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Die Furcht, die über unsere Träume wacht

Der Abend vor dem Urlaub war stets Aufregung pur. Also für meine Mutter. Ich war diesbezüglich schon immer eher entspannt. Mir ist es seit jeher egal, ob ich alles parat habe, was ich für eine Reise brauche. Ich bin nämlich der Überzeugung, dass man Vergessenes unterwegs schon irgendwie organisieren oder improvisieren kann. Ich weiß aber natürlich, dass diesen Zugang nicht jeder teilt, was eigentlich auch den klügeren und vorausblickenderen Zugang zur Sache darstellt.

Wenn erst einmal der erste Urlaubstag angebrochen war, sind wir auch immer ganz früh aufgestanden, damit wir nicht riskierten, irgendwo in einem Stau am Grenzübergang zu enden. Dementsprechend zeitig wurde ich natürlich am Abend davor ins Bett geschickt. Aber das mit dem Einschlafen hat bei mir noch nie so gut funktioniert, wenn ich weiß, dass ich muss. Und als Kind hatte ich dazu auch noch keinen wirklichen Bezug. Da war es noch spannend, nur wenige Stunden geschlafen zu haben und zu beobachten, wie sich dadurch die eigene Wahrnehmung verschiebt.

Am Abend, bevor wir in den Urlaub gefahren sind, hatte ich also im Bett sehr viel Zeit für mich alleine und meine Gedanken, was die Welt betraf. Das bedeutete natürlich auch, viele meiner Träume und Fantasien zu wälzen. Und wenn man zu lange oder zu tief in den Ecken seiner eigenen Innenwelt herumkramt, stößt man dort über kurz oder lang – treue Leserinnen und Leser ahnen es sicher bereits –  auch auf die Furcht.

Ich konnte als Kind nicht auf dem Bauch liegen, weil das geheißen hätte, dass ich den dumpfen Klang meines eigenen Herzens im Polster hätte hören können. Die Vorstellung, dass ich es dabei belauschen könnte, wie es irgendwann einfach zu schlagen aufhörte, erfüllte mich damals mit Grauen. Ich weiß eigentlich gar nicht, wann sich das geändert hat. Heute juckt mich das nicht mehr besonders. Also ich finde es nach wie vor nicht unbedingt angenehm, meinen eigenen Puls zu vernehmen. Aber es ist auf keinen Fall mit dem damaligen Entsetzen zu vergleichen, das mich als Kind immer überkam, wenn ich mich auf meinen eigenen, rhythmischen Lebenstakt konzentrierte.

So lag ich also an jenem Abend vor dem Urlaub, an dem ich beschließen sollte, mein ganzes Leben im Voraus zu träumen, auf dem Rücken und betrachtete die überdimensionale Weltkarte an der Wand meines Kinderzimmers. Durch den Türspalt fiel das bläuliche Licht des Fernsehers und ich konnte hören, wie der Astronaut nach seinem langen, künstlichen Schlaf am Planet der Affen ankam, nur um dort festzustellen, dass er völlig alleine war. Ein Film, den ich zu diesem Zeitpunkt bereits kannte, sonst hätte ich mich sicher zum Wohnzimmer geschlichen und ihn mir heimlich angesehen. Denn wie mir die regelmäßigen Atemgeräusche meiner Mutter verrieten, war sie, im Gegensatz zu mir, bereits vom Schlaf übermannt worden und hätte somit kein Hindernis dargestellt.

