedenken. Dennis betrachtete seine Zigarette.
»Vielleicht hast du recht.« Er rauchte weiter.

Geduckt schlichen sie zum Tor, dem einzigen Zugang zum Schulgelände, es sei denn, es gäbe Löcher in dem Zaun, was sie vermuteten. Schüler kannten immer Löcher im Zaun. Am Tor prüften sie so leise wie möglich das Schloss. Sie wollten den Untoten, den sie in der Nähe des Tores auf der anderen Seite gesichtet hatten, nicht anlocken. Zu dem Torschloss gesellte sich ein stabiles Fahrradschloss. Dieses hätten sie knacken können, aber für das massive Torschloss brauchten sie einen Schlüssel. Dennis deutete auf das Tor, Cem nickte. Sie kletterten über die Gittertür, erst Dennis, dem Cem die Tür festhielt, damit kein verräterischer Laut von ihrer Tat verkündete, dann andersherum. Schlurfende Schritte verrieten den ersten Untoten, der in ihrer Nähe zwischen zwei Laternenpfählen hin und her wandelte und gerade in ihre Richtung ging. Dennis und Cem suchten hinter zwei übel riechenden Müllcontainern Deckung, die Schlurfgeräusche stellten sich ein. Cem und Dennis sahen sich an. Der Untote hatte sie gewittert. Zehn Schritt Entfernung. Dennis schnellte mit erhobenem Beil aus ihrem Versteck hervor, Cem folgte ihm mit erhobenem Revolver und sicherte das Gebiet hinter Dennis ab. Die letzten drei Schritte. Der Untote, der Kleidung und dem Aussehen nach der ehemalige Hausmeister, öffnete seinen Mund, ein Stöhnen entwich, wurde lauter, schwoll an zu einem gutturalen Schrei, der erstarb, als Dennis mit seinem Beil den Kopf des Untoten spaltete.
»Verdammt, schon wieder!«, fluchte er.
»Psst!«, maßregelte ihn Cem und legte einen Zeigefinger auf seine Lippen.
»Ach, ist doch egal jetzt! Der hat sie gewarnt. Das machen sie immer öfter neuerdings.« Er schüttelte mit dem Kopf und beobachtete das Gelände. Einer war bei dem Klettergerüst, hinter einer Buschrose, die er nicht einsehen konnte. Den anderen auf dem Platz konnte er sehen, der bewegte sich nicht.
»Er hat sie gewarnt«, wiederholte Dennis. »Was jetzt?« Cem überlegte kurz.
»Wir müssen sie erst alle … töten. Aber schnell!« Er wusste nicht, wer den Ruf noch alles gehört hatte und dadurch angelockt wurde. Die beiden Untoten bei den Gebäuden hatten sie schnell erledigt, den beim Klettergerüst, eine Frau, die dem Hausmeister trotz ihres miserablen Zustands sehr ähnlich sah, mussten sie sie zwischen Weiden und Buschrosen aufspüren. Es war offensichtlich, dass sie sich vor ihnen versteckte.
»Sie lernen dazu, Cem. Sie warnen sich, sie wollen schleichen, sie verstecken sich. Das haben sie früher alles nicht gemacht.«
»Ja. Und jetzt lass uns den Schlüssel suchen.«

Im Verwaltungsgebäude fanden sie schnell das Sekretariat, dort einen Sicherheitsschrank und darin ein Schlüsselbund für den Bunker und sogar die passenden Schlüssel für das Tor. Warum das Schulpersonal nicht auf die Idee gekommen war, sich im Bunker zu verstecken, blieb Dennis ein Rätsel. Vielleicht hatten sie sich zu sicher gefühlt. Seiner Meinung nach ein Kardinalfehler vieler, die jetzt selbst als frische Untote auf Gottes Erde wandelten. Er lachte.
»Was?«, fragte Cem, der am Fenster stand und über ihre nächsten Schritte nachdachte. Sofort bereute er seine Nachfrage. Gewiss würde Dennis ihm antworten. Ausführlich sogar, da würde er drauf wetten.
»Gott. Ich habe an Gott gedacht.«
Cem sah aus dem Fenster in die Nacht.
»Wir gehen jetzt erst den Zaun ab, suchen nach Löchern. Dann öffnen wir das Tor, …« Dennis hob die passenden Schlüssel dazu hoch. Cem fuhr fort. »… holen den Wagen und sehen uns dann den Bunker an.«
»Alles klar, hört sich gut an. Warte, ich rauch noch eine.« Dennis fingerte sich eine Zigarette aus seiner Packung, Cems Funkgerät knisterte, Thiemanns Stimme ertönte.
»Hier Treck 1, Kundschafter, bitte kommen, over.« Dennis und Cem sahen sich an.
»Notfall, hm?«, stellte Dennis fest und schluckte.
»Notfall«, bestätigte Cem und antwortete ins Funkgerät.
»Hier Kundschafter, Treck 1, was ist los bei euch? Over.«
»…«
»Treck 1 hier. Wir kommen jetzt sofort. Es ist etwas Schlimmes passiert. Over and out!«, meldete Thiemann.

