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Die Hölle: Eine Entdeckunsgreise | Teil 2: Miltons verlorenes Paradies

Im ersten Teil unserer Reise durch die Hölle haben wir uns Dantes Inferno angesehen. Wir sind vorgedrungen bis in die Hauptstadt Dis, wurden Zeuge einiger überaus wunderlicher Bestrafungen, konnten aber nicht genug bekommen von diesem interessanten Ort. Und so geht es Nonstop weiter – ins Zentrum der gefallenen Engel.

Paradise Lost

(c) Gustave Doré

Milton, der mehrere Jahrhunderte später schrieb, war weniger mit den Details der Hölle beschäftigt als Dante. Für ihn war sie nur ein Teil der großen kosmischen Kulisse für sein tragisches Charakterspiel; mit feurigen Golfen, ewigem Leid und unerbittlichen Ketten, die dem himmlischen Drama Würze verleihen.

Aber er schuf ein dauerhaftes und faszinierendes Bild der Hölle. Dieser göttliche Kerker voller Qualen und “Regionen der Trauer” brennt ständig, hat aber kein Licht, nur eine Art sichtbare Dunkelheit, die vom unendlichen Höllenfeuer geworfen wird. (Ich stelle mir vor, dass es sich um eine Art grün-schwarze Farbe handelt.)

Oder besser gesagt, die eine Hälfte von Miltons Hölle steht in Flammen. Die andere Hälfte ist ein Kontinent aus Eis, der von ständigen Schneestürmen und Winden heimgesucht wird. Ich stelle mir gerne vor, dass die nordische Totengöttin Hel diesen Ort ihr Zuhause nennt und dass Luzifers Heerscharen ihre Armee der entehrten Toten erst besiegen mussten, um ihn in Besitz nehmen zu können.

Die verdammten Seelen der Menschen werden routinemäßig von einer Hälfte der Hölle zur anderen über den Fluss Lethe gebracht (dessen Wasser sie ihre Qualen vergessen lassen könnte, wenn sie es nur erreichen könnten), so dass sie umso mehr leiden. (Stellen Sie sich vor, Sie springen aus einem heißen Bad in einen Schneehaufen, dann wieder zurück, für immer und ewig, aber schlimmer.) Lethe ist einer der berühmtesten Flüsse der griechischen Unterwelt, so dass man festhalten kann, dass die westliche Literatur hier immer noch nicht über ihre klassischen Wurzeln hinweg gekommen ist.

(c) Gustave Doré

Miltons kurze Beschreibung der gefallenen Engel (frisch von der Armee des Himmels besiegt und niedergeschlagen), die sich auf den Weg machten, die Hölle zu erforschen, um zu sehen, ob es auch schönere Viertel als den brennenden Lavasee gab, in dem sie gelandet sind, ist wirklich beeindruckend. Diese Passage gäbe eine großartige Kurzgeschichte her. Man stelle sich vor, die Hölle wäre Neuland und Sie und Ihre Mitmenschen wären auf der Suche nach irgendeinem Stück Trost in diesem hoffnungslosen Land. Welche dunklen Wunder würden Sie aufdecken? Würden Sie ein karges Land finden, das nur darauf wartet, in ein wahres Denkmal des Bösen umfunktioniert zu werden?

Milton gab uns auch die Hauptstadt des Pandämoniums. Heutzutage hat das Wort Pandämonium seine unheimliche Konnotation verloren. Eltern können damit sogar ein lebendiges Kinderfest beschreiben.

Wenn wir uns die Wurzeln des Wortes Pandämonium ansehen, bekommen wir Pan (alles) – und Dämonium – was natürlich Dämonen bedeutet. Das Pandämonium ist ein Ort, an dem sich alle gefallenen Engel und falschen Götter aus Luzifers gescheiterter Rebellion versammeln können, um über eine Strategie zu diskutieren. Dies ist das Parlament der Teufel, wo sie entscheiden, was die Natur und der Zweck des Bösen sein soll. Trotz alledem ist es ein wunderschöner Ort – ein vergoldeter und unglaublich verzierter Tempel. Miltons Hölle ist reich an Gold (der Mittelpunkt so vieler Todsünden), und ihre Bewohner waren bis vor kurzem Engel, ausgestattet mit dem Geschmack für die Herrlichkeit des Himmels und einem Verständnis für Architektur, die der Mensch erst nach langer, langer Zeit erreichen würde.

Uns wird nicht wirklich gesagt, wie groß das Pandämonium ist, nur, dass Menschen ein ganzes Zeitalter gebraucht hätte, um es zu erbauen, aber von den Dämonen in einer Stunde geschaffen wurde, und dass die Heerscharen aus Luzifers Armee sich von ihrer üblichen riesigen Größe verabschieden und schrumpfen mussten, um hineinzukommen.

Dante zeigte uns eine Hölle, die längst etabliert war. Milton führt uns in eine schreckliche Wildnis und lässt uns die Anfänge des höllischen Reiches sehen, das Luzifer und seine Legionen aus ihm herausschneiden würden. Von Milton bekommen wir die Idee, dass die Hölle glorreich und grandios und sogar bequem für gefallene Engel sein kann, wenn nicht sogar für gefallene Menschen. Und wir werden ergreifend daran erinnert, dass Satan, das monströseste, verkommenste und schmutzigste aller Wesen im Kosmos, einst Luzifer war, der hellste und beste aller Engel Gottes.

(c) Gustave Doré: Satan spricht mit der Sünde und dem Tod

Luzifer selbst bezieht sich darauf, wenn er versucht, die riesige Gefängnishöhle der Hölle zu verlassen, wo er zwei kolossale und abscheuliche Kreaturen vorfindet, die das einzige Tor bewachen, das an der höchsten Stelle der Steindecke zu finden ist.

Die Sünde ist Satans Tochter und entsprang seinem Kopf, als er zum ersten Mal die Idee der Rebellion gegen Gott hegte. (Das ist übrigens ein eklatanter Abklatsch der Ursprungsgeschichte von Athena, der griechischen Göttin der Weisheit und des Krieges.) Die Sünde sah unglaublich reizend und verführerisch aus und hatte prompt eine Affäre mit ihrem Schädel-Vater. Der Tod ist ihr Nachwuchs; auf ihm und seiner Mutter lastet der Fluch der Rebellion, was bedeutet, dass sie in schrecklichen Formen erscheinen müssen und können.

Der ganze Text ist sehr allegorisch, aber er wirft einen faszinierenden Punkt auf, der von einem oder zwei späteren Autoren aufgegriffen wurde. Was wäre, wenn die Hölle bereits bewohnt gewesen wäre, bevor ein Drittel der himmlischen Heerscharen in Ungnade fiel und dort eingesperrt wurde? Was könnte in der Hölle heimisch sein?

Vielleicht werden die Antworten auf diese Fragen noch kommen. Folgen wir vorerst Luzifer aus dieser Höhle, fliegen weg und verlassen für den Augenblick sogar unser eigenes Sonnensystem.

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