Was wäre, dachte ich also, während ich meinen Blick über die bunt gefärbten Kontinente der Erde an der gegenüberliegenden Wand schweifen ließ, was wäre, wenn ich nun die Augen schließen würde und mein ganzes Leben im Traum durchlebte. Würde mir das nicht die Möglichkeit geben, alles besser zu machen? Bereits jetzt sehen zu können, wo ich falsch liegen würde und wie ich die schlimmen und schwierigen Erlebnisse umschiffen könnte? Wäre es nicht der einfachste Weg, um jetzt schon alles zu erlernen, wozu ich gerne fähig wäre? Die Überlegungen eines Kinds sind, wie man daraus klar erkennt, irgendwann später nicht mehr nachvollziehbar. Manche davon kann man sich zwar noch ins Gedächtnis rufen, aber man wird sie nicht mehr wirklich verstehen. Drum vermag ich mich heute auch nicht mehr daran zu erinnern, was ich mir eigentlich tatsächlich davon versprach. Ich weiß aber noch sehr genau, wie mich meine dämmrigen Gedanken an diesem Abend, begleitet vom gedämpften Geräusch der aufgebrachten Affen aus dem Wohnzimmer, soweit brachten, dass mir klar wurde, dies könnte auch bedeuten, ich würde meinen eigenen Tod sehen, noch bevor er mich ereilte. Lange, lange vorher sogar. Denn was bedeutet ein ganzes Leben für ein Kind, außer einem unermesslichen Meer aus Zeit, das weit jenseits des Horizonts entschwindet. Eine Möglichkeit, die Angst vor der eigenen Nichtexistenz zu ergründen, ein sicheres Mittel zu finden, wie man ihr entkam, oder auch zu erkennen, welches unbekannte Land an der gegenüberliegenden Küste lag – so war zumindest der Plan, und auch eine der letzten Eingebungen an jenem Abend, die ich mir noch ins Gedächtnis rufen kann. Was wahrscheinlich bedeutet, dass ich bald darauf schließlich einschlief.

Ab hier werden meine weiteren Erinnerungen etwas unklar. Große Teile davon sind heute nur noch Interpretation meines herangewachsenen Selbst. Ich weiß noch, ich erwachte wieder irgendwann mitten in der Nacht und hörte dabei als erstes das laute Trommeln meines eigenen Herzens. Ich lag am Bauch, den Kopf zur Seite gedreht, und die Matratze drückte mir fest gegen die Brust. Aus dem Wohnzimmer rauschte knisternd das Schneegestöber eines beendeten Fernsehprogramms. Durch den Türspalt flackerte dessen schummriges Licht. Ich versuchte, mich umzudrehen und dadurch meinem eigenen Herzschlag zu entkommen. Aber es ging nicht. Ich vermochte mich keinen Millimeter zu bewegen. Mein Herz klopfte vor Aufregung augenblicklich härter und das dumpfe Trommeln in meinem Ohr wurde dadurch noch schneller und lauter. Ich hätte in diesem Moment gerne panisch geschrien, glaube ich, aber sogar meine Zunge und meine Lippen versagten mir den Dienst. Alles, was ich noch bewegen konnte, waren meine Augen. Ein stechender Geruch hing in der Luft, als hätte bis eben noch etwas in meiner direkten Umgebung intensiv und heiß gebrannt, aber wäre erloschen sobald ich erwacht bin. Mein Herz stolperte schmerzhaft weiter, als ich plötzlich eine kühle Hand im Nacken spürte.

„Beruhige dich. Es wird dir nichts geschehen.“ Die Stimme, die an mich gerichtet wurde, klang fremd. Eigentlich vernahm sie sich wie mehrere Stimmen gleichzeitig. So, als hätte das weiße Rauschen des Fernsehers direkt zu mir gesprochen. Als würde sich jemand mit dessen Empfangsknopf spielen. Und während daran herumgedreht wurde, flimmerten die Unterhaltungen aus zu weit entfernten Kanälen vorbei. Die Hand fuhr meinen Nacken entlang, hinunter zu den Schulterblättern, wo sie schließlich innehielt und leicht mit ihren Fingern zu trommeln begann. Schnell wurde mir klar, dass die Hand dadurch den Rhythmus meines Herzschlags imitierte. Dabei fühlte sie sich nicht schwerer an, als ein Vogel, der auf mir gelandete war und nun über meinen oberen Rücken spazieren ging.

„Ist es leichter?“

Erst als die Stimme wieder erklang, wurde mir bewusst, dass ich schon eine ganze Weile darauf vergessen hatte, auf meinen galoppierenden Herzschlag zu achten und daher auch die Angst, die er mit sich gebracht hatte, verschwunden war. Wenn ich in der Lage dazu gewesen wäre, zu nicken, hätte ich es in diesem Moment instinktiv getan.