Sie starrten auf den Bildschirm. Zeit hatte keine Bedeutung mehr. Vieles hatte nun keine Bedeutung mehr. Thiemann sammelte sich als Erster, trank beinahe ängstlich von seinem Bier.
»Wir müssen es vor Esperanza verheimlichen«, flüsterte er.
»Mach es aus.«
»Was?« Thiemann hatte Markus nicht verstanden.
»Verdammt! Mach es aus!«, schrie Markus, warf seine Bierflasche auf den Fernseher, aber verfehlte ihn knapp. Jeanette und Stefan sahen zu Thiemann, vielleicht lag sogar Angst in ihren Blicken. Thiemann griff hart, manchmal zu hart durch. Aber Thiemann legte unerwartet einen Arm um Markus, der daraufhin zusammenbrach und von Weinkrämpfen geschüttelt wurde.
»Esperanza darf es nicht erfahren. Erst danach, versteht ihr?«, sagte Thiemann mit erstickter Stimme. Sein Arm lag immer noch um Markus. Sie verstanden. Esperanza.
Sie würde ein Kind bekommen. Bestimmt in den nächsten zwei, drei Tagen, vielleicht sogar morgen. Ein Kind! Gezeugt in der Apokalypse, ausgetragen in der Apokalypse und aufgewachsen … sie dachten den Gedanken nicht zu Ende. Bis vor wenigen Minuten hatten sie tatsächlich in sich ein kleines Reservoir Hoffnung getragen, die bevorstehende Geburt eines kleinen Erdenbürgers hatte mit dazu beigetragen. Jetzt quälte sie dieser Gedanke nur noch und machte ihre Situation noch unerträglicher. Ja, Esperanza durfte es nicht erfahren! Jeanette wollte antworten, als ein Schuss durch die Septembernacht hallte. Ein Schuss! Ein Notfall! Jemand wurde angegriffen und konnte sich nur noch laut verteidigen. Wie, um ihre Erkenntnis zu untermauern, fielen drei weitere Schüsse, sie hörten Schreie.
»Das kommt von Esperanzas Wagen!«, stellte Stefan fest. Thiemann riss sein Sturmgewehr vom Waffenständer und rannte nach draußen.

