Die Gestaltwandler

Was ist ein Gestaltwandler?

Jede Kreatur, die in der Lage ist, eine drastische Veränderung des Aussehens herbeizuführen, ist dem Grunde nach ein Gestaltwandler. Obwohl sie manchmal monströse Formen annehmen, sind Gestaltwandler nicht immer böse. Sie können blutrünstig, schelmisch, hilfreich oder irgendetwas dazwischen sein.

Merkmale

Natürlich ist es schwer, das Aussehen eines Gestaltwandlers festzulegen. Als Individuen verändert sich ihre Form ständig, und als Gruppe, die sich über Dutzende von Kulturen erstreckt, halten sie eine größere Vielfalt an Formen bereit, als dass man sie alle aufzählen könnte.

Schönheit ist vielleicht der größte Trend in ihrem Aussehen. Diese Charaktere erscheinen häufig als strahlende Jungfrauen oder starke junge Männer, deren Schönheit jeden, der ihren Weg kreuzt, betört. Andere beliebte Formen sind wolfähnliche Tiere und Schlangen.

Gestaltwandler sind in ihren Fähigkeiten ebenso vielfältig wie in ihrem Aussehen. Das Gestalwandeln selbst ist manchmal mehr ein Fluch als eine eigentliche magische Fähigkeit.

In der alten Mythologie ist die Formwandlung nur eine der endlosen magischen Fähigkeiten, die von gottähnlichen Charakteren genutzt werden. In der Trickser-Folklore ist die Formwandlung die einzige magische Fähigkeit der Charaktere, aber sie kombinieren sie mit so viel List, dass sie dennoch eine mächtige Kraft darstellt. In romantischen Märchen ist die Formwandlung meist eine Belastung für an sich machtlose Charaktere, die gewöhnlich von einem mächtigeren magischen Wesen betrogen oder verflucht wurden.

Gestaltwandler in der Gesamtkultur

In japanischen, chinesischen und koreanischen Legenden finden sich überall Spuren von Gestaltwandlern. Oft sind es Füchse, die sich in schöne Mädchen verwandeln. Diese Charaktere haben meist keine guten Absichten und benutzen ihre Schönheit, um Männer zu verführen und zu töten, aber gelegentlich stellt sich eine der Gestaltwandlerinnen als unschuldige romantische Schönheit heraus. Manchmal nehmen Gestaltwandler auch andere Formen an wie Schlangen, Katzen, Dachse und Waschbären.

Die indische und tatarische Folklore bevorzugt Gestaltwandler, die von Schlangen zu Menschen werden. Auch hier führen diese Charaktere fast nie etwas Gutes im Schilde.

Griechische und römische Mythologie

Anscheinend waren alle griechischen und römischen Götter Gestaltwandler, obwohl einige von ihnen es besonders liebten, ihre Form zu verändern und andere weniger.

Proteus, ein Meeresgott, wurde berühmt für seine Fähigkeit, von einer Form zur anderen zu wechseln, sobald Feinde ihn verfolgten. Zeus, der Anführer der Götter, nutzte sein Talent im Gestaltenwandeln für einen schändlichen Zweck; da er den Ruf hatte, Frauen schlecht zu behandeln, nutze er seine Gabe als eine Möglichkeit, sich einem neuen Opfer in anderer Gestalt zu nähern.

Auch waren die Götter in der Lage, andere Menschen in Tiere und Objekte zu verwandeln. Oft wurde diese Art der Verwandlung als Strafe benutzt; die Göttin Athena verwandelte die sterbliche Arachne in eine Spinne, weil sie Athenas Geschicklichkeit beim Weben herausgefordert hatte, und Zeus verwandelte den sterblichen Lykaon in einen Wolf, weil er versuchte, Zeus dazu zu bringen, Menschenfleisch zu essen. In anderen Fällen nutzten die Götter ihre transformativen Kräfte jedoch auch, um einen Sterblichen zu schützen. Zeus verwandelte Io, eine schöne Nymphe, in eine Kuh, um sie vor seiner eifersüchtigen Frau Hera zu verstecken, und Apollo trauerte um den Verlust seines Geliebten Hyakinthos, indem er ihn in eine wunderschöne Blume verwandelte. Die meisten dieser Sterblichen wurden nicht zu wahren Gestaltwandlern, nachdem sie von den Göttern verändert worden waren, weil sie eben nicht in der Lage waren, sich wieder in eine menschliche Form zurück zu verwandeln. Sie waren für den Rest der Zeit in einer nicht-menschlichen Form gefangen.