„Gut.“, rauschten die statisch knisternden Stimmen. Dann fühlte ich, wie sanfte Hände nach meinen Schultern griffen und mich auf den Rücken drehten. Das Nächste, was ich erblickte, war die Weltkarte an der Wand. Die Kontinente und Länder darauf hatten ein fluoreszierendes Eigenleben entwickelt, in deren schwachem Licht ich nun auch die Silhouette meines Besuchers sah.

„So ist es besser, oder?“

Ich wusste, ich sollte Angst haben. Jemand oder etwas Fremdes war bei mir im Raum. Aber würde es sich so um mich bemüht zeigen, wenn es mit tatsächlich Böses wollte? Wahrscheinlich nicht. So dachte ich zumindest damals. Dass mein Besucher der Grund für meine Starre sein könnte, kam mir zu diesem Zeitpunkt nicht in den Sinn.

Der Umriss, der zur mir gesprochen hatte, begann sich zu bewegen und wanderte zu der fahl schillernden Karte an der Wand. Als sich der uneingeladene Gast von mir entfernte, erkannte ich langsam auch seine seltsame Kontur. Es wurde mir schnell klar, dass es kein Mensch war, der sich da durch mein nächtliches Zimmer bewegte.

„So viel Bemerkenswertes.“, knisterte das Wesen. Mit einem seiner schlangenhaften Auswüchse, die es statt einem Kopf zu tragen schien, fuhr es dabei elegant die glitzernde Linie nach, welche die Grenze von Nordamerika darstellte. Je mehr ich mich an die kargen Lichtverhältnisse gewöhnte und je länger ich das Wesen betrachtete, desto klarer wurde mir, dass mein Besucher keine feste Gestalt besaß. Es war, als würde man durch dunkle Rauchschlieren hindurchblicken. Es veränderte ständig seine Form und züngelte mit immer neuen Schwaden, die aus seinem durchlässigen Körper herausleckten, an der Weltkarte entlang.

„Du hast noch so vieles zu sehen. So vieles zu erleben. Wie ich dich beneide darum.“

Das flackernde Licht des Fernsehers, das bis jetzt durch den offenen Türspalt hereingesickert war, erlosch von einem Augenblick auf den nächsten. Damit wurde es schlagartig wieder zu dunkel, um Einzelheiten zu erkennen. Nur noch das vage Glühen der Weltkarte hing in der Dunkelheit meines Zimmers. Dann erklangen die schweren, schlaftrunkenen Schritte meiner Mutter, die sich vom Sofa erhob und ins Schlafzimmer trottete. Als sie an meiner Tür vorbeikam, versuchte ich erneut zu schreien. Aber nach wie vor wollte mir noch nicht einmal ein leises Winseln über die gelähmten Lippen quellen. Bald darauf hörte ich, wie meine Mutter die Schlafzimmertür hinter sich schloss. Dann war es völlig still um mich herum – ich war alleine mit meinem schnell schlagenden Herz und dem seltsamen Wesen, welches direkt aus dem ungeträumten Traum meines hinausgeschobenen Schlafs in die reale Welt herübergeschlüpft war. Ich konnte es nun zwar nicht mehr sehen, spürte aber genau, dass es noch da war. Gemeinsam mit diesem intensiven Geruchswirrwarr aus Sommerwäldern und stark aufgeheiztem Beton.

Obwohl ich am Rücken lag, vernahm ich das Trommeln meines eigenen Pulses laut und deutlich in der Dunkelheit.

„Du musst keine Angst haben. Ich bin doch jetzt bei dir.“, flüsterte die Nacht. Das mehrstimmige Wispern hatte nun nichts mehr mit dem statischen Rauschen des Fernsehers gemein. Es war eher mein anbrandender Herzschlag, der plötzlich für den entflohenen Traum zu sprechen schien. Ich fühlte die kühle Hand wieder auf mir zur Ruhe kommen. Aber dieses Mal auf meiner Brust. Und wiederum begann sie klopfend mit meinem Herzen zu kommunizieren. Es dauerte nicht lange und ich konnte nicht mehr feststellen, ob sie dem Takt meines sausenden Blutes noch folgte, oder ihn mittlerweile vorzugeben begann. So, wie sich meine Augen langsam erneut an die dunkleren Lichtverhältnisse gewöhnten, beruhigte sich auch mein Herzschlag wieder. Irgendwann schälte sich tatsächlich die unscharfe Kontur meines nächtlichen Besuchers wieder aus der Dunkelheit. Er schien nun an meinem Bettrand zu sitzen.

„Schlaf jetzt wieder ein.“ Das beruhigte Säuseln meines Herzens war mittlerweile so leise geworden, dass ich es kaum noch zu verstehen vermochte.

„Schlaf ein. Ich bin ja jetzt hier, um dir dein zukünftiges Leben zu zeigen.“

Ich weiß noch, ich hatte Angst vor dem Ding, das ich unwillentlich heraufbeschworen hatte. Gleichzeitig war ich aber auch aufgeregt. Wie es schien, würde mir wirklich ein langer Blick auf mein Leben gewährt werden. Eine Vorab-Besichtigung all der Dinge, die auf mich zukommen sollten. Irgendwann schlief ich tatsächlich ein und begann, glaube ich, mein zukünftiges Leben zu träumen. Aber als ich einige Stunden später von meiner Mutter geweckt wurde, wusste ich nichts mehr davon. Ich kann gar nicht sagen, wie groß meine Enttäuschung darüber war. Es war also doch alles nur ein einziger, langer Traum gewesen, in dem ich irrtümlich gedacht hatte, wach zu sein.

Zumindest war ich die längste Zeit dieser Ansicht gewesen, bis ich viele Jahre später eines Nachts ansatzlos aufschreckte – die dumpf schimmernde Weltkarte an der Wand, die es da aber eigentlich schon lange nicht mehr gab. An meinem Bett saß immer noch geduldig die dunkle Kontur meines nächtlichen Besuchers, der mir gemeinsam mit meinem Herzschlag zuraunte, ich solle doch wieder schlafen, meine Reise sei noch lange nicht vorbei.

Bis heute träume ich in unregelmäßigen Abständen davon, an jenem bestimmten Tag in meinem Kinderbett zu erwachen. Die kühle, sanft klopfende Hand meines unerklärlichen Gasts auf der Brust. Heutzutage macht es mir, wie vorher erwähnt, keine Angst mehr, auf dem Bauch zu schlafen und meinem Herz beim Schlagen zuzuhören. Aber die Furcht, in jenem Kinderzimmer zu erwachen und immer noch ein kleiner Junge zu sein, der sein ganzes Leben bloß erträumte, wird mich wohl bis ans Totenbett begleiten. Und wer weiß, vielleicht noch darüber hinaus. Aber ich kann bei Gott nicht sagen, dass mir dieser Gedanke immer noch so gut gefällt, wie ich mir das als kleiner Bursche ausgemalt habe.

Erik R. Andara
Über Erik R. Andara (10 Artikel)
Erik R. Andara wurde 1977 in der Nähe des Dunkelsteinerwalds geboren und wuchs zurückgezogen in einer kleinen Klause am Waldrand auf. Er widmete sich dort, fast unmittelbar nach seiner Ankunft in dieser Welt, dem Lesen und Erzählen von Geschichten. Als er überrascht feststellen musste, dass diese Realität auch noch nach dem Übertritt ins neue Jahrtausend fortbestehen sollte, entschloss er sich, nach Wien zu gehen, um von dort aus seine Suche auszuweiten und aus allen Ecken und Enden des Multiversums weiteres Material für seine Geschichten zusammenzutragen. Heutzutage schreibt er vor allem düstere Phantastik, illustriert Buch- sowie Magazincover und zeichnet hin und wieder auch Comics. Zuletzt erschienen seine Geschichten und Illustrationen in Ausgaben des Visionariums (herausgegeben von Edition Gwydion) und des IF- Zeitschrift für angewandte Fantastik (herausgegeben von White Train), im Kriminal Journal Nr. 4 und im e-book Format auf der Plattform neobooks: „Am Fuß des Leuchtturms ist es dunkel“ und „Das Fest der Väter“. Sein Verlags-Debüt „Nachtspiel und Morgengrauen“ erscheint 2017 bei EVOLVER BOOKS.

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