»Uuh!« Esperanza krümmte sich und hielt sich den Unterbauch.
»Warte! Gleich bist du draußen, ein kleines Stück noch. Josch, halt sie am Arm fest, ja?« Josch nickte. Paul umfasste sie an der Seite, sodass sie vorsichtig aus dem Bus aussteigen konnte. Hinter Esperanza stand Sophie im Eingang.
»Ich glaube, die Fruchtblase ist geplatzt«, raunte sie Paul zu. Sicherlich, in der Theorie wusste er, was es bedeutete, jetzt aber fühlte er sich vollkommen hilflos.
»Und nun?«
»Nun geht es bald los. Wir brauchen warmes Wasser, Paul.«
»Ja, ja, ich kümmere mich darum. Josh, steht sie sicher bei dir?«
»Uuh!« Esperanza stöhnte erneut. Die frische Luft tat ihr gut. Sie spürte, wie es sich bewegte, und glaubte fast zu wissen, es sei genauso aufgeregt wie sie. Bald würde es da sein! Ihr neues Leben! Die anfänglichen Bedenken verflüchtigten sich mit dem Herannahen der Geburt. Jetzt war es nur noch Freude. Und etwas Angst davor, dass es währenddessen Komplikationen geben konnte. Sie sah auf. Paul, der eben noch neben ihr gestanden hatte, war fort.
»Wo ist Paul?«, keuchte sie.
»Der ist Wasser holen, Süße. Alles ist gut«, beschwichtigte Sophie.
»Die Luft tut dir gut, oder?«, wollte sie wissen. Esperanza nickte und musste lachen. Paul war aufgeregt wie ein kleines Kind.
»Paul ist so lustig gerade«, stöhnte sie. Das Lachen tat ihr weh, doch war es auch befreiend. Sie atmete durch, ihre Verspannung löste sich und sie richtete sich auf. Die Schmerzen ließen nach.
»Danke, Josch. War das die Fruchtblase, Sophie?«
»Ich schätze schon«, antwortete sie und streichelte Esperanzas Rücken direkt über dem Steiß. Josch ließ sie langsam los und sah zu Sophie, die ihm zunickte.
»Es ist so schön hier. Auch so schön ruhig«, bemerkte Esperanza, atmete tief ein und sah über das Gelände des ehemaligen Naturbades in Bassum. Dichter Nebel stieg von den angrenzenden Feldern und dem See auf. Grillen zirpten, ansonsten war es still. Für Josch plötzlich zu still. Er spannte sich und lauschte in die Dunkelheit. Am See standen irgendwo Thomas und Kai. Am Eingang beim Drehkreuz Nina. Jetzt würde dort auch Paul in dem ehemaligen Kiosk sein und Wasser auf dem Gaskocher erhitzen. Aus Thiemanns Wagen flackerte das Licht des Fernsehers. Was, verdammt noch mal, alarmierte ihn gerade? Kais Husten! Es fehlte. Sein Räuspern und dann der Husten. Er nahm sein Walkie-Talkie.
»Kai? Alles in Ordnung bei euch?«
»Uuh!«, zuckte Esperanza wieder zusammen und krümmte sich.
»Geht mal zurück in den Wagen, ja?«, schlug Josch den beiden Frauen vor.
»Kai! Bitte melden!« Er könnte auch kurz dorthin gehen, es war keine hundert Meter entfernt, aber es war dunkel und der Nebel wallte undurchdringlich zu ihnen. Nichts. Keine Antwort.
»Nina? Alles in Ordnung bei euch? Bitte kommen!«
»Ja, hier alles in Ordnung. Mann, ist es bald soweit? Ich freu mich total und wir drücken die Daumen. Paul kommt auch gleich mit dem Wasser.«
»Okay, danke.«
Stopp!
Das war nicht Esperanza!
Das Stöhnen!
»Geht jetzt in den Wagen. Sofort!«, befahl er den beiden und zog seine Pistole. Wieder ein Stöhnen. Und ein Geräusch, als würde ein nasses Handtuch ausgewrungen werden.
»Komm Süße, wir gehen zurück in den Wagen, ja?«
»Was ist denn …«
»Komm, nicht, dass du noch unterkühlst, ja? Hier ein Schritt hoch, ja, super!« Sophie beeilte sich. Josch entschloss sich, Thomas und Kai zu suchen.
»Nina? Hier stimmt was nicht. Ich kriege keine Antwort von Kai und gehe jetzt zum See. Bleibt in Alarm…« Er konnte den Satz nicht beenden, zu groß war sein Entsetzen. Aus der Dunkelheit schälten sich aufgedunsene Untote, aufgequollen, bis zur Unkenntlichkeit verwest. Damit hatten sie alle nicht gerechnet! Dass Untote im Wasser lagen und sich bei ihrer Ankunft nicht sofort zeigten! Vier an der Zahl taumelten auf ihn zu. Keine Zeit, um leise zu sein. Er schoss dem Ersten in den Kopf.
»Alarm!«, rief er ins Walkie-Talkie. »Sie kommen vom See!«
»Alarm!«, schrie er. Er schoss auf einen weiteren Untoten, traf ihn allerdings erst mit seinem zweiten Schuss tödlich. Den Nächsten mit nur einem. Sie fielen um, hinter ihnen sah er weitere Schatten auf ihr Lager zuströmen. Ein Schrei! Sophie! Dann Esperanza. Er rannte zurück. Thomas und Kai, dessen war er sich sicher, waren tot! Noch …

Ein Schmerz durchfuhr sie. Sie krümmte sich, hielt sich den Bauch und rutschte mit einem Fuß vom Tritt.
»Oh, warte!«, keuchte sie. Die Aufregung! Sie spürte es auch. Irgendetwas stimmte nicht.
»Komm, Süße, beeil dich bitte! Alles ist gut!«, redete ihr Sophie zu. Aber gar nichts war gut. Sie sah sich ihre linke Hand an. Blut. Es klebte Blut an ihr.
»Sophie, ich blute!«
»Das ist völlig normal. Komm jetzt!« Sie griff Esperanza unter die Arme und schob sie auf den Eingang des Busses zu. Ein Schuss zerriss die Stille. Sophies Herzschlag setzte einen Moment aus, sie fühlte sich, als würde plötzlich heiße Lava anstelle von Blut durch ihre Adern pulsieren.
»Los, Esperanza, jetzt komm!« Sie schob, drückte, Esperanza fiel in den Bus. Eine kalte, aufgedunsene Hand griff in Sophies Haar und zog sie nach hinten. Drei weitere Schüsse, Sophie spürte durch einen Biss einen reißenden Schmerz an ihrem Hals, roch den Geruch von Faulgasen, entleerte sich panisch und entschloss sich dann, die letzten Sekunden ihres Lebens zu kämpfen. Für Esperanza und das neue Leben, dass sie wahrscheinlich nicht mehr sehen würde. Sie rammte ihren Ellenbogen nach oben, zog ihre Waffe, wand sich aus dem Griff, auch wenn sie büschelweise Haar und einen Teil ihrer Kopfhaut verlor, und schoss einem aufgedunsenem Untoten, einem Jugendlichen mit Zahnspange, aus nächster Distanz in den Kopf. Wieder wurde sie gepackt. Ein Kadaver schob sich mit ausgestreckten Armen an ihr vorbei, um nach Esperanza zu greifen. Sie feuerte, einmal, zweimal. Die Luft wurde knapp. Sie röchelte, spuckte Blut, das ihr in den Mund schoss. Esperanza schrie, trat um sich. Sophie fuhr ihren Waffenarm aus, drückte blind ab. Irgendwo dort musste der Untote sein. Wieder nahm sie Fäulnisgeruch wahr, spürte kaltes Fleisch auf ihrem Gesicht, ihrer Schulter, Schmerzen! Sie riss die Waffe hoch, feuerte und zählte mit. Sieben Mal hatte sie in die Brut gefeuert, ihr wurde schwarz vor Augen. Die Kräfte ließen nach. Mit einem letzten Aufbäumen ihres Willens setzte sie sich die Waffe an ihre Schläfe und drückte ab.