Nordische Mythologie

Wie die Griechen schrieben auch die Nordländer ihren Göttern die Kraft der Formwandlung zu. Loki, der Gott des Chaos und des Unfuges, mochte die Formwandlung besonders gerne und konnte jede gewünschte Form annehmen, er bemutterte sogar ein paar Monster, während er in weiblicher Gestalt auftrat! Freyja, die Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit, hatte einen Umhang aus Falkenfedern, der es ihr erlaubte, sich nach Belieben in einen Falken zu verwandeln. Ebenso liebte es Odin, sich in die Form eines Adlers zu verwandeln.

Manchmal wurden selbst die sterblichen nordischen Menschen dazu inspiriert, die Form zu wechseln. Die Schamanen glaubten, dass sie durch das Erreichen eines rituellen Zustandes ihren Geist aus ihrem Körper in Form eines Tieres hinein leiten könnten, um so durch die Welt zu wandern, während die als “Beserker” bekannten Krieger glaubten, dass sie die Gestalt eines Wolfes annehmen oder im Kampf tragen könnten, indem sie sich die Haut des Tieres umlegten. Bewusstseinsverändernde Drogen mögen dafür verantwortlich gewesen sein, sowohl Schamanen als auch Berserkern davon zu überzeugen, dass sie tatsächlich Gestaltwandler waren.

Keltische Folklore

Hexen, Barden und Zauberer sind für den Löwenanteil der Formwandlungsprozesse in der keltischen Folklore verantwortlich. Mit ihrer Gabe und Magie konnten diese Charaktere fast jede Form annehmen, die sie wollten, und sie verfluchten häufig auch Helden und Prinzessinnen und gaben ihnen eine hässliche Gestalt, bis der Fluch gebrochen war.

Im alten Schottland spukten zwei besondere Arten von Gestaltwandlern in den Gewässern. Selkies, eine Art Seehund, der sich in einen Menschen verwandeln konnte, hatte seinen Spielplatz im Meer, während Kelpies, ein Wassergeist, der sich in ein Pferd oder eine Frau verwandeln konnte, in den Seen und Flüssen lebte. Beide Kreaturen versuchten, Menschen ins Wasser zu locken, wo sie häufig ertranken.

Indianische Folklore

Das Navajovolk und viele verwandte Stämme nennen die Tradition von “Skinwalkern” ihr eigen, eine Gruppe von Hexen, die sich in Kojoten, Wölfe, Füchse, Eulen oder Krähen verwandeln können. Während die Skinwalker sicherlich nicht menschenfreundlich sind, sind sie aber auch nicht besonders gefährlich. Sie genießen es, Menschen zu erschrecken, aber sie haben noch nie jemandem körperlichen Schaden zugefügt.

Moderne Fiktion

Gestaltwandler haben die menschliche Vorstellungskraft schon immer beeinflusst, und sie sind weiterhin zentrale Figuren in unseren Fiktionen.

Spezifische Charaktere finden sich in einigen der beliebtesten Fantasy-Romane dieses Jahrhunderts. In J.R.R. Tolkeins Hobbit verwandelt sich ein Charakter namens Beorn in einen Bären; in C.S. Lewis Chroniken von Narnia verwandelt sich ein Charakter namens Eustace Scrubb in einen Drachen; in T.H. Whites’ Der König auf Camelot nehmen sowohl Merlin als auch der junge König Arthur verschiedene Tierformen an; und in J.K. Rowlings Harry Potter-Serie gibt es eine Gruppe von Hexen und Zauberern, bekannt als Animagi, die sich in verschiedene Tiere verwandeln.

Kindermärchen, die zuerst von den Gebrüdern Grimm und Hans Christian Anderson verbreitet und später von Walt Disney kommerzialisiert wurden, haben ebenfalls Gestaltwandler auf ihren Seiten willkommen geheißen. In vielen Fällen ist ein schöner Prinz oder eine schöne Prinzessin in einer monströsen Form gefangen, und ihre einzige Hoffnung auf Erlösung besteht darin, die wahre Liebe zu finden. Die Erfolgsfilme Die Schöne und das Biest, Die Schwanenprinzessin und Shrek haben alle dieses Thema verwendet.

Aber insgesamt ist der bekannteste Gestaltwandler von heute der Werwolf, ein Mann, der sich meist bei Vollmond in einen Wolf verwandelt. Diese Kreatur inspirierte eine Reihe von frühen Horrorfilmen, und heute hat sie eine gewichtige Rolle in den romantischeren übernatürlichen Romanen der Populärkultur übernommen.

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