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Die Hölle: Eine Entdeckunsgreise | Teil 4: Neil Gaimans Sandmann-Serie

Unser Beginn war archaisch, bevor wir zu den Ursprüngen der gefallenen Engel reisten und für einen kurzen Zwischenstopp in einem anderen Universum halt machten. Heute landen wir an einem weiteren besonderen Ort.

Gemeint ist die Hölle, wie sie von einem guten Freund Pratchetts und einem Großmeister der Fantasy präsentiert wird. Es ist eine Comicbuch-Hölle, aber deshalb noch lange keine Lachnummer.

Die Hölle, die wir im Sandmann sehen, ist eine Dimension oder ein Reich unter vielen. Sie und ihr Herrscher werden zu Recht auch von den größten Wesen der Kosmologie Gaimans gefürchtet, aber sie ist immer noch eine politische Einheit, ein Land, das Staatsbesuche erhalten, überfallen und sogar gestürzt werden kann.

Im Aussehen ist diese Hölle riesig und seltsam und phantasmagorisch. Das Eingangstor ist ein weitläufiges Gewirr aus dicht gepackten organischen und architektonischen Elementen, ähnlich wie das von H. R. Giger entworfene Castle Grayskull. Endlose Ebenen erstrecken sich bis zum Horizont, hier und da übersät mit Bergen und weniger natürlichen Strukturen – unglaublich verdrehten Steingebäude, rülpsenden Schornsteinen und grausamen Folterkammern. Es gibt ein Meer aus Blut und einen überraschend schönen hellrosa Himmel.

Als Morpheus (alias Dream) diese Hölle besucht, bemerkt er, dass sie im Gegensatz zu den Steinhöhlen von Milton (wo wir schon waren) und Barlowe (wohin wir noch kommen) veränderlich ist. Diejenigen, die über genügend Macht verfügen, können diesen Bereich nach ihren eigenen Wünschen gestalten. Das wirft die faszinierende Frage auf, ob dieser Ort, den wir Hölle nennen, überhaupt höllisch sein muss. Auch ist sie so groß, dass selbst Luzifer ihre Größe nicht begreifen kann. Denn dieser Ort ist die Reflexion des Himmels, und wer könnte den Himmel quantifizieren? Kein Wunder also, dass die Hölle als ein Hauptstück der interdimensionalen Destinationen gilt, um das sich Dämonen, Götter, Engel, Feen und andere manifeste Prinzipien des Universums streiten.

Die Dämonen oder Dämonenarten, die dieses Land bewohnen, meiden meist die klassischen Flügel und Hörner und suchen nach exotischeren Kombinationen aus Merkmalen und Körperteilen:

  • Ein Riesenbaby mit einer noch angehängten Nabelschnur in Form einer lebenden Schlange.
  • Ein Wolf-Mantis-Skelett-Ding
  • Eine tödliche Kriegerin, deren rechte Seite schön und deren linke Seite eine verfaulte Ruine ist. (Vermutlich eine Anspielung auf die nordische Göttin Hel, die auf unserer Reise immer wieder auftaucht, obwohl sie nicht eingeladen war.)

Es gibt auch Wesen mit zusätzlichen Mündern, Wolken aus empfindungsfähigem Gas, Kreaturen mit pelzigen Körpern und freiliegenden Gehirnen und mehr. In gewisser Weise fühlt sich Gaimans Hölle dem Krieg der Sterne näher als Dante, obwohl es auch Hinweise auf die wahnsinnigen Gemälde von Hieronymus Bosch gibt. Keiner der Dämonenarten ist ein Eingeborener der Hölle und nur wenige sind gefallene Engel wie Luzifer. Die meisten fanden ihren Weg von “woanders” her, wie Luzifer es ausdrückt, und das deutetet auf andere Unterwelten und Höllen hin, auf ungeahnte Welten oder sogar auf eine entfernte und schreckliche Leere jenseits des Kosmos. In Comics gibt es immer Platz für eine andere Dimension!

Neil Gaiman; House of Whispers

Gaiman teilt einige Ideen mit Pratchett. Seine Hölle hat mehr mit Menschen als mit Dämonen zu tun. Viele der menschlichen Gefangenen dieser Hölle wollen bestraft werden – ihre Schuld, ihr Ego, ihr Bedürfnis, wahrgenommen zu werden – das alles manifestiert sich in dem Wunsch, dass ihre Sünden als wichtig genug anerkannt werden, um ein allgemeines Misstrauen zu rechtfertigen. Nur diejenigen, die glauben, dass sie die Hölle verdienen oder dort sein wollen, landen in der Hölle. (Es gibt Ausnahmen, von denen eine in der Haupthandlung der Serie beschrieben ist.) Gaiman hat eine ebenso allegorische Interpretation der Hölle parat wie Milton, aber mit dem Fokus auf moderne Ideen der Psychologie und nicht auf ältere Ideen wie die Natur der Sünde. Die Hölle ist eine Illusion, ein giftiger Geisteszustand, etwas, das wir uns selbst auferlegen und das wir nicht erleiden müssen, wenn wir es nicht wollen.

Bis hierher haben wir die Reise also schadlos überstanden. Jetzt folgen Sie mir den Gang entlang, den wir gerade gemeinsam erschaffen haben. Wir verlassen die vielschichtige Welt der Comics und nicken auf dem Weg nach draußen respektvoll zu Hellboy, Spawn, Constantine, dem Ghost Rider und Etrigan. Natürlich sehen wir im Vorbeigehen auch, was die Besetzung von “Preacher” sich gegenseitig antut.

Ich nehme an, die nächste Hölle wird Ihnen jetzt wie eine kleine Erleichterung vorkommen. Wenigstens gibt es dort Schönheit. Und vielleicht finden wir etwas Wasser, mit dem Sie das Erbrochene von Ihrer Kleidung waschen können.

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