Thiemann rannte zu Esperanzas Wohnmobil, versuchte, sich einen Überblick zu verschaffen. Chaos. So kurz vor ihrem Ziel. Etliche Untote drangen von dem See zu ihrer Wagenburg, hatten sie beinahe erreicht. Esperanza! Sollte ihr etwas zustoßen, er würde es sich niemals verzeihen können! Er hielt vollautomatisch in die Horde Untoter und schrie seinen Hass und seine Verzweiflung heraus.

Vincent öffnete die Tür, um nachzusehen. Ein tödlicher Fehler, wie sich für ihn herausstellte. Sofort rissen und bissen sie ihn und drängten in den Wohnwagen hinein. Peter eröffnete das Feuer. Ein Untoter klammerte sich an den Gewehrlauf und zog ihn nach draußen. Schüsse fielen, aber sie verhießen keine Rettung.

Sie trat und trat. Wie eine Löwin kämpfte sie um sich und das Baby in ihrem Bauch. Es sollte leben! Weggefegt waren all die Zweifel im Angesicht des Todes, weggefegt jeder Gedanke ans Aufgeben. Niemals würde sie zulassen, dass ihrem Ungeborenen etwas zustieß. Zwei Untote waren es, die an ihr zogen und rissen, versuchten, sie aus dem Wagen zu zerren. Sie hörte, wie die anderen Untoten über Sophie herfielen, das Reißen und Fressen, ihr Stöhnen, als würden sie in diesem Moment von einer unsagbaren Qual befreit werden. Sie hörte Schüsse und Schreie, sah einen Untoten zur Seite fallen, dann den nächsten. Josch! Sie lachte. Paul! Tränen liefen ihr durch das Gesicht.
»Fahr, verdammt, fahr!«, schrie Paul. Sie hörte den Motor starten. Paul schloss die Tür und zog sie auf das Bett.
»Mein Baby!«, schrie sie, hielt sich den Bauch.
»Unser Baby!« Sie beruhigte sich und lächelte Paul an. Er erwiderte ihr Lächeln nicht. In diesem Augenblick war es ihr egal. Ihr Muttermund hatte sich geöffnet und die Presswehen setzten ein.

Stefan nahm seine Pistole.
»Du bleibst hier, Jeanette! Markus, komm!« Aber Markus hatte aufgegeben. Wofür? Wofür sollte er jetzt aufstehen?
»Markus!«, rief Stefan. Jeanette schrie auf. Hinter Stefan schoben sich zwei Untote an den Eingang, langten nach seinen Beinen.
»Verdammt!« Stefan fuhr herum, einer hatte sich festgekrallt, der andere war abgerutscht. Weitere drängten von hinten nach vorne.
»Scheiße!« Er jagte dem Ersten mehrere Kugeln in den Kopf, dem Zweiten mehrere in den aufgedunsenen Oberkörper. Zu viele Kugeln. Ein Weiterer packte ihn. Stefan fiel zu Boden. Das trockene Klicken des Abzugs löste in ihm Panik aus. Jeanette sprang in die Fahrerkabine, warf sich hinter das Steuer und ließ den Motor an.
»Markus!« Stefans Stimme überschlug sich.
Wofür?
Apathisch hob er seinen Revolver hoch, feuerte gezielt auf den Ersten, den Zweiten, sah, wie Stefan sich befreien konnte, ihn wütend ansah, nachlud und den Kadavern in ihre Köpfe schoss.
»Nina!«, rief er.
»Bleib hier!«, befahl Jeanette. Er sprang hinaus, schlug die Tür hinter sich zu und lief im Dunkeln zum ehemaligen Kiosk.
»Nein, Stefan, nein!«
Der Wagen setzte sich in Bewegung.
Wofür?

