Die Hölle: Eine Entdeckungsreise | Teil 5: Wayne Barlowes Götterdämonen

Nachdem wir uns angeschaut haben, wie Dichter, Schriftsteller und Comicautoren die Hölle beschreiben (hier, hier und hier), werfen wir nun einen Blick auf die Vorstellung eines Schriftstellers, der außerdem ein Maler ist.

Es ist leicht auszumachen, dass Wayne Barlowes Jenseitsvorstellung der archetypischen Hölle der Fantasyliteratur entspricht. In seinem Werk finden wir Zeichnungen nach Dantes und Miltons Maßstab, an dem alle modernen Darstellungen der Hölle gemessen werden. (Die Hölle des Sandmann-Comics ist hierbei kein Fantasyroman per se und schließt sich also aus.)

Barlowes Hölle ist ein monolithisches und fremdes Reich, aus dunklen und felsigen Einöden bestehend, die vom unheimlichen Glanz dämonischer Glyphen erhellt und von den gewaltigen Zitadellen der Gefallenen bedroht werden. Diese Welt ist besonders deshalb interessant, weil sie bereits vor der Ankunft der Dämonen eine eigene einheimische Flora besaß. Einschließlich der wilden, aber empfindungsfähigen „Salamandrin Men“, die im Hinterland der Hölle einherstreifen und von dem Tag träumen, an dem sie ihre Heimat von den höllischen Invasoren wieder zurückerobern können. Was Milton uns nur suggeriert hat: Barlowe liefert es.

“Die Straße von Dis”; (c) Wayne Barlowe

Im Gegensatz zu Dantes Inferno, wo man zumindest eine auf die eigene Bosheit zugeschnittene Strafe erhält, behandelt diese Version der Hölle die menschliche Seele als erneuerbare Ressource, eine Vorstellung, der wir auf dieser Reise mehr als einmal begegnen. Seelen in ihrem natürlichen Zustand sehen vage menschlich aus, können aber zu steinartigen Blöcken, Reittieren und sogar zu riesigen elefantenartigen Kriegstieren geformt werden. Viele Seelen schufteten Hunderte von Jahren lang, errichteten große Gebilde aus anderen verdammten Sterblichen für ihre dunklen Aufseher, bis sie schließlich selbst zu Ziegeln verarbeitet wurden, dazu verdammt, den Rest der Ewigkeit als Mauerwerk zu verbringen.

Während es Dämonen gibt, die Sterbliche in Versuchung und auf den Weg zur Sünde führen, sind sie nur die Teilmenge der dämonischen Gesellschaft, ein wenig so wie Bauern oder Bergleute in unserer Welt. Dämonenlords (genannt Dämonen-Majore) handeln wie feudale Kriegsherren, die hauptsächlich darum bemüht sind, ihr Territorium auf Kosten ihrer Nachbarn zu vergrößern und den Luxus genießen, den der Abyss zu bieten hat. Kleinere Dämonen (oder minderwertige Dämonen) fungieren als Krieger, Höflinge, Seelenfertiger und Sklavenhalter. Das Töten eines anderen Dämons und das Absorbieren seiner Glyphe gewährt ihnen allerdings ebenfalls eine gewisse Macht.

“Was von der Hölle übrigblieb”; (c) Wayne Barlowe

Als Künstler hat Barlowe natürlich einige dieser Szenen aus seiner Hölle gemalt. Daraus können wir ersehen, dass Dämonen-Majore ein exquisites unmenschliches Aussehen haben. In großer Höhe geboren, mit Flügeln, die aus ihrem eigenen Fleisch gewebt sind: Häute, die wie tätowierte Zeichen leuchten und unter höllischer Magie brodeln, erheben sie sich über die seltsame Landschaft des Infernos, das sich unter ihnen ausdehnt. Die Landschaft der Hölle selbst ist bei Barlowe wunderschön – ein Landstrich voller ausgedehnter und launischer Blautöne, komplizierter Obelisken, die über uralten Städten auftauchen, und voller kunstvoll-unnatürlicher Kreaturen, die an den Ufern von Flüssen aus flüssiger Lava stehen.

Ungewöhnlich für eine erdnahe Hölle ist der Herrscher dieses Abgrunds nicht Luzifer/Satan (eine Idee, die Clive Barker auch in „Das Tor zur Hölle“ nutzt). Nach seiner gescheiterten Rebellion soll der Morgenstern nämlich so weit und so schnell gefallen sein, dass er wie ein Komet auf den Boden von Barlowes Hölle fiel und zu einer feinen Paste zerschlagen wurde. Stattdessen regiert der weitaus weniger charismatische Beelzebub, der Herr der Fliegen, als Regent der Hölle. Beelzebub besteht aus einem wuselnden Fliegenschwarm, der in der Lage ist, jede Form anzunehmen, und hält Lilith, die erste und gefallene Frau Adams, als seine Konkubine. In seiner Prosa erforscht Barlowe diese spezielle Intimität. Auf eine gewisse Weise …

“Beelzebubs Unterschlupf”; (c) Wayne Barlowe

Barlowe verweist auch auf andere Figuren der abrahamitischen Mythologie. Der berühmteste davon ist Samyaza, ein titanischer gefallener Engel, der bereits vor Luzifers Rebellion wegen des Verbrechens, sich mit sterblichen Frauen zu paaren, in die Hölle verbannt wurde. Samyaza und seine Mitengel vom Orden der Wächter zeugten die verfluchte Rasse der Riesen, die als Nephilim bekannt ist. Es wird behauptet, dass die Übergriffe dieser Rasse Gott dazu veranlasste, die Große Flut zu entfesseln. Samyaza liegt angekettet unter Barlowes Version der Dämonenstadt Dis und seine wütenden Schreie erschüttern die Stadt regelmäßig bis in ihre Grundfesten.

Wie Dante nutzt Barlowe die Hölle als Lagerstätte für jene historischen Persönlichkeiten, die ihn interessieren. Während die meisten Seelen so weit unterdrückt werden, bis sie sogar ihre Identitäten verlieren, erleben wir im Laufe der Geschichte, wie einige von ihnen ihre Individualität wiedererlangen und ein neues Schicksal bekommen. Etwa bekommt Hannibal, der große Feldherr der Geschichte, einen weiteren Feldzug gegen einen Feind, der weitaus fremdartiger und schrecklicher ist als das kaiserliche Rom.

Wir haben genug Zeit hier verbracht; ich habe nicht den Wunsch, als Teil eines dekorativen Steingartens zu enden. Sehen Sie die Wunde, die sich in den Wänden der Realität öffnet? Folgen Sie mir hindurch und wir werden sogleich die Ufer einer ganz neuen Art von Hölle aufsuchen.

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