Die Furcht im Überlauf

Wo ich so lange gesteckt habe? Nun, versuchen Sie erst einmal, soviele Ängste in direkter Reihenfolge aus dem Abgrund des Vergessens zu zerren und ihnen Platz in Ihrem Leben einzuräumen. Mit dem Schreiben dieser Berichte alleine ist es ja nicht getan. Einen Schlusspunkt hierunter zu setzen, ist die eine Sache. Die Furcht, die man zum Vorzeigen aus dem Schatten gezerrt hat, wieder dorthin zurückzubefördern, eine gänzlich andere. Vor allem, wenn man sie im Akkord ins Licht schleift, ohne sich zwischendurch die Zeit zu nehmen, sie wieder entsprechend zu verstauen. Dann verbünden sie sich miteinander und laufen unentwegt gegen die Mauern der Verdrängung an, hinter denen man sich vor ihnen zu schützen gedachte. So eine Furcht, das ist ein Lebewesen, welches kontinuierlich gefüttert und unterhalten werden will. Tut man dies nicht, so verschafft sie sich selbst Gehör. Holt sich das, was ihr der eigenen Meinung nach zusteht, gänzlich in Eigenregie. Ich zittere schon, nur bei dem Gedanken daran, was mir in den letzten Wochen vielstimmig in die Ohren geflüstert wurde. Nur, weil ich dumm genug war, mich an zuviele Ängste gleichzeitig zu wagen, und sie dann einfach wieder fallenzulassen gedachte. Mit einem Wort: ich habe genug. Mehr, als ich möglicherweise handhaben kann. Wundern Sie sich also nicht, wenn wir uns hier und heute das letzte Mal unter diesen Voraussetzungen sehen. Dafür habe ich mir auch etwas ganz Besonderes ausgedacht. Einen Exorzismus, wenn sie so wollen. Eine Beschwörung in rückwärts. Oder, wie ich es nennen möchte: ich werde versuchen, Gleiches durch Gleiches auszutreiben.

Während ich diese Zeilen formuliere, sitze ich am Boden des hellbeleuchteten Flurs neben der angelehnten Tür des Badezimmers und drücke den Notizblock mit dem Handballen gegen meine Oberschenkel. Die restliche Wohnung schweigt. Das nervöse Kratzen des Bleistifts am Papier und mein aufgeregter Atem – mehr ist da nicht. Mehr brauche ich auch nicht, wenn ich die Mutter aller Ängste heraufbeschwöre. Geboren auf den Seiten von Stephen Kings „Es“, das ich vor so vielen Jahren las und niemals vergessen konnte, und neu entflammt durch die Lektüre von Kathe Kojas „Der schwarze Abgrund“.

Das Loch – jenes abgrundtiefe, lichtlose Maul, das immer dann zu mir spricht, wenn ich bereit bin zu lauschen, oder mir gerade entfallen ist, dass ich weghören wollte und daher gedankenverloren direkt in die Finsternis jenseits der Aushöhlung starre. Dieses strudelnde Schwarz hinter den Rändern, das mir wieder einmal das Schweben verspricht. Wie etwa durch den kreisrunden Überlauf des Waschbeckens im Badezimmer, der im Durchmesser nicht größer als zwei aneinandergelegte Finger ist, und trotzdem mitunter größer scheint als die ganze Welt. Wenn ich mich fest genug konzentriere, dann kann ich in meiner verkrampften Erwartung der Nacht, auch jetzt schon die Fingernägel übers Keramik kratzen hören, während es aus den Rohren heraus und hinter die Verschalung schlüpft. ES – gäbe es einen besseren Namen dafür, so wüsste ich ihn nicht.

Wenn ich von neu entflammt spreche, dann ist das nur so dahergesagt. Denn in Wirklichkeit ist die Stimme aus dem Loch kalt wie der eisige Januarwind und beharrlich wie eine Gletscherzunge, die betäubend an meiner Ohrmuschel leckt. Da! Da ist es schon! Ich war mir sicher, dass ES kommt. Dann kann ich Ihnen jetzt auch offenbaren, wie der Plan lautet: ich werde in das Badezimmer gehen, werde meine Wange an das kleine Loch des Überlaufs legen und der Furcht dahinter direkt ins Auge blicken. Sollte ich auf diese Art keine Details erkennen können (womit ich eigentlich rechne), dann werde einen anderen Weg in die Welt hinter der Wand finden müssen.

Bei meinen vorbereitenden Untersuchungen habe ich entdeckt, dass der Waschtisch lediglich an zwei Haken hängt. Man muss ihn nur davon abnehmen, um an das anschließende Rohr zu gelangen. Eine Spitzhacke habe ich vorsorglich letzte Woche im Bauhaus besorgt, um für den richtigen Augenblick gerüstet zu sein. Sie lehnt drinnen an der Waschmaschine und ist zum Einsatz bereit. Wenn ich also erst einmal einen Zugang freigelegt habe, werde ich diesen zügig erweitern. Ich werde mir meinen eigenen Eingang verschaffen. Dann bin ich nicht mehr darauf angewiesen, immer zu warten, bis ES sich dazu bequemt, zu mir zu kommen. Ich wohne im ersten Stock eines Altbaus. Die Rohrverschalung ist nicht allzu dick, wie ich durch sorgfältiges Abklopfen bereits herausfinden konnte. Ich lasse mich nicht länger belagern. Ich gehe in den Angriff über. Ich werde den Einstieg zu den Tunneln zwischen den Wohnungen so groß machen, dass ich auf die andere Seite schlüpfen kann. Und dann werden wir ja sehen, was ES dazu meint.

Also, es ist an der Zeit. Das metallene Ächzen der Rohre wird lauter. Ein Schaben das sich anhört, als würde eine sehr große Ratte hinter der Mauer nach oben kraxeln. Ich werde aber nicht solange warten, bis die allergrößte meiner Ängste zu mir kommt. Ich werde sie überraschen und etwas tun, womit ES nicht rechnet. Ich werde ES auf seinem eigenen Terrain stellen. Sobald ich diesen Bericht beende, Notizblock und Bleistift zur Seite lege, begebe ich mich auf meinen Weg hinter die Wand. Der Sinn dieser Übung, die möglicherweise ziemlich übergeschnappt auf sie wirken mag, ist ganz einfach – wenn ich die größte aller Ängste in ihrer ureigensten Umgebung zu besiegen vermag, welche Macht hätte anschließend die Furcht noch über mich? Je länger ich darüber nachdenke, ist es vielleicht genau DAS, was ES schon immer versprochen hat. Ein Dasein ohne Angst – muss sich das nicht anfühlen, als würde man schweben. Ist das nicht etwas, wofür es sich zu leben und zu kämpfen lohnt?

Ich sage nicht Lebewohl, liebe Leser und Leserinnen. Ich sage nur: bis die Tage. Und wenn wir uns auf dieser Seite nicht wiedersehen, dann liegt das daran, dass ich geduldig drüben auf Sie warte. Und eines kann ich Ihnen jetzt schon versprechen: sollte es so sein, dann werden wir dort gemeinsam schweben. Wenn das einmal kein Anlass zur Freude ist. Insofern wünsche ich: Gute Nacht und viel Glück! Sowohl Ihnen, als auch mir.

Erik R. Andara

Erik R. Andara

Erik R. Andara wurde 1977 in der Nähe des Dunkelsteinerwalds geboren und wuchs zurückgezogen in einer kleinen Klause am Waldrand auf. Er widmete sich dort, fast unmittelbar nach seiner Ankunft in dieser Welt, dem Lesen und Erzählen von Geschichten. Als er überrascht feststellen musste, dass diese Realität auch noch nach dem Übertritt ins neue Jahrtausend fortbestehen sollte, entschloss er sich, nach Wien zu gehen, um von dort aus seine Suche auszuweiten und aus allen Ecken und Enden des Multiversums weiteres Material für seine Geschichten zusammenzutragen. Heutzutage schreibt er vor allem düstere Phantastik, illustriert Buch- sowie Magazincover und zeichnet hin und wieder auch Comics. Zuletzt erschienen seine Geschichten und Illustrationen in Ausgaben des Visionariums (herausgegeben von Edition Gwydion) und des IF- Zeitschrift für angewandte Fantastik (herausgegeben von White Train), im Kriminal Journal Nr. 4 und im e-book Format auf der Plattform neobooks: „Am Fuß des Leuchtturms ist es dunkel“ und „Das Fest der Väter“.
Sein Verlags-Debüt „Nachtspiel und Morgengrauen“ erscheint demnächst.

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