»Das klang nicht gut«, stellte Cem fest.
»Das klang richtig Scheiße!«, bemerkte Dennis und zog die Augenbraun hoch.
»Okay, dann machen wir erst das Tor klar, dann den Bunker, dann den Zaun. Klar?«
»Klar!«

Zwei schwere Stahltüren führten ins Bunkerinnere, beide hatten sie hinter sich geschlossen und standen in einem großen Raum, von dem mehrere Türen und zwei Treppen nach unten abzweigten. Die Lichtkegel ihrer Taschenlampen erfassten Tische, Stühle, ein Podest, auf dem das Equipment einer Rockband stand, und zahlreiche Umzugskartons, zu Reihen aufgetürmt an einer Wand. Dennis sog tief Luft ein. Cem schlich zur ersten Tür.
»‘s ist sicher hier«, sagte Dennis. Cem verharrte.
»Wie kommst du darauf?«
»Riech mal.«
Cem schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich würde Dennis recht haben. Sicher sogar, aber er verfügte nicht annähernd über die gleiche Sensorik.
»Willst du jetzt alle fünf Ebenen durchkämmen?«, blieb Dennis hartnäckig.
»Ja, wenn es sein muss«, antwortete Cem.
»Ich halte ja den Zaun für wichtiger. Hier ist es sicher«, widersprach Dennis, setzte sich aber in Bewegung, um Cem zu folgen.
»Okay«, entschied Cem, »wir machen es so, wie du vorschlägst.«
»Guuute Entscheidung.« Dennis lachte.

Der Zaun hatte zwei Löcher. Eines hinter dichtem Gestrüpp verborgen und schwer von der anderen Seite zugänglich, ein zweites in einem offenen Waldstück hinter einem kleinen Bolzplatz. Ein Untoter hatte sich darin verfangen, wahrscheinlich schon vor Wochen und erhöhte gerade seine Bemühungen, sich zu befreien, seitdem Cem und Dennis dort die Lage beurteilten. Sein Knurren erinnerte an einen Hund.
»Seinen Arm hat er bald abgerissen.« Dennis nahm einen weiteren Zug und blies den Rauch durch die Nase.
»Was meinst du? Sind da noch mehr in dem Wald?«, wollte Cem wissen.
»Auf der anderen Seite? Klar. Wir locken sie an. Die werden kommen.«
»Dann müssen wir jetzt den Zaun dichtmachen. Wir nehmen erst mal Seile und sehen morgen zu, dass wir das Loch dauerhaft schließen.«
»Gute Idee. Bis morgen sollte es reichen. Lassen wir den da zappeln?«, wollte Dennis wissen. Cem betrachtete den Untoten. Wahrscheinlich ein ehemaliger Schüler, den das untote Schicksal hierher verschlagen hatte. Irgendeine Erinnerung vielleicht. Er schüttelte den Kopf. Dennis schlug zu, die Bewegungen am Zaun erschlafften. Knisternd meldete sich das Funkgerät.
»Wir sind gleich bei euch, over!« Thiemann. Dennis und Cem sahen sich an. Irgendwie verhieß es nichts Gutes.

Sie reparierten den Zaun notdürftig mit einigen Seilen und warteten dann am Tor. Wenig später hörten sie Motorengeräusche und sahen kurz darauf, wie Scheinwerferlicht die Nacht zerschnitt. Sie zählten nur zwei Fahrzeuge. Drei fehlten.

Thiemann legte das Funkgerät zurück, bremste abrupt und winkte dem ihn nachfahrenden Bus herbei.
Er kam neben ihm zum Stehen. Josch beugte sich hinüber und ließ das Fenster runter.
»Los raus!«, befahl Thiemann und stieg aus.
»Was …« Josch schlug auf das Lenkrad, öffnete seine Tür und ging zu Thiemann. Der hatte die Seitentür des Busses aufgerissen. Esperanza lag mit angewinkelten Beinen auf dem Klappbett. Paul kühlte ihre Stirn.
»Was ist los?«, wollte Thiemann wissen, seine Stimme zitterte. Josch stellte sich zu ihm. Wachsam.
»Ihre Fruchtblase ist geplatzt und die Blutungen haben eingesetzt«, berichtete Paul.
»Unser Baby, unser Baby«, stöhnte Esperanza und atmete schnell und flach zwischen den Worten.
»Bist du dir sicher, Paul? Wirklich sicher?«
Paul wollte antworten, dann verstand er die Frage in all ihrer Bedeutung. Er sah auf Esperanza, ihr Schoß und ihre Beine waren voller Blut.
»Ja. Ja, verdammt, ich bin mir sicher!«
»Alles ist gut, alles ist gut«, keuchte Esperanza wie ein Mantra.
»Und bei dir, Josch? Wo kommt das her?« Thiemann zupfte Josch am Jackenaufschlag und deutete auf die dunklen Flecken am Hals und im Gesicht.
Josch schwieg.
Thiemann und er sahen sich lange an.
Josch schüttelte langsam den Kopf, zeigte Thiemann eine Bisswunde an seinem Unterarm, schob mit einer Hand seine Haare höher und legte eine weitere, kleinere Wunde in seinem Nacken frei.
Thiemann nickte.
»Geht es gleich weiter?«, meldete sich Jeanette aus dem Unimog.
»Ja, gleich«, antwortete Thiemann.
»Wie?«, wollte er von Josch wissen, seine Stimme war ein Wispern.
»Ich mach das alleine«, antwortete Josch und zog seinen Rucksack und seine Waffe aus dem Wagen.
»Schlüssel steckt«, verabschiedete er sich von Thiemann. Thiemann fehlten die Worte, er nickte nur.
»Bitte beeilt euch!«, forderte Paul, der nur Augen für Esperanza hatte und nichts von alledem mitbekam.
»Beeilt euch«, flüsterte Thiemann zu sich selbst, ging zum Unimog. Bevor er einstieg, sah er Josch einige Augenblicke nach, wie er die kleine Straße zurück nach Bassum ging.
»Du fährst den Bus«, wies er Markus an.
»Josch?«
»Josch ist tot.« Thiemann setzte sich hinters Lenkrad und fuhr los.

Die beiden Fahrzeuge rasten durch das Tor, Dennis winkte sie zum Bunker, schloss das Tor hinter ihnen und rannte zum Bunkereingang, wo Cem den Ankommenden mit einer Taschenlampe leuchtete.
»Was ist …«
»Später. Das Kind kommt zur Welt!«
»Gibt es dort etwas wie ein Bett? Etwas, wo wir Esperanza hochlegen können? Dann brauchen wir heißes Wasser, Decken, am besten auch warm.« Thiemann stürzte zum Bus, wo Paul und Markus Esperanza heraustrugen. Schlaff hing sie in ihren Armen, schwitzte und stöhnte gelegentlich.
»Ich bleibe bei ihr«, bat sich Jeanette an. Nur sie und Thiemann waren je bei einer Geburt dabei gewesen. Thiemann nickte.
»Schlüssel!«, forderte er von Cem die Bunkerschlüssel, die dieser ihm übergab.
»Ist der sicher?«, wollte er wissen.
»Also, drinnen … ja, der ist sicher! Aber der Zaun weist Löcher auf und einer der Untoten hat geschrien, was andere anlocken wird. Drinnen gibt es Tische. Gleich oben.«
»Verstehe. Dann bleibt ihr zwei draußen und haltet Wache, sobald das Kind auf der Welt ist, reden wir.« Thiemann öffnete die Türen, schob, ohne sich lange umzusehen, mit Markus die Tische zusammen und legte Decken aus. Während Paul und Jeanette Esperanza in den Bunker begleiteten, eher trugen, denn ihre Beine knickten immer wieder weg und sie konnte sich kaum noch festhalten, rannten Thiemann und Markus zum Unimog, holten den Gaskocher und erhitztten Wasser in einem Topf. Paul und Jeanette hoben Esperanza auf die zusammengeschobenen Tische, sie war kaum noch zur Mithilfe imstande.
»Schatz, bleib wach jetzt! Halt durch!« Paul drehte sie vorsichtig auf die Seite, ihre Augenlider flatterten, ein kurzer wacher Moment zwischen den Schmerzen.
»Alles wird gut, Paul«, flüsterte sie.
»Ja. – Alles wird gut«, antwortete er. Seine Zuversicht schwand. Erst jetzt wurde ihm nach und nach bewusst, wie viele sie auf dem Weg hierher verloren hatten.
Jeanette bettete den Kopf der Schwangeren auf mehrere Kissen und begann, Esperanza zu entkleiden.
»Paul?«, hauchte Esperanza.
»Ja.«
»Ich … Vorhin … bevor ihr gekommen seid …« Sie suchte nach den richtigen Worten, als eine weitere Schmerzwelle aufbrandete, sie überrollte und ihr Bewusstsein unter sich begrub. Sie stöhnte erst, dann schrie sie.
»Das Köpfchen! Ich kann das Köpfchen sehen, Esperanza!« freute sich Jeanette, ließ Hose und Unterhose in den Kniekehlen der Gebärenden hängen und begann den Muttermund zu dehnen.
»Wasser!«, forderte sie von Thiemann.
»Ist gleich soweit«, antwortete er. Cem und Dennis gaben ihm per Handzeichen zu verstehen, dass sie auf ihren Posten gehen würden, mit einer unwirschen Handbewegung verabschiedete er sie.
»Jetzt pressen, komm, du schaffst es! Ich seh’ schon, wie es raus will, aber es braucht dich, Esperanza, komm!«, motivierte Jeanette und nutzte beinahe die Worte der Hebamme, die ihre Freundin damals, als alles noch in Ordnung war, während ihrer Geburt begleitet hatte.
»Komm, Esperanza, komm!«, stand Paul ihr bei, hielt ihren Kopf und streichelte sie. Trotz oder gerade wegen all der zurückliegenden Ereignisse wollte er die Geburt selbst nicht sehen. Ihm reichte es an Blut.
»Das Wasser und warme Tücher«, sagte Thiemann und ging Jeanette zur Hand. Er zeigte sich überrascht.
»Da ist ja tatsächlich schon das Köpfchen«, schluchzte er, wandte sich ab und kämpfte gegen Tränen an. Wie konnte es sein? Eben noch hatte er Freunde, gute Freunde verloren und jetzt musste er heulen, weil sich ein Baby in diese verdammte Welt kämpfte. Jeanette lächelte ihn an.
»Markus, es ist bald da!«, versuchte sie ihn an der Freude teilhaben zu lassen und sah zu ihm, doch Markus empfand keine Freude. Teilnahmslos stand er abseits, bereit, zu funktionieren, wenn er gebraucht wurde, doch innerlich war er leer und kalt.
Esperanza bäumte sich plötzlich auf, eine weitere Wehe, die sie stumm ertrug. Sie krampfte, kämpfte, ein schwarzer Schopf wurde in diese Welt gepresst, Schultern folgten, dann fiel sie in sich zusammen, blass und atemlos. Was hatte sie bloß Paul sagen wollen? Was? Dann wurde ihr schwarz vor Augen.
Jeanette griff dem Neugeborenen unter die Arme, zog sanft und barg es aus dem Schoß seiner Mutter. Der Winzling bewegte seine Arme. Die Nasenflügel bebten.
»Ein Mädchen!«, schluchzte Thiemann. Auch Paul weinte. Jeanette hielt es in die Höhe, Thiemann wickelte es in ein aufgewärmtes Handtuch und Jeanette reichte es Esperanza, die in diesem Augenblick die Augen aufschlug und ihre Arme nach dem Mädchen ausstreckte. Sie nahm ihr Baby zu sich. Der Säugling setzte zu seinem ersten Schrei in dieser neuen Welt an. Esperanza biss ihm in die Schulter, riss ein Stück Fleisch heraus und stöhnte gehaltvoll mit der letzten Luft, die noch als Lebende ihre Lungen gefüllt hatten.

Die Zeit gefror, der Anblick ließ alle zu Schock erstarren. Paul konnte sich als Erster aus diesem Zustand befreien. Er packte das Baby, um es aus dem Griff seiner untoten Freundin zu entreißen, obwohl es nicht gerettet werden konnte. Zerbrechlich, schoss es ihm in den Kopf und er minderte seine Kraft. Thiemann suchte nach dem fehlenden Hinweis, jenem Puzzlestück, nach dem sein Verstand schrie, um es sich zu erklären. Die Baumwollhose, Esperanzas Unterschenkel, der zerrissene Stoff, das Blut. Sie war bei dem Überfall gebissen worden. An ihm nagte die Gewissheit, versagt zu haben.
Esperanza riss das Baby aus Pauls unentschlossenem Griff. Aus einem Impuls widersetzte er sich ihren Anstrengungen, packte einen Arm, zog. Es knackte. Das Neugeborene schrie. Beide zogen, rissen an dem Körper herum, bis es nur noch wimmerte. Esperanza klammerte sich an Pauls Unterarm, zog sich hoch und ihn hinunter. Das Baby prallte auf den Tisch, baumelte in Pauls Griff. Esperanza biss Paul. Jeanette löste sich mit einem Schrei aus ihrer Starre und Thiemann drehte durch. Drei Schritte zu seinem Sturmgewehr. Er riss es hoch, zielte auf Esperanza und drückte ab. Jeanette folgte ihrem Instinkt, das Neugeborene schützen zu wollen, stürzte sich auf Thiemann und wurde von der ersten Salve zurückgeschleudert, niedergeschossen. Sie starb ohne einen Laut.
»Nein!«, schrie Thiemann, ohne den Finger vom Abzug zu nehmen. Paul, Esperanza und das Baby wurden von den Kugeln durchgeschüttelt.
»Nein!«, brüllte er, ein Laut, der an ein verwundetes Tier erinnerte und im Lärm seines widerhallenden Sperrfeuers beinahe unterging. Mehrere Kugeln waren tödlich, sowohl für Paul und das Baby, wie auch für Esperanza. Thiemann feuerte trotzdem weiter.
Der eine Schuss aus Markus Revolver sorgte für Ruhe. Thiemann sackte tödlich getroffen zusammen, mit einem Klatschen fiel das Neugeborene vom Tisch auf den Boden, mit einem metallenen Scheppern Thiemanns Sturmgewehr. Stille.
Wofür?
Die letzte Frage, die sich Markus stellte. Er schob sich den Revolverlauf in den Mund und beantwortete sich seine Frage endgültig, indem er abdrückte.

Dennis zündete sich eine Zigarette an.
»Scheiße, echt Scheiße. Klar, freu ich mich auf das Baby irgendwie, aber, ehrlich gesagt, bin ich auch echt traurig, Mann! Thomas, Nina …«
»Josch, Vincent, Sophie«, führte Cem die Aufzählung der Verstorbenen fort und nickte.
»Gib mir mal eine!«, forderte er von Dennis eine Zigarette. Der zögerte kurz, zuckte mit den Schultern, reichte ihm seine Packung und sein Feuerzeug. Beide rauchten und schwiegen. Cem wünschte sich, Dennis würde etwas sagen.
»Ich würde zu gerne wissen, was passiert ist«, dachte Dennis laut nach und blies Rauchkringel in die Nacht.
»Ob sie …« Er verharrte und lauschte. Cem auch. Aus den Lüftungsschächten der Bunkeranlage hörten sie … sie wussten es nicht augenblicklich einzuordnen.
»Scheiße, das sind Schüsse!«, wandte sich Dennis an Cem. Cem schüttelte den Kopf.
»Doch, Mann!« Dennis wandte sich ab, rannte zur Bunkertür und stellte fest, dass sie gar keinen Schlüssel besaßen, um hineinzugelangen. Er schlug gegen die Tür, rief nach Thiemann, ehe Cem ihn eingeholt hatte, ihn in den Schwitzkasten nahm und ihm den Mund zuhielt.
»Wir warten«, zischte er.
»Was immer da passiert ist, sollte jemand überlebt haben, wird er an uns denken und herauskommen. Wir warten und sind leise!« Dennis beruhigte sich, nickte, Cem ließ ihn los.

Drei Tage warteten sie, ehe sie die Hoffnung auf Überlebende aufgaben. Was blieb, waren Fragen, aber da sie keine Antwort erwarten konnten, vergaßen sie auch diese.
»Was jetzt?«, fragte Cem.
»Lass uns nach Hamburg gehen, in die Sicherheitszone. Dort soll es relativ sicher sein«, schlug Dennis vor.
Cem nickte. Das hörte sich gut an.

Vincent Voss

Vincent Voss

Nach meinem Abitur habe ich allerorts verlauten lassen, ich werde Schriftsteller. Ein halbes Jahr und ca. 70 Manuskriptseiten auf einer elektronischen Schreibmaschine später, habe ich dann eingesehen, dass man davon nicht leben kann und erst einmal etwas Vernünftiges unternommen. Eine Reise nach Südostasien.
2008 habe ich eher zufällig wieder mit dem Schreiben begonnen, ein Internetforum rief zu einem Schreibwettbewerb auf und meine Geschichte wurde entweder in den höchsten Tönen gelobt oder total verrissen. 2009 nahm ich dann gleich an mehreren Ausschreibungen teil und die ersten Veröffentlichungen in Kurzgeschichtenbänden folgten. Mittlerweile sind auch einige Romane am Start.
Mein kulturwissenschaftliches Studium aber mehr noch meine Tätigkeiten währenddessen (Tankwart, Aushilfe in einer Aluminiumverarbeitung, Marktverkäufer, Pflegehelfer auf einer akutpsychiatrischen Station, SAP-Logist in einem Telekommunikationsunternehmen, Call-Center-Agent, Pädagoge, Sänger einer Terrorjazzband, Altenpfleger, Bestatter, Fotografenassistent, Packer und Bodygard) haben mich zu Beobachtungen geführt, von denen ich beim Schreiben zehre.
Ich lebe glücklich mit meiner Familie im Norden Hamburgs und mag mich gerne gruseln.

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1 Kommentar auf "Die Hoffnung stirbt zuletzt"

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Karin Reddemann
Webmaster

Klar ist das Ende immer verdammt wichtig. Der Anfang einer Geschichte ist noch verdammter wichtiger, der muss (zu-)packen. Macht er. Besser als die Story ist hier freilich noch der Stil. Saubere Schreibe, gut pulsierend und ungeschnörkelt.

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