Die Hölle: Eine Entdeckungsreise | Teil 6: Alan Campbells Kettenwelt-Chroniken

Jetzt sind wir schon eine Weile unterwegs und weit gekommen. Unser Ausgangspunkt ist hier verzeichnet (wie gut, dass wir alles notiert haben). Wer diese Reise also noch einmal machen möchte, oder sich nicht mehr erinnert, der kann dorthin zurück kehren. Wer allerdings nur die letzte Station verschlafen hat, der kann sich auch gerne dort noch einmal umsehen. Das Hauptfeld zieht weiter, und ich kann nicht dafür garantieren, dass wir hier sicher sind. Aber wo waren wir das jemals?

Alan Campbell ist einer der grimmigsten Grimdark-Autoren, der jemals ein Buch verdunkelt hat. Außerdem ist er ziemlich erfinderisch und hat einen extraordinären Hang zur bombastischen Satire.

Wie Pratchetts Hölle ist auch Campbells dunkler Ort nicht an die Erde gebunden. Während viele Höllen auf die Vision mit Feuer und Schwefel zurückgreifen, wird diese hier mit Blut geschmiert. Ähnlich der Sandmann-Kosmologie wird Campbells Hölle von ihren Bewohnern gestaltet. Die Stadt Deepgate reagiert also auf die Gedanken derer, die in ihr gefangen sind. Allerdings äußert sich dieser Effekt eher körperlich. Hier erwacht jede Seele in einem Körper, wie sie ihn auch zu Lebzeiten hatte. Der Körper ist in einem Raum gefangen, der die Erinnerung und Psyche der verdammten Seele widerspiegelt. Hat die Seele Angst, wird dieser Raum defensiver und potentiell gefährlicher, beginnt die Seele, sich um bestimmte Formen der Folter zu sorgen, dann manifestieren sich diese auch im Raum. Diese Hölle beansprucht die Ängste des Verdammten und macht seine Meinung zur Rute für seinen Rücken. Der eigentliche Spaß beginnt, sobald man merkt, dass der Raum auch man selbst ist. Jeder Schatten, der dabei entsteht, ist bereits so schmerzhaft wie ein wirklicher Angriff auf den “Körper”. Außerhalb des Raums zu sein (der also das Selbst ist) bedeutet, so verletzlich zu sein wie ein Fötus außerhalb der Gebärmutter.

Seelenräume neigen dazu, sich zu einzelnen Einheiten zusammenzuschließen, die Midden genannt werden – eine Art empfindsamer Turmblock, der aus einer von Fleisch und Blut durchdrungenen Architektur besteht. Jeder Midden gleitet langsam durch die von Toren durchzogene Landschaft der Hölle, je nach den Launen der Mehrheit seiner Bewohner. Es scheint an diesem Ort nichts so Formales zu geben wie Dantes Höllenkreise, aber Seelen mit ähnlichen Sünden finden sich und  fügen sich zusammen.

Dies allein wäre bereits eine ziemlich erschreckende Art, um die Ewigkeit zu verbringen, aber es wird noch schlimmer.

Diese Hölle ist ein militärisch-industrieller Komplex. Sie wird von König Menoa regiert und von einer Armee von Mesmeristen bewacht. Menoa ist entschlossen, das Reich der Lebenden zu erobern und deren dekadente Götter zu zerstören. Seine Mesmeristen versklaven Seelen und formen sie um, damit sie den Zwecken des Höllenkönigs entsprechen, wie z.B. die Errichtung gigantischer Kriegsmaschinen, um der Welt, die über der Hölle liegt, die Zerstörung zu bringen.

Menoa selbst freut sich daran, auch seinen engsten Dienern neue Formen aufzuzwingen. Aber noch grausamer sind die großen Fleischereimaschinen, die Tausende von Seelenräumen abbauen, zerkleinern und ernten, um den ständig wachsenden Blutdurst der Hölle zu stillen. Blut ist der Grundstoff der Hölle und das Baden darin ermöglicht es den Verdammten, in der Welt der Lebenden eine Zeit lang zu überleben. Menoa benötigt also einen endlosen Vorrat davon, wenn er die Welt erobern will.

Die Dämonen aus Barlowes Hölle mögen sich vielleicht nicht um die Seelen kümmern, aber zumindest besteht dort die Chance, eines Tages frei zu kommen, selbst wenn es Jahrtausende dauert, die man als Teil einer Brücke verbringt, bevor diese glückliche Tag anbricht. In Campbells Hölle stehen die Chancen gut, dass der Einzelne kaum besser gestellt ist als irgendein Ersatzteil, das diese schreckliche Mühle mit am Laufen hält. Nicht einmal der Mühe der Folter wert. Es ist die Hölle der Industrialisierung, des zügellosen Kapitalismus und der ultimativen Form der Entmenschlichung.

Mit diesem charmanten Gedanken im Hinterkopf ist unsere Reise fast vorbei, aber wir haben noch einen letzten Ort zu besuchen. Wir sind über Feuerseen und Blutflüsse gesegelt, haben die Leere zwischen den Sternen durchquert und merkwürdige Dimensionen durchschritten. Jetzt kommen wir an die Grenzen der Hölle und müssen über sie hinausgehen, zu den älteren und fremderen Regionen der Toten.

Ich hatte einen freundlichen Wanderer beauftragt, uns durch die Lücken in der Welt zu führen, bis wir den richtigen Ort erreicht haben, aber er scheint sich auf dem Weg verirrt zu haben. Wahrscheinlich ist er betrunken in einem Graben gelandet. Nun gut, schließen wir uns einfach der Monsterkarawane an. Ich denke, ich habe genügend Papiergeld, um sie davon zu überzeugen, dass wir sie eine Weile begleiten sollten.

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