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Die Hand, die ins Irgendwas greift

(Titelbild: Poltergeist, copyright: Metro-Goldwyn-Mayer/Fox 2000 Pictures, 2015)

Damals dachte ich, dass es möglich wäre, in Spiegel zu greifen. Die Finger hineinzutunken wie in eine Pfütze oder ein Glas Milch. Nur die Finger. Mehr vorzustellen traute ich mich nicht. Später sagte mir ein alter Mann am Kamin, dass es zu viele schlechte Geschichten über Spiegel gäbe. Es würde ihn langweilen, dahinter die verkehrte Welt zu sehen. Ich teilte seine Meinung nicht, nickte aber höflich. Er war grau und müde, er betrachtete nicht mehr wirklich.

Trotzdem erzählte ich ihm meinen Traum von der Hand, die ich fassen soll und verfehle. Sie kommt aus dem Spiegel, vor dem ich stehe, und ich weiß nicht, wem sie gehört. Ich will sie halten und drücken, sie herausziehen und einen Arm, einen Kopf sehen, obgleich ich diese seltsame Angst vor ihr habe, aber ich schaffe es nicht. Ich greife ins Leere. Die Hand verschwindet wieder. In mir kommt diese Panik auf, nicht habe helfen zu können. Aber vor was?
Ich bin auf diese sonderbare Art erleichtert. Weil ich nicht weiß, was passieren würde, wenn ich sie…? Oder sie mich? Bei dem Gedanken erschrecke ich furchtbar. Wenn sie mich hineinzerren, hindurchziehen würde, wäre ich dann dort, wo niemand mich davor warnt, zu atmen?

Der Mann am Kamin sagte, sein Bruder hätte einen Kameraden im Gebirge verloren, weil seine Hand die des Freundes nicht hätte packen können. Direkt neben ihm wäre er abgestürzt mit dem Tod in den Augen und einer letzten Frage: Warum hast du mich fallen gelassen?

Er sah mich lauernd an, dann, als ich nichts entgegnete, fast enttäuscht. Ich hätte wohl betroffen reagieren müssen, aber das wäre ihm nicht gerecht geworden. Er wusste mehr, als er zugeben wollte.

Ich dachte zurück: Es war einer dieser entsetzlich schwülen Urlaubstage, die Kinder quengeln lassen. Ich gehörte zu den Stillen, die mit ernster Mine neben ihren Eltern auf staubigen, steilen Rundwanderwegen trotten und ihnen nur schweigend die Schuld geben. An der Hitze. An den roten Sandalen, in denen die nackten Füße kleben. An den Mücken. Am Ziel, das mich nicht wirklich interessierte: Ein Aussichtslokal mit eingezäunter Plattform, von der aus man das ganze Tal betrachten konnte. Ich ging am Gitterzaun in die Hocke, blickte durch die Stäbe hinunter und überlegte, wie lange es dauern würde, bis meine Spucke irgendwo in einer Baumkrone oder auf einem Ameisenhaufen landen würde. Vielleicht auch im Wasser.

Dort ganz tief unten war ein See, und ich dachte, wäre ich jetzt etwas kleiner und würde durch das Gitter passen, dann könnte mich jemand schubsen oder in den Rücken treten und ich würde fallen. Mag sein, nicht sofort. Ich würde schwanken und taumeln und vermutlich nach meinen Eltern rufen, aber bis die das gehört, das alles überhaupt bemerkt hätten, wäre es längst zu spät. Keine Hilfe. Keine Hand. Ich würde hinunter stürzen und dabei hin und her schwanken und rudern und flattern und es wissen. Meine Eltern würden sich dort oben über die Brüstung lehnen und ihre Arme nach mir ausstrecken und schreien: „Wer hat das getan?“

Während ich durch die Stäbe nach unten blickte, war ich bereits tot, und ich drehte mich kurz um und schaute mir all die fremden Leute an, die auf der Plattform standen. Ich suchte meinen Mörder, fand ihn nicht, dachte ihn mir aus und versank wieder in der Tiefe.

Dann sah ich es fallen. Ich starrte ihm hinterher, bis der See es verschluckte. Es ließ mich schaurig werden. Noch mehr.
Es war das Halstuch einer Frau.
Es war ein Kind. Es war meine Schwester, die eben noch neben meinem Vater am Aussichtsfernrohr gestanden hatte. Sie hielt mir ihre kleine Hand entgegen, und ich griff nach ihr und griff ins Leere.

Sie fiel und sah mich an, und ihre Augen fragten warum. Sie sind grün. Aber sie waren gelb. Ihr Gesicht war schuppig und völlig verzerrt, sie hatte ganz blutige Lippen, und ihre Zähne waren braun und spitz. Ihre Hand, die ich plötzlich doch in meiner hatte, fühlte sich pelzig, groß und böse an. Ich ließ sie los und atmete auf. Sie fiel.

Ich schenkte ihr drei Groschen vor unserem Abstieg. „Für Kaugummi“, flüsterte ich, „erzähl das Mama nicht.“

Der Mann am Kamin sagte, er würde nichts aus einem Brunnen ziehen, das gelbe Augen hätte. Ich sagte, manchmal muss man das, egal, was kommt. Das sind nur Geschichten, sagte er, und hinter den Spiegel gehe ich längst nicht mehr.

Er wird diesen Film nicht gesehen habe. Mirrors. Wenn er liest, bewegt er seine Lippen und lächelt. Oder runzelt die Stirn. Manchmal wird sein Blick ganz finster. Dann ist er dort, wo sie alle irren und richtig liegen. Der Alte am Kamin würde diesen Film nicht mögen, er beweist nur, dass er lügt. Ich durchschaue ihn und auch mich, wenn Ben Carson in der spiegelverkehrten Welt die Handabdrücke der Verlorengegangenen sieht. Und ich überlege:  Würden Finger aus meinem Fernseher kommen, käme mir in den Sinn, über sie zu schreiben. Vielleicht würde ich sie berühren. Aber dann möchte ich aufwachen können wie damals. Und weiß doch, dass das so nicht mehr funktioniert.

Manchmal bin ich vernünftig und sehe Sylvester Stallone in den Bergen, weit oben, wo er seine Freundin fallen lässt. Das hat sie nicht verdient, denke ich. Im Horrorfilm High Lane lässt Guillaumme einen Mann fallen, ohne dass ich mich mit Moral beschäftigen muss. Oder mit eigener Angst.
Ich fürchte mich nicht auf spektakuläre Art davor, dass jemand meine Hand nicht greift. Es nicht kann. Nicht will. Nicht soll. Vielleicht. Ich fürchte mich auch nur bedingt davor, diese andere Hand zu nehmen, die aus der Ecke, aus der Tiefe, aus dem Schrank, aus dem Spiegel kommt.

Ich greife zu. Weil ich wissen will, ob das alles wahr ist. Wenn ich winke und zurückweiche, wenn ich meine dunklen Augen aufreisse und in gelbe Löcher blicke, wenn ich eine Fahne schwenke und ein Messer zücke, dann ist alles verkehrt genug, um gut zu sein. So gut und so wahr wie ein namenloses Märchen, das nur in der Nacht seine Zuhörer hat. Wir sprechen eine Sprache. Das genügt.

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (145 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
Kontakt: Webseite

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3 Kommentare auf "Die Hand, die ins Irgendwas greift"

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Erik R. Andara
Redakteur
Ich weiß noch, ich habe als Kind immer meinen Kopf gegen den Spiegel gelegt und so weit als möglich zur Seite gedreht, damit ich mich selbst nicht in der anderen Welt sehen kann; ich dachte, wenn ich selbst nicht darin wäre, könnte ich sie durch diese Lücke betreten, diese Welt, die eigentlich nur seitenverkehrt ist, aber trotzdem so fremd wirkt; das Problem war, wenn man auf die andere Seite druchdringen wollte – Hand voran – dass sein Widerpart es gleichzeitig versuchte, und man so immer auf sein eigenes Abbild als natürliche Barrikade traf, die einem mit dem gleichzeitigen Durchbruchsversuch den… Read